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4 Selbständige und Ladenbesitzer berichten von ihrem Alltag nach dem Lockdown

Handwerkerinnen, Eventveranstalter, Naildesignerinnen, Skilehrer, Gärtnerinnen – Selbständige und Besitzer von Kleinunternehmen trifft der Arbeitswegfall in der Corona-Krise am härtesten. So geht es ihnen jetzt.



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Viktor, Rosalin und Andrea müssen von einem Tag auf den anderen um ihre finanzielle Grundlage bangen. bild: watson

«Das ist die einzige Möglichkeit, die Krise zu bewältigen», mit diesem Satz begründete Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Montag den Ausruf der ausserordentlichen Lage in der Schweiz. Alle Geschäfte ausser Lebensmittelläden, Tankstellen und Apotheken bleiben geschlossen. Ein herber Schlag für Selbständige und Besitzer von Kleinunternehmen.

Der Bund versprach zwar 10 Milliarden Soforthilfe. Wie diese ausgeschüttet werden und wer Anspruch darauf hat, ist derzeit aber noch unklar. watson hat mit vier Betroffenen gesprochen und sie gefragt, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen. Und was sie jetzt von den Behörden erwarten.

Rosalin Schöb (27), selbständige Fusspflegerin im «Fusshaus», Luzern

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bild: zvg

Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass die Fusspflege von den Massnahmen ausgeschlossen ist. Als ich dann gestern Abend die Medienkonferenz geschaut habe, dachte ich zum ersten Mal: «Scheisse, was jetzt?» Da ich selbständig bin, hatte ich niemand, den ich anrufen und fragen konnte, was ich jetzt tun muss.

Der Schweizerische Fusspflegerverband bestätigte mir dann, dass ich mein Geschäft schliessen muss. Zuerst habe ich über zwei Stunden meine Kunden von dieser Woche angerufen und sie informiert. Alle hatten Verständnis und wünschten mir das Beste für diese schwierige Zeit. Heute geht es darum, abzuklären, wie es mit der finanziellen Unterstützung aussieht. Mir ist es vor allem wichtig, zu wissen, wann sie kommt und wie viel es sein wird. Ist es nur ein Sackgeld oder übernehmen sie die gesamten Ausfälle?

Ich fühle mich definitiv im Stich gelassen. Es wurde nicht kommuniziert, wo sich Selbständige melden müssen. Bei der Arbeitslosenkasse? Der Bank? Ich werde nun selber recherchieren und herumtelefonieren und hoffe, dass ich dann an der richtigen Stelle lande. Ich habe das Glück, dass ich auf meine Familie zählen kann, die mich im schlimmsten Fall unterstützen würde. Aber vielleicht werde ich mich verschulden, egal ob bei der Familie oder anderswo. Glücklicherweise muss ich nur für mich schauen und habe keine Kinder.

Andrea Hirschi, Geschäftsführerin von «Der Friseur und Barber», Bern

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bild: zvg

Von einem Tag auf den anderen steht alles still. Ehrlich gesagt bin ich schon etwas panisch gerade. Ich beschäftige 16 Mitarbeitende. Ich weiss nicht, wie ich das jetzt alles stemmen soll. Ich muss schauen, dass ich irgendwie Geld auftreiben kann.

Ich brauche rund 100’000 Franken, um die Löhne und Fixkosten bis auf Weiteres zahlen zu können. Wir benötigen sicher Geld vom Staat, um uns irgendwie über Wasser halten zu können. Und zwar sofort. Alles ist zudem noch komplizierter, weil ich bei meiner Familie in Dubai bin. Ich kann derzeit nicht nach Bern, weil ich sonst nicht nach Dubai zurückkehren könnte. Es ist wirklich extrem schwierig gerade.

Marie-Françoise Eigner (54), Besitzerin Blumenladen in Zürich

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Der Blumenladen von Marie-Françoise Eigner. bild: zvg

Ich führe einen Blumenladen in Zürich. Bereits seit drei Wochen stocken die Verkäufe. Ich hatte weniger Leute im Laden und auch sonst weniger Kunden. Auch Anfragen für Blumendekos an Veranstaltungen erhalte ich seit drei Wochen kaum mehr. Letzte Woche habe ich einen Aufruf an viele meiner Stammkunden und Bekannten gemacht. Die Solidarität war überwältigend: Viele kamen am Samstag noch in den Laden und haben sich einen Blumenstrauss gekauft.

Aktuell liefere ich noch Bestellungen aus. Darunter sind viele Privatkunden, die sich ihr Home-Office mit einem bunten Strauss aufhübschen möchten. Aber auch einige Spitäler, die Blumenabonnements bei mir haben. Dort habe ich die Lieferung einfach vor der Tür gelassen.

Aktuell kann ich nur hoffen, dass die fixen Abos bleiben und es weiterhin Online-Bestellungen gibt. So kann ich auch dafür sorgen, dass ich möglichst wenig der bereits bestellten Lieferungen wegschmeissen muss. Ich muss mir aber noch einen genauen Plan erarbeiten, wie ich das die nächsten Wochen alles gestalte. Ich werde mein Angebot beschränken müssen. Anders wird es nicht gehen. Und ich werde sicherlich die Hilfe des Bundes in Anspruch nehmen müssen. Sonst weiss ich auch nicht mehr weiter.

Eine Sache, die mich aktuell aber fast am meisten stört: Coop und Migros haben weiterhin ihre Garten- und Blumenabteile geöffnet. Die Grossverteiler profitieren nun von der Schliessung der kleineren Gewerbe. Sie grasen uns die Kunden ab. Der Frühling ist die absatzstärkste Zeit. Können wir nun zwei Monate nichts verkaufen, haben die Leute ihre Frühlingsbepflanzungen bereits gekauft und wir gehen komplett leer aus.

Viktor Giger (35), Bühnenarbeiter auf Abruf, Zürich

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bild: zvg

Ich arbeite als Stagehand, das heisst, ich arbeite an, um und auf Bühnen für alle möglichen Anlässe. Ich habe einen Vertrag auf Abruf und werde pro Auftrag bezahlt. In einem normalen Monat habe ich durchschnittlich etwa 15 Einsätze bei einer Hauptfirma und drei anderen Arbeitgebern.

Als ich vor drei Wochen im Zürcher Volkshaus das Konzert einer italienischen Band aufbaute, hörte ich, dass die weiteren Shows der Band in Italien gestrichen wurden. Da dachte ich schon, dass es jetzt bestimmt nicht mehr lange geht, dass auch in der Schweiz die Events abgesagt werden. Vier Tage später war es dann so weit.

Als ich die Massnahmen des Bundesrats hörte, wusste ich: «Jetzt bin ich arbeitslos.» Mein Arbeitgeber hat nun zwar Kurzarbeit beantragt. Aber bisher erhielt er noch keine Antwort. Es ist derzeit ja noch unklar, ob die Kurzarbeit für Leute mit Temporärverträgen überhaupt gilt. Im Moment muss ich also abwarten, wie es weitergeht.

Zusammen mit anderen Bühnenarbeitern und Betroffenen aus der Veranstaltungsbranche haben wir eine Gruppe gegründet, die sich nun darüber austauscht, was wir tun können. Es gibt ja solche, deren Situation ist noch schwieriger als unsere. Da gibt es zum Beispiel selbständige Tontechniker, die wissen nicht, ob sie in den Genuss von Kurzarbeit kommen. Da sie keine Beiträge an die Arbeitslosenversicherung zahlen, haben sie keinen Taggeldanspruch. Ihnen droht also direkt der Weg zum Sozialamt.

Die Ratlosigkeit ist gross. Auch weil es keine klare Ansage gibt, mit was man jetzt rechnen muss. Ich hoffe, es gibt bald mehr Klarheit und eine finanzielle Unterstützung für diejenigen, die jetzt vom Arbeitsausfall betroffen sind.

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Notstand in den Kantonen – die Schweiz zieht sich zurück

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Notstand in den Kantonen – die Schweiz zieht sich zurück
quelle: keystone / gian ehrenzeller
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