Schweiz
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Rezi

Bild: Screenshot Youtube

Das Rezo-Risiko: Wie reagieren Schweizer Parteien auf Influencer?

Mit seiner Video-Abrechnung brachte Rezo die deutsche CDU an die Grenzen. Wie reagieren hiesige Parteien auf das Phänomen?

Othmar von Matt / ch media



Er sitzt im knallorangen Kapuzenpulli vor dem Mikrofon, die Haare lagunenblau gefärbt. «Heute sehen wir uns die CDU an», sagt Youtuber Rezo, Ende zwanzig. «Fuck, ist das heftig.»

Dann legt er los. In irrem Tempo. Untermalt seine Worte mit Statistiken, Quellenhinweisen, Einspielern. 54:57 Minuten dauert das Video «Die Zerstörung der CDU». Es wird 14.6 Millionen Mal aufgerufen und 205 872 Mal kommentiert. Rezo wird in Deutschland über Nacht zum Gesicht der Generation der unter Dreissigjährigen, wie der «Spiegel» schreibt.

Ist das auch in der Schweiz möglich? Ja, glaubt Gymnasiast Andrea Stüdeli, 16. Der Sohn des politischen Kommunikationsexperten Walter Stüdeli ist Youtube-Spezialist. Er kannte Rezo schon vor dem CDU-Video. Seine Videos hätten sich zuvor hauptsächlich um Musik gedreht: «Dieses Video kam völlig überraschend, der Hype noch mehr.»

«Ask Switzerland könnte so etwas vielleicht schaffen mit seinem Image»

Für Andrea Stüdeli ist ein Schweizer Youtuber prädestiniert für ein vergleichbares Video: «Ask Switzerland könnte so etwas vielleicht schaffen mit seinem Image.» Der Basler HSG-Student Lionel Battegay alias Ask Switzerland ist König der Strassenumfragen. Er stellt Jugendlichen unschuldige Fragen, zeigt in Videos die lustigsten, falschesten und peinlichsten Antworten. «Setzt er sich mit seiner grossen Reichweite hin und analysiert eine Partei», sagt Stüdeli, «könnte das viele ansprechen.»

Bei den Schweizer Parteien ist eine gewisse Nachdenklichkeit darüber spürbar, wie die CDU ins Offside lief. In der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie könne das so kaum passieren, ist zwar der Tenor. Die Parteien müssten sich Kritik täglich stellen. Die Politiker vermuten aber auch, dass vor allem die grossen Regierungsparteien SVP, FDP und SP Opfer solcher Kritik werden könnten. Die SVP, weil sie gegen Europa ist, das Klimaproblem als «Klimahysterie» abtut. Die FDP, falls sie im Klimabereich «grosse Versprechungen macht, die sie nicht einhalten kann», wie Grünen-Präsidentin Regula Rytz sagt. Und die SP wegen ihrer internen Debattenkultur und der Abgänge.

«Wir müssen solche Aktionen auf dem Radar haben»

Dass eine Gefahr für seine Partei besteht, räumt ein einziger Politiker offen ein: SVP-Nationalrat Thomas Matter. «Wir müssen solche Aktionen auf dem Radar haben, müssen damit rechnen, dass Operation Libero eine ähnliche Aktion gegen uns organisiert», sagt er. Für ihn ist Operation Libero «die Soft-Variante von Rezo», wie er sagt. «Mit zwei charmanten Girls, die sagen: ‹I love direkte Demokratie›, ‹I love Schengen›. Sie ist das Anti-SVP-Tool unserer Gegner und wird von ihnen finanziert.»

Operation Libero kontert diese Vorwürfe. «Wir kämpfen für Themen, nicht gegen Parteien», sagt Sprecher Silvan Gisler. «Und unsere Finanzen sind einsehbar. Über 95 Prozent kommen durch Kleinspenden zustande.» Zudem nutze die SVP das Videoformat ebenfalls. Gerade Matter nehme im Format «In den Sümpfen von Bern» regelmässig politische Gegner aufs Korn.

Noch vor Rezo hatte in der Schweiz selbst die Aktion eines Satirikers Wellen geworfen. Stand-up-Comedian Michael Elsener bezeichnete die FDP in «Late Update» von SRF als Kürzel für «Fuck de Planet». Die Klima-Jugendlichen trugen den Vergleich an Demos auf Transparenten mit sich herum. Kurze Zeit später setzte FDP-Präsidentin Petra Gössi zu ihrer spektakulären Klimawende an. Das Reputationsrisiko wurde ihr zu gross. Elsener sei «mit seinem halblustigen Akronym nur ein kleiner Peak der Klimadebatte in der FDP» gewesen, betont Sprecher Martin Stucki. Die Basis habe der Parteispitze längst signalisiert, sie müsse mehr tun.

5000 Macro-Influencer in der Schweiz

5000 Macro-Influencer gibt es in der Schweiz gemäss Fabian Plüss, dem Co-Gründer der Digital-Werbeagentur «Kingfluencers», die spezialisiert ist auf Influencer-Marketing. Sie vertritt 2500 Influencer. «Nur vereinzelte Influencer wie Tamy Glauser äussern sich aber politisch», sagt Plüss. «Sie sind sich bewusst, dass sie sich damit auf dünnes Eis begeben würden.» Themen wie Politik, Religion, Alkohol und Tabak seien meist tabu für sie.

Dennoch gibt es Influencer mit politischer Affinität, denen man in Insiderkreisen Aktionen zutraut. Auch Satiriker wie Hazel Brugger, Patti Basler, Dominic Deville, Michael Elsener und Renato Kaiser gewinnen Einfluss. «Satiriker sind die politischsten Influencer», sagt SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Im Vergleich zu den USA und Deutschland sei die Schweiz dabei, hier aufzuholen.

«Kommunikativer Paradigmenwechsel»

«Das Beispiel von Rezo zeigt, dass es zu einem kommunikativen Paradigmawechsel kommt», sagt Kommunikationsexperte Stüdeli. «Eine Einzelperson mit grosser Reichweite auf den sozialen Medien kann heute wie ein Grossverlag auftreten.» Es sei gut, dass «die geschlossenen Eliten von Politik und Medien» herausgefordert würden, findet SP-Nationalrat Wermuth. «Das darf durchaus auch mal die SP treffen.»

Und was sagt Satiriker Michael Elsener zum «Fuck-de-Planet»-Coup? «Ehrlich gesagt habe ich in diesem Moment einfach gesagt, was ich sagen musste», hält er fest. «Weil ich die CO2-Debatte im Nationalrat derart grotesk fand.» Satire solle in erster Linie unterhalten. «Wenn ich aber mit meiner Satire ein kleines Stück dazu beitragen konnte, dass eine Partei sich hintersinnt und ihre Position an die Verhältnisse der realen Welt anpasst, kann ich künftig abends ein bisschen besser einschlafen», sagt er. «Und einige FDP-Politiker/ innen vermutlich bald auch wieder.» (tam/bzbasel.ch)

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