Schweiz
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Jeremia Höfler

Jeremia Höfler. Bild: Kenneth Nars

Im Heim zuhause: Der Auszug aus dem Elternhaus war für Jeremia ein Befreiungsschlag

Mit siebzehn Jahren, die Eltern geschieden, der Vater im Gefängnis, findet Jeremia im Waisenhaus ein neues Zuhause.

mélanie honegger



Seine Geschichte ist eine, die schwer anfängt. Jeremia erzählt sie trotzdem ohne Umschweife. Er sitzt an einem langen Tisch im Basler Waisenhaus. Die Wände sind in dunkles Holz gekleidet, das Licht fällt schummrig durch die bunten Mosaike in den Fenstern. Seit fünf Jahren steht der junge Mann in Kontakt mit den Heimverantwortlichen. Damals, mit siebzehn Jahren, kommt er aus einer Jugendwohngruppe hierher. Seither lebt er im Wohnexternat: In einer Einzimmerwohnung ausserhalb des Areals, die ihm das Waisenhaus zur Verfügung stellt.

Ein Waise ist der höfliche Mann trotzdem nicht. Er wächst mit drei Geschwistern bei seinen Eltern in Basel auf. Das Elternpaar streitet sich regelmässig, macht sich vor den Augen der Kinder Vorwürfe. «Sie haben uns Kinder gegeneinander ausgespielt», sagt Jeremia heute. Als er sieben Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Etwa zeitgleich wird der Vater zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Für welches Delikt genau, das möchte der Sohn nicht sagen.

Klar ist: Die Verurteilung verändert das Leben des kleinen Jungen von einem Tag auf den andern; die Klassenkameraden an der OS grenzen ihn aus. Das Selbstwertgefühl des Jungen leidet täglich. Seinen Vater sieht er zehn Jahre lang nicht, obwohl gegenseitiges Interesse besteht. Doch die Mutter verbietet ihm den Kontakt. «Er hat meine Jugend verpasst», so das nüchterne Fazit des Sohnes.

«Ich wusste nicht, wie reagieren, so emotional war der Moment.»

Jeremia über das späte Wiedersehen mit seinem Vater

Er, der Jüngste in der Familie, wohnt für weitere neun Jahre bei seiner Mutter. Deren Schicksal und ihre Arthrose-Erkrankung prägen das Zusammenleben mit dem Sohn. Sie kontrolliert seine Beziehungen zu Familienmitgliedern, spricht schlecht über den Vater. Es folgen Gespräche mit zahlreichen Psychologen. Doch Jeremia stellt sich quer, mag sich nicht öffnen.

Halt findet er beim älteren Bruder, der zu seiner wichtigsten Bezugsperson wird. Dessen Auszug aus dem Elternhaus lässt den Jungen von der eigenen Freiheit träumen. Mit sechzehn Jahren sieht auch er nur noch einen Weg, um aus der Überforderung der Mutter zu fliehen: Er wagt den Schritt und zieht in eine Jugendwohngruppe. Doch die Sorge um die zurückgelassene Mutter bleibt. «Meine grösste Angst war die um meine Mutter. Ich fragte mich: Was wird nun aus ihr?»

Die Selbstzweifel abgelegt

Trotz der Zweifel gibt der junge Mann nicht auf. Im Waisenhaus findet er mit Benjamin Scarascia einen neuen Vertrauten. Der Sozialpädagoge begleitet und beobachtet die Entwicklung von Jeremia aufmerksam. «Als er zu uns kam, war er ein unsicherer und schüchterner Junge. Waren grössere Männer im Raum, dann sass er am Rand und war ruhig», erzählt Scarascia.

Irgendwann habe es Jeremia geschafft, sich von seiner Unsicherheit zu lösen und an sich zu glauben. «Sein Weg ist beeindruckend. Jeremia hat gemerkt, dass er sich nicht zu verstecken braucht. In den letzten Jahren hat er an Kraft und Ausstrahlung gewonnen.»

Braucht er dennoch einmal Unterstützung, dann wendet er sich an Scarascia. Der hilft ihm in Alltagsfragen. Er bringt ihm alles bei, was er über Steuererklärungen und Krankenkassen weiss. Und was er nicht weiss, das nimmt Jeremia gierig auf. Er liest leidenschaftlich gerne, am liebsten Biografien von Politikern. Mit seinem Wortschatz und seiner Allgemeinbildung fiel er auch Scarascia auf: «Er ist wahnsinnig informiert. Stehen Wahlen oder Abstimmungen an, dann weiss er Bescheid und hat eine eigene Haltung.»

«Sein Weg ist beeindruckend.»

Benjamin Scarascia Sozialpädagoge

Seine Neugier schlägt sich auch in seiner beruflichen Entwicklung nieder. Nach dem Abschluss der Detailhandelslehre hängt er eine Zweitausbildung an, lässt sich zum KV-Fachmann ausbilden und macht die Berufsmatur. Es ist ein ungewöhnlich steiler Weg, den er geht: «In den zehn Jahren, die ich hier bin, habe ich es äusserst selten erlebt, dass jemand aus dem Waisenhaus die Matur geschafft hat», so Scarascia.

Diesen Sommer will Jeremia nun die nächste Hürde nehmen. Dann schreibt er die Abschlussprüfungen der Passerelle. Seit Jahren bahnt er sich zielstrebig den Weg an die Uni. Er träumt vom Jurastudium, möchte sich in Wirtschaftsrecht spezialisieren. Nur das Straf- und Scheidungsrecht möchte er meiden.

Wie schafft er es bei all den Herausforderungen, sich zu sammeln, nicht mehr an die Vergangenheit zu denken? Der junge Mann, äusserlich betont lässig, bleibt überlegt, reflektiert. Vergessen könne er nichts, ändern schon gar nicht. Das Vergeben aber, das habe er sich bewusst vorgenommen: «Ich erinnere mich noch so gut an diesen Moment. Mit vierzehn, fünfzehn, sass ich auf meinem Bett und beschloss: Jetzt vergebe ich.»

Der Familientraum bleibt

Heute steht er sowohl mit der Mutter als auch dem Vater in Kontakt. Als er den Vater nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder gesehen habe, sei das ein Schock gewesen. «Ich wusste nicht, wie reagieren, so emotional war der Moment. Erst nach ein paar Wochen hat es zwischen uns wieder gut geklappt.» Er glaubt an die Familie. Nicht nur an die, in der er aufgewachsen ist, sondern auch an seine künftige: Irgendwann will er selbst heiraten und Kinder haben.

Erst steht aber der letzte Schritt in die Unabhängigkeit an. Im Sommer verlässt Jeremia das Wohnexternat des Waisenhauses. Dass er sein Leben alleine meistern kann, daran zweifelt heute niemand mehr. Und so ist seine Geschichte eine, die schwer beginnt, aber leicht endet: Weil sie Hoffnung schenkt, dass es im Leben gut kommen kann, auch wenn manchmal nichts danach aussieht.

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