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Corona stresst alle, aber die Jungen trifft es besonders hart. Bild: Shutterstock

Analyse

Die Jungen müssen unten durch: So können wir uns bei ihnen bedanken

Junge Menschen müssen wegen den Corona-Massnahmen auf vieles verzichten. Manche trifft es so richtig hart. Sie haben ein Recht darauf, dass wir uns erkenntlich zeigen.



Das Coronavirus kennt keine Moral. Und schon gar keine Gerechtigkeit. Junge Menschen haben – neue Mutationen vorbehalten – ein relativ geringes Krankheits- und Sterberisiko. Dafür leiden sie besonders stark unter den Massnahmen, mit denen die Risikogruppen geschützt werden, ohne dass sie bislang auf eine substanzielle Gegenleistung hoffen dürfen.

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Partys, Festivals oder Reisen, die frühere Generationen in vollen Zügen geniessen konnten, sind nur sehr eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich. Ihnen fehlen auch die für die Persönlichkeitsentwicklung unverzichtbaren menschlichen Kontakte. Das gilt für den privaten Bereich oder das Vereinsleben genauso wie für die Schul- und Berufsbildung.

Lehrstellen und Schnupperlehren sind ein rares Gut. Und bei den Impfungen müssen die Jungen hinten anstehen, sofern sie überhaupt dafür in Frage kommen. Die Folgen sind teilweise dramatisch. Jugendpsychiatrische Dienste vermelden alarmierende Zahlen. Ein weiteres Warnsignal sind die neuesten Statistiken zur Jugendkriminalität.

Schöne Worte von Berset

«Die Jungen bezahlen einen hohen Preis», stellte Gesundheitsminister Alain Berset im Februar fest. Mehr als schöne Worte aber erhielten sie bislang nicht. Dabei waren gerade die Jungen lange besonders diszipliniert, und sei es aus Sorge um ihre Grosseltern. Langsam aber wird es ihnen zu bunt, wie die Ausschreitungen in St.Gallen zeigten.

Noch sind dies Randerscheinungen. Auch die libertäre Kampftruppe «Mass-voll» mit ihren Hauruck-Forderungen ist nicht repräsentativ. Aber das könnte sich ändern. Deshalb stellt sich die Frage, wie man sich bei den Jungen für den Verzicht bedanken kann. Gerade jetzt, wo wir bereits die zweiten Corona-Ostern erleben, wäre der richtige Zeitpunkt dafür.

Gefordert sind wir Boomer, denn wir waren privilegiert wie keine Generation zuvor. Die Boomer sitzen auch an den Schalthebeln der Macht, und gerade bei ihnen vermisst man häufig ein Gespür für die Nöte der jüngeren Menschen. Eine möglichst rasche Rückkehr zur Normalität ist nur der Anfang. Es gibt weitere Wege, sich erkenntlich zu zeigen:

CO2-Gesetz

Umfragen zeigen, dass der Klimawandel die Jungen sehr stark beschäftigt. Das ist kein Wunder, denn es geht um ihre zukünftigen Lebensgrundlagen. Verursacht haben dieses Problem die Älteren. Sie haben am 13. Juni die Chance, etwas gut zu machen, indem sie dem CO2-Gesetz in der Referendumsabstimmung zum Durchbruch verhelfen.

Teilen der Klimastreik-Bewegung geht das Gesetz zu wenig weit. Dennoch ist es ein wichtiger Anfang, sofern sich die Generation der Eltern und Grosseltern gleichzeitig Gedanken macht, wie sie ihren Lebensstil von verschwenderisch zu nachhaltig umpolen kann. Die Coronakrise bietet hier eine Chance.

Stimmrechtsalter 16

Die Demografie spielt den älteren Menschen in die Hände. Ihre Macht nimmt zu, auch politisch. Als «Gegenmittel» bietet sich das Stimm- und Wahlrechtsalter 16 an. Die Chancen auf nationaler Ebene sind intakt. Der Nationalrat hat zugestimmt, und auch die Staatspolitische Kommission des Ständerats hat sich knapp dafür ausgesprochen.

Weil das Stimmrecht auf Verfassungsebene geregelt ist, wird es eine obligatorische Volksabstimmung brauchen. Ein Ja wäre ein Zeichen des Vertrauens in die Jungen. Die oft gehörten Bedenken, sie seien nicht reif für politische Entscheidungen, sind deplatziert. Als Boomer ist man vielmehr häufig erstaunt darüber, wie reflektiert die Jungen sind.

Einbürgerung

ARCHIVBILD - ZUR MELDUNG ST. GALLER KOMMISSION WILL BURKA-VERBOT STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG - Im Hauptbahnhof haengen Plakate gegen die erleichterte Einbuergerung junger Auslaender, das Motiv ist eine mit einer Burka verschleierte Frau, am Montag, 9. Januar 2017 in Zuerich. Das Schweizer Stimmvolk wird am 12. Februar 2017 ueber die erleichterte Einbuergerung fuer junge Auslaender der dritten Generation befinden, die Gegenkampagne wurde von einem Komitee um SVP-Nationalrat Andreas Glarner lanciert. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Mit Gruselplakaten bekämpften die Gegner 2017 die erleichterte Einbürgerung. Bild: KEYSTONE

In der Schweiz ist der Erwerb des Bürgerrechts so schwierig wie in kaum einem anderen demokratischen Rechtsstaat. Das Ja zur erleichterten Einbürgerung der dritten Generation im Februar 2017 war ein wichtiges Signal. Nun aber herrscht eine gewisse Ernüchterung, denn die Hürden für den Erwerb des Schweizer Passes bleiben hoch.

Es braucht weitere Erleichterungen. Das «Ius Soli», nach dem in der Schweiz geborene Menschen automatisch eingebürgert werden, dürfte auf absehbare Zeit nicht mehrheitsfähig sein. Ein guter Ansatz ist das von den Jungen Grünliberalen propagierte «Ius Nexi»: Wer in der Schweiz aufgewachsen ist und die Schulen besucht hat, soll das Bürgerrecht erhalten.

Altersvorsorge

AHV und Rente erklärt in 120 Sekunden

Video: watson/Helene Obrist, Emily Engkent

Sie ist für viele junge Menschen weit weg und trotzdem ein wichtiges Thema. Die Sorgen wirken teilweise übertrieben. Für die AHV lassen sich Lösungen finden, damit die Kasse auch in Zukunft voll ist. Ein echtes Problem besteht hingegen bei der beruflichen Vorsorge. Hier findet eine systemwidrige Umverteilung von den Erwerbstätigen zu den Rentnern statt.

Eine Reform ist aufgegleist, doch die Absturzgefahr ist hoch, denn die Meinungen über den richtigen Weg gehen auseinander. Kompromissbereitschaft auf allen Seiten ist gefragt, damit die zweite Säule auch in Zukunft tragfähig bleibt. Dabei müssten alle Parteien über ihren Schatten springen, im Interesse der jüngeren Generationen.

Schule/Beruf

Die Schweiz bemüht sich, die obligatorischen Schulen offenzuhalten. Dennoch drohen lernschwache Kinder, die häufig aus migrantischen und/oder sozial schwachen Familien stammen, den Anschluss zu verlieren. Das könnte sich nachteilig auf ihr künftiges Leben auswirken. Es braucht einen Effort, um die Defizite zu kompensieren.

Auf der höheren Bildungsebene sieht es nicht besser aus. Es besteht die Gefahr, dass Corona-Abschlüsse als «minderwertig» betrachtet werden. Hier sind Unternehmen und Wirtschaftsverbände gefordert. Sie müssen Angebote schaffen und der «Generation Corona» eine Brücke bauen, um eine berufliche Benachteiligung zu verhindern.

Es gibt weitere Möglichkeiten. So könnte man den Jugendparlamenten eine Mitsprache ermöglichen, die diesen Namen verdient, etwa indem die «erwachsenen» Legislativen ihre Vorstösse zwingend behandeln. Auch bei Benefits und anderen Vergünstigungen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, um sich bei den Jungen zu bedanken.

Corona stresst die ganze Gesellschaft und lässt viele leiden. Aber den jungen Menschen gehört die Zukunft, mit Herausforderungen wie weiteren Pandemien und der Klimakrise. Die schönen Zeiten, in denen man das Leben auf die leichte Schulter nehmen konnte, sind vermutlich vorbei. Umso wichtiger ist es, dass wir die Jungen jetzt nicht im Stich lassen.

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten

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«Bleiben Sie zuhause!»: Corona in der Schweiz in Zitaten
quelle: keystone / peter klaunzer
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