Schweiz
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Eine Mitarbeiterin des Blutspendedienstes Zuerich hilft einem freiwilligen Spender beim Blutspenden, aufgenommen am 2. Juli 2003 im Blutspendedienst ZH des Limmattal-Spitales in Schlieren. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) === ,  === : FILM]

Seit Samstag dürfen auch Schwule wieder Blut spenden – wenn sie ein Jahr lang keinen Sex hatten.  Bild: KEYSTONE

Ein Jahr kein Sex: Kritik an neuer Blutspende-Regel für Schwule

Seit Samstag dürfen Schwule Blut spenden – nächster Streitpunkt ist die Adoption.

Antonio Fumagalli / Nordwestschweiz



Der zeitliche Zusammenhang ist rein zufälliger Natur – aber die Ereignisse sind für homosexuelle Personen von Bedeutung: Am Freitag beschloss der Deutsche Bundestag die völlige juristische Gleichstellung von Lesben und Schwulen. Und seit Samstag dürfen homosexuelle Männer in der Schweiz Blut spenden.

Hinter beiden Anliegen steckt die Absicht, die Rechte von homo- und heterosexuellen Personen anzugleichen. Doch zumindest in Bezug auf die Blutspende gilt für viele Schwule: «Gut gemeint» ist nicht nicht gleichbedeutend mit «gut.» Daniel Stolz, früherer FDP-Nationalrat und Geschäftsleiter der Aids-Hilfe beider Basel, bringt es auf der Punkt: «Die neue Regelung ist schlicht und einfach ein Witz!»

Nationalrat Daniel Stolz (FDP) referiert an der Politdiskussionsveranstalltung mit Schuelern des Gymnasiums Muensterplatz in Basel am Donnerstag, 3. September 2015. Im Polittalk mit Nationalraeten ging es um die politischen Schwerpunkte zu den Themen, Verkehr, Energie und die Masseneinwanderungsinitiative im Bezug auf die Verhaeltnisse der Schweiz zur EU. (KEYSTONE/Patrick Straub)

Daniel Stolz: «Die neue Regelung ist schlicht und einfach ein Witz!» Bild: KEYSTONE

«Nicht optimale Lösung»

Grund der Aufregung ist die genaue Ausgestaltung der Bestimmung: Wenn ein schwuler Mann Blut spenden will, darf er in den letzten zwölf Monaten keinen Sex mit Männern gehabt haben. «Diese Vorstellung hat wirklich etwas Absurdes», sagt Michel Rudin, Co-Präsident von Pink Cross, dem Schweizer Schwulen-Dachverband. Es sei nicht hinnehmbar und auch nicht realistisch, dass spendewillige Männer ein Jahr lang auf Sex verzichten müssen, nur um ihr Blut geben zu dürfen. «Dabei wollen wir wie alle anderen unseren Beitrag an die Gesellschaft leisten», so Rudin.

Bis anhin waren alle Männer, die seit 1977 Sex mit anderen Männern hatten, von der Blutspende ausgeschlossen. Dies, weil für homosexuelle Männer das Risiko einer HIV-Infektion deutlich höher ist. Aufgrund der verbesserten Testempfindlichkeit und der genaueren Einhaltung von Spendekriterien hat die Aufsichtsbehörde Swissmedic nun aber beschlossen, das Gesuch der Organisation Blutspende SRK Schweiz zu bewilligen und auch Schwule zuzulassen – unter den erwähnten Bedingungen.

Die bittstellende Organisation selbst ist freilich nur bedingt glücklich: «Wirklich optimal scheint diese Lösung nicht, da vermutlich nicht viele schwule Männer davon profitieren können», schrieb Rudolf Schwabe, Direktor von Blutspende SRK Schweiz, Anfang Jahr in einem Newsletter. Er sieht in der neuen Regelung vielmehr einen Zwischenschritt, längerfristig soll das persönliche Risikoverhalten der Männer ausschlaggebend sein.

Mit anderen Worten: Wer in einer monogamen Partnerschaft lebt, soll genauso wie Heterosexuelle Blut spenden dürfen. Für Aids-Hilfe-Geschäftsleiter Stolz wäre damit ein wichtiger Schritt zur Gleichberechtigung vollzogen – ohne die Qualität der Blutspende zu beeinträchtigen. Es sei vielmehr die nun gültige Lösung, die eine Scheinsicherheit vorgaukle. «Theoretisch kann jeder Blutspender lügen – überprüfen kann man das ja nicht», so Stolz.

Recht so: Eltern begleiten ihre Kinder mit bedingungslosem Stolz an die Gay Pride!

Noch ist nicht absehbar, ob die Zulassungsbehörde zu diesem weitergehenden Schritt grünes Licht geben wird. So oder so geht das nicht von heute auf morgen. «Die Erarbeitung der Kriterien ist komplex und dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen», so Schwabe.

Zankapfel Adoption

Unabhängig von der Diskussion rund um die Blutspende erhalten die Anliegen der Homosexuellen aufgrund des Entscheids des Deutschen Bundestag Auftrieb. Eine parlamentarische Initiative der Grünliberalen ist derzeit hängig, der Nationalrat hat dessen Behandlungsfrist soeben verlängert. Ein Gutachten des Bundesamts für Justiz soll nun aufzeigen, welche konkreten Gesetzesänderungen – man spricht von dreissig bis fünfzig – nötig wären, wenn auch in der Schweiz die «Ehe für alle» eingeführt würde.

Strittigster Punkt wird der Zugang zum Adoptionsverfahren sein. Für eine «halbe Lösung», also den Ehebegriff ohne gleichzeitige Adoptionsmöglichkeit, wollen die Interessenvertreter nicht Hand bieten. «Selbstverständlich hat das Kindeswohl oberste Priorität – genauso wie bei Heterosexuellen. Aber es braucht hier für alle Paare die absolute Gleichstellung, sonst ist das nur Etikette», sagt Nationalrat Martin Naef (SP/ZH). 

Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • baba1906 05.07.2017 13:40
    Highlight Highlight Unser Blut ist nicht Homo oder Hetero. HIV ist nicht ein Problem unseres Blutes sondern der Verhütung und des Schutzes. Wie wäre es wenn wir mehr daran machen, statt Minderheiten in einen Topf zu Schmeissen. Dürfen Afrikaner in der Schweiz auch kein Blut spenden, weil es in Afrika stark verbreitet ist? Das wäre Rassismus. Ist ja OK, dass man das Blut gut kontrolliert, aber nicht so willkürlich.
  • Ökonometriker 03.07.2017 12:21
    Highlight Highlight Warum 12 Monate abstinent? 3 Monate keinen neuen Partner würde vollständig ausreichen. Nach 3 Monaten hätten sich detektierbare Antikörper gebildet.

    Warum sollen Homosexuelle nicht adoptieren dürfen?
    Kann mir keinen Grund vorstellen der gegen eine Adoption spricht...
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 03.07.2017 11:50
    Highlight Highlight Was wir alles für Müll zum diskutieren haben im Parlament
    • baba1906 05.07.2017 10:19
      Highlight Highlight Warum ist das Müll? Weil es dich nicht betrifft?
  • Peaches 03.07.2017 11:46
    Highlight Highlight Die frage die sich stellt ist ja, schaffen es heterosexuelle über ein ganzes jahr ohne sex? Und wenn nein, schützen die sich? Auch wenn das risiko um ein vielfaches höher ist, dass homosexuelle eine höhere infektionsrate haben als hetis (siehe @derechteelch), ist das für die monigam lebenden und oder sich schützenden homosexuellen ein affront. Will ich mit einer sexworkerin oder einem notorischen sich-nicht-schützenden fremdgänger in einen topf geworfen werden nur weil ich hetero bin? Wir haben gut funktionierende test und diese sollen angewendet werden. Egal bei wem.
  • Maranothar 03.07.2017 09:16
    Highlight Highlight Das wir darüber tatsächlich immernoch diskutieren müssen -_-
    • Vachereine 03.07.2017 13:46
      Highlight Highlight Ja, du sagst es! Wo doch allgemein bekannt ist, dass die HIV-Infektionsrate unter Schwulen dutzenfach höher ist, als im Rest der Bevölkerung.
      Schwule nicht von der Blutspende fernzuhalten, wäre deshalb fahrlässig und unverantwortlich.
    • baba1906 05.07.2017 13:37
      Highlight Highlight Ich sage nur noch selbst schuld, wenn wir dann wieder mal Blutmangel haben. Schade für die Personen die Blut benötigen. Aber gut schmeissen wir alle Schwule in einen Topf und nennen es nicht Diskriminierung. Ich kann als Schwuler Mann nichts dafür, dass es viele MSM Fälle mit HIV gibt. Nur schon die Einteilung Homo /Hetero geht nicht auf. Wie viele Männer gehen ihren Frauen Fremd. aber die dürfen ja spenden, weil sie "Hetero" sind.
  • derEchteElch 03.07.2017 09:00
    Highlight Highlight Ich zitiere die Deutsche Welle; "Bei Prostituierten ist die Infektionsrate14 Mal höher als bei anderen Frauen. Bei Homosexuellen ist das Risiko 19 mal höher, bei transsexuellen Frauen 50 mal und bei Menschen, die sich Drogen injizieren, ebenfalls 50 mal höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung."

    Die erwähnten, schärferen Massnahmen machen in meinen Augen durchaus Sinn.

    So, und jetzt hatet mich und verteilt ordentlich Blitze. Ist schon klar, dass euch dies nicht passt.
    • Polaroid 03.07.2017 09:35
      Highlight Highlight Ist doch ein Witz, das Blut wird ja sowieso kontrolliert, bei jedem Spender, also kommt es definitiv nicht darauf an
    • rite 03.07.2017 09:36
      Highlight Highlight Ich sehe auch dass das Sinn macht.
      Die Statistik sagt jedoch nichts über die einzelne Person aus.
      Auch eine heterosexuelle Person, welche oft Sexpartner wechselt hat ein erhöhtes Risiko.

      Aber es geht hier auch um homosexuelle Personen in einer dauerhaften Partnerschaft, wo das Risiko wohl wieder gleich ist wie bei heterosexuellen Paaren.
    • atomschlaf 03.07.2017 09:42
      Highlight Highlight @Elch: Darum geht's aber nicht.
      Wenn zwei HIV-negative Homosexuelle in einer monogamen Beziehung leben und nicht mit Dritten Sex haben, dann ist das Infektionsrisiko bezüglich der 12 Monate vor dem Blutspenden genau gleich hoch wie bei Heterosexuellen, nämlich NULL.
    Weitere Antworten anzeigen
  • pamayer 03.07.2017 08:43
    Highlight Highlight Das schaffen ja nicht mal Priester...

    Deutschland geht einen deutlichen Schritt voran, die Schweiz einen grossen zurück.
    Reichtum und Fortschritte stehen sich wohl im Wege.

    Shame on you, Helvetia.
  • Me, my shelf and I 03.07.2017 08:35
    Highlight Highlight Warte, was? Wie will man das denn überprüfen? :D
    Ausserdem was soll man, ausser HiV und anderen Testbaren Krankheiten übertragen können?
    Soweit ich weiss muss man sein Blut vor dem spenden eh testen, also reine diskrininierung?
    • L1am 03.07.2017 09:10
      Highlight Highlight Korrekt, das Blut wird getestet. Wenn du nun HIV-Infiziert bist muss man das Blut entsorgen, dann sind der Aufwand, die Materialkosten und die Personalkosten nicht gedeckt. Da bei homosexuellen Männern die Gruppe der Infizierten prozentual am höchsten ist, werden sie - zur Kostensenkung - ausgeschlossen. Also wurden sie. Aber werden sie ja immer noch.

      Rein wirtschaftlich zu verstehen, menschlich total verachtend und diskriminierend...
    • Bits_and_More 03.07.2017 09:22
      Highlight Highlight Das Problem bei HIV ist, dass erst nach einer gewissen Zeitspanne Antikörper gebildet werden, auf welche bei einem Test geprüft wird. Sprich in einer kurzen Zeitspanne ist das Blut mit HIV infiziert und kann auch andere Menschen infizieren, aber es kann nicht nachgewiesen werden.


    • Madison Pierce 03.07.2017 09:32
      Highlight Highlight Überprüfen kann man das nicht. Aber da die Blutspende nicht bezahlt wird, darf man davon ausgehen, dass nur charakterlich gefestigte Menschen spenden gehen und nicht lügen.

      Eine gewisse Karenzzeit zwischen letztem Verkehr mit neuem Partner und Blutspende ist notwendig, da die Tests nicht sofort anschlagen. Zudem gibt es bei Tests immer ein (sehr kleines) Risiko falsch negativer Resultate.

      Ein Jahr scheint mir als Laien aber schon sehr lange: der PCR-Test auf Viren ist nach einer Woche zuverlässig, der Antikörpertest nach drei Monaten. Wie man da auf ein Jahr kommt ist mir schleierhaft.
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Kommentar

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