Schweiz
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Bundesrat Alain Berset fordert kantonal st

«Wer nicht in der Verantwortung steht, kann einfach kritisieren», sagt Gesundheitsminister Alain Berset. Bild: sda

Interview

Bundesrat sagt, er glaube an Wende mit neuen Corona-Massnahmen

Zuversicht statt Depression: Der Schweizer Gesundheitsminister zeigt sich im ausführlichen Interview überzeugt, dass die jüngsten Verschärfungen wirken.

maja briner, doris kleck / ch media



Herr Bundesrat Berset, glauben Sie immer noch an die Eigenverantwortung der Schweizer?
Alain Berset:
Ja. Wir können und wollen nicht, dass die Polizei hinter jeder Einwohnerin, jedem Einwohner her ist. Wir brauchen in dieser zweiten Welle Gemeinsinn und gesunden Menschenverstand. Eigenverantwortung funktioniert, aber in dieser zweiten Welle brauchen wir auch neue Regeln.

Deutschland und Frankreich haben weniger Neuinfektionen als die Schweiz, ergreifen aber drastischere Massnahmen. Weshalb ist der Schweizer Weg der richtige?
Wir wollen die Kontrolle über das Virus zurückgewinnen, ohne wieder Betriebe schliessen zu müssen. Das ist ein Mittelweg. Er bedingt, dass die Bevölkerung Verantwortung übernimmt und die Massnahmen mitträgt. Wir haben keine Garantie, dass dieser Weg funktioniert. Wenn die Neuinfektionen nicht zurückgehen, wird der Bundesrat die Massnahmen verschärfen.

Im Gegensatz zu den Deutschen bekommen wir keine Perspektive: Die Massnahmen gelten unbeschränkt. Wäre «kurz, aber heftig» nicht besser?
Ungewissheit ist ein Merkmal einer Pandemie. Seit dem Frühling haben wir viel gelernt. Wir wissen, wie wir uns schützen können. Aber wir wissen nicht, wie die Bevölkerung reagiert und es gibt immer noch viel über das Virus zu lernen. Wir haben Regeln, die zur Schweiz passen, und damit sind wir bisher nicht schlecht gefahren. Aber eigentlich verfolgen alle Länder die gleiche Strategie.

Nämlich?
Es gibt nur eine Art, um das Virus zu bremsen: Wir müssen unsere Kontakte einschränken, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Die Grundregeln sind überall gleich: Händehygiene, Abstand halten, Masken tragen und Kontakte zu anderen Menschen möglichst einschränken.

«Ich bin weit davon entfernt, die Situation verharmlosen zu wollen.»

Die weiteren Massnahmen sind jedoch sehr unterschiedlich. Deutschland schliesst Restaurants, Theater, verbietet den Binnentourismus.
Der Bundesrat will zurzeit nicht noch härtere Massnahmen. Am Ende funktioniert jede Strategie nur dann, wenn sie von der Bevölkerung mitgetragen wird. Wir wollen die Menschen überzeugen und haben weniger Verbote als andere Länder.

Die wissenschaftliche Taskforce sagt, es brauche Massnahmen bis im März, April. Worauf müssen wir uns einstellen?
Wir wollen keinen Jo-Jo-Effekt: Alles schliessen, wenn die Zahlen hoch sind, und dann wieder öffnen, wenn sie tief sind. Und das wiederholt. Der Bundesrat will den Menschen in den nächsten Monaten eine gewisse Stabilität geben. Daher: Ja, die Massnahmen werden lange bleiben, aber vielleicht nicht alle.

Genügen die Massnahmen im Hinblick auf die Hospitalisationen? Oberfeldarzt Stettbacher sagte diese Woche, in zehn Tagen seien die Intensivbetten knapp.
Ich bin weit davon entfernt, die Situation verharmlosen zu wollen. Ziel des Bundesrates ist es, die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Er hat momentan jedoch den Eindruck, dass wir die Situation mit den beschlossenen Massnahmen meistern können. In gewissen Spitälern sind die Intensivbetten bereits stark belegt, das kommt immer wieder vor. Die Frage ist, ob die Spitäler in der Lage sind, sich anzupassen.

Inwiefern?
Die Kantone sollten endlich alle nicht notwendige Eingriffe verschieben. Das gilt auch für diejenigen Kantone, bei denen es noch nicht ganz so angespannt ist. Wir können doch nicht die ganze Wirtschaft runterfahren, nur damit die Spitäler Wahleingriffe vornehmen können! Dazu kommt, dass die Auslastung der Spitäler nicht überall gleich ist. Einzelne sind am Limit, doch es gibt die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten in andere Spitäler zu verlegen. Klar ist aber auch: Die Kapazitäten in den Spitälern sind nicht unendlich. Deshalb haben wir auch Massnahmen ergriffen, die wirklich einschneidend sind.

«Die Bevölkerung kann Corona – das stimmt immer noch. Wir wissen, wie wir uns schützen können: Abstand, Händehygiene, Masken.»

Der Engpass ist das Gesundheitspersonal. In gewissen Kantonen müssen coronainfizierte Pflegende arbeiten. Das ist ein Alarmzeichen.
Ja, das stimmt. Das Personal kann man nicht einfach so aufstocken. Hinzu kommt, dass es wegen Corona zu Ausfällen kommen kann. Das Spitalpersonal scheint sich zwar nicht häufiger anzustecken als die Gesamtbevölkerung. Trotzdem kann es rasch Engpässe geben, wenn zu viele in Isolation oder Quarantäne müssen. Das Personal arbeitet hart und viel.

Sie haben im Mai gesagt: «Wir können Corona.» Inzwischen ist die Schweiz ein Hotspot in Europa. Was ist schiefgelaufen?
Die Bevölkerung kann Corona – das stimmt immer noch. Wir wissen, wie wir uns schützen können: Abstand, Händehygiene, Masken. Alle müssen diese Kompetenzen nun wieder sorgfältig umsetzen.

«Das, was uns – und auch die Experten – am meisten überrascht hat, war der Zeitpunkt des starken Anstiegs.»

Das Contact-Tracing funktioniert teils nicht mehr. Hat sich die Schweiz zu wenig gut vorbereitet?
Gerade das Contact-Tracing haben die Kantone massiv ausgebaut, die Waadt zum Beispiel von null auf 200 Personen. Leider haben das nicht alle getan. Was die Zusammenarbeit mit den Kantonen anbelangt, haben wir im August mit der Vorbereitung der Strategie begonnen. Ab Anfang Oktober, als die Zahlen rasch stiegen, konnten wir diese umsetzen.

Trotzdem: Die Zahlen stiegen seit Anfang Oktober schnell an. Wissenschafter sagen, sie hätten diesen raschen Anstieg vorhergesehen. Weshalb hat der Bundesrat erst diesen Mittwoch reagiert?
Wer nicht in der Verantwortung steht, kann einfach kritisieren. Ich kann die Verantwortung nicht weiterschieben, ich werde mit dem Bundesrat die volle Verantwortung übernehmen müssen.

Der Bundesrat war nicht zu spät?
Unsere Massnahmen kommen noch im richtigen Moment. Wir wollen nicht in Panik und Alarmismus verfallen. Übrigens: Das, was uns – und auch die Experten – am meisten überrascht hat, war der Zeitpunkt des starken Anstiegs. Es gibt Wissenschafter, die noch gegen Ende September sagten, die Schweiz sei gut unterwegs. Ich habe am 7. Oktober den Bundesrat informiert, dass die Infektionen stärker am Steigen sind. Eine Woche später habe ich gesagt, dass wir rasch handeln müssen – in diesem Moment hatte ich noch keine Warnung von der wissenschaftlichen Taskforce. Diese hat erst am 16. Oktober vor einer raschen Verdoppelung gewarnt. Am 18. Oktober hat der Bundesrat Massnahmen beschlossen und die Kantone aufgerufen, zu handeln. Die Kantone haben daraufhin sehr viel gemacht - nicht alle, das haben wir auch gemerkt.

Wie zum Beispiel Zürich.
Das hat mich überrascht. Natürlich, wir hätten uns ein anderes Signal erhofft in diesem Moment. Schliesslich sieht sich Zürich als Taktgeber.

«Man kann nicht den Föderalismus die ganze Woche loben – und am Sonntag sagen: Jetzt wollen wir ihn nicht mehr.»

Die Berner Regierung befand diese Woche, die Massnahme kämen zu spät und gingen zu wenig weit.
Andere Rückmeldungen waren positiv.

Wäre es nicht konsequent, dass der Bund wieder die Führung übernimmt und die ausserordentliche Lage ausruft?
Bund und Kantone bekämpfen gemeinsam die Pandemie. Dank dem Covid-Gesetz haben wir nun wohl alle nötigen gesetzlichen Voraussetzungen für die notwendigen Massnahmen.

Es gibt doch ein kommunikatives Problem: Die Bürger kennen die Bundesräte besser als ihre Regierungsräte. Das Wort aus Bern hat mehr Gewicht.
Man kann nicht den Föderalismus die ganze Woche loben – und am Sonntag sagen: Jetzt wollen wir ihn nicht mehr. Das ist unser politisches System. Auch in der besonderen Lage kann der Bundesrat zudem sehr viele Massnahmen beschliessen.

Wieso hat es so lange gedauert mit den Schnelltests?

Die Positivitätsrate in der Schweiz ist sehr hoch. Haben Sie eine Erklärung, warum die Schweizer so testfaul sind?
Wir sind mit rund 30'000 Tests pro Tag an unserer Kapazitätsgrenze. Wir müssen noch mehr testen.

Wie lange reichen die Tests?
Wir sind sehr froh über die Schnelltests, die ab nächster Woche eingesetzt werden. Hoffentlich steigt dadurch auch die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich testen zu lassen. Im Moment müssen die Leute an manchen Orten viel zu lange warten, bis sie einen Test machen können – und bis sie das Resultat haben. Dieses muss innerhalb von 24 Stunden vorliegen, alles andere ist zu lang.

Wieso hat es so lange gedauert mit den Schnelltests?
Es hat nicht lang gedauert.

Andere Länder setzen sie schon ein.
In gewissen Ländern mussten Schnelltests wieder vom Markt genommen werden, weil ihre Genauigkeit unter 50 Prozent lag. Wir mussten die Qualität der Tests prüfen und haben parallel dazu eine Strategie festgelegt. Die bisherigen PCR-Tests sind für das Gesundheitspersonal und die besonders gefährdeten Personen. Die Schnelltests für alle anderen. Wenn ein Schnelltest positiv ist, dann ist vorgesehen, dass man in gewissen Fällen noch einen PCR-Test macht, um ganz sicher zu sein. Das wird komplizierter für das Meldesystem und die Statistik. Es wird schwierig werden, die Entwicklung der Zahlen nach Einführung der Schnelltests zu vergleichen.

Das heisst, die Fallzahlen werden wegen der Schnelltests nochmals explodieren?
Wenn man die Testkapazitäten ändert und den Zugang zu den Tests vereinfacht, hat das sicherlich Auswirkungen – wie stark, kann ich heute nicht sagen.

Sie waren im Frühling fast ein Held, jetzt werden Sie scharf angegriffen. Macht Ihnen diese Kritik zu schaffen?
Nein. Ich überbewerte Rückmeldungen nicht, egal ob sie positiv oder negativ sind. Ich mache einfach meinen Job.

Sie sind erneut im Krisenmodus. Im Frühling haben Sie die Serie «Narcos» geschaut, um abzuschalten. Was schauen Sie jetzt?
«La casa de papel» («Haus des Geldes»). Aber eigentlich will ich keine Werbung machen für ausländische Serien, gerade jetzt nicht, da die Schweizer Kulturbranche leidet. Ich habe deswegen vor kurzem einige Schweizer Filme an meine Kolleginnen und Kollegen im Bundesrat verteilt.

Welche?
Das ist vertraulich. Was ich aber sagen kann: Ich schenke ihnen beispielsweise jedes Jahr die Bücher und Filme, die einen Schweizer Preis gewonnen haben.

Weshalb die Geheimniskrämerei? Den Kulturschaffenden würde Werbung guttun!
Ja, die Branche leidet sehr und das tut mir besonders weh. Wir haben Branchenvertreterinnen und Branchenvertreter eingeladen, um die Situation zu besprechen. Die herrschende Ungewissheit ist für viele in der Gesellschaft schwierig, im Kulturbereich und im Sport aber besonders.

Wie wollen Sie den Kulturschaffenden helfen?
Um die Auswirkungen von Corona auf den Kultursektor abzufedern, haben wir bereits seit März Unterstützungsmassnahmen, die bis Ende 2021 gelten. Wir sind bereit, zu schauen, wo es noch Anpassungsbedarf gibt. Es darf generell nicht sein, dass das Virus eigentlich erfolgreiche Strukturen zerstört.

Eine letzte Frage: Gibt es Hoffnung, dass es an Weihnachten grosse Familienfeste gibt?
Wen fragen Sie jetzt: Mich als Gesundheitsminister oder als Familienmensch?

Fällt die Antwort anders aus?
Nein. Der Gesundheitsminister sagt: Ich weiss nicht, wie es dann aussehen wird. Man kann in dieser Krise keine verlässlichen Prognosen machen. Als Privatperson sage ich: Ich werde bis Mitte Dezember zuwarten mit der Planung der Weihnachtsfeier. Es wird sicher nicht möglich sein, grosse Feiern zu veranstalten. Weihnachten wird anders sein als sonst. Anders, als wir es uns wünschen. Das ist einfach so.

(«Schweiz am Wochenende» / bzbasel.ch)

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Das sind die Verordnungen des Bundesrates vom 28. Oktober

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