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Interview

Kommen die Mexikaner jetzt in die Schweiz? 37 naive Fragen zur Trump-Wahl



Philipp Löpfe, das Undenkbare ist Realität geworden: Donald Trump ist Präsident. Müssen wir uns auf ungemütliche vier Jahre einstellen?
Philipp Löpfe: Ja, global gesehen schon. Aber wirtschaftlich ist die Schweiz nur indirekt betroffen.

Streitgespräch Mindestlohn, 16. April 2014, Oswald Grübel, Philipp Loepfe

watson-Wirtschaftsjournalist Philipp Löpfe. Hier kann man ihm folgen.

Indirekt tönt erstmal erleichternd. Aber sind die USA nicht ein wichtiger Handelspartner der Schweiz?
Ja, sogar der zweitwichtigste Handelspartner bei den Warenexporten.

Und trotzdem nur indirekt betroffen?
Wir exportieren vor allem Pharmaprodukte in die USA. Trump hat kein Interesse, daran etwas zu ändern. Unter Hillary Clinton wäre das im Gegenteil anders gewesen.

Wieso das?
Weil Clinton angekündigt hatte, die Pharma-Produkte stärker zu besteuern. Das hätte die Margen gedrückt.

«Es herrscht eine grosse Unsicherheit an den Märkten.»

Und Trump?
Trump will ja vor allem chinesische und mexikanische Billig-Exporte verhindern. Die Schweiz steht da nicht im Fokus.

Aufatmen also!
Ganz so einfach ist es nicht.

Wie jetzt?
Auf die Finanzmärkte zum Beispiel werden turbulente Zeiten zukommen. Der Dollar wird sich abschwächen und bis sich das einpendelt, wird es eine Weile dauern. Generell herrscht jetzt eine grosse Unsicherheit an den Märkten. 

Bin ich direkt betroffen?
Das kommt darauf an, ob du investiert hast.

Leider nein.
Dann bist du unmittelbar nur über den Wechselkurs betroffen.

Wechselkurs, das bedeutet, der Franken ist gegenüber dem Dollar stärker geworden. Was heisst das nun für den Christmas Shopping Trip nach New York?
Das ist wunderbar. Der teure Franken bewirkt, dass du alles billiger kaufen kannst. Als ökologisch bewusster Mensch sollte man aber eigentlich auf Christmas Shopping verzichten.

Jaja, schon. Es geht ja nicht um mich, sondern um Freunde von mir. Aber dann ist eigentlich alles gut, oder?
Nein, wenn sich der Dollar abschwächt, steigt der Druck auf den Franken. Und weil die Schweiz eine extrem exportorientierte Volkswirtschaft ist, muss die Nationalbank auf dem Devisenmarkt intervenieren. Wenn das nicht mehr reicht, werden die Negativzinsen tiefer.

Das heisst, ich muss dafür bezahlen, dass ich mein Geld auf dem Konto aufbewahre, oder?
Theoretisch ja, aber die Banken werden alles daransetzen, das zu verhindern. Man dachte, die Negativzinsen werden sich nächstes Jahr abschwächen. Vielleicht müssen diese Voraussagen unter dem Vorzeichen Donald Trump jetzt geändert werden.

Es sieht also nicht gerade rosig aus. Gibt es Grund zu Optimismus?
Es ist durchaus möglich, dass durch die Wahl Trumps kurzfristig ein Boom ausgelöst wird.
Immerhin hat er massive Steuersenkungen und Infrastrukturinvestitionen in Aussicht gestellt. Nur: Wie das bezahlt werden soll, weiss niemand.

Nehmen wir an, das Geld fiele vom Himmel. Würde sich ein Boom auch auf die Schweiz positiv auswirken?
Klar, als grösste Volkswirtschaft haben die USA Auswirkungen auf die ganze Welt. Umgekehrt ist Trump bekennender Protektionist, will also den eigenen Markt schützen. Die Welt ist aber als globale Wertschöpfungskette organisiert, und wenn diese Kette unterbrochen wird, dann stottert der Wirtschaftsmotor auf der ganzen Welt.

Wir haben von Unsicherheiten an den Märkten gesprochen. Unsicherheit herrscht auch bei den Muslimen und den illegalen Einwanderern. Trump sprach von Deportationen, Einreisesperren und Mauern.
Es wird sich zeigen, ob Trump seine Wahlversprechen in die Realität umsetzt. Beobachter sagen: Der Kandidat Trump und der Präsident Trump: Das ist die gleiche Person.

Wird Trump die Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen?

Angenommen, er tut es. Werden wir dann mit einem Zustrom von mexikanischen Billiglohnarbeitern konfrontiert?
Nein, die Personenfreizügigkeit gilt ja nur zwischen der Schweiz und der EU.

«Mit Trump als US-Präsident wird die Welt zumindest nicht sicherer.»

Und was ist mit all den enttäuschten Amerikanern, die jetzt auswandern möchten? Kommen die in die Schweiz und nehmen uns die Jobs weg?
Trump ist im Silicon Valley tatsächlich unbeliebt. Ob deswegen massenhaft US-Amerikaner auswandern werden, ist schwierig zu sagen. Aber Trump ist rachsüchtig. Wäre ich Journalist, linksliberal und mit einem Funken Anstand, es wäre mir nicht so wohl in diesem Land.

Ah, Journalisten! Mein Job ist also in Gefahr!
Halt halt, auch hier gilt: Es gibt strenge Kriterien bei Arbeitssuchenden aus Drittstaaten. Sie müssen bestens qualifiziert sein, es darf keine Inländer oder EU/Efta-Bürger geben, und es gibt Höchstzahlen. 

Gut, ich bin überzeugt, Amerikaner klauen uns also nicht die Stellen. Kommen sie denn noch als Touristen, das Matterhorn fotografieren und Heidi-Käse kaufen?
Es werden sicherlich weniger sein. Der starke Franken macht den Amerikanern einen Strich durch die Rechnung. 

Donald Trump, who cares – das Leben geht weiter ...

Wird Präsident Trump die Welt eigentlich unsicherer machen?
Sagen wir es so, mit Trump als US-Präsident wird die Welt zumindest nicht sicherer.

Können wir konkreter werden?
Schauen wir nach Syrien. Dort könnte eine neue humanitäre Katastrophe drohen. Und zwar dann, wenn Trump militärisch ähnlich unsensibel vorgeht wie Putin – und das ist durchaus im Bereich des Möglichen. Die Folge wären neue Flüchtlingsströme nach Europa und auch in die Schweiz.

«Unsere Welt ist zu fragil, als dass die Politik von starken Männern mit einem angeknacksten Ego abhängen könnte.»

Apropos Putin: Wie geht das eigentlich so mit Putin und Trump?
Putin hätte gerne wieder ein bipolares Weltsystem wie zu Zeiten der Sowjetunion. Aber Russland ist keine Welt-, sondern nur noch eine Regionalmacht. Für die USA spielt Russland jedenfalls wirtschaftspolitisch keine grosse Rolle.

Putin würde also gerne, kann aber nicht, Trump kann zwar, will aber nicht. Ist das jetzt gut oder schlecht?
Es ist vor allem gefährlich, weil es sich sowohl bei Putin als auch bei Trump um Dealmaker handelt.

Dealmaker?
Etwas überzeichnet dargestellt: Ihre Aussenpolitik funktioniert so, dass sie zusammen an einen Tisch hocken und die Welt unter sich verhandeln. Und dabei will natürlich keiner sein Gesicht verlieren. Trump, Putin, übrigens auch Erdogan haben alle ein viel zu grosses Ego. Aber so wird heute Politik nicht mehr gemacht. Unsere Welt ist zu fragil, als dass die Politik von starken Männern mit einem angeknacksten Ego abhängen könnte.

Video: watson.ch

Das tönt kompliziert. Wie sieht es mit der diplomatischen Beziehung zwischen der Schweiz und der USA aus?
Da wird sich nicht viel ändern. Die Schweiz ist schlicht zu wenig wichtig, als dass sie in der Prioritätenliste von Trump weit oben wäre. Eventuell wird sie bei den Atomverhandlungen mit Iran Aufmerksamkeit erhalten.  

Wieso das?
Weil Trump Obamas Atomdeal mit dem Iran rückgängig machen will und die Schweiz dort nach wie vor die Interessen der USA vertritt.

Diese Promis sind entsetzt über Trumps Wahlerfolg

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Was ist mit dem Kampf gegen die Klimaerwärmung?
Das wird eine Katastrophe. Trump hat schon herumposaunt, das Pariser Abkommen, das eh schon mit Ächzen und Würgen zustande gekommen ist, kündigen zu wollen. Und dann wird gefrackt, dem Teufel ein Ohr ab.

Können wir die Energiewende in der Schweiz also in die Tonne kippen?
Nein, das wäre übertrieben. Aber klar, globale Rückschläge im Kampf gegen die Klimaerwärmung wirken sich auch auf der nationalen Ebene aus.

Wird Trump Amerikas Rolle im Klimaabkommen von Paris nachverhandeln?

Was ist eigentlich mit den Benzinpreisen? Kann ich meinen SUV noch mit Bleifrei 98 vollpumpen oder muss ich jetzt auf 95 umsteigen?
Sehr sehr schwierig. Der schwache Dollar spricht zwar für einen tiefen Preis, ebenso das hemmungslose Fracking. Umgekehrt ist das Fracking erst ab 50 Dollar pro Barrel interessant. Es hängt aber auch davon ab, ob sich die USA und Saudi-Arabien auf einen Deal bei der Fördermenge einigen. Und ob der Atomdeal mit Iran tatsächlich gekündigt wird ...

«In den USA sind dunkle Zeiten für Muslime angebrochen.»

Puh ... kommen wir zu etwas leichterem. Die Bankenwelt! Haben wir mit einem Präsident Trump noch Steuer-Gezänk?
Der Streit zwischen USA und der Schweiz ist mehr oder weniger ausgestanden. Die Schweizer Banken nehmen mittlerweile gar keine US-Kunden mehr an, weil sie die Schnauze voll haben von den strengen Regulierungen. Vielleicht sieht das Trump lockerer, aber es wird sicher nicht seine erste Amtshandlung sein.

Und was ist mit dem globalen Bankensystem?
Da haben wir das gleiche Problem wie bei der Supply Chain: Mit einem Protektionisten an der Spitze der mächtigsten Volkswirtschaft der Welt könnte das Bankensystem, der Weichteil der Wirtschaft, empfindlich getroffen werden.

Muss man sich als Doppelbürger Sorgen machen?
Nein, ausser du bist Muslim.

Ok, tun wir so als ob. Was wäre dann?
Sagen wir es so: Dann würde ich nicht zum Weihnachtsshopping nach New York. In den USA sind dunkle Zeiten für Muslime angebrochen. Islam ist in den USA mittlerweile Codewort für offenen Rassismus. Aber auch als Latino und Schwarzer bist du nach diesen Wahlen in den USA schlechter gestellt. Von den Frauen ganz zu schweigen.

Trump ist auch ein Gegner der Schwulenehe und der Abtreibung. Wird es einen konservativen Backlash geben und wird der auch in der Schweiz spürbar werden?
Ich glaube nicht. Trump gehört nicht dem evangelikalen Flügel der republikanischen Partei an. Er hat selber ein extrem hedonistisches Leben geführt, eine totale Kehrtwende wäre völlig unglaubwürdig. Aber mittelbar könnte die Wahl schon einen Einfluss haben auf gesellschaftspolitische Fragen haben.

Wie?
Indem rechtspopulistische, konservative Bewegungen und Parteien Auftrieb erhalten. Marine Le Pen und Co. haben Trump schon gratuliert und in der Schweiz haben Blocher und Köppel den Kampf gegen die Eliten schon angekündigt. 

Wie sieht es mit Reise- und Sicherheitsbestimmungen aus? Werde ich mich beim nächsten US-Trip bis auf die Unterhosen ausziehen müssen?
Nein, aus einem einfachen Grund: Viel rigoroser als jetzt geht es fast nicht mehr.

Kann man sich als Schweizer eigentlich freuen über die Wahl Trumps?
Ja, wenn man ein Weltbild wie die SVP hat.

Des einen Freud ist des anderen Leid ...

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