Russland
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
A billboard reading

Für Stalin wird heute in Russland geworben wie für Waschmittel. Bild: AP/AP

Das unheimliche Comeback des Josef Stalin

In der UdSSR hat der Diktator Millionen ermorden lassen. Im modernen Russland wird er jetzt als grosser Staatsmann gefeiert.



1987, am 70. Jahrestag der Revolution, erklärte der damalige Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, Josef Stalin habe «enorme Verbrechen begangen, die nicht zu verzeihen sind». «Heute wäre ein solches klares Statement undenkbar», schreibt Historiker Nikita Petrov in «Foreign Affairs». Er ist Direktor des Memorial Center for Research and Education in Moskau.

epa06350753 Ukrainians light candles and lay flowers during a memorial ceremony near a monument to the victims of the Great Famine in Kiev, Ukraine, 25 November 2017. Ukrainians light candles to mark a day of memory for the victims of the Holodomor in 1932-1933. The Holodomor was a manmade famine provoked by Soviet dictator Josef Stalin. The result was the death to more than five million Ukrainians.  EPA/SERGEY DOLZHENKO

Gedenkfeier für die Opfer des Holodomor in Kiew. Bild: EPA/EPA

Als Gorbatschow seine Rede hielt, war Stalin in der russischen Bevölkerung unbeliebt. 1989 hielten ihn bloss zwölf Prozent der Russen und Russinnen für einen grossen Staatsmann. Heute tut dies fast die Hälfte. Von «enormen Verbrechen» ist nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: Präsident Wladimir Putin sagt – wie Donald Trump nach den faschistischen Krawallen in Charlottesville –, es habe in der russischen Geschichte «tragische und brillante Ereignisse gegeben».

Heute wird Stalin geradezu gefeiert. «Jeden Frühling fahren Busse mit Stalin-Porträts durch die Strassen der russischen Städte», schreibt Petrov. «Sein Gesicht ersetzt Werbung für Smartphones, Softdrinks, Waschpulver und Katzenfutter.»

Stalin sah sich permanent von Feinden umzingelt

Zum Vergleich: Das ist etwa so, wie wenn in Deutschland Hitler-Festspiele organisiert würden. Stalin stand dem Führer in Sachen unsägliche Verbrechen in nichts nach: Rund zwölf Millionen Menschen liess er in Friedenszeiten ermorden, etwa fünf Millionen davon waren Bauern, die er mutwillig verhungern liess.

Wer war Josef Stalin? Stephen Kotin beschreibt ihn ebenfalls in «Foreign Affairs» als paranoiden Mann, der sich stets von Verrätern umgeben sah. «Triumph und Verrat waren bei ihm die Treiber der Revolution und seines Privatlebens», so Kotin.

Die Schrecken des Holodomor

Der Klassenkampf war für Stalin nie zu Ende, sondern ein permanenter Krieg. «Sozialismus brauchte deshalb die Gewalt der Massen und Täuschung», so Kotin. «Die schlimmsten Verbrechen wurden so zu moralisch notwendigen Taten, um das Paradies auf Erden zu verwirklichen.»

abspielen

Ein kurzer Dokfilm über den Holodomor auf YouTube. Video: YouTube/Bastian Meyer

Die Bauern in der Ukraine waren die ersten Opfer dieser Maxime. Sie widersetzten sich der Kollektivierung der Landwirtschaft und wurden deswegen als Kulaken beschimpft, ein Ausdruck, der ursprünglich für Grossgrundbesitzer reserviert war.

Stalin hat fünf Millionen Menschen verhungern lassen

Zudem war Stalin der aufkeimende ukrainische Nationalismus ein Dorn im Auge. In den Jahren 1932/33 setzte der Diktator zu seiner schrecklichen Rache an. Rund fünf Millionen Bauern – Männer, Frauen und Kinder –, liess er im so genannten Holodomor verhungern. Wie brutal seine Schergen dabei vorgingen, beschreibt die Historikerin Anne Applebaum in ihrem kürzlich erschienenen Buch «Red Famine».

Bild

 «Weder Missernte noch schlechtes Wetter hat die Hungerkatastrophe in der Ukraine verursacht. (…) Das Verhungern war das Resultat einer gewaltsamen Verhinderung, dass diese Menschen Nahrung erhielten. (…) Stalin wollte den aktivsten und engagiertesten Teil der ukrainischen Bevölkerung eliminieren, auf dem Land und in den Städten», schreibt sie.

In den Jahren 1937/38 löschte Stalin im Rahmen des Grossen Terrors den grössten Teil der sowjetischen Intelligenz aus. «Alles in allem wurden innerhalb von 15 Monaten rund 700’000 Menschen erschossen», so Petrov.

Stalin-Kult im modernen Russland

Nach seinem Tod wurden Stalins Verbrechen zunächst von seinem Nachfolger Nikita Chruschtschow in einer geheimen Rede verurteilt. Später hielt Gorbatschow die erwähnte Rede. Heute jedoch werden seine Gräueltaten als Naturkatastrophen dargestellt. «Nur wenige Russen geben zu – und noch weniger sagen es auch öffentlich – dass die Massenunterdrückung von 1937/38 ein Verbrechen war, das von Stalin geplant war und gegen sein eigenes Volk ausgeführt wurde», so Petrov.

Der Stalin-Kult passt bestens ins moderne Russland. Wladimir Putin herrscht ebenfalls mit eiserner Faust im eigenen Land – ohne Grossen Terror allerdings. Aussenpolitisch schürt er Grossmachts-Träume, was bei der Bevölkerung sehr gut ankommt. Stalins schreckliche Vergangenheit wird unter den Tisch gewischt. Die Folgen beschreibt Petrov wie folgt: «Solange Russland seine dunkle Vergangenheit nicht anerkennt, wird es von Vorstellungen verfolgt werden, die längst hätten untergehen müssen.»

Das könnte dich auch interessieren:

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Belästigungsvorwürfe beim Tessiner Fernsehen RSI

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

3 Hauptargumente der KVI-Gegner auf dem Prüfstand

Der Kampf um die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) tobt unerbittlich. Dabei argumentieren die Gegner auch mit Vorwürfen, die sich bei genauerer Betrachtung als falsch herausstellen. Drei Argumente im Prüfstand.

Im Abstimmungskampf zur KVI gehen die Wogen hoch. Ja-Fahnen zieren jeden zweiten innerstädtischen Balkon, die Initianten machten diese Abstimmung zur teuersten aller Zeiten. Auf der anderen Seite werden die Initianten auf Facebook in einer Verleumdungskampagne als «linke Krawallanten» verunglimpft und Ueli Maurer wird «bei der Arroganz, die hinter dieser Initiative steckt, fast schlecht».

So hart die Bandagen in diesem Kampf sind, so knapp wird wohl auch das Ergebnis werden. Momentan liegen …

Artikel lesen
Link zum Artikel