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«Oben die Herren, unten die Arbeiter» – explosive Stimmung in der Munitionsfabrik Saltech

Angestellte berichten von schikanöser Behandlung und «tyrannischer» Führung bei einem der Hoflieferanten der Armee.

Henry Habegger / ch media



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Blick in die Produktion von 12.7mm-Patronenhülsen für Maschinengewehre im Saltech-Betrieb im Däniker Aarefeld. bild: Bruno Kissling / OLT

Die Stimmung in der Munitionsfabrik Saltech im solothurnischen Däniken und Dulliken ist offensichtlich explosiv. «Mies», sei die Arbeitsatmosphäre, es herrsche «ein Klima der Angst», schrieb ein Mitarbeiter auf Kununu. Das ist eine Internetplattform, auf der Mitarbeiter anonym ihren Arbeitgeber bewerten können.

Ein anderer schrieb von «aktiv gelebter Angstmacherei-Kultur der obersten Führung». Die «Aufgaben wären durchaus interessant», aber wegen der «tyrannische» Führung komme «nie Freude oder Spass an der Arbeit auf». Ein anderer schreibt: «Tyrannische Führung trotz Generationenwechsel».

«Saltech, das ist eine andere Welt»

Die Mehrzahl der 15 Bewertungen auf der Plattform ist klar negativ, und immer wieder wird die Führung kritisiert. Gegenüber CH Media bestätigt ein ehemaliger Mitarbeiter die Probleme: «Saltech, das ist eine andere Welt. Dort gibt es Herren und Arbeiter. Die Herren sind oben, die Arbeiter unten.»

Öffentlich relevant ist das, weil die Saltech schwergewichtig für den Bund arbeitet. Sie erhielt mit dem Rüstungsprogramm 2017 einen Grossauftrag des damals noch von Guy Parmelin (SVP) geleiteten Verteidigungsdepartements (VBS) für Munition des Kalibers 12.7-Millimeter für Maschinengewehre. Der Auftrag hat einen Wert von 109.4 Millionen Franken und läuft noch bis 2022, wie es beim zuständigen Bundesamt für Rüstung Armasuisse heisst. Der Auftrag laufe «problemlos laut Zeitplan», sagt Sprecher Kaj-Gunnar Sievert.

Die Saltech gehört Andreas Stauffer, ehemaliger Armasuisse-Mitarbeiter und Bürokollege des heutigen Rüstungschefs Martin Sonderegger. Stauffer wird von Mitarbeitern massgeblich für den herrischen Umgangston verantwortlich gemacht. Er höre nur auf «komische Kaderleute», sagt einer, nicht genehme Angestellte würden gemobbt oder gekündigt, wenn sie nicht von selber gingen.

Noch etwa 40 bis 45 Leute arbeiten offenbar derzeit im Unternehmen, die Fluktuation ist hoch, vor allem bei neuen und älteren Mitarbeitern. An der letzten Weihnachtsfeier soll der Besitzer gedroht haben: Wer negative Bewertungen ins Internet schreibe, werde eingeklagt. Seither gab es keine neuen Einträge auf der Bewertungsplattform. Aber die Stimmung habe sich seither nicht gebessert, sagt ein Insider.

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Gläubiger warten auf ihr Geld

Die Munitionsfabrik ist trotz Bundesauftrag finanziell in Schieflage. Bereits zweimal wurde die Nachlassstundung verlängert, sie läuft jetzt noch bis Anfang Oktober. Die Gläubiger – Ende 2019 war die Rede von offenen Forderungen von rund 49 Millionen – haben bisher laut einem Betroffenen kein Geld gesehen. Als Sachwalter ist der Berner Anwalt Fritz Rothenbühler am Werk, offensichtlich ein Vertrauensmann des Bundes. Er amtet auch als Liquidator des Hochseeflotte von Ex-Reeder Hans-Jürg Grunder, mit der der Bund rund 200 Millionen verlor.

Die Saltech, die offenbar erst kürzlich auch in die Produktion von Handgranaten einstieg, sucht seit längerem Investoren oder Käufer. Interessenten finden sich laut Branchenkennern nur im Ausland, vorzugsweise im Osten oder Fernen Osten.

Saltech-Chef Stauffer trat laut einem Beobachter kürzlich in einem Hearing der Sicherheitskommission (SIK) des Ständerats auf, als es um die Zukunft der Munitionsfabrik Ammotec ging, die zur bundeseigenen Ruag gehört. Diese möchte die Ammotec abstossen, aber es gab Widerstand im Bundesparlament. Laut Eingeweihten soll Stauffer da gesagt haben: Der Bund stufe die Saltech als «systemrelevant» ein, daher müsse er auch weiterhin 49 Prozent der Aktien besitzen. Dabei kaufe Saltech die meisten Komponenten nach wie vor im Ausland ein, sagt der Insider, der glaubt: «Stauffer wird vom Bund abgeschirmt», er geniesse Protektion.

Keine Antworten von Saltech

Die Saltech reagierte nicht auf wiederholte Anfragen von CH Media zur Situation. Weder nahm sie zum angeblichen miserablen Arbeitsklima Stellung oder zum Stand der Suche nach Investoren. Noch zur Aussage eines Mitarbeiters, der davon spricht, dass trotz der finanziellen Schieflage des Unternehmens immer noch «acht bis zehn Fahrzeuge» der Marke BMW und Mercedes auf die Firma eingelöst seien.

Alles komme gut, versicherte die Geschäftsleitung laut Insidern der Belegschaft. «Aber alle wirken hypernervös», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.

Ob und wie stark Saltech weiter auf den Bund zählen kann, ist unklar. Es bestehe «zur Zeit kein Nachfolgeauftrag» für Munition, heisst es bei Armasuisse.

Firma liefert auch Nebelgranaten

Die Saltech führt aber auch noch andere Aufträge für den Bund aus. Die Firma sei «ein langjähriger Lieferant», sagte gestern Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert und bestätigte, dass die Solothurner der Armee auch Nebelkörper 09 liefern. Handgranaten dagegen liefere Saltech der Armee nicht.

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