Schweiz
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Nationalrat Roger Koeppel macht Werbung fuer seine Weltwoche an der Delegiertenversammlung der Schweizerischen Volkspartei (SVP) in der Mehrzweckhalle Stutz in Lausen, am Samstag, 24. Juni 2017. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Journalist und Politiker: An der Delegiertenversammlung der SVP vom letzten Samstag wirbt Roger Köppel für seine «Weltwoche» – doch nicht allen Parteifreunden gefällt sein Stil von Journalismus. Bild: KEYSTONE

«Göring-Versteher» – SVP-Parteikollege rechnet mit Roger Köppel ab

Ausgerechnet in der SVP-nahen «Basler Zeitung» schiesst der frühere SVP-Nationalrat Hans Fehr scharf gegen Politiker, die «absurde Gegenpositionen um jeden Preis» einnehmen. Auch wenn er seinen Namen nicht nennt: Diese drei Gegenüberstellungen zeigen, dass er sich dabei auf die Erdogan- und Putin-Schwärmereien von «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel bezieht.



«Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel sieht sich in der Rolle des einsamen Rufers in der Wüste: Einem angeblich gleichgeschalteten Medien-Mainstream hält er in seinen Editorials «unangenehme Wahrheiten» entgegen, welche das Establishment gerne unter den Teppich kehren würde.

Köppels beliebtestes Mittel, um trotz sinkender Auflagenzahlen maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, ist die Provokation. Wenn die ganze Welt den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen kritisiert, lobt Köppel Donald Trumps Entscheid als einen «Akt der Ehrlichkeit». Für diese Praxis erhält Köppel nun eine kräftige Abreibung – und zwar ausgerechnet in der «Basler Zeitung», zu deren Mitbesitzern Christoph Blocher gehört.

Aus Anlass einer Reise in die baltischen Staaten und der dort angetroffenen Skepsis gegenüber dem russischen Nachbarn prangert der 2015 abgewählte SVP-Nationalrat Hans Fehr die westlichen Verteidiger autoritärer Machthaber an.

ARCHIV --- Hans Fehr, Nationalrat SVP-ZH, spricht waehrend einer Debatte im Nationalrat, am Dienstag, 26. November 2013 waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete in Bern. Der Zuercher SVP-Nationalrat Hans Fehr soll fuer eine sechste Amtsperiode im Nationalrat kandidieren koennen. Die Parteileitung hat ihn am Dienstag, 19. Mai 2015, auf die Nationalratsliste gesetzt. Ob die Parteibasis das auch will, zeigt sich am 28. Mai. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

SVP-Mann Hans Fehr sass 20 Jahre im Nationalrat. Bild: KEYSTONE

Fehr tadelt «Journalisten, Politiker und andere Geister», welche zu «jeder ‹landläufigen› Meinung um jeden Preis eine Gegenposition einnehmen wollen, auch wenn diese absurd ist.» Dass sich die Vorwürfe gegen den «Weltwoche»-Verleger richten, ist augenfällig. Das zeigen die Gegenüberstellungen von Zitaten aus den Editorials von Roger Köppel (grün) mit der Kritik von Hans Fehr (rot).

Köppel, der «Putin-Versteher»

epa06045614 Russian President Vladimir Putin speaks with Turkish President Tayyip Erdogan during telephone conversation while inspecting the pipe-laying vessel Pionering Spirit in Anapa, Russia, 23 June 2017. Vladimir Putin inspected the work of laying the Turkish Stream gas pipeline in the Black Sea near Anapa.  EPA/MIKHAIL METZEL/SPUTNIK/KREMLIN POOL

«Kein Stalin und schon gar kein Hitler»: Köppel über Putin. Bild: EPA/SPUTNIK POOL

Roger Köppel (12.2.2015): «Putin ist kein Stalin und schon gar kein Hitler, obschon unvorsichtige Interpreten auch diese Absurdität bereits in die Arena warfen. Putin steuert eine ehemalige Grossmacht, die in den letzten zwanzig Jahren mit ansehen musste, dass ihre Grenzen um rund zweitausend Kilometer von Westen nach Osten zurückgeschoben wurden. Die Russen liessen es geschehen, dass sich Deutschland friedlich wiedervereinigen konnte und ihre einstigen Sowjetrepubliken heute grösstenteils im westlichen Verteidigungsbündnis Nato unterkamen.»

Hans Fehr: «Die Balten haben darum wenig Verständnis für die Putin-Versteher, welche die mobilen Abfang-Raketen, reine Defensivwaffen mit rund 70 Kilometer Reichweite, die von der Nato zum Beispiel während Militärmanövern in den baltischen Staaten eingesetzt werden sollen, als gewaltige Provokation für Putin verurteilen. Da sei es nur verständlich, so die Putin-Versteher, wenn die Russen ihrerseits Raketen installieren würden.»

Köppel, der «Erdogan-Versteher»

FILE - In this Saturday, April 15, 2017 photo, Turkey's President Recep Tayyip Erdogan waves to supporters during the last rally ahead of Sunday's referendum, in Istanbul. Few men can claim to have dominated politics in Turkey - or polarized his people - as much as Erdogan, the 63-year-old president who has urged his nation to approve reforms that will greatly expand his powers. (AP Photo/Lefteris Pitarakis, file)

«Wohlwollende Distanz»: Roger Köppel über Erdogan. Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

Erdogan zum Ersten

Roger Köppel (16.3.2017): «Ich respektiere Präsident Erdogan als rechtmässiges Staatsoberhaupt, das auf die Unterstützung einer demokratischen, wenn auch schwindenden Mehrheit ­seiner Landsleute zählen kann. ­Zudem respektiere ich, dass sich die Türkei in einer Art Belagerungszustand befindet. Es geht um Recht und Ordnung. Übersehen es in ihrem selbstgerechten Zorn vielleicht die westlichen Erdogan-Anprangerer?»


Hans Fehr: «Die Erdogan-Versteher bekunden Verständnis für das Präsidialsystem, dem die Mehrheit des türkischen Volks nach einer gewaltigen Unterdrückungs- und Verhaftungskampagne gegen die tatsächliche Opposition und gegen Zehntausende angeblicher Oppositioneller zugestimmt hat.»

Erdogan zum Zweiten

Roger Köppel: «Anders als das gesegnete Friedensreduit Schweiz steckt die Türkei nicht nur in einem kalten Bürgerkrieg gegen revoltierende ­ethnische Minderheiten. Sie kämpft auch mit einer Staatskrise am Rande eines brodelnden politischen Hexenkessels im Mittleren ­Osten. Die Stärkung der Zentralgewalt soll helfen.»

Hans Fehr: «Die Erdogan-Versteher argumentieren, dass sich Erdogan mit Sultan-ähnlichen Befugnissen habe ausstatten müssen, weil sich die Türkei mit ihren starken Minderheiten – insbesondere den nach Unabhängigkeit strebenden Kurden – keine Instabilität leisten könne. Dieses Versteher-Argument greift zu kurz.»

Köppel, der «Göring-Versteher»

Defendant Hermann Goering in the prisoners' dock at the International Military Tribunal trial of war criminals at Nuremberg. Goering was the former head of the Luftwaffe and was at one time second in command to Hitler. Göring.

«Weder Monster noch Teufel»: Köppel über Göring. Bild: public domain

Roger Köppel (7.1.2017): «Göring war weder Monster noch Teufel. Sein Trauma war der Absturz Deutschlands nach dem Weltkrieg 1918. Wie Millionen andere glaubte er in Hitler den genialen Wieder­errichter deutscher Grösse, den Beseitiger politischen Unrechts zu erblicken. Zweifellos hatte Göring Qualitäten, wie auch seine Gegner nach dem Krieg bestätigten.»

Hans Fehr: «Es gibt sogar Leute, welche nachträglich ein differenziertes Bild des Nazireichs- und Luftmarschalls zu zeichnen versuchen: Die Nummer zwei im Dritten Reich habe es eigentlich gut gemeint – aber es sei dann leider falsch herausgekommen. Hermann Göring wird als charismatisches Netzwerkgenie gelobt, dem man in der Vielfalt seiner Eigenschaften gerecht werden müsse.»

«Köppel hat eine rote Linie überschritten»

Auf Anfrage von watson räumt Hans Fehr ein, dass er bei der Kritik an den «Göring-Verstehern» auch ein Editorial von Köppel im Kopf gehabt habe. Er schätze Köppel, aber dessen Göring-Editorial habe eine rote Linie überschritten – «auch wenn es provokativ gemeint war». Dazu, dass sich auch für andere Kritikpunkte Beispiele in Köppels Editorials finden lassen, sagt Fehr vielsagend: «Das ist Ihre Vermutung.» 

Sein Artikel sei aber breiter adressiert und richte sich nicht nur gegen Köppel. Fehr will ihn als Mahnung verstanden haben: «Wer auf Teufel komm raus entgegen aller Fakten immer eine Gegenposition einnimmt, macht sich unglaubwürdig.»

«Ignoranz geht mir auf den Wecker»

Das zeige sich etwa am Beispiel Putins. Er höre oft – aus konservativen, aber auch anderen Kreisen – dass «alles, was Putin macht, super ist», sagt Fehr. Man zeige Verständnis für die Besetzung der Krim, die russische Einmischung in der Ostukraine und die Drohgebärden in Richtung der baltischen Staaten.

Manche Konservative, Anhänger von Verschwörungstheorien, aber auch gewisse Linke wie Alt-SP-Nationalrat Andreas Gross, seien «Putin-Versteher»: «Sie sehen in Russland eine Kraft des Friedens, in den USA hingegen die Quelle allen Übels» sehen.

Dabei zeige die Realität, dass man Putins Handeln sehr kritisch bewerten müsse. Ähnlich verhalte es sich beim türkischen Präsidenten Erdogan. «Diese Ignoranz gegenüber den Fakten geht mir auf den Wecker», so Fehr.

Roger Köppel hat auf die Anfrage von watson bis jetzt noch nicht reagiert.

«Medienkritische Bildbetrachtung» von watson-Kulturredaktorin Simone Meier

Video: watson/Renato Kaiser

Da begann es mit der Doppelrolle: Köppel lanciert seine Kandidatur als Nationalrat

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