Schweiz
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People wearing protective mask get out a SBB CFF train during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, at the train station CFF in Lausanne, Switzerland, Monday, July 6, 2020. In Switzerland, from Monday 6 July, people aged 12 and over must wear a mask in all public transport, trains, trams and buses, as well as in cable cars and boats. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

«Wir hatten Italien im Februar als Warnung und jetzt Florida im Juni.» Emma Hodcroft befürchtete einen erneuten Anstieg der Fallzahlen. Bild: KEYSTONE

Interview

«Die Eingrenzung des Virus funktioniert nicht genügend»

Gestern wurden erneut über 300 neue Coronafälle registriert. Epidemiologin Emma Hodcroft plädiert dafür, dass der Bund eine maximale Fallzahl festlegt – und ab dann neue Massnahmen in Kraft gesetzt werden. Eine Ausweitung der Maskenpflicht würde sie begrüssen.

Sabine Kuster / ch media



Die Wissenschafter sind stiller geworden, die Politiker haben das Zepter übernommen. Zurückhaltender ist etwa der Berner Epidemiologe Christian Althaus, der zu Beginn der ersten Coronawelle noch offensiv vor den Gefahren warnte. Er gehört der Taskforce des Bundes an, die von Politikern zur Mässigung aufgerufen wurde. Doch die Forscher-Stimmen verstummen nicht. Die Basler Epidemiologin und Virenforscherin Emma Hodcroft veröffentlichte am Mittwochabend eine mehrteilige Warnung auf Twitter: Zwar bleibe die Zahl der Hospitalisationen von Covid-Infizierten momentan tief, auch wenn die Zahlen wieder stiegen, doch das dürfe man nicht falsch interpretieren.

Warum sind Sie besorgt?
Emma Hodcroft: Im US-Bundesstaat Florida begannen die Fälle nach der Aufhebung des Lockdowns im Juni auch wieder zu steigen, aber die Zahl der Todesfälle blieb tief. Der Grund dafür war nicht etwa, dass sich das Virus abgeschwächt hätte, sondern dass von den neuen Infizierten viele jung waren: Speziell der Anteil der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren stieg.

Emma Hodcroft

Virenforscherin Emma Hodcroft. bild: oliver hochstrasser

Das überrascht nicht, die jungen Leute vernetzen sich generell mehr und sie bedroht das Virus kaum.
Aber erwarten wir tatsächlich, dass das Virus nur unter den jungen Leuten bleiben und sich nicht unter den Älteren verbreiten wird? In Florida dehnten sich die Fälle nach drei Wochen bis in die älteren Altersgruppen aus. Dann nahmen die Todesfälle zu.

«Die Schweiz ist eines der lockersten Länder in Europa! Wir konnten alle treffen, die wir wollten.»

Nun warnen Sie vor demselben Verlauf für die Schweiz.
Ja, das Beste zu hoffen und abzuwarten, wird nicht funktionieren. Wir hatten Italien im Februar als Warnung und jetzt Florida im Juni. Dass sich nun viele Junge infizierten, zeigt, dass die Eingrenzung des Virus nicht genügend funktioniert. Noch ist es ein Alarm ohne Tragödie, da die Krankheit bei jungen Leuten meist mild verläuft. Aber wir sollten jetzt handeln und die Fälle unter Kontrolle bringen. Denn der Winter kommt bald und wird die Situation verschärfen, wenn die Leute wieder mehr Zeit in schlecht belüfteten Räumen zusammen verbringen.

Sie schrieben selbst, dass wir die Nase von diesem Virus gestrichen voll haben. Ist es nicht o.k., dass wir uns eine Pause gönnen?
Na ja, in der Schweiz hatten wir es doch schon gut: Der Lockdown war weniger streng und im Juni und Juli waren die Fälle so tief, dass man wirklich nicht mehr grosse Vorsicht walten lassen musste. Die Schweiz ist eines der lockersten Länder in Europa! Wir konnten alle treffen, die wir wollten. Aber nun geht es wieder darum, ein paar unangenehme Massnahmen zu akzeptieren, statt viel einschneidendere später.

«Wir müssen unbedingt das Bewusstsein der Leute schärfen für private Anlässe. Dass sie Feste also bewusst draussen feiern.»

Sie meinen einen erneuten Lockdown?
Ja, ich will auch keinen Lockdown mehr. Den müssen wir unbedingt vermeiden. Aber zum Beispiel könnte das Maskentragen auf andere geschlossene Räume als nur den öffentlichen Verkehr ausgedehnt und Homeoffice wieder propagiert werden. England hat beispielsweise die Bevölkerung dazu aufgerufen, wieder ins Büro zurückzukehren, aber es ist fraglich, ob das eine gute Idee ist. Ausserdem müssen wir das Contact-Tracing verbessern, um herauszufinden, wo sich die Leute angesteckt haben, und um dann zielgerichtet sagen zu können, wo man unbedingt Masken tragen muss oder die Zahl der Leute reduziert werden muss.

Ist es nicht so, dass die jungen Leute sich nun vor allem im Privaten anstecken? Da greifen solche Massnahmen nicht.
Da haben Sie Recht, das ist ein Problem. Wir müssen unbedingt das Bewusstsein der Leute schärfen für private Anlässe. Dass sie Feste also bewusst draussen feiern.

Wie schärft man das Bewusstsein?
Es geht um Kommunikation. Das Virus muss in den Köpfen präsent bleiben! Und der Plan muss bekannt sein.

Kennen Sie den Plan des BAG für den Winter?
Vielleicht haben sie einen, aber wir kennen ihn nicht. Ich finde, dass das BAG offener sein sollte diesbezüglich. In Deutschland beispielsweise ist klar, dass, wenn die neuen Fälle in einer Region eine gewisse Zahl überschreiten, es zu lokalen Lockdowns kommt. Also wissen alle, wie es funktioniert und was die Konsequenzen sind. Es hilft den Leuten, zu wissen, wo wir stehen und wo es hingehen könnte.

«Es gibt in der Schweiz Kantone, die mehr Probleme haben – und wir sollten für solche Kantone einen Plan haben, damit nicht alle die Massnahmen verschärfen müssen.»

Könnte man nicht einfach die älteren Leute besser vor den jungen schützen?
Wir haben dieses Abschirmen gemacht und die Eltern und Grosseltern nicht mehr besucht. Und so viel ich weiss, verhalten sich viele Senioren noch immer vorsichtig. Aber wenn die Fälle weiter steigen, steigen auch die Ansteckungsgelegenheiten für Senioren und sie müssten wieder viel stärker separieren. Es ist fast unmöglich, nach Altersgruppen getrennt zu leben – und auch nicht wünschenswert.

Wir sind nun bei bis zu 300 Fällen pro Tag. Wie stark können die Fälle noch steigen, bis es zusätzliche Massnahmen braucht?
Das Gute ist, dass die Fälle viel langsamer ansteigen als in der ersten Welle. Das heisst, dass die jetzigen Massnahmen immer noch eine Wirkung haben. Aber es wäre gut, von Seiten des BAG eine Fall-Zahl zu kennen, und was in einer Region geschieht, wenn diese überschritten wird. Es gibt in der Schweiz Kantone, die mehr Probleme haben – und wir sollten für solche Kantone einen Plan haben, damit nicht alle die Massnahmen verschärfen müssen. Ich denke, es ist möglich, eine vernünftige Grenze festzulegen, zusammen mit den vielen Experten, die wir beim Bundesamt für Gesundheit und in der Taskforce haben. Die Zahl muss kommuniziert werden, denn es hilft, sie im Kopf zu haben.

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