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Gabirano und Nicolas Müller Verschwörungstheorien Teaserbild

Bild: watson/keystone/social media/shutterstock

Die Schweizer Verschwörungs-Influencer

Snowboardprofi Nicolas Müller und Comedian Gabirano Guinand verbreiten über ihre Social Media Kanäle abstruse Theorien über Kinderhandel, Impfungen oder 5G. Solche Einträge sehen jeweils Hunderttausende. Das ist nicht ungefährlich.



Fake News und Desinformation haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Der US-Präsident Donald Trump empfahl eine Lichttherapie und das Spritzen von Desinfektionsmittel gegen das Coronavirus. Der deutsche Sänger Xavier Naidoo feiert den mehrfach verurteilten Reichsbürger Rüdiger Hoffmann als «wahren Helden» ab. Auf europäischen Plätzen demonstrieren Tausende gegen Bill Gates und seinen angeblichen Impfplan.

Nicolas Müller, der Snowboard-Profi auf Abwegen

Solche abstrusen Verschwörungstheorien finden auch in der Schweiz eine Reihe von Anhängern. Darunter sind bekannte Namen, wie jener von Nicolas Müller. Der 38-Jährige ist Snowboard-Profi und gilt weltweit als einer der Besten in seinem Metier. Auf Instagram folgen ihm 122'000 Fans. Seine Videos mit waghalsigen Sprüngen auf dem Brett werden von Tausenden gelikt. Was er postet, hat Gewicht.

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Nur: Seit einigen Monaten werden die Inhalte auf seinen Social-Media Kanälen zunehmend verstörender. So wittert er die Zerstörung der Menschheit durch 5G, vermutet, dass Hillary Clinton ein gesteuerter Klon ist oder beschuldigt den US-Multi-Milliardär George Soros als Sponsor eines «Rassenkriegs».

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Einer der vielen verwirrenden Story-Beträgen von Nicolas Müller auf Instagram. screenshot: instagram/nicolasmuellair

«Rassistische, antisemitische und diskriminierende Hetze von seinem Smartphone ins Netz zu schicken, ist absolut inakzeptabel.»

Redakteur des Snowboardmagazin Pleasuremag

Vor einem Monat haben mehrere Sponsoren die Zusammenarbeit mit Müller beendet. Im Snowboardmagazin Pleasuremag schreibt ein Redakteur: «Nicolas hat weit über 100'000 Follower. Er ist sozusagen Influencer. Influencer müssen jedoch auch endlich begreifen, dass ‹Einfluss› eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Diesen Einfluss zu nutzen, um faktisch falsche und wissenschaftlich unbelegte Informationen zu verbreiten, ist gefährlich. Rassistische, antisemitische und diskriminierende Hetze von seinem Smartphone ins Netz zu schicken, ist noch viel gefährlicher – und absolut inakzeptabel.»

Influencer sind für Jugendliche Vertrauenspersonen

Von der Desinformation solcher Verschwörungs-Influencer betroffen sind insbesondere Jugendliche. Denn sie gehören zu den intensivsten Nutzerinnen und Nutzer von Social Media. Instagram und Co. sind für sie wichtige Kanäle, um sich über das tägliche Weltgeschehen zu informieren. Entsprechend oft sind Jugendliche Fake News ausgesetzt und entsprechend hartnäckig müssen sie die Quellen der gelesenen hinterfragen.

«Wenn eine grosse Sympathie zu einem Influencer besteht, kann ihm eine Jugendliche eine hohe Glaubwürdigkeit attestieren.»

Céline Külling, Medienwissenschaftlerin

Doch nicht allen Jugendlichen gelingt das gleich gut. Das weiss Medienwissenschaftlerin Céline Külling. Sie sagt: «Gerade wenn eine grosse Sympathie zu einem Influencer besteht, dieser vielleicht als Vorbild gesehen wird, kann das dazu führen, dass eine Jugendliche ihm eine hohe Glaubwürdigkeit attestiert.» Weil Influencer damit zu einer Art Vertrauensperson werden, müssten sie sich bewusst sein, dass sie mit ihren Einträgen auf Social Media auch etwas erreichen oder auslösen können, so Külling.

Céline Külling

Bild: zvg

zur Person

Céline Külling ist Medienwissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie ist Co-Autorin der Studie «News und Fake News», in der sich ein Team der ZHAW mit der Mediennutzung von Jugendlichen im Zusammenhang mit Falschinformationen auseinandergesetzt hat.

Gabirano Guinand, ein Comedian verirrt sich im Internet

Als Influencer kann auch der Comedian Gabirano Guinand bezeichnet werden. Seine Reichweite auf Instagram ist noch grösser als jene von Snowboard-Profi Müller. Aktuell folgen dem Berner 157'000 Personen. Der erst 21-Jährige schaffte innerhalb kurzer Zeit den Sprung vom witzigen Internet-Phänomen auf grössere Bühnen vor echtem Publikum. Seit einiger Zeit tritt er regelmässig mit einem eigenen Programm auf. watson traf ihn Anfang dieses Jahres zum Interview.

Gabirano

Gabirano Guinand auf der Bühne. Bild: Yxterix AG

Doch abseits des Scheinwerferlichts scheint sich Gabirano mehr und mehr in Verschwörungstheorien zu verlieren. So teilt er Screenshots von einem Video der International Tribunal for Natural Justice, einer Organisation, die behauptet, dass Superreiche, Prominente und ranghohe Regierungsmitglieder an einem Kinder-Entführungsnetzwerk beteiligt seien. In satanistischen Ritualen würden die Eliten das Blut der Kinder trinken und deren Organe essen. In einer Instagram-Story schreibt Gabirano: «Es isch hert i weiss aber es isch dRealität es isch zum chotze ...»

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Auch hat der Comedian die Instagram-Seite «greatawakening2020» abonniert, ein Kanal von sogenannten QAnon-Anhängern. Dieser Verschwörungskult ist davon überzeugt, dass ein Pädophilen-Ring Kinder gefangen halte, der «tiefe Staat» dies verdecke und nur Donald Trump versuche, die Bande zu stoppen. Weiter verbreiten sie allerlei Mythen rund um 5G oder dass Bill Gates mit Impfungen versuche, der Weltbevölkerung Computerchips zu implantieren.

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screenshot: instagram/greatawakening2020

Wie tief die Fehlinformationen bei Gabirano sitzen, ist auch aus seinem Podcast «Comedians im Brennpunkt» herauszuhören. Darin bespricht er in unregelmässigen Abständen mit seinem Kumpel Mateo Gudenrath Themen, die gerade unter den Nägel brennen. So auch in der Folge 16 am 15. Juni. Zu den Black Lives Matter Protesten sagt Gabirano, er finde es«schräg», dass nun plötzlich alle immer nur noch von diesem einen Todesfall von Georg Floyd sprächen. Es gebe viele Hinweise darauf, dass alles etwas manipuliert sei. Floyd werde jetzt wie ein Märtyrer der Schwarzen dargestellt. Dabei habe er eine schwangere Frau beraubt und ihr die Pistole an den Bauch gehalten.

Dass diese Aussage nicht richtig ist, schreiben mehrere Websites in einem Faktencheck. Auch, dass laut Gabirano bei den Black Lives Matter Protesten mehrere schwarze Polizisten getötet worden seien, stimmt nicht.

«Die Welt dreht schnell, ich finde es spannend aber gleichzeitig auch beängstigend, nicht zu wissen, wem, was und warum ich glauben soll.»

Gabirano

Zu den klassischen Verschwörungstheorien greift Gabirano in der Podcast-Folge vom 26. Mai. Darin behauptet er, es sei doch inzwischen bewiesen, dass der Terroranschlag auf die Twin-Tower in New York ein «Inside Job» gewesen sei. Auch andere Terrorakte, beispielsweise jener auf die Pariser Redaktion Charlie Hebdo seien von «irgendjemand der Interesse an etwas Grösserem» hatte, bezahlt worden.

Auf seine Instagram-Posts und Aussagen im Podcast angesprochen, antwortet Gabirano: «Ich bin ein Newsjunky, mache mir viele Gedanken und glaube mindestens, ein differenziertes Weltbild zu haben. Ich poste alle möglichen Infos, bin offen für die unterschiedlichsten Quellen und höre allen zu. Was aber nicht bedeutet, dass ich an alle diese Infos glaube.» Als Comedian nutze er die Bühne und seine sozialen Medien um absurde Gegebenheiten, Wahrheiten, Unwahrheiten und die Schnelllebigkeit von News und Fake News bis ins Absurde zu mischen. Selten bis nie kommentiere er die «sogenannten Falschmeldungen», überlasse es dem Zuschauer und seinen Follower, sich ein eigenes Bild zu machen.

Er sagt: «Die Welt dreht schnell, ich finde es spannend aber gleichzeitig auch beängstigend, nicht zu wissen, wem, was und warum ich glauben soll.» In letzter Zeit sei ihm klar geworden, dass er als öffentliche Person mehr Einfluss auf Menschen habe, als ihm bewusst war und deshalb für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werde. «Die Frage ob, ich als Künstler diesen Einfluss haben will, beschäftigt mich in letzter Zeit vermehrt.»

Gefangen in der Filterbubble

Wie viel Zuspruch Gabirano für seine Beiträge von seiner Followerschaft erhält, ist nicht ersichtlich. Klar ist, dass solche Fehlvorstellungen nicht nur für seine Fans, sondern auch für den Absender selbst gefährlich sein können. Medienwissenschaftlerin Külling: «Je öfter unseriöse Quellen konsultiert werden, umso häufiger werden einem andere, ebenfalls zwilchte Artikel oder Videos vorgeschlagen. So funktioniert der Algorithmus auf Social Media.» Zusätzlich problematisch sei es, wenn man sich in einem Umfeld bewegt, wo krude Theorien weiterverbreitet und reproduziert würden. Man tauche ab in einer eigenen Filter Bubble und werde kaum mehr mit einer Gegenmeinung konfrontiert.

«Kritisch zu hinterfragen ist ein wichtiger Grundstein, damit das System funktioniert.»

Céline Külling, Medienwissenschaftlerin

Külling sagt, dieser Mechanismus erinnere sie manchmal an einen religiösen Kult. Von aussen seien die Leute drinnen sehr schwer von einer anderen Meinung zu überzeugen. Und das könne in einem demokratischen Land auch heikel werden: «Es ist schwierig, wenn man sein Wissen auf dubiosen Fehlinformationen aufbaut und dann Entscheidungen treffen muss. Kritisch zu hinterfragen ist ein wichtiger Grundstein, damit das System funktioniert.»

Ob Snowboardprofi Nicolas Müller den Sprung aus dem Strudel von Fake News noch schafft, ist fraglich. In einem Mail schreibt er: «Wenn Sie nur wüssten, was wirklich abgeht ...» Er sei durch das Snowboarden zu einer öffentlichen Person geworden. Das habe ihn gelehrt, alles von allen Seiten und Winkeln zu betrachten. Viele Leute hätten diesen Instinkt verloren. Doch er glaube, dass zuletzt alles gut kommt. Dank der Armee, die Trump aufgestellt habe und hinter ihm agiere. «Und ja, es geht um die Jungen … die sollen keine DNA-verändernde Impfungen bekommen, denn das wäre das Ende dieser Blutlinie.»

Am Ende der Mail schreibt Müller: «Wie gesagt, es kommt alles raus! Wär mir auch lieber, würde das ganze nicht stimmen. Aber dann gehst du raus und merkst… der Virus… der Rassenkrieg … zweite Welle … es ist keine Theorie mehr. Es passiert, denn es muss passieren.»

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