Schweiz
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Wie der Mafia-Clan die Schweiz unterwanderte und jetzt von der Polizei unterwandert wurde

In Muri AG soll sich die Drehscheibe einer gefährlichen 'Ndrangheta-Zelle befunden haben - im Zentrum steht ein Baggerfahrer.

Henry Habegger, Lucien Fluri / ch media



Mitten in der Nacht auf Dienstag, kurz nach drei Uhr in der Früh, rückte die Polizei mit knapp einem Dutzend zivilen Fahrzeugen in Muri AG an. Die Aktion, die dem Restaurant Bella Vista galt, sollte den ganzen Tag dauern. Gegen Abend wurden zwei Autos, darunter ein Ferrari, von der Polizei abtransportiert.

Auf einen Schlag sieht sich die Aargauer Gemeinde Muri im Zentrum einer gewaltigen Polizeiaktion der italienischen und die Schweizer Behörden gegen die kalabrische Mafia.

Das «Bella Vista», das seit einigen Tagen Betriebsferien hat und eigentlich am 3. August wieder öffnen wollte, ist eine bekannte Beiz am Platz, gut geführt, immer voll, ein sicherer Wert, sympathisch, sehr beliebt. Seit über 20 Jahren gibt es sie, der Wirt und angebliche Inhaber ist Marco G.* , italienischer Staatsangehöriger, der aus der Gemeinde Filadelfia in der kalabrischen Provinz Vibo Valentia stammt.

Ferrari in der Garage

Ins «Bella Vista» geht man essen, oder man ging essen, wenn man nach Jahren wieder einmal alte Bekannte traf. G. führte ein unauffälliges Leben im Dorf, dass er einen Ferrari in der Garage stehen hatte, wussten zwar viele. Dass eine Corvette manchmal angeberisch ums Haus röhrte auch. Aber nach 20 Jahren erfolgreicher Wirte-Tätigkeit stellte man sich vor, dass sich der freundliche und hart arbeitende Italiener einen Ferrari leisten konnte. Und ein Mieter eine Corvette. Ganz andere Leute können sich, sagt ein Beobachter, ganz erstaunliche Fahrzeuge leisten.

Dass viele «frisierte» Autos vor der Beiz standen, dass der Lärm aufheulender Motoren manchmal unerträglich war, fiel zwar auf und ärgerte manchmal, aber: Mit der Mafia brachte das keiner in Verbindung, sagen Beobachter, die ihre Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen wollen.

Jetzt aber ist G. einer der Zielpersonen in der grosse Anti-Mafia-Aktion, das «Bella Vista» könnte sich als Pizzeria der italienischen Mafia entpuppen.

Im Visier der Ermittler ist vor allem Carmelo M*., auch er ein Süditaliener aus Filadelfia, der an der gleichen Adresse wie G. ein Baggerunternehmen domiziliert hat. M. war fast immer auf dem Gelände des Restaurants, man wusste nicht so genau, was er macht, und er fiel vielen gar nicht auf, noch weniger als G. Beobachter kamen nicht auf die Idee, dass die zwei, wie jetzt die Ermittlungen ergeben haben, mutmasslich Schweizer Vertreter eines gefürchteten Clans der 'Ndrangheta sind: Des Clans der Anello-Fruci aus Filadelfia.

Wichtigste Kontaktperson soll ein Baggerunternehmer sein

M. soll, so berichten italienische Medien, die die Namen aller Beschuldigten auflisten, den Clan-Bossen Rocco und Tommaso Anello nahestehen. Er soll zusammen mit G. und einem im Tessin wohnhaften Verwandten, Fiore M., der am Dienstag verhaftet wurde, der wichtigste Kontakt des Anello-Fruci-Clans in der Schweiz sein, der hier seit vielen Jahren Investitionen und illegalen Handel tätige.

Das Trio soll Waffen für den Clan nach Italien verschieben und dessen wirtschaftliche Aktivitäten hier verwalten, darunter Restaurants und andere Unternehmen. Die Schweizer Vertrauensleute sollen riesige Geldsummen in bar nach Filadefia transportiert haben, berichtet etwa die Zeitung Il Vibonese.

Die Newsseite La Calabria News berichtet, dass das echte Geld nach Kalabrien ging, während Falschgeld über Liechtenstein gewaschen wurde. Reumütige Mafiosi (Pentiti) hätten ausgesagt, dass seit Ende der Neunzigerjahre grosse Mengen von Waffen aus der Schweiz nach Italien gebracht wurden. Die Waffen hätten dazu gedient, «Morde zu verüben oder Leute einzuschüchtern, um sie zu erpressen». Die Geschosse wurden laut einem Pentito als «Konfetti» bezeichnet, die Gewehre als «Reifen». Clan-Boss Rocco Anello - er sitzt in Italien eine Haftstrafe ab - soll gesagt haben, er könne über einen Vertrauten in der Schweiz Waffen liefern.

Carmelo M. soll der wichtigste und älteste Kontakt der Anello sein, er habe die Investitionen der Bosses in der Schweiz verwaltet und in diverse Geschäftszweige investiert, unter anderem auch ins Maurergewerbe. Später kam laut den Pentiti Marco G. dazu.

Polizei unterwanderte das Mafia-Netz

Die Ermittler stützen ihre Erkenntnisse aber nicht nur auf Zeugen und Abhöraktionen. Die Schweizer Zelle soll, so die kalabrische Zeitung, durch einen Polizeiinformanten infiltriert worden sein. «Von ihm weiss man wenig, fast nichts», schreibt die Zeitung über den Undercover-Agenten. «Er hat kein Gesicht, keine Geschichte, keinen Namen. Man weiss nicht, wie es ihm gelang, das Vertrauen von Marco G. und Carmelo M. zu erwerben.

Der Informant gab an, Baggerfahrer Carmelo M. habe ihm gesagt, sein Kumpel Rocco Anello besitze zwei weitere Klubs, einen in Bülach sowie einen in Schaffhausen. Mit den Klubs habe man lange viel Geld gemacht, jetzt nicht mehr. Carmelo M. habe Anello als seinen Paten beschrieben. «Ein richtiger Pate, wie ein Boss». Er habe seinen Paten immer an Weihnachten besucht - ausser seit er im Knast sitze.

Einige Blicke ins Schweizer Handelsregister genügen, um den Eindruck eines Netzwerkes von Personen und Unternehmungen zu erhalten, die ihren Ursprung in Filadelfia in Kalabrien haben. Es erscheinen immer wieder die gleichen Familiennamen, alle mit Ursprung Filadelfia. Ein Netz, das sich fast über die ganze Schweiz zieht.

Gegen insgesamt sechs Personen richtet sich laut Mitteilung der Bundesanwaltschaft das Strafverfahren in der Schweiz. Es kann aber jederzeit auf weitere Beschuldigte ausgedehnt werden.

Die 'Ndrangheta gilt als eine der gefährlichsten Mafien. Sie gehört zu den verschwiegensten, weil ihr fast ausnahmslos Blutsverwandte angehören. Das hat den Vorteil, dass nur wenige Kronzeugen bereit sind, gegen die Familie auszusagen.

Es gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen der Redaktion bekannt.

Die Struktur der 'Ndrangheta in der Schweiz – Kalabrien widerspiegelt sich

Sie sind unauffällig, leben seit Jahren in der Schweiz und arbeiten in ganz gewöhnlichen Berufen: So schildert das Bundesamt für Polizei (Fedpol) die Mitglieder der 'Ndrangheta in der Schweiz. Die Organisation ist zwar verschwiegen. Einen gewissen Einblick aber gibt das Fedpol in einem «Factsheet» aus dem März 2020.

Demnach ist die kalabrische 'Ndrangheta in der Schweiz organisiert wie in Kalabrien selbst, nämlich in sogenannten Locali. Sie haben dieselben Regeln wie in Kalabrien, können Mitglieder aufnehmen oder befördern. Die Locali sind zwar eigenständig, es sei aber eine gewisse Kooperation zwischen ihnen feststellbar, schreibt das Fedpol. Absprachen würden an Hochzeiten oder Festen getroffen.

Strategische Entscheide würden nach wie vor in Kalabrien getroffen. Allianzen oder die Macht einzelner Clans in Kalabrien würden sich deshalb auch in der Schweizer 'Ndrangheta-Struktur widerspiegeln. Weil in den 1960er- und 70er-Jahren oft ganze Familien aus Kalabrien in dieselbe Region in der Schweiz auswanderten, finden sich klar abgrenzbare «Einflussgebiete einzelner Clans».

Tätig sind die Locali etwa im Kokainhandel oder in der Geldwäscherei. Auch Lebensmittel werden laut dem Fedpol geschmuggelt und zu überhöhten Preisen an die Restaurants, die zu den Clans gehören, verkauft. Mit Gastrobetrieben werde in eine legale Aktivität investiert und es gebe eine Infrastruktur oder einen unauffälligen Treffpunkt, so das Fedpol.

Vermutet worden war schon seit Jahrzehnten, dass die 'Ndrangheta-Strukturen auf die Schweiz ausgeweitet wurden. Bewiesen wurde es erst, als die sogenannte Frauenfelder Zelle ausgehoben wurde. Diese war schon 1971 gegründet worden. Aber erst nach Hinweisen aus Italien beobachtete die Schweizer Polizei die Gruppe ab 2009, die sich in einem Boccia-Club traf. Schliesslich wurden mehr als ein Dutzend Männer verhaftet. Einige wurden später allerdings in Verfahren freigesprochen.​

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