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Mehrere hundert Personen demonstrieren an einer Kundgebung des Vereins

Demo gegen die Corona-Massnahmen am 20. Februar 2021 in Wohlen. Bild: keystone

«Corona-Rebellen» verharmlosen den Holocaust – Dachverband der Schweizer Juden besorgt

Der Dachverband der Schweizer Juden ist besorgt über Verschwörungstheorien rund um Corona. Besonders in Chatgruppen der «Corona-Rebellen» gibt es viele antisemitische Äusserungen.

Christoph Bernet / ch media



1500 Personen demonstrierten am Samstag in Wohlen AG gegen die Coronamassnahmen. Ein Teilnehmer trug ein Transparent mit der Aufschrift «Impfen macht frei»: Eine Anspielung an die Inschrift «Arbeit macht frei», die am Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz prangte. Hier ermordeten die Nationalsozialisten im Holocaust mindestens 1.1 Millionen Juden.

Mehrere Demonstranten trugen gelbe Aufkleber mit der Aufschrift «Ungeimpft» – dem Judenstern nachempfunden, den Menschen jüdischer Abstammung im NS-Regime tragen mussten.

Solche Holocaust-Verharmlosungen sind im Umfeld der sogenannten «Corona-Rebellen» keine Seltenheit. Das zeigt der am Dienstag publizierte Antisemitismusbericht 2020, herausgegeben von der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), dem Dachverband der jüdischen Gemeinden der Schweiz.

«Im Zusammenhang mit der Coronapandemie haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur», sagt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner. Viele dieser Theorien seien explizit antisemitisch: «Den Juden wird beispielsweise unterstellt, mit Hilfe einer inszenierten Pandemie die Welt kontrollieren oder allen Menschen mit der Covid-19-Impfung einen Chip implantieren zu wollen.»

«Schon im Mittelalter wurde den Juden die Schuld an der Pest gegeben. Heute sehen wir leider ähnliche Verhaltensweisen bei Corona.»

Leider würde ein Teil der Gesellschaft in Krisenzeiten Minderheiten zu Sündenböcken machen. Dieses Muster sei auch bei Seuchen zu beobachten: «Schon im Mittelalter wurde den Juden die Schuld an der Pest gegeben. Heute sehen wir leider ähnliche Verhaltensweisen bei Corona. Die Pandemie wirkt als Trigger, der eine Häufung von antisemitischen Vorfällen auslöst.»

Viele Anhänger von antisemitischen Verschwörungstheorien

In der Deutschschweiz listet der Bericht 47 antisemitische Vorfälle wie Beschimpfungen, Schmierereien und Sachbeschädigungen auf. Dazu kommen 485 Vorfälle in Kommentaren von Onlinemedien, sozialen Netzwerken und Messenger-Apps. Da ein systematisches Monitoring dieser Kanäle fehlt, ist die Dunkelziffer wohl hoch.

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Jonathan Kreutner. bild: zvg

Grosse Sorgen bereiten Kreutner die Häufigkeit von antisemitischen Inhalten in den Chatgruppen der «Corona-Rebellen» auf der Messenger-App Telegram: «Hier gibt es viele Anhänger von antisemitischen Verschwörungstheorien.»

Angesichts der Grösse und Heterogenität der Chatgruppen dürfte es sich dabei zwar um eine Minderheit handeln. Offen antisemitischen Äusserungen werde zum Teil widersprochen, die Urheber manchmal gesperrt: «Mit 143 antisemitischen Vorfällen sind diese Chatgruppen dennoch hochproblematisch.»

Holocaust-Verharmlosung bedarf «klarer Widerrede»

Wenig bis keinen Widerspruch unter den «Corona-Rebellen» hingegen ernten die online oder an Demos wie in Wohlen weitverbreiteten Verharmlosungen des Holocausts. Sie fallen nicht unter die international anerkannten Antisemitismuskriterien, nach denen der Bericht verfasst ist – und werden deshalb nicht mitgezählt.

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Wurde geschändet: Die Synagoge der Jüdische Gemeinde Biel. bild: zvg

Trotzdem sagt Kreutner deutlich: «Die Häufigkeit und Nonchalance, mit der die Shoa verharmlost wird, ist besorgniserregend». Wer die Coronamassnahmen ablehne, dürfe für den politischen Protest dagegen nicht das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte missbrauchen: «Da braucht es klare Widerrede».

Antisemitismus gebe es in allen Milieus und politischen Lagern. Doch aktuell beobachtet Kreutner ein Revival der klassischen rechtsextremen Symbolik wie letzte Woche bei der Schändung der Bieler Synagoge mit Hakenkreuzen. SIG-Generalsekretär Kreutner bewertetet den Vorfall als «den gravierendsten Angriff auf eine jüdische Institution in der Schweiz seit mindestens einem Jahrzehnt». (bzbasel.ch)

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