Schweiz
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Ein Schuetzenpanzer M113 faehrt am 23. Juni 2003, waehrend einer Uebung auf dem Gelaende des Panzeruebungsplatzes bei Bure. (KEYSTONE/Gaetan Bally) ===  ===

Ein alter Schützenpanzer der Schweizer Armee. Vorne der Fahrer, dahinter der «Commander» .... archivBild: KEYSTONE

Mein Horror-Erlebnis im Militär – und was ich daraus lernte

Ein persönlicher Erlebnisbericht, ausgelöst durch eine Mitteilung aus Bern.



Am 7. Oktober 1991, einem Montag, hing mein Leben am seidenen Faden: Es fehlten Zentimeter und ein 12 Tonnen schwerer Schützenpanzer hätte mich zermatscht und unter sich begraben.

Wir sollten an dem Tag vom Waffenplatz Hongrin im Kanton Waadt in den Jura (nach Bure) «verschieben».

Als Unteroffizier befehligte ich einen «Schüpa» und hatte mich dazu in die Commander-Luke gestellt, direkt hinter dem Fahrer. Den schweren runden Stahldeckel drehte ich nach vorn, um mich vor dem Fahrtwind zu schützen.

Die Zeit drängte. Wir mussten es zum Bahnhof XY schaffen, um die Kompanie samt Panzern zu verladen.

Auf geraden Strecken waren wir mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs ... und ich weiss noch, dass wir ausserorts auf einer Landstrasse dahin ratterten, als es plötzlich einen heftigen Ruck gab und unser M-113 nach links ausscherte. Über die Mittellinie. Dann war alles schwarz.

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Pressebericht zum Unfall: «Einen Fingerbreit von der Katastrophe» ... bild: watson

Als ich zu mir kam, liess ich mich auf den Boden plumpsen. Das war weniger schmerzhaft, als man annehmen könnte – und ich spürte es wohl gar nicht richtig.

Der Schützenpanzer war nach dem Zusammenstoss mit dem Tanklaster Dutzende Meter durch die Luft geschleudert worden und schliesslich auf seiner rechten Seite zum Stillstand gekommen, so dass ich aus der Luke hing.

Wäre der Panzer ganz umgekippt, würde ich an dieser Stelle nicht über Militärunfälle und ihre Folgen schreiben.

Jedenfalls rannte ich im Schock in Richtung der vermeintlich entgegenkommenden Autos. Ich wollte wohl versuchen, den Verkehr zu regeln (laut Schilderungen von Kameraden, die im Panzer vor mir gewesen waren). Dann wankte ich mit zittrigen Beinen an den Strassenrand und legte mich hin.

Es folgte GABI. (So hiess früher der im Nothelferkurs und im Militär gelehrte Spruch, um Erste Hilfe richtig zu leisten).

Das Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Und ich bekundete wegen des in den Mund laufenden Blutes Mühe, zu sprechen. Als ich zu verstehen gab, dass ich meine Beine nicht mehr richtig spüre, schnürten mich die Rettungssanitäter auf eine «Luftmatratze» und ab ging's ins Spital.

Am Folgetag erzählte man mir, was passiert war. Ich erfuhr von der starken Hirnerschütterung. Und von der zweiten Mundöffnung, die ich vorübergehend hatte, respektive dem vertikalen Riss (den ein mir unbekannter Westschweizer Arzt schön zugenäht hat, vielen Dank dafür! 🙏).

Offenbar hatte auch meine zu Kartoffelgrösse angeschwollene Nase Bekanntschaft gemacht mit dem stählernen Lukendeckel. Dank ihr und dem robustem Kunststoffhelm gabs keinen Schädelbruch, und auch der Rücken blieb heil ...

Ich will mich nicht beschweren. Darf man auch nicht, wenn man in Erinnerung ruft, dass Militärunfälle immer wieder tragisch enden, mit Schwerverletzten und Toten.

Dieser Schuetzenpanzer 63/89 kam am Freitag, 11. August 2000, bei einer Gefechtsuebung auf dem Schiessplatz Wichlenalp (GL) von der Strasse ab. Dabei kippte das Fahrzeug um und begrub den Mann unter sich, der sich in der Luke des Schuetzenpanzers befand. Er wurde getoetet. Drei weitere Soldaten erlitten leichte Verletzungen. (KEYSTONE/SUEDOSTSCHWEIZ/KOEPFEL)

Dieser Schüpa kam am 11. August 2000 bei einer Gefechtsübung auf dem Schiessplatz Wichlenalp (GL) von der Strasse ab. Das Fahrzeug kippte um. Ein Mann wurde getötet. Bild: keystone

Wie durch ein Wunder waren bei unserem Unfall keine Opfer zu beklagen und niemand wurde schwer verletzt. Mehrere Soldaten waren im Transportraum hinter mir gemütlich herumgelümmelt. Zum Teil ohne Helm, wie es bei langen «Verschiebungen» zwar verboten, aber üblich war.

Die meisten Männer waren wohl am Dösen, als es knallte. Das erklärte ich auch den beiden Untersuchungsrichtern, die mir noch am Spitalbett einen Besuch abstatteten.

Die Schweizer Armee wollte umgehend ermitteln, wie es zum schweren Zusammenstoss kommen konnte.

Sicher war: Wir hatten auch insofern Glück, dass der Tanklastwagen, den wir ausserorts fast frontal gerammt hatten, kein Benzin mitführte, sondern 20'000 Liter Heizöl.

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Der Lastwagenfahrer wurde nur leicht verletzt. Und laut Presse gabs keine gravierenden Umweltschäden wegen des ausgelaufenen Treibstoffs. bild: watson

Nach Abschluss der Untersuchung sollte sich herausstellen, dass wohl ein technischer Defekt eine Raupe blockiert hatte. Weder dem Panzerfahrer noch mir wurde ein Verschulden angelastet. Und zum Glück waren wir beim Einrücken am Vorabend (wie fast immer) «brav» gewesen.

Abgesehen von kleinen Narben und gelegentlichen Albträumen hielten sich die Auswirkungen des Unfalls für mich in Grenzen. Zwar konnte ich über Wochen nur Suppe schlürfen und musste im «Ausgang» neidisch mitansehen, wie die Kollegen Steaks und Schnitzel mit Pommes-Frites reinschaufelten. Aber immerhin blieben mir meine Vorderzähne und die Wurzeln starben trotz ärztlicher Befürchtungen nicht ab.

Und die Moral von der Geschichte?

Dass ich nach dem schweren Unfall wieder einen Schützenpanzer bestiegen habe und weiterhin Militärdienst leistete, mag man mit Dummheit erklären oder den Folgen der Gehirnerschütterung ... doch für mich kam der Austritt aus «dem grünen Verein» nicht infrage.

Ich denke relativ selten an den Unfall zurück und träume auch nicht mehr davon. Nach dem anfänglichen Frust über die eingedrückten Zähne machten sich positive Gefühle bereit. Irgendwie hatte ich ein zweites Leben gewonnen.

Das bringt uns zum Grund, warum ich viele Jahre später von jenem beinahe verhängnisvollen Tag in Enney FR erzähle.

Anlass war eine simple Medienmitteilung aus Bern: Am Wochenende feiert der älteste Waffenplatz der Schweiz grosses Jubiläum (siehe Box). In Thun, vor den Toren der Allmend, steht die Dufour-Kaserne, das Zuhause der Panzergrenadiere, das ich mit vielen Erinnerungen verbinde.

Mit schönen und weniger schönen.

Wir waren eine eingeschworene Truppe, die gemeinsam durch dick und dünn ging. Am Samstag werde ich ein, zwei Bierchen darauf trinken.

Happy Birthday, Thun!

Am Samstag, 17. August 2019, feiert der älteste eidgenössische Waffenplatz der Schweiz den 200. Geburtstag. Unter dem Motto «Gestern – Heute – Dynamisch» wird die Nutzung des Waffenplatzes Thun im Kasernenareal, dem Polygon und auf der Allmend präsentiert, wie die Schweizer Armee auf ihrer Website informiert. Dort findet man auch einen Festführer mit allen Aktivitäten (als PDF).

Was tun eigentlich Panzergrenadiere?

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Video: YouTube/Schweizer Armee

So fing es an ...

ARCHIV---Uebergabe der M-113 Schuetzenpanzer an die Armee 1964 in Thun. Die Armee soll die 40-jaehrigen Ketten-Schuetzenpanzer M-113 durch moderne Maschinen ersetzen, wie die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates am Dienstag 22. August 2000 in Bern vor den Medien bekannt gab. Der M-113 sei fuer die Zusammenarbeit mit dem Kampfpanzer Leopard zu langsam. (KEYSTONE/ARCHIVE/B&W ONLY)

1964 wurden die vom US-Militär gelieferten M-113 Schützenpanzer von der Schweizer Armee (feierlich) in Empfang genommen. Bild: KEYSTONE

Un ouvrier s'occupe de decouper un char M113 dans les locaux de l'entreprise Thevenaz-Leduc SA ce jeudi 3 aout 2006 a Ecublens, Vaud. Quelque 550 vieux chars de grenadiers M113 qui n'ont pas pu etre vendus a l'etranger vont finir a la casse. Les engins seront démilitarises et les materiaux recycles. Les chars concernes, entres en service pour les plus anciens il y a une quarantaine d' annees et dont lŽarmee suisse n'a plus besoin, ont ete longtemps a vendre sans qu'il soit possible de conclure un contrat valable. Recemment, le Pakistan et les Emirats arabes unis, qui comptaient transferer 180 vehicules vers lŽIrak, se sont montres intéeesses, mais ces projets ont capotes apres la polémique quŽils ont suscitee en Suisse.(KEYSTONE/Laurent Gillieron)

2006 war Schluss: Da landeten 550 alte Schüpas, die nicht ins Ausland verkauft werden konnten, im Schrott. Sie wurden «entmilitarisiert» und das Material recycelt. Bild: KEYSTONE

Ein Schweizer Schuetzenpanzer 2000 faehrt am Donnerstag, 6. November 2003 auf dem Waffenplatz Bure im Jura durch das Uebungsgelaende. Dieser Panzer, der  schneller sowie staerker gepanzert ist als sein Vorgaengermodell und mehr Panzergrenadiere aufnehmen kann, wird ab 2004 eingefuehrt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Heute fahren die Panzergrenadiere mit einem modernen Schützenpanzer ins Gefecht, dem schwedischen Combat Vehicle (CV) 9030, die Schweizer Armee nennt ihn Spz 2000. Bild: KEYSTONE

Kennst du schon diese Serie zur Schweiz im Krieg?

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