Schweiz
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Deshalb haben die Basler einen Komplex mit ihrem Dialekt

Der Basler ist so stolz auf seinen geschriebenen Dialekt, dass daraus ein richtiggehender Minderwertigkeitskomplex gegenüber der eigenen Mundart entstand. Viele eifern einem Ideal nach, das sie nie gesprochen hätten.

Benjamin Rosch / ch media



Die Basler Bibel ist nicht besonders gross, dafür dick und knallrot. Das ganze Jahr über staubt sie in den Bücherregalen vor sich hin. In der Zeit, in der die Fasnächtler die Batterie ihres Kopfladärnlis testen und ihr Goschdym imprägnieren, findet die heilige Basler Schrift aber wieder den Weg auf die Schreibtische der Region: Das Baseldeutsch-Wörterbuch, geschrieben von Ruedi Suter. Ein Standardwerk des Dialekts. Schnitzelbänggler und andere Värslibrinzler könnten nicht ohne.

Frau mit Velo am Basler Rhein

Ob sie in Basler Dialäggt schreibt? Bild: shutterstock.com

Die Faszination der Basler für ihren Dialekt übersteigt die Folklore. Der Bebbi identifiziert sich mit seiner Sprache, grenzt sich damit von allen anderen ab. Sofort geht das «Mer-wei-luege» – selbstverständlich mit strapaziös gerolltem «R» – über die Lippen, dreht sich ein Gespräch ums Baselbiet.

Ob Zürischnurre, Cümülüs-Elsässer oder «sym-baadischi» Nachbarn aus Grenzach – die Varietät ist die sprachliche Stadtmauer der Basler Selbstdefinition. Im Unterschied zum Baselbiet: Vielleicht sind es die innerkantonalen Unterschiede, die zu einer höheren Dialekt-Toleranz führen.

In der Politik in aller Munde

In der Stadt hingegen schlug sich die Faszination Baseldytsch schon mehrfach in der Politik nieder: Als 2010 Kindergärtler nur noch Hochdeutsch sprechen sollten, gründete sich die «IG Dialäggt», konterte mit einer Volksinitiative und errang mit dem Gegenvorschlag einen Teilsieg: Nun sprechen die Lehrpersonen Standardsprache, die Binggis dürfen sich weiterhin in Mundart ausdrücken.

In einer der nächsten Sitzungen wird sich das Basler Parlament mit der Frage befassen müssen, ob sich die Grossrätinnen und Grossräte künftig auf Schweizerdeutsch zoffen sollen.

In Facebook-Gruppen wie «Basler fir Basler», «Baseldytsch» oder «Verschwundenes Basel» frönen die Leute dem Dialekt – und schnöden über die, die seine Besonderheiten nicht ausreichend beherrschen. Schliesslich hiesse es «Angge» und niemals «Butter», «Yyskaschte» statt «Kiehlschrangg» und überhaupt sage man «Uuseforderig», nicht «Herusforderig».

Für Lokalzeitungen, aber auch alle anderen Produzenten von Schrift, ist der Einsatz von Baseldeutsch ein Hochrisikospiel: Ein falsches Wort, ja ein ‹ä› zu viel und schon braust ein Sturm der Entrüstung durch die Stadt und erboste Leserbriefe verstopfen den elektronischen Briefkasten.

Grosse schriftliche Tradition

Die grosse Identifikation mit dem eigenen Dialekt hat Gründe, weiss Hans Bickel, Chefredaktor des Idiotikons, dem Wörterbuch der Schweizerdeutschen Sprache. «In Basel hat die Schriftlichkeit der Mundart eine lange Tradition», sagt er. In Bern gebe es zwar ebenfalls Mundartliteratur, «aber weit weniger öffentlich als in Basel», wo durch Zeedel und Verse seit Jahrzehnten der Dialekt schriftlich festgehalten wird.

Mundart schafft Nähe – das haben auch die Werber erkannt. Selbst grosse Firmen wie aktuell die UBS setzen aufs verbrüdernde Baseldytsch – und laufen dabei Gefahr, in die Bredouille zu geraten, wenn die Orthographie lätz ist.

Dem Daig nachgeeifert

Was viele der selbst ernannten Mundart-Polizisten nicht wissen: Sie hängen einem Dialekt nach, den sie wohl auch früher nie gesprochen hätten. Das Baseldytsch der Zünftler und Fasnächtler orientiert sich an der Sprache des Daigs, scherzhaft als «Dalbenesisch» verunglimpft. Die Wissenschaft nennt das einen Soziolekt.

Während der Fasnacht blüht der Basler Dialekt ganz besonders:

In der Sprachwissenschaft ist es ein bekanntes Phänomen, dass linguistische Eigenheiten der oberen Gesellschaftsschichten imitiert und als die historischen Gralshüter der «wahren» Sprachvariante angesehen werden. Bekannt ist etwa das Beispiel aus England: Noch heute gilt es als chic, zu sprechen wie die Queen; ihr Akzent ist assoziiert mit einem hohen Bildungsgrad und gesellschaftlichem Ansehen.

Mit richtigem oder falschem Baseldeutsch hat die Daig-Sprache indes nichts zu tun. «Die Wahrnehmung ist verbreitet, die Mündlichkeit der Oberschicht sei das echte Baseldeutsch», sagt Bickel. Es stimmt aber nicht, dass früher alle so gesprochen hätten.

Bickels Aussagen belegen Aufnahmen aus den 30er-Jahren, angefertigt für den Sprachatlas der deutschen Schweiz. Vier Basler Gewährspersonen standen damals den Interviewern Red und Antwort.

Einer von ihnen war Karl Wackernagel von der Bank Sarasin, vermählt mit einer Vischer. Über ihn schrieben die Sprachforscher, er habe ein «ausgeprägtes ‹ai›» verwendet. Ganz im Unterschied zu Paul Kiefer, einem Schmied aus Kleinhüningen, der die Stadt nur für den Militärdienst länger verlassen hat. In den akribischen Notizen zeigt sich etwa, wie Kiefer von «Johannisdrübeli» erzählte. Bei Wackernagel hiessen diese «Santihansdriibeli».

Gegenentwurf vom Haafebeggi 2

Fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist indes die Höschsprache (siehe unten). Eine raue Gassensprache, mit «ch»-Lauten und englischen Einflüssen. Sie lag wohl weit näher am früheren Basler Arbeiteralltag als die oft bemühten «Gelleretli» (Uhr) und «Baareblyy» (Schirm).

Ein bekannter Basler Schnitzelbänggler kämpfte deshalb früh gegen ein überkandideltes Baseldytsch an: Es ist der Schorsch vom Haafebeggi 2. «Ich habe den Schorsch bewusst in Kleinhüningen verortet, weil er nicht das Aristokraten-Deutsch reden sollte, welches das Comité wollte», sagt sein inzwischen pensionierter Schöpfer heute. Ein revolutionärer Stilbruch zu einer Zeit, in der die Bänggler noch weisse Handschuhe zu tragen hatten.

Schorsch sollte authentisch sein. Das sehen nicht alle so: «Auf Fasnachtslaternen und Zeedeln lässt sich die Unsicherheit vieler mit der Baseldeutschen Schrift ablesen», sagt Bickel. Speziell der Einsatz von «y» und «yy» geschehe oft willkürlich. Manche würden in diesem Fall zur Überkorrektur neigen.

2010 wollten sich einige Sprachforscher der Uni Basel genau dem widersetzen. Sie veröffentlichten ein «Neues Baseldeutsch Wörterbuch». Erschienen ist es im Auftrag der Christoph Merian Stiftung, die bereits die Werke von Rudolf Suter verlegt hat. Ziel war es, ein zeitgemässes Bild der Mundart festzuhalten, mit einer Schreibweise, die einem sprachlich konsistenten System folgt.

Die Basler goutierten das zum Teil nicht. «Wir sind harsch kritisiert worden», sagt Mitverfasser Markus Gasser. Vor allem die Fasnächtler hätten ihren Versuch einer neuen Basel-Orthographie – notabene gänzlich ohne ‹y› – durch den Kakao gezogen. Zuweilen ganz zum Amüsement der Linguisten von der Uni. «Wir haben an der Tradition gerüttelt», erklärt Gasser.

Inzwischen haben sich die Wogen wieder geglättet. Den Suter zu ersetzen vermochten die Sprachforscher allerdings nicht. Immerhin: Zehn Jahre nach der Veröffentlichung stehen bei vielen Mundartpoeten die beiden Werke nebeneinander.

Der Knoten im Kopf

Wie Bickel macht auch Gasser einen kleinen Minderwertigkeitskomplex des modernen Baseldeutsch aus. «Auch Leute, die ‹schön› sagen, würden ‹scheen› schreiben.» Im Kopf herrsche das Ideal eines anderen Baseldeutsch vor, als das tatsächlich gesprochene. «Deshalb haben viele das Gefühl, das Gesprochene sei nicht richtig.»

Der Schorsch vom Haafebeggi 2 zumindest hat eine klare Haltung, wonach sich die Mundartpoeten der Stadt richten sollten: «Entweder man ist zu dieser Daig-Sprache geboren, oder man sollte es gänzlich sein lassen», sagt der Schnitzelbänggler, «es wirkt sonst künstlich».

«Verschtoosch, hösch!»

Dass nicht nur das Daig-Dytsch existierte, beweist die folgende Geschichte.

Dass Baseldeutsch keine Einheitssprache ist, zeigt sich ganz besonders im Buch «Verschtoosch hösch». Ein nicht näher beschriebener «Wiesely» hat hunderte Audrücke und Sprüche der speziell im Kleinbasel vorherrschenden Gassensprache gesammelt und gemeinsam mit Rudolf Suter veröffentlicht. Die Sprache der «Chnulleri» zeichnet sich unter anderem durch ihren derben Wortschatz aus. Auch in der Aussprache verzeichnet sie Unterschiede zum Baseldytsch: Ein Doppel-Ypsilon gibt es nicht, dafür den ‹ch›-Laut, wie ihn andere Schweizer Dialekte kennen. Die folgende Geschichte ist dem Buch entnommen und dient der Illustration, wie die «Hösch-Sprache» geklungen haben könnte.

«Der Mygger und der Schorsch dräffe sich bim Odeon in der Pfyffegass. Sisch scho halb zääni, und d Felge sin ganz waich woorde. Si stöön aber au scho anderthalb Stund doo, und chai Chnoche isch choo, wo sen em e Stoos hätte chönne versetze – doch! Ain, en Alphornblääser, aber dää het e Bleischylee aaghaa, und usserdäm isch sy Schloofzimmergarnytuur byn em gsii, und die hät sowisoo gstöönt wie lätz, wenn der Alt e Grampoolschybe keije loo hät.

Im erschte Stogg vom Waartsaal fääge si e Buugy-Wuugy uf d Pyschte, und die Zwai griege langsam e staubigi Majoneese, und der Zores waggst vo Mynute zue Mynute. Uf aimool sait der Schorsch: «Hösch Digge, bi miir het e Cherze gsprützt, waart zwai Mynute, i will nuur e Kaabel in Ääter jätte.» Er isch unden in der Chnellen ins Kaabelhüüsli gschnapt, und won er wider uusechoo isch, het er e Schnuure gmacht wien e verrumpflete Haimetschyn. Der Mygger frogt en: «Was hesch, bisch in en Oorfyge gloffe? Du seesch jo us wie wenn der d Sogge blatzt wääre!» – «Mach mi nit mied», sait der Schorsch, «ych haa d Zimmerlinde um e Schnägg wöllen aaboore, aber dä Lauchstängel isch mit em Wajeschnyder in d Revolverchuchi, und am ölfi schnapt si hai, styggt in Kaan und pennt sich ainen ab.»

In däm Momänt hauts e Stügg in Saftlaade. Der Mygger stupft der Schorsch: «Lueg, die Grytte und die Schiine wo si het! Du, mit dääre leeg i e Tangoo uf d Schlyffi.»

Do maint der Schorsch: «Jä halt, mit was wotsch d Pfütze brenne, wo mer inhaliere?» – «Loos Schoorsch», sait der Mygger, «ych han e Päggli Oorfygen im Sagg, aber wägen aim Chläpper mach is nit uf. Was haisst denn doo inhaliere! Mir mache doch e Chrampf: Jetz schnappe mer uffe, verzien is in d Untergrundbaan, und wie s Bänd afoot fääge, roll ych zuen eren an Disch und saag: «Was isch, Du Brachtstügg, laufts? – und scho hangt si mir am Chaschte. Isch si gstopft, denn chaa si is immer no zuemene Stäägeläänesyrup ylaade. Sot der Tüürgg verregge, no rybe mer halt sälber öppis. Du hesch jo no drei Sardynli und ych en Ängländer und zwai Kopeegge.»

Und wies so lauft: Die Grytte het ygschnappt. Si hän gfeezt und gwüscht bis am elf Uur Glogg, und denn sin si in d Glettysegass in Schwarze Bääre; denn alli drei hän e hoole Schluuch ghaa. Bim Servierbolze hän si drei Pfützen und dreimool Druthaan im Daarm bstellt. D Grytte het d Räschten us em Räche bigglet und die letschte Stütz uusezupft und d Zeche wölle rybe – aber uf aimool het si gmerggt, dass d Maary nit längt. Si het d Chiisgruebe chönnen umcheere wie si het wölle, e Stutz fufzig isch uf jeede Fall Manggoo gsii. Wie si gwäärwaist hän, wie me das chönt schauggle, isch ain an Disch aanedäppelet, het sich niidergloo und grad e Runde bstellt.

Die Chnulleri hän sofoort dänggt: «halt, das isch sicher en Ussländer, wo in der Nööchi vom Laufgitter woont; dä Brueder will hinlangen», und si hän sich scho uf e Chlopfylaag vorberaitet. Aber sisch wäder hinglangt no chlopft woorde, sondere dä Grand-Baleeser het nuur d Bekanntschaft vo der Chnullerisprooch wölle mache. He joo, me cha nie wüsse, ob d Russe vo Amerika häär in d Schwyz chömme, und denn sin die Daigler froo, wenn si äänen am Bach au e waarmi Stuube finde.

So sin si also bis am zwölfi zämmeghoggt, hän no zwai bis drei Runde bloosen und barlaart. Der Freijer us Grand-Bâle het die ganzi Schmiir brennt, alles ufnotifyzazizöörzelet, was an Sprüch gfallen isch.

Verschtoosch, hösch!»

(bzbasel.ch)

29 Wörter, die auf St.-Galler-Deutsch herrlich klingen

Video: watson/Emily Engkent, Lena Rhyner

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