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Bundesrätin Viola Amherd überbrachte die schlechten Nachrichten den Dorfbewohnern. Bild: KEYSTONE

Amherd überbringt Hiobsbotschaft – Bevölkerung von Mitholz reagiert konsterniert



Die Räumung des ehemaligen Munitionslagers in Mitholz BE hat gravierende Folgen. Die Dorfbewohner werden ihre Häuser vermutlich ab etwa 2031 für zehn Jahre verlassen müssen. Die Räumung dürfte deutlich über eine Milliarde Franken kosten.

Das gaben Vertreter des Verteidigungsdepartements (VBS) am Dienstagabend in Kandergrund bekannt. Sie präsentierten den betroffenen Menschen im Berner Oberland das Konzept zur Räumung der Munitionsrückstände.

Auch Bundesrätin Viola Amherd war vor Ort. «Wir müssen ein komplexes Problem lösen», sagte sie. Für die Bevölkerung sei das nicht einfach. «Ihr könnt auf unsere Unterstützung zählen, wir wollen massgeschneiderte Lösungen für alle Betroffenen.»

In den nächsten Jahren müssen zahlreiche Fragen geklärt werden, und es braucht umfassende Schutzmassnahmen. Die gesamten Vorarbeiten dürften etwa ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Frühestens 2031 kann mit der Räumung begonnen werden.

Die vollständige Entfernung der Munitionsrückstände bleibt das Ziel, wie die VBS-Experten betonten. Ob dies machbar ist, bleibt einstweilen offen. Zur Not könnte die gesamte Anlage mit Gestein überdeckt werden.

Die Langzeit-Evakuierung bliebe den 170 Dorfbewohnern dann erspart. Doch dass Munitionsrückstände für immer vor Ort blieben, wäre «eine schlechte Ausgangslage für die nachfolgenden Generationen», wie Projektleiter Hanspeter Aellig sagte.

Riesige Munitionsmengen

Das riesige unterirdische Munitionslager der Armee wurde 1947 bei einer Explosion verschüttet. Der Grund waren vermutlich chemisch bedingte Selbstzündungen. In den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel sollen noch tausende Tonnen Munition liegen.

Lange Zeit gingen Experten davon aus, dass allfällige weitere Explosionen nur beschränkten Schaden anrichten würden. Erst 2018 kam das VBS in einer neuen Risikoanalyse zum Schluss, dass vom Lager eine grössere Gefahr ausgeht als bis dahin angenommen. Für die Bevölkerung ist das Risiko laut dem Bundesamt für Umwelt nicht tragbar.

Bund, Kanton, die Standortgemeinde Kandergrund sowie Kandersteg arbeiten seither an einer Lösung. Am Dienstag schickten sie das Gesamtkonzept in die Mitwirkung bis Ende März.

Sie soll zeigen, was die Menschen über die Pläne denken. Über das weitere Vorgehen will der Bundesrat im Herbst entscheiden.

Harter Schritt für Bewohner

50 bis 60 Haushalte gibt es in Mitholz; manche Familien leben seit Generationen hier. «Wir stehen zu unserer Verantwortung und wollen Euch so gut wie möglich unterstützen», beteuerte Bruno Locher, Chef Raum und Umwelt VBS. Dabei gehe es auch um Geld - aber nicht nur.

Dezember 1947: Eines der Gebäude in Mitholz, das durch die Explosion im Munitionslager komplett zerstört wurde.

Dezember 1947: Eines der Gebäude in Mitholz, das durch die Explosion im Munitionslager komplett zerstört wurde. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Jeder Bewohner sei vor grosse Zukunftsfragen gestellt und müsse beispielsweise entscheiden, ob er einstweilen bleiben oder schon jetzt wegziehen wolle, ob er Mitholz für immer verlassen wolle oder auf eine Rückkehr nach der Räumung setze.

Gemurmel und Kritik

Mehr als 300 Menschen aus Mitholz und den umliegenden Gemeinden verfolgten die Info-Veranstaltung. Die Neuigkeiten nahmen sie halbwegs gefasst auf, hier und da war während den Ausführungen der Experten ein Geraune und Gemurmel zu hören. «Das ist schwer verdaubare Kost», stellte Statthalterin Ariane Nottaris fest.

In der Fragerunde waren die Emotionen vor allem unterschwellig spürbar. So erkundigte sich ein Mann, was passiere, wenn jemand sich weigere, den Ort zu verlassen. VBS-Vertreter Locher antwortete ausweichend. Er sei überzeugt, dass man geeignete Lösungen finden werde, um gar nicht in diese Situation zu kommen.

Dezember 1947: Oberstdivisionär Ivo Gugger an der Trauerfeier für die Opfer der Mitholz-Explosion im Kirchlein Kandergrund.

Dezember 1947: Oberstdivisionär Ivo Gugger an der Trauerfeier für die Opfer der Mitholz-Explosion im Kirchlein Kandergrund. Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Drei Mitholzer waren am Dienstagabend dabei, welche die Explosion 1947 miterlebt hatten. Einer von ihnen erklärte, damals sei viel schneller gearbeitet worden. Nur ein Jahr nach der Explosion hätten die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können.

Strasse und Schiene schützen

Wichtig ist den Behörden auch der Schutz von Strasse und Schiene, die Norden und Süden der Schweiz verbinden. So soll die Strassenverbindung zwischen Kandergrund und Kandersteg mit baulichen Massnahmen oder einer neuen Strassenführung gewährleistet werden.

Auch für die Bahnlinie der BLS sind Schutzbauten notwendig. Allerdings gibt es auch hier noch viele offene Fragen. (sda)

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30 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
exeswiss
25.02.2020 21:46registriert January 2015
"Drei Mitholzer waren am Dienstagabend dabei, welche die Explosion 1947 miterlebt hatten. Einer von ihnen erklärte, damals sei viel schneller gearbeitet worden. Nur ein Jahr nach der Explosion hätten die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können."
no shit... was glauben die, warum jetzt die probleme da sind? hätte man 1947 das munitionslager geräumt wäre es auch nicht nur 1 jahr gegangen...
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Sherlock_Holmes
25.02.2020 22:46registriert September 2015
Damals wurde schneller gearbeitet...
Der Bundesrat beschloss «am 16. März 1948, dass 2500 Tonnen Artilleriemunition im Thuner-, Brienzer- und Vierwaldstättersee zu versenken seien. Zusätzlich wurden ca. 1500 Tonnen von Rückständen aus Mitholz im Thunersee versenkt. Die Unglücke von Dailly und Mitholz führten dazu, dass die Entsorgung alter Munition unter grossem Druck aus der Öffentlichkeit geschah. Es wurde daher nach einer schnellen und sicheren Lösung verlangt, hingegen vernachlässigte man ökologische Bedenken, und die Entsorgungsaktionen wurden nur ungenau dokumentiert.» WP
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Geist mit Grips
25.02.2020 22:02registriert May 2018
„Damals wurde viel schneller gearbeitet“
...
Damals war einem auch noch nicht bewusst, wie gross die Gefahr der bestehenden Sprengstoffen noch ist.
Damals hatte man noch nicht die heutigen Sicherheitsmassnahmen.
Damals bot man wahrscheinlich auch noch nicht solche „Individuellen Pläne“ für Anwohner, Betriebe und Infrastruktur an. (Da kann ich mich auch irren)
Fakt ist, damals wusste und konnte man nicht so viel wie heute und es hat sicherlich einen Grund, warum es so lange gehen muss.
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