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Therapeuten dürfen während Corona-Krise öfter per Telefon behandeln – doch es gibt Kritik

Wegen der Coronakrise dürfen Psychiater ihre Klienten vermehrt aus der Ferne therapieren. Fachleuten geht der Bund aber zu wenig weit.

Dominic Wirth / ch media



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Per Telefon oder Videoanruf sollen psychische Probleme weiter behandelt werden können. Bild: Shutterstock

Die Coronakrise macht Angst, und ganz besonders gilt das für Menschen, die schon zuvor mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. «Wer besonders verletzlich ist, hat noch mehr zu kämpfen mit der Ungewissheit dieser Tage», sagt Alain Di Gallo, Professor für Psychiatrie und Vizepräsident der FMPP, der Vereinigung der Schweizer Psychiater.

Laut einem Bericht des Bundes leiden 17 Prozent der Schweizer an psychischen Erkrankungen, etwa Angststörungen. Immer mehr Betroffene nehmen professionelle Hilfe in Anspruch. Doch just jetzt, in den Tagen der Krise, ist das nur eingeschränkt möglich. Zwar sind dringende medizinische Behandlungen weiterhin erlaubt. Gleichzeitig sollen die Menschen wegen der hohen Ansteckungsgefahr des Coronavirus zu Hause bleiben. Psychiater und Psychologen haben sich deshalb beim Bund dafür eingesetzt, vorübergehend vermehrt auf telemedizinische Konsultationen – also per Telefon oder Videoanruf – setzen zu dürfen. «Es ist sehr wichtig, dass wir gerade jetzt weiter behandeln können, denn sonst drohen riesige Folgeschäden», sagt Di Gallo.

Neue Patienten müssen zuerst in die Praxis

Bis anhin waren so genannte fernmündliche Behandlungen nur eingeschränkt möglich. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat nun ein Faktenblatt veröffentlicht, mit dem es seine Abrechnungsempfehlungen für die Dauer der Ausnahmeregeln, die wegen der Coronakrise erlassen wurden, anpasst. Psychiater dürfen etwa neu statt maximal 20 Minuten pro Sitzung bis zu 75 Minuten für Behandlungen per Telefon oder Videokonferenz abrechnen. Damit wird eine vollständige Beratung aus der Distanz ermöglicht.

Alain Di Gallo sagt, bei der FMPP sei man sehr froh über das Entgegenkommen des Bundes. «Erkrankungen, die jetzt noch zu handhaben sind mit einer Therapie, könnten sich sonst massiv verschlimmern, gar chronifizieren», so Di Gallo.Allerdings gehen die vorübergehenden Neuerungen des Bundes für verschiedene Fachleute zu wenig weit. Da ist einerseits der Passus im Faktenblatt, laut dem die Ausnahmeregeln für die Behandlung aus der Ferne nur bei Patienten gelten, die sich bereits heute in Therapie befinden. Diese Einschränkung hält Alain Di Gallo für verheerend. «Gerade jetzt müssen wir doch neue Patienten aufnehmen können», sagt Di Gallo.

Er meint etwa den 75-Jährigen, der alleine zuhause sitzt, wegen des Virus eine Angststörung entwickelt, sich nicht mehr aus dem Haus traut – und dringend Hilfe sucht. «Solchen Menschen müssen wir auch jetzt eine Behandlung anbieten können», sagt er. BAG-Sprecher Jonas Montani sagt, dass fernmündliche Therapien auch bei neuen Patienten möglich seien - aber nur, nachdem ein erstes Abklärungsgespräch physisch stattgefunden hat.

Psychotherapeuten fühlen sich erneut benachteiligt

Zu reden gibt daneben, dass in der delegierten Psychotherapie andere Regeln gelten sollen als für Psychiater. Psychologische Psychotherapeuten können ihre Leistungen nur über die Krankenkasse abrechnen, wenn sie bei einem Psychiater angestellt sind. Gegen diese Ungleichbehandlung wehren sich die Psychologen schon lange. Und sie tun das auch jetzt wieder. Gestern haben sie deswegen einen Brief an Gesundheitsminister Alain Berset geschickt.

Der Hintergrund: Das Bundesamt für Gesundheit sieht zwar auch in der delegierten Psychotherapie vor, dass Therapien vermehrt aus der Ferne abgehalten werden sollen. Allerdings soll das nicht wie bei den Psychiatern unlimitiert möglich sein. Stattdessen dürfen delegiert arbeitende Psychologen künftig statt 240 neu 360 Minuten telefonische oder videobasierte Therapie pro Halbjahr abrechnen. Die Föderation der Schweizer Psychologen (FSP) verlangt vom Bundesrat, dass er diese Einschränkung zumindest für die Dauer der Coronakrise aufhebt. Die Ungleichbehandlung sei «völlig unverständlich», so Philipp Thüler von der FSP. Gerade jetzt, wo die psychische Gesundheit besonders gefährdet sei, müssten alle Kräfte mobilisiert werden.

Die Angst vor Therapieunterbrüchen

Psychologische Psychotherapeuten erbringen heute etwa ein Viertel der Psychotherapien, die über die Krankenkassen abgerechnet werden können. Im schlimmsten Fall, sagt Philipp Thüler, drohten nun gar Therapieunterbrüche. Rückendeckung erhält die FSP etwa von der Stiftung Pro Menta Sana, die sich für psychisch beeinträchtige Menschen einsetzt. Und auch der Psychiaterverband FMPP stellt sich an ihre Seite. Die Regeln für Psychologen seien jenen für Psychiater anzugleichen, sagt Vizepräsident Di Gallo.

BAG-Sprecher Jonas Montani verweist auf die Ausweitung um 50 Prozent auch für psychologische Psychotherapeuten. Die 120 zusätzlichen Behandlungsminuten könnten auch innerhalb des gleichen Monats eingesetzt werden. Zudem beurteile das BAG «die Empfehlungen regelmässig aufgrund der zukünftigen Entwicklung der Lage». (bzbasel.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • AMW 09.04.2020 22:28
    Highlight Highlight Präzisierung: In den 360 Minuten sind ALLE Leistungen in Abwesenheit der PatientInnen enthalten: Berichte, nicht anders zu verrechnen, Absprachen im Helfernetz, Aktenstudium etc. Normalerweise stehen dafür 260min. pro Halbjahr zur Verfügung, und die reichen oft nirgends hin.
    Kurz: Verbindlichkeit und Regelmässigkeit ist für Psychotherapie zentral. Und dafür sind 360min. abzüglich andere Leistungen in Abwesenheit dreimal nichts!
    PsychologInnen und PsychiaterInnen sind sich einig: Psychotherapien müssen auch in Coronazeiten normal weitergeführt werden können, einfach online, no Problem.
  • Lea Real 08.04.2020 23:05
    Highlight Highlight „Psychologische Psychotherapeuten können ihre Leistungen nur über die Krankenkasse abrechnen, wenn sie bei einem Psychiater angestellt sind.„
    Das stimmt so nicht ganz: über die Zusatzversicherung der KK können auch psychologische Therapeuten ohne Delegation durch einen Psychiater abrechnen. Allerdings wird über die ZV nur ein Teil der Sitzungs-Kosten übernommen, wobei dieser je nach KK sehr unterschiedlich ist.
  • Chey123 08.04.2020 08:59
    Highlight Highlight Genau meine Situation, bin depressiv und meine Ängste tauchten dank Corona wieder auf... war echt überrascht als meine Psychiaterin mir mitteilte wir dürfen nicht so lange telefonieren, wie wenn ich mich mit ihr treffen würde... Fühlte mich echt hilflos den in den 20/30min (?) kann kaum was richtig besprochen werden...
    Wie kommt man bloss auf solche Regelungen?!
    Ich bin froh, habe ich noch meine Betreuerin, die mir 1mal die Woche im Alltag hilft, es ist gerade echt schwer!
    Ich wünsche uns allen ganz viel Kraft und danke unseren Helden!
    • Bambusbjörn aka Planet Escoria 08.04.2020 09:21
      Highlight Highlight Ich verstehe dich vollkommen.
      Vor einem Monat habe ich meine stationäre Behandlung abgeschlossen. Die weiterführende Therapie in der Tagesklinik konnte ich wegen der Coronakrise nicht beginnen.
      Ich konnte gestern zumindest mit meiner Therapeutin telefonieren. Aber 20 Minuten sind wirklich wenig.
      Auf eine solche Regelung kommen wohl nur Bürokraten.😒
      Meine Therapeutin findet sie auch ziemlich lächerlich.
      Ich habe keine Betreuerin. Aber dafür sehr liebe Menschen, die für mich da sind. 😊

      Dir und allen anderen ganz viel Kraft und die Gelassenheit eines Berges.
    • Gutemine 08.04.2020 10:35
      Highlight Highlight Ich kann mit Dir fühlen und schicke Dir viel Durchhaltevermögen rüber! Du stehst das durch!!
    • Chey123 09.04.2020 11:20
      Highlight Highlight Danke für eure Nachrichten, bin echt froh nichts negatives zu lesen, sorry bin echt empfindlich, mich hat das Ganze mega zurückgeworfen, ich will nicht rum jammern aber es hat mich eiskalt erwischt, macht einfach Angst! Dann sowas zu lesen, zu erleben, einfach Horror! Mir fällt es schwer um Hilfe zu bitten, ich wollte diese Rückschläge nicht hinnehmen, meine beste Stütze aber muss wegen der Zeit das Gespräch abbrechen, schlimm, ich kann mich ja nicht mal hier zurückhalten🙄
      Sorry mein englisch ist leider nicht gut genug für sowas aber merci vielmals!
      Allen ganz viel Kraft und Unterstützung!
  • blueberry muffin 08.04.2020 08:31
    Highlight Highlight Einigen geht es um Menschenleben, andere sind besorgt das sie bei gefährdeten Menschen nicht 100% verrechnen können.
  • Rethinking 08.04.2020 08:11
    Highlight Highlight Psychologische Psychotherapeuten...

    Gibt es auch andere Psychotherapeuten?
    • Lea Real 08.04.2020 22:58
      Highlight Highlight Ja, Psychiater bzw. psychiatrische.
    • Rethinking 09.04.2020 12:44
      Highlight Highlight Merci
  • Nkoch 08.04.2020 07:37
    Highlight Highlight Hauptsache kompliziert und nervig, genau was man sich so wünscht wenn man Hilfe braucht.
  • nine 08.04.2020 07:17
    Highlight Highlight Da gibt es auch psychiatrie Pfleger*innen, welche bei den Patient*innen vor Ort meist arbeiten. Auch diese sind von den Einschränkungen betroffen. Ich kenne gerade 2 solche Pfleger, welche nun entgegen sämtlichen Massnahmen des BAG zu den Patient*innen nach Hause müssen. Sie versuchen dies nun mit Abstand halten, Handschuhe, Hände waschen. Per Videokonsultation dürfen Sie jedoch nicht arbeiten, da dies nicht abgerechnet werden darf. Dabei gibt es Patient*innen, welche dringend Hilfe benötigen, jedoch niemand zu sich lassen aufgrund des Coronas.

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