Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Interview

Vom Verlust der Masse – weshalb Streams kein Ersatz für Openairs und Co. sind

Im Jahr 2020 sind sie zur Seltenheit geworden: Menschenmassen faszinieren, euphorisieren und beunruhigen. Sozialpsychologe Johannes Ullrich erklärt, weshalb die Pandemie alle Menschen aus dem Gleichgewicht bringt und Streams kein Ersatz sind.



People enjoy the Music Festival Openair  St. Gallen on Saturday, 28. June 2014. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

«Etwas erleben wollen heisst, Kontrolle abzugeben.» Die Massenpsychologie gibt Aufschluss darüber, wie wir uns in grossen Mengen verhalten und fühlen – beispielsweise am Openair St.Gallen (2014). Bild: KEYSTONE

Jeder unserer Sinne nimmt die Masse wahr. Wir hören, sehen, fühlen und riechen die vielen anderen Körper um uns herum. Für dieses Erlebnis ist es zweitrangig, ob vorne ein Schiedsrichter das Foul übersieht, der Gitarrist vor Ekstase beim Solo auf die Knie fällt oder alle dieselbe Klima-Parole brüllen. Es sind die anderen Menschen am selben Ort zur selben Zeit, die dem Ereignis seinen sozialen Wert verleihen.

Doch das Jahr 2020 ist für Menschen mit Vorlieben für Grossveranstaltungen ein schwieriges. Bis auf weiteres dürfen keine Versammlungen von mehr als fünf Personen stattfinden. Festivals wie das Tomorrowland bieten deshalb Live-Streams an, die ein wenig Trost spenden sollen. Klima-Demos sollen derweil im digitalen Raum stattfinden.

Kein Ersatz aber vielleicht ein Trost: Der Unterschied zwischen 500'000 Menschen und einem Live-Stream. tomorrowland

Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, klärt im Gespräch auf, wie sich Menschen in Massen verhalten und welche Rolle der Kontrollverlust spielt. Ein Interview zum Thema Massenpsychologie:

Herr Ullrich, weshalb elektrisieren uns Menschenmassen an Festivals, aber in vollen Zügen beengen sie?
Johannes Ullrich:
Masse bedeutet Reiz. Wir sind alle unterschiedlich empfänglich für Reize. Nicht alle fühlen sich deshalb von Massen elektrisiert. Manche nehmen die Masse vielleicht nur der Musik wegen in Kauf. Während sie für die einen ein berauschender Erregungszustand bedeutet, fühlen sich andere überreizt und unwohl.

Warum begeben wir uns bewusst in dichte Mengen?
Wir haben eine ambivalente Beziehung zur Masse. Gewollt oder ungewollt: Oft setzen wir uns ganz bewusst dem Dichtestress aus. Zum Beispiel, wenn wir zu Stossverkehrszeiten im ÖV zur Arbeit fahren. Die meisten Menschen bevorzugen beispielsweise eine halb volle Bar. In leeren Räumen fühlen wir uns unwohl, aber wir wollen uns auch nicht gegenseitig auf die Füsse stehen. Eine halb volle Bar füllt sich meist schnell – viele fühlen sich wohl – und schon ist es im Lokal wieder zu eng. Ein soziales Dilemma.

Was bedeutet der Verlust grosser Veranstaltungen wie Festivals für uns?
Die Menschen suchen immer nach Gleichgewicht: Gestern die Party, heute der ruhige Abend. Dieses Gleichgewicht variiert von Person zu Person und von Situation zu Situation. Die Massnahmen, die der Eindämmung der Pandemie dienen, beschneiden dieses Gleichgewicht. Alle Menschen haben ihre Mühen mit Corona, denn wir können unser Alleinsein nicht mehr selbst regulieren. Der Grad an Masse, den wir uns wünschen, ist eingeschränkt.

Bild

Menschen verhalten sich sozial in Massen: Es werden Rollstuhlfahrer hochgehoben, Gestürzte im Pit mitgezogen und Crowdsufer weitergeschoben. shutterstock

Inwiefern verhalten wir uns in Menschenmassen anders?
Der Mensch verhält sich immer anders unter seinesgleichen, da er sich auf sein Gegenüber einstellt. Sozialpsychologische Studien zeigen, dass Menschen in grossen Mengen überlegt handeln und füreinander da sind. In ernsten Situationen können sie impulsiv reagieren und helfen. Die Annahme, dass Menschenmassen schlecht und gewalttätig sind, ist psychologisch nicht haltbar. Wobei der Einfluss von Alkohol natürlich berücksichtigt werden muss.

Viele fürchten den Kontrollverlust im Alltag. In der Masse ist er aber oft willkommen. Weshalb?
Es ist ein positiver Kontrollverlust. Man ist offen für Impulse und neue Erfahrungen. Etwas erleben wollen heisst, Kontrolle abzugeben. Dabei wird die Enge in Kauf genommen. Das muss nicht zwangsläufig negativ sein.

Wie entsteht das Gefühl der Verbundenheit in einer Masse, obwohl sich die meisten Menschen nicht kennen?
Das Gefühl der Verbundenheit entsteht aus dem gemeinsamen Teilen eines Moments heraus. Wir nennen das in der Psychologie «common fate» (gemeinsames Schicksal). Der Raum spielt hierbei eine tragende Rolle. Menschen reagieren in Echtzeit am selben Ort zusammen auf etwas. Das kreiert Verbundenheit. Als Beispiel für «common fate» dient die Stadtverwaltung: Menschen fühlen sich nicht stark miteinander verbunden, nur weil alle Mitarbeiter der Verwaltung sind. Doch werden massiv Stellen abgebaut, kann das gemeinsame Schicksal verbinden, man fühlt sich näher.

Wenn Raum und Zeit so wichtig sind, können Streams das Erlebnis überhaupt annähernd ersetzen?
Nein, es gibt keinen Ersatz. Kein Werkzeug kann die Atmosphäre simulieren, die eine Menschenmasse erzeugt. Streams ersetzen die Reize nicht, die von der gleichzeitigen Anwesenheit vieler Menschen an ein und demselben Ort ausgehen.

ARCHIV - ZUM KEYSTONE-SDA-TEXT UEBER DIE MEISTERFEIER 2018 VON YB STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Die Berner Fans auf dem Bundesplatz feiern, bei der Meisterfeier der Berner Young Boys, am Sonntag, 20. Mai 2018 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Grosse Emotionen oder grosser Zirkus? Der Verlust von Sportveranstaltungen ist nicht für alle gleich schmerzhaft. Bild: KEYSTONE

Was können wir aus dieser Ausnahmezeit mitnehmen?
Man wird sehen, wie viel Entertainment entbehrlich ist. Wenn die Ausnahmesituation endet, können wir uns fragen: Hat es uns wirklich so gefehlt? Gerade der Fussball ist ein riesiger Zirkus, der starke Bedürfnisse erzeugt. Aber brauchen wir ihn wirklich? Ich sehe Corona diesbezüglich wie eine Fastenzeit. Nach dem Verzicht können wir uns wieder auf ein normales Niveau einpendeln.

Wie sieht es für Bewegungen wie Fridays for Future aus? Sie sind kein Entertainment sondern eine Masse mit politischen Forderungen.
Die Unterschiede zwischen Original und Internet treten bei Demos wie am 1. Mai am deutlichsten hervor: Hier entgeht uns politische Teilhabe, wenn wir sie am dringendsten bräuchten. Für Veranstaltungen wie Klima-Demos sind zwei Dinge wichtig. Erstens wollen sie ihre Forderungen nach aussen kommunizieren («Etwas muss sich ändern»). Zweitens kommunizieren sie auch nach innen («Wir sind nicht allein»). Diese Kommunikation ist durch das Versammlungsverbot gehemmt. Das birgt grosse soziale Kosten für die Gesellschaft.

epa07597031 Protesters demonstrate during a 'Fridays for Future' demonstration in front of the Brandenburg Gate in Berlin, Germany, 24 May 2019. The growing 'Fridays for Future' movement, which started in the summer of 2018, demands compliance with the goals of the Paris Agreement and the 1.5 degree Celsius target.  EPA/ARMANDO BABANI

Das Versammlungsverbot hemmt die Kommunikation von sozialen Bewegungen wie Fridays for Future. Bild: EPA/EPA

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die besten Bilder des Burning Man Festivals 2017

Mit dem Heli übers Gurtenfestival

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

13
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rudolf_k 11.05.2020 00:42
    Highlight Highlight Was, Streams sind kein Ersatz für Openairs? Was man alles auf Watson lernt...
  • MartinZH 10.05.2020 23:41
    Highlight Highlight Eine Oper und ein Ballett, sowie natürlich auch eine Theater- oder eine Cabaret-Vorstellung, ist live natürlich immer viel besser, als vor der Glotze – egal wie gross. 😉👍
  • metall 10.05.2020 23:28
    Highlight Highlight Holland heute - keine Festivals vor einem Impfstoff
  • HugiHans 10.05.2020 22:09
    Highlight Highlight Sind diese Festivals nicht so belieb, da viele ihre Kontrolle verlieren und Grenzen übertreten können? Ist aber bei Fussball-/Hockeymatchs, Fasnacht, Weekendbesäufnisen usw. nicht anders.
    Ich denke diese Spassgesellschaft ist eine Minderheit, die sich diesen Luxus leisten können. Die Mehrheit hat existenziellere Probleme, in dieser Zeit jetzt sowieso.
    • Butch Cassidy & Sundance Kid 11.05.2020 08:05
      Highlight Highlight Vielleicht erst mal den Artikel lesen, bevor man seine eingeschränkte Meinung kundtut.. ;-)
    • HugiHans 11.05.2020 09:17
      Highlight Highlight @Butch Cassidy & Sundance Kid
      Doch, doch gelesen und verstanden. Aber diese Verallgemeinerung von Herrn Ullrich gaht mer uf de Sack.
    • HugiHans 11.05.2020 13:28
      Highlight Highlight @Butch Cassidy & Sundance Kid
      Artikel habe ich gelesen und verstanden. Herr Ullrich verallgemeinert undifferenziert in seinem Artikel. Festivals sind kein Grundbedürfnis, sondern nur eines kleinen Teiles der Bevölkerung.
      Und dann noch die Aussage "Sozialpsychologische Studien zeigen, dass Menschen in grossen Mengen überlegt handeln" -> Loveparade Duisburg.
      "Es ist ein positiver Kontrollverlust"
  • Eidg. dipl. Tütenbauer 10.05.2020 21:28
    Highlight Highlight Ich bin ein Festival - holt mich hier raus!
  • Scaros_2 10.05.2020 20:42
    Highlight Highlight ozialpsychologe Johannes Ullrich erklärt, weshalb die Pandemie alle Menschen aus dem Gleichgewicht bringt und Streams kein Ersatz sind.

    Weder bin ich inbalanced noch hab ich ein Problem. Mein Leben ging genau gleich weiter wie vorhin. Ich habe 5 Tage die Woche gearbeitet, ging einkaufen etc. Ich fühlte mich nicht belastet durch diese Pandemie noch hatte ich probleme oder sonst was.

    Allg. wenn ein "Experte" von "Allen" redet ist der bei mir so oder so schon untendurch weil solche aussagen sind brandgefährlich.
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 10.05.2020 20:32
    Highlight Highlight Sorry, Johannes Ullrich: Du liegst komplett falsch. Noch nie war ich besser im Gleichgewicht denn jetzt. Ich würde hinsichtlich dem Beruf "Sozialpsychologe" jetzt einmal mehr, wenn nicht gleich immer, sagen: Job verfehlt.

    Will sagen: So unmittelbar nach dem Lockdown war's am besten. Danach ging war's allmählich schon wieder auf dem absteigenden Ast.
  • reactor 10.05.2020 20:30
    Highlight Highlight Ich arbeite seit bald jahrzehnten mit Veranstaltungen. Das eine mag ja dieses Massendingens sein, viel wichtiger aber ist die Kommunikation von Bühne zu Publikum und umgekehrt, das nämlich machen Konzerte und Festivals aus.
  • Rüebliraupe 10.05.2020 19:33
    Highlight Highlight Das Burning Man ist kein Festival.
    • HugiHans 10.05.2020 22:55
      Highlight Highlight Sondern? In den Anfangsjahren war es das nicht. Ich denke mittlerweile ist die Ursprungsidee etwas verwässert mit über 70‘000 Besuchern und der Begriff passt zur den letzen Grossveranstaltungen. Übrigens, inzwischen auch abgesagt für dieses Jahr wie alle anderen Festivals.

Zum Schweizer Nationalfeiertag: Darum feiern wir den 1. August

Der 1. August – das unumstrittene Datum für den Bundesfeiertag? Das Gegenteil ist der Fall. Insgesamt vier Daten standen zur Auswahl – am Ende entschieden dann die feierlustigen Berner.

Die Schweiz feiert sich am 1. August selber. Doch: Was passierte eigentlich an diesem Datum? Welches war der historische Moment, der uns auch 2020 noch den Bundesfeiertag beschert?

Die landläufige Meinung lautet: Es war die Unterzeichnung des Bundesbriefes von 1291. In diesem soll die Gründung der Schweiz beschlossen worden sein. Am 1. August 1291 sollen sich die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden zum «ewigen Bund» zusammengeschlossen haben. Wilhelm Tell soll dabei die Schweiz zur Freiheit …

Artikel lesen
Link zum Artikel