Schweiz
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Verprügelt und verletzt – Warum es in der Schweiz nur 11 Schutzplätze für Mädchen gibt

In der Schweiz gibt es elf anonyme Schutzplätze für misshandelte Mädchen. Weitere sind in der Westschweiz geplant. Doch das Mädchenhaus Biel kommt nicht vom Fleck.

Rebecca Wyss / Nordwestschweiz



Wenn Sana aus dem Zug steigt, um ihre Mutter und Geschwister zu besuchen, lässt sie einen Teil ihrer schwarzen Haarpracht unter einem Baseball-Cap verschwinden und zieht es tief ins Gesicht. «Für mich ist es hier gefährlich. Wenn er mich sieht, weiss ich nicht, was passiert.» Er ist ihr Vater. Hier ist ein Ort in der Ostschweiz. Der Ostschweizer Ort ist da, wo sie seit ihrer Flucht aus dem Irak vor sieben Jahren gelebt hat. Bis sie vor zwei Jahren wieder flüchtete – diesmal vor ihm. Deshalb bleibt Sanas richtiger Name geheim.

Frau Missbrauch depression

Die Betten des Mädchenhauses Zürich sind manchmal während Wochen überbelegt. Bild: shutterstock.com

Bis dahin war sie eine andere Sana. Eine Sana mit Kopftuch. Eine, die nur Hochdeutsch sprach, weil sie kaum Freunde hatte. Eine, die nie widersprach. Sie lebte mit ihren beiden jüngeren Geschwistern und der Mutter nach den Verboten des Vaters und den Geboten des Islams. Nach Drohungen und Schlägen.

Nachdem dieser die Mutter zurück in den Irak geschickt hatte, wurde es für Sana schlimmer. Als Älteste musste sie ihren Platz einnehmen. Sie putzte, sie kochte – und er warf alles in den Müll. Demonstrativ. Sie bat darum, ein Handy zu haben. No way – er wollte nicht, dass sie Kontakt mit anderen Jugendlichen hatte. Er wollte die Kontrolle über ihr Leben.

«Ich sollte nicht so werden wie die anderen – so frei», sagt die 19-Jährige. Als er drohte, sie deshalb zurück in den Irak zu schicken, versteckte sie sich bei einer Freundin. Im Irak wäre sie verheiratet worden. «Das wäre eine Katastrophe für mich.» Nach ihrer Flucht packte sie die Angst. «Er hatte uns oft genug damit gedroht, uns umzubringen.» Mit einer Waffe, die sie nie sah, von der er aber immer sprach. Und bei der Freundin würde er sie irgendwann finden, war sie überzeugt.

Auf Anraten der Jugendberatungsstelle in der Ostschweiz rief sie das Mädchenhaus Zürich an. Noch am gleichen Tag holten sie die Sozialarbeiterinnen am Hauptbahnhof ab.

Nur zwei anonyme Zufluchtsorte

Wie viele Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren besonderen Schutz brauchen, ist schwierig zu sagen – genaue Zahlen gibt’s keine. Aber das Mädchenhaus in Zürich nimmt jedes Jahr etwa 50 von ihnen auf. Meist sind es Mädchen, die in der Familie über Jahre hinweg Gewalt erlebt haben. Sexuell, psychisch oder physisch. Aus Familien mit rigiden Vorstellungen und einer Hierarchie, bei der die Mädchen auf der untersten Stufe stehen. Wie bei Sana. Für sie alle gibt es wenige Stellen, wo sie Zuflucht finden.

«Wir müssen derzeit Mädchen abweisen»

Dorothea Hollender, Leiterin des Mädchenhauses Zürich

Die Frauenhäuser sind nur bedingt geeignet: Sie stehen nur volljährigen Frauen offen und sind nicht auf die aufwendige Betreuung von Minderjährigen ausgerichtet. Die einzigen Optionen für die jugendlichen Frauen: das Mädchenhaus Zürich mit sieben Plätzen und das Frauenhaus Aargau-Solothurn mit vier Plätzen.

In den Häusern an geheimer Adresse werden sie über mehrere Monate aufgepäppelt. Man hilft ihnen in einfachen Alltagsaufgaben und der Ausbildung. Schaut, dass sie psychologische Betreuung erhalten, wenn sie welche brauchen. Man gibt ihnen eine Art Zuhause. Auf Zeit. Bis die Behörden eine Anschlusslösung gefunden haben. Die Jüngeren kehren häufig zu ihren Eltern zurück. Die Älteren kommen in Pflegefamilien, betreuten Mädchen-WGs oder in einer eigenen Wohnung unter.

Die elf Plätze verteilt auf zwei Orte sind die einzigen in der Schweiz, wo Schutz suchende Mädchen anonym Zuflucht finden. Obwohl mehr Bedarf besteht. «Wir müssen derzeit Mädchen abweisen», sagt Dorothea Hollender, die Leiterin des Mädchenhauses Zürich. Auch wenn es Schwankungen in der Belegung gebe, passiere das immer wieder. Manchmal sind monatelang alle Plätze besetzt.

Auch beim Frauenhaus Aargau-Solothurn spürt man die Nachfrage. Kürzlich kaufte dieses eine dritte Liegenschaft. «Wir wollen mehr Platz für die Jugendlichen schaffen», sagt Bahare Rahimi, die Leiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn.

Häusliche Gewalt: Istanbul-Konvention zwingt Schweiz zum Handeln

Am 1. April tritt die Istanbul-Konvention in Kraft. Sie verpflichtet die Schweiz, Massnahmen für die Gleichstellung der Geschlechter sowie gegen geschlechtsspezifische Gewalt – häusliche Gewalt – zu ergreifen. Zu diesen gehören unter anderem, genügend und einfach zu erreichende Zufluchtsorte (Frauen- und Mädchenhäuser) zur Verfügung zu stellen, telefonische Helplines einzurichten oder Kinder zu unterstützen, die Zeugen von häuslicher Gewalt geworden sind. Die vorgestern veröffentlichte polizeiliche Kriminalstatistik 2016 zeigt, dass Anzeigen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt gestiegen sind. Innerhalb eines Jahres um 2,2, Prozent auf 17 685 Delikte. Im gleichen Zusammenhang starben 19 Personen, davon 18 Frauen. (rwy)

In Biel tut sich ebenfalls etwas: das Pilotprojekt des Vereins «MädchenHouse desFilles Biel-Bienne». Während sechs Monaten sollen drei Notplätze für Mädchen aus der deutschen und französischen Schweiz zur Verfügung stehen. Im Mai geht’s los. Das ist der Plan. Bereits sind Sozialarbeiter-Stellen ausgeschrieben. Doch noch wartet der Verein auf den Mietvertrag für die Wohnung, wo die jungen Frauen untergebracht werden sollen, sagt die Vizepräsidentin Claire Magnin. «Die Zusage der Liegenschaftsbesitzer haben wir.»

«Die meisten Stiftungen wollen kein Risiko eingehen, vor allem weil die öffentliche Hand nicht mit im Boot sitzt»

Claire Magnin

Das klingt vielversprechend, gäbe es da nicht einen Haken: Die Türen stehen vorläufig nur 18- bis 20-Jährigen offen – jüngere müssen draussen bleiben. Genau hier zeigt sich, wie schwierig es ist, ein Angebot für gewaltbetroffene Mädchen zu schaffen. Will der Bieler Verein Minderjährige aufnehmen, braucht er eine Heimbewilligung. Ob er diese bekommt, hängt auch davon ab, ob er den Betrieb finanziell stemmen kann. Das bestätigt das zuständige Kantonale Jugendamt. Zum Vergleich: Das Mädchenhaus in Zürich wendete 2016 rund 1.3 Millionen für den Betrieb auf.

Davon ist der Verein weit entfernt. Dank Crowdfunding und anderen Spenden verfügt er über rund 200,000 Franken, das reicht für das Pilotprojekt. «Für die ursprünglich geplanten acht Plätze auch für Minderjährige brachten wir das Geld nicht zusammen», sagt Magnin. Weder der Kanton stieg im grossen Stil ein noch die Stiftungen. Von denen haben sie und ihre Mitstreiterinnen viele angeschrieben. «Die meisten Stiftungen wollen kein Risiko eingehen, vor allem weil die öffentliche Hand nicht mit im Boot sitzt», sagt sie.

Doch genau die ziert sich. Der Kanton sah keinen Bedarf, lehnte ein Gesuch des Vereins ab. Der gleiche Kanton, dessen zuständiger SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg dafür bekannt ist, im Sozialbereich eher Sozialbeiträge zu kürzen, als sie zu sprechen. Der Verein machte also eine Umfrage. Klopfte bei 30 Heimen, Jugendberatungsstellen, Opferhilfestellen und Frauenhäusern innerhalb und ausserhalb des Kantons Bern an – denn das ist das Ziel: ein Angebot für die ganze Region, Westschweiz inklusive.

Diese gaben an, dass sie zwischen 2013 und 2016 in 50 Fällen einen Notfallplatz speziell für Mädchen zwischen 14 und 20 Jahren hätten brauchen können. «Uns fehlt ein solches Angebot», sagt zum Beispiel Pia Altorfer, Leiterin der Opferhilfe Bern. An einem anonymen Schutzort könnten die Mädchen zur Ruhe kommen. Ohne, dass immer gleich die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingeschaltet werde – wie das beispielsweise bei der Notaufnahmegruppe für Jugendliche (NAG) Bern der Fall ist. «Manchmal ist es sinnvoll, nicht gleich die ganze Behörden-Maschinerie in Gang zu setzen. Sondern erst mit den Betroffenen alleine zu schauen, was ist.»

Hohe Dunkelziffer bei Betroffenen

Das alles interessierte den Kanton nicht. Bis vor anderthalb Jahren. Damals hiess der Grosse Rat ein Postulat gut, das vom Kanton eine Bedarfsabklärung für geschützte Mädchenplätze fordert. Mit 94 von 136 Stimmen. Das Ergebnis liegt spätestens im September vor. Fällt dieses positiv aus, ist das der erste politische Schritt. Nicht mehr. Bis die ganze Staats-Maschinerie ein Mädchenhaus à la Zürich ausspuckt, dürfte es noch eine Weile dauern.

Henriette Kämpf von der Kesb Biel schätzt, dass es eine «hohe Dunkelziffer von gewaltbetroffenen Mädchen gibt, die nicht bis zu uns kommen». Ein Mädchenhaus könnte das ändern. Würde sich herumsprechen, dass es ein Angebot gibt, würde es genutzt werden, sind sich die Institutionen in und rund um Bern einig.

«Für mich war das Mädchenhaus Zürich die Rettung», sagt Sana. Nicht nur, weil es sie vor einer Rückkehr in den Irak bewahrte. Oder vor dem Zorn des Vaters. «Ich lernte dort, dass ich etwas wert bin. Zum ersten Mal in meinem Leben.» Von diesen ersten Malen gab es nach ihrer Flucht viele. Zum ersten Mal schwimmen. Zum ersten Mal ohne Kopftuch das Haus verlassen. Zum ersten Mal Worte auf Schweizerdeutsch sagen.

Nach ein paar Monaten verliess sie den geschützten Rahmen des Mädchenhauses, kam in eine Mädchen-WG und lebt mittlerweile alleine in einer Wohnung in Zürich – weit weg von ihrem Vater. Sie ist jetzt im ersten Lehrjahr zur Altenpflegerin und weiss: «Ich will mich später einmal als Kosmetikerin selbstständig machen.» Sie, der alles, was ihre Weiblichkeit betonte, bis vor zwei Jahren verboten war.

Hilfe

Mädchenhaus Zürich: 044 341 49 45.
Frauenhaus Aargau-Solothurn: 062 823 86 00

Verdingkinder: Ein düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte

Video: srf

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