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Alle wollen nach Hause: Schlange am Ticketschalter am Flughafen Agadir. bild: zvg

Komplett auf sich alleine gestellt – diese 6 Schweizer versuchen, nach Hause zu kommen

Geschlossene Flughäfen, Ausgangssperren, Informationschaos: Tausende Schweizer stecken zurzeit im Ausland fest. Das EDA überlässt sie momentan noch mehrheitlich sich selbst. watson hat mit sechs betroffenen Schweizern gesprochen, darunter auch mit unserem Nachtredaktor in Thailand.



«Schweizerinnen und Schweizer, die in die Schweiz zurückkehren wollen, müssen sich nun beeilen.» Mit diesen dramatischen Worten forderte Bundesrat Ignazio Cassis am Dienstag in einer Videobotschaft alle Schweizer im Ausland dazu auf, nach Hause zu kommen. Ansonsten laufen sie Gefahr, im Ausland blockiert zu bleiben.

Video: twitter

Diese Gefahr wurde bereits für viele zur Realität. Genaue Zahlen, wie viele Schweizer zurzeit im Ausland sind, gibt es nicht. Auf der Plattform Itineris des Aussendepartements (EDA) haben sich zurzeit rund 15'000 Personen registriert. Im Krisenfall können diese so besser lokalisiert und kontaktiert werden. Es dürften sich jedoch längst nicht alle Schweizer auf Itineris registriert haben.

Doch auch wenn man registriert ist: Auf zusätzliche Hilfe vom Staat kann man zurzeit nicht zählen. Das EDA beharrt momentan auf dem Standpunkt, dass grundsätzlich alle Schweizerinnen und Schweizer im Ausland selber für ihre Rückkehr verantwortlich sind:

«Gemäss Auslandschweizergesetz gibt es kein Anrecht auf eine organisierte Ausreise aus einem Krisengebiet oder einer Krisensituation.»

Nur wenn es nicht mehr anders geht, kann der Bund versuchen, zu helfen. So geschehen in Marokko vor ein paar Tagen: Für die Ausreise von Schweizerinnen und Schweizern aus Marokko hätten diplomatische Schritte unternommen werden müssen. Am Dienstag sind mehrere Flüge von Fluggesellschaften mit Schweizer Sitz durchgeführt worden.

Die Reisenden waren jedoch selbst verantwortlich für die Buchung und mussten auch die Kosten für den Flug tragen. Der Ansturm war riesig, nicht jeder konnte ein Billett ergattern, und so sind immer noch viele Schweizer in Marokko.

watson hat mit sechs Personen gesprochen, die momentan im Ausland feststecken und versuchen, in die Schweiz zurückzukommen.

Laura Binkert, Marokko

Ich arbeite in einem Surfcamp in der Nähe der Küstenstadt Agadir. Geplant war, dass ich bis im Mai hier bleibe. Doch obwohl die Situation hier mit nur wenigen Corona-Fällen noch nicht so schlimm ist, hat sich die Lage seit letzter Woche extrem zugespitzt.

Die Leute hier haben Angst vor uns Europäern, wir werden gemieden. Wir haben ein Ausgangsverbot gekriegt im Camp. Nun sitzen hier Leute aus ganz Europa fest. Für uns war schnell klar: Wir müssen nach Hause.

Es sind viele Informationen im Umlauf, die Situation ist sehr unübersichtlich und chaotisch. Der örtliche Polizeichef ist kürzlich zu uns gekommen und hat uns erzählt, dass der Flughafen bald den Betrieb einstellt. Daraufhin haben wir unseren Botschaften geschrieben.

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Lange Schlangen am Flughafen Agadir. Bild: zvg

Die deutsche Botschaft leistet richtig gute Arbeit: Sie kümmern sich um Umbuchungen und lassen ihre Leute genau wissen, wann sie genau wohin müssen. Viele Deutsche konnten so schon nach Hause. Vom EDA fühle ich mich ein bisschen alleine gelassen. Ich habe mich auf der Plattform Travel Admin registriert und ich habe einige Mails mit Flügen gekriegt, diese waren jedoch nach wenigen Minuten ausgebucht. Das EDA liess uns wissen, dass die Rückreise in unserer eigenen Verantwortung liegt.

Nun stehe ich gerade am Flughafen in Agadir, ich habe die Info bekommen, dass heute der letzte Flug stattfindet. Ich habe kein Ticket und warte seit drei Stunden vor dem Swissport-Schalter. Ich weiss nicht, ob ich nach Hause fliegen kann. Falls es nicht klappt, weiss ich auch nicht mehr, was ich machen soll. Vielleicht probiere ich es in Marrakesh, vielleicht harre ich einfach weiter im Camp aus.

Emil Schaad, Peru

Ich bin Anfang letzte Woche nach Peru gekommen. Ich dachte zuerst, ich würde vor dem Coronavirus fliehen. Urplötzlich hiess es jedoch, dass der Notstand ausgerufen wurde, inklusive Zwangsquarantäne. Für 14 Tage. Auch die Grenzen wurden geschlossen.

An diesem Tag, als die Regierung ihre Entscheidung getroffen hat, machten wir einen Tagesausflug. Ich habe also erst spät abends von den Massnahmen erfahren. Es hiess, dass wir einen Tag Zeit hätten, um das Land zu verlassen. Ich befinde mich jedoch in einem kleinen Fischerdörfchen, zehn Stunden Busfahrt von der Hauptstadt Lima entfernt. Es wäre unmöglich gewesen.

Ich habe am gleichen Tag mit der Botschaft in Lima geredet. Die haben mir auch gesagt, dass ich einfach dort bleiben sollen, wo ich gerade bin. Rückführungsoptionen gäbe es momentan keine. Also blieb ich in meinem Hostel.

A Marine wearing a protective mask as a precaution against the spread of the new coronavirus stands guard to keep the streets cleared, in Lima, Peru, Tuesday, March 17, 2020. Peru's President Martin Vizcarra has declared a state of emergency, ordering citizens to stay in their homes and temporarily suspending certain constitutional rights, to contain the spread of coronavirus. The vast majority of people recover from the new virus. (AP Photo/Rodrigo Abd)

Eine Wache patrouilliert auf den Strassen Limas, Peru. Bild: AP

Wir haben keine Chance, irgendwo hinzugehen. Das Militär und die Polizei patrouillieren auf der Strasse und schicken dich wieder nach Hause, wenn du draussen bist.

Ich hoffe, dass dieser Lockdown tatsächlich nur zwei Wochen dauert. Dann wäre das Ganze nicht so schlimm. Ist ja eigentlich sehr schön hier. Die Vorstellung, länger als zwei Wochen in Quarantäne zu bleiben, behagt mir jedoch nicht so sehr. Da hoffe ich schon, dass es irgendwann vielleicht eine Rückführaktion geben wird.

Lea Ernst, Sri Lanka

Ich befinde mich gerade in der Hauptstadt Sri Lankas, Colombo. Ich arbeite hier für eine Non-Profit-Organisation. Die Leute in Sri Lanka haben das Virus von Beginn weg nicht auf die leichte Schulter genommen. Sie haben Angst, ja sogar Panik. Vor einer Woche fing es jedoch an, richtig ernst zu werden. Auch wenn es noch nicht viele Fälle gibt hier.

Meine Firma hat komplett dicht gemacht, niemand wird mehr bezahlt. Wir haben sofort probiert, einen Rückflug zu buchen. Vergebens. Das Problem: Es sind unglaublich viele Fake News im Umlauf. Es wurde gesagt, dass der Flughafen den Betrieb eingestellt hat. Dann wurde erzählt, dass zwar noch Flugzeuge ankommen, die Abflüge jedoch gestrichen wurden. Aber das kann ja auch nicht sein. Als Normalsterblicher blickst du da überhaupt nicht mehr durch.

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Social Distancing lässt sich nur schwer umsetzen in Sri Lanka. Bild: lea ernst

Ich habe einen Flug nach Dubai gebucht, am nächsten Tag entschied man sich dort jedoch, keine Transitreisenden mehr durchzulassen. Wir wären also hängen geblieben. Das EDA hat uns gesagt, dass es noch Flüge gäbe. Solange dies noch so ist, würden sie nichts unternehmen.

Morgen kommt eine leere Edelweiss-Maschine, um Schweizer abzuholen. Dieser Flug ist aber bereits restlos ausgebucht. Nun sitze ich mit meinem Freund in meiner Wohnung und wir wissen nicht recht, wie es weitergehen soll. Wir machen seit vier Tagen einen David-Lynch-Marathon. Die Einheimischen, die eigentlich extrem freundlich sind, mögen uns nicht mehr. Sie haben Angst. Tuk-Tuks fahren schnell weg, wenn sie uns erblicken.

Meine letzte Hoffnung ist das Flug-Team meiner Firma. Die sind gerade mit Hochdruck daran, einen Flug für mich zu finden.

Reto Gmür, Oman

Wir waren im Oman in den Ferien, mussten jetzt aber eine Woche früher abbrechen. Aktuell sind wir in Dubai und warten auf unseren Anschlussflug nach Zürich. Das sollte klappen.

Gestern haben wir aber drei Stunden mit dem Reisebüro hin und her geschrieben. Schlussendlich mussten wir Business-Flüge buchen, weil es sonst keine Möglichkeit für einen Rückflug gegeben hätte. Die Entwicklungen in der Schweiz haben wir aus der Ferne mitgekriegt.

Der Oman ist noch nicht so weit, aber heute haben wir in der Zeitung gelesen, dass sie auch dort Strände, Shoppings-Malls und alle weiteren Geschäfte schliessen werden. Wir sind froh, haben wir es noch rechtzeitig rausgeschafft. Und warten nun mit einem etwas mulmigen Gefühl auf unseren Flug nach Zürich.

FILE - In this Friday, Feb. 28, 2020, file photo, a tennis fan wearing a facemask waits for the start of the semifinal matches of the Dubai Duty Free Tennis Championship in Dubai, United Arab Emirates. The ATP called off all men's professional tennis tournaments for six weeks because of the COVID-19 pandemic, but a WTA spokeswoman told The Associated Press on Thursday, March 12, 2020, that the women's tour was not immediately prepared to do the same.  (AP Photo/Kamran Jebreili, File)

Ein Tennis-Fan mit Gesichtsmaske in Dubai. Bild: AP

Martin Rothenfluh, Peru

Ich sitze aktuell in Peru fest. Von einem Tag auf den anderen ging hier nichts mehr. Gestern hätte ich noch in die Schweiz fliegen können, heute ist das nicht mehr möglich.

Am Flughafen in Lima herrscht Chaos. Ich habe von Leuten gehört, die dort übernachten. Auf den Strassen patrouilliert das Militär. Ich hatte das riesige Glück, ins Gespräch mit ein paar Einheimischen zu kommen, die haben mich bei sich aufgenommen. Hier bleibe ich nun solange, bis ich mehr weiss.

Ich habe mich bereits mit der Schweizer Botschaft in Peru in Kontakt gesetzt. Auch mit meinem Reisebüro bin ich in Kontakt. Aber vieles ist gerade sehr unklar und chaotisch. Mir bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten – keine Ahnung, wann ich zurück in die Schweiz fliegen kann.

Julian Wermuth, watson-Nachtredaktor in Thailand

Am 1. März fing ich meine neue Stelle als Nachtredaktor an. Arbeitsort: Wo immer ich will, Hauptsache die Zeitverschiebung ist gross genug. Ich hab mich also nach Thailand begeben und postete die nächsten Tage hämische Selfies von Arbeitsplätzen direkt am Meer. «Machsch der kei Sorge wegem Corona?» – «Nei, voll easy, die hend sitm Januar en Astieg vo 1 uf 50 Fäll.»

Zuerst hiess es noch, das Virus würde die warmen Temperaturen in Südostasien nicht überleben. Und dank rigorosen Massnahmen verbreitete sich das Virus hier nicht so. Der Nachteil davon: Land nach Land riegelte die Grenzen ab. Und mir stellte sich die Frage: Wo kann ich überhaupt noch hin?

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Damit ist bald Schluss: Julians Arbeitplatz in Thailand. Bild: julian wermuth

Dann kam da plötzlich diese Woche. Aus 117 Fällen in Thailand sind auf einmal 270 geworden. Einreisebestimmungen wurden verschärft, dann Bars und Unterhaltungsstätten geschlossen. Die ersten Provinzen haben abgeriegelt. Ich sitz jetzt momentan auf Koh Phangan und hoffe, dass sie die Insel nicht absperren, es gibt Gerüchte über Fälle in einem Hostel. Sicher sind aber Locals sowie Expats: Der Lockdown wird kommen, die Frage ist nur wann.

Morgen geht meine Fähre nach Koh Samui. Am Samstag fliege ich von dort heim. Mal schaun, ob ich's noch rechtzeitig in die Schweiz schaffe. Angst vor dem Virus hab ich keine, aber die Ungewissheit, ob man plötzlich in einem fremden Land unter Quarantäne steht, geht einem schon an die Substanz.

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quelle: epa / massimo percossi
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