Schweiz
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Kunden mit Schutzmasken beim Einkaufen im Kaufhaus Loeb in Bern am Montag, 12. Oktober 2020. In oeffentlichen Raeumen, Geschaeften, im oeffentlichen Verkehr sowie in Bahnhoefen des Kantons Bern gilt ab ab Montag, 12. Oktober, eine allgemeine Maskenpflich. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Hier ein wenig Maskenpflicht, dort ein bisschen Kapazitätseinschränkungen: So reagiert die Schweiz auf die rasant steigenden Fallzahlen. Bild: keystone

Kommentar

Die Schweiz schraubt an einem Motor, der akut zu überhitzen droht

Die Schweiz ist in der Coronakrise hinter ihre Nachbarn zurückgefallen. Alarmierend ist vor allem die hohe Positivitätsrate. Bund und Kantone aber spielen weiter auf Zeit.



Diese Woche ist es passiert. Erstmals wurde eine Person in meinem Umfeld positiv auf das Coronavirus getestet. Sie hat milde Symptome, es geht ihr soweit gut. Ein grosser Teil der Menschen im Tessin und viele in der Westschweiz haben im Frühjahr diese Erfahrung gemacht. Sie kannten jemanden, der sich infizierte oder an Covid-19 erkrankte.

Jetzt ist das Virus definitiv auch in der damals weitgehend verschonten Deutschschweiz angekommen. Angesichts der Entwicklung der Fallzahlen in den letzten Tagen erstaunt das nicht. Nach einem langsamen Anstieg während Wochen sind sie zuletzt regelrecht explodiert. Für Fachleute ist klar: Die gefürchtete zweite Welle hat begonnen.

Bundespraesidentin Simonetta Sommaruga, links, und Christian Rathgeb, Praesident der Konferenz der Kantonsregierungen, rechts, an einer Medienkonferenz anlaesslich eines Treffens zwischen dem Bund und den Spitzenvertretern der kantonalen Konferenzen KdK, GDK und VDK zur Lagebeurteilung der Corona Situation, am Donnerstag, 15. Oktober 2020, in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Simonetta Sommaruga mit Christian Rathgeb, dem Präsidenten der Konferenz der Kantonsregierungen. Bild: keystone

Nur noch ferne Erinnerung sind die schönen Tage im Frühsommer mit Fallzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich. Es folgte ein lockerer, vielleicht zu lockerer Sommer. Viele glaubten, die Pandemie sei eigentlich überstanden. Eine gewisse Corona-Müdigkeit machte sich breit. Die Warnungen vor einer Eskalation im Winter wollten viele nicht hören.

Die Sorglosigkeit rächt sich

Das Problem sind dabei nicht die Corona-Rebellen. Sie sind eine lautstarke, aber kaum relevante Gruppe. Es sind die vielen vorab jungen Menschen, die eigentlich Verständnis für die Corona-Massnahmen haben, sich aber auch nach ihrem alten Leben zurücksehnen. Das verleitet zu einer gewissen Sorglosigkeit, die sich nun zu rächen scheint.

«Es ist wieder kurz vor 12», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga am Donnerstag nach dem «Krisengipfel» mit den Kantonen. Konkrete Massnahmen aber blieben aus. Sommaruga stellte Entscheide «in den nächsten Tagen» in Aussicht. Sie appellierte an die Bevölkerung, die Hygiene (Abstand halten, Hände waschen) wieder verstärkt einzuhalten.

Schlechter als die Nachbarn

Dabei ist die Lage ernst. Gesundheitsminister Alain Berset räumte ein, dass man solche Zahlen «erst später» erwartet habe und nicht schon Mitte Oktober. Er verwies auch darauf, dass die Schweiz im europäischen Vergleich kein Musterland mehr ist – im Gegenteil. «Die Schweiz ist momentan schlechter dran als ihre Nachbarn», sagte Berset.

Berset zur aktuellen Lage

Video: sda/SDA

In vielen europäischen Ländern spitzt sich die Lage zu. Die Niederlande haben einen Teil-Lockdown beschlossen. In Frankreich gilt für Krisenregionen neu eine nächtliche Ausgangssperre. Bund und Länder in Deutschland haben am Mittwoch schärfere Regeln beschlossen. Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre gerne noch weiter gegangen.

Der letzte Strohhalm knickt um

Und die Schweiz? Bei uns sollen weiterhin die Kantone den Lead haben. Sie beschliessen hier ein wenig Kapazitätseinschränkungen, dort ein bisschen Maskenpflicht. Man hat den Eindruck, dass an einem Motor geschräubelt wird, der akut zu überhitzen droht.

Dabei knickt gerade der letzte Strohhalm um: Die Spitaleinweisungen sind zwar immer noch deutlich tiefer als im März, aber es geht rasant nach oben. Der dramatische Hilferuf des Spitals Schwyz am Mittwoch lässt erahnen, was dem ganzen Land blühen dürfte. Noch dramatischer ist die Tatsache, dass in Schwyz bis 50 Prozent aller Coronatests positiv sind.

National befindet sich die Positivitätsrate seit Tagen über zehn Prozent. Was das bedeutet, sagten die Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern und ihre schwedische Kollegin Lena Einhorn in Interviews mit watson: «Dann testet ihr ja viel zu wenig.» Konkret heisst das: Es gibt eine grosse Dunkelziffer und die Situation gerät zunehmend ausser Kontrolle.

Föderalismus nicht krisentauglich

Dazu trägt auch das Contact Tracing bei, das in immer mehr Kantonen kaum noch bewältigt werden kann. Es ist verständlich, dass der Bundesrat nicht erneut alles an sich reissen will. Aber auch fahrlässig. «Der Föderalismus ist nicht krisentauglich», sagte der Berner Gesundheitsrechtler Christoph Zenger im SRF-Dokfilm zum Versagen bei der Pandemievorsorge.

Wirtschaft first, scheint die Devise zu lauten. Das gilt auch für die Grossveranstaltungen. Ist es ein Zufall, dass die Infektionskurve genau dann nach oben schnellt, wenn der Effekt der wieder gut gefüllten Tribünen und Zuschauerräume erkennbar werden müsste? Nicht die Events selbst sind das Problem, sondern das Drumherum, das Davor und Danach.

Kausalität oder Korrelation? Man weiss es (noch) nicht. Sicher ist nur, dass niemand einen zweiten Lockdown will, weder bei uns noch sonst wo. Zu gravierend wären die Auswirkungen auf Wirtschaft und Psyche. Ein Notstopp für den überhitzten Motor ist zu verhindern, aber um örtlich und zeitlich begrenzte Schliessungen kommen wir vielleicht nicht herum.

Man wird den Verdacht nicht los, dass andere Länder in dieser Hinsicht besser unterwegs sind als wir. Es braucht Eigenverantwortung, auch beim Maskentragen (es schränkt die Freiheit nicht ein, es erzeugt sie!). Aber wenn Bund und Kantone sich weiterhin um harte Entscheide herum drücken, sieht es noch vor dem Winter sehr düster aus.

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