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epa08256436 People wearing protective face masks in Milan, Italy, 28 February 2020. The number of people infected with the novel coronavirus (Covid-19) disease who have died in Italy has risen to 17.  EPA/MARCO OTTICO

Das Coronavirus dominiert aktuell die Berichterstattung. Bild: EPA

«Ich bin ein Grufti, der gefährdet ist!» – so mischte Beda Stadler die Corona-«Arena» auf

Die Schweiz spricht aktuell kaum über ein anderes Thema. Kein Wunder also, widmete sich auch die SRF-«Arena» dem Coronavirus. Einer der Gäste dominierte dabei mit seinen pointierten Aussagen, stiess bei seinen Mitstreitern aber auf taube Ohren.



Das Coronavirus dominiert die Newslage. Laut aktuellem Stand sind in der Schweiz 15 Corona-Fälle bestätigt, über 100 Personen befinden sich in Quarantäne. Am Freitag verkündete Gesundheitsminister Alain Berset an einer Medienkonferenz, dass sämtliche Grossanlässe mit mehr als 1000 Personen bis zum 15. März verboten werden.

Auch die SRF-Arena beschäftige sich intensiv mit der Thematik. Bereits um 21 Uhr stand Moderator Sandro Brotz im «Arena»-Studio und diskutierte mit zahlreichen Gästen, darunter Johny Fischer vom Comedy-Duo Divertimento und Heidi Hanselmann, Präsidentin der Gesundheitsdirektoren-Konferenz, die aktuelle Lage (mehr dazu im Ticker).

Um 22.25 Uhr folgte dann die reguläre SRF-«Arena». Bereits in der Spezial-Sendung als auch in der darauf folgenden «Arena» stand ein Mann im Fokus, dessen Gesicht aktuell die Bildschirme der Schweizer Haushalte dominiert: Daniel Koch, Abteilungsleiter für übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Koch informierte auch bei seinem jüngsten TV-Auftritt unaufgeregt und kompetent und liess sich trotz Versuchen von Moderator Brotz nicht aus der Ruhe bringen. «Die Lage in der Schweiz ist unter Kontrolle. Wir wissen derzeit von jedem Patienten, wo er oder sie sich angesteckt hat.»

Ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen lässt sich FDP-Nationalrätin Regine Sauter. «Ich vertraue dem BAG und verhalte mich so, wie empfohlen – ich wasche meine Hände gründlich und häufig.» Hingegen nur mässig zufrieden mit der Arbeit des BAG ist die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog. «Am Anfang waren die Informationen sehr spärlich. Das Virus wurde verharmlost und gleich behandelt wie eine Grippe.»

Auf die Frage von Brotz, mit welcher Note Herzog denn die Kommunikation des BAG bewerten würde, antwortet diese: «Mit einer knappen Vier.» Koch, etwas abseits am Expertenpult platziert, verzieht ob dieser Bemerkung keine Miene. So fällt auch seine Antwort auf Herzogs Kritik knapp aus: «Entweder heisst es, wir verharmlosen das Ganze oder wir machen auf Panik. Wir versuchen einfach möglichst ernsthaft zu informieren und keine Prognosen zu machen.»

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Im Gegensatz zu Herzog würde Beda Stadler, emeritierter Professor für Immunologie, dem BAG wohl eine wesentlich bessere Note verpassen. «Das Virus wird sicherlich überschätzt. Aber der Bund reagiert genau richtig. Es gibt Studien, die zeigen, dass die ergriffenen Massnahmen die nötige Wirkung haben.» Ganz so gelassen wie Sauter sieht Stadler die Situation jedoch nicht.

Für ihn sei vor allem die Panikmache in den Medien unverständlich. «Wir müssen allen klar machen, dass Kinder nicht gefährdet sind. Die Statistiken sind klar. Ich bin ein Grufti, der gefährdet ist!» Stadler ist es auch, der Verena Herzog aufgebracht über den Mund fährt und sie lehrermässig tadelt, als diese Einzelfälle anspricht, wo auch jüngere Personen wegen des Coronavirus ums Leben kamen. «Dabei handelt es sich um Personen, die intensiv mit Infizierten in Kontakt standen und mehrmals in kürzester Zeit angesteckt wurden. Das ist ein Spezialfall.» Hierzulande sei man vorbereitet und würde nicht das gleiche erleben wie in China. «Jeder, der hier Panik macht und meint, dass bald alle anfangen zu sterben, der liegt einfach falsch», poltert Stadler.

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Überhaupt dominiert der emeritierte Professor die Diskussion. Seine Absicht ist unmissverständlich. Immer wieder kommt er auf die Impfpflicht zu sprechen. «Die Leute müssen endlich lernen, mit solchen Viren umzugehen. Sobald es einen Impfstoff dagegen gibt, will sich dann aber niemand mehr impfen. Es braucht endlich ein Impfobligatorium.» Man habe jahrelang den älteren Menschen beim Sterben zugesehen. «Es ist uns egal, wenn 300 bis 400 ältere Leute pro Jahr an der Grippe sterben. Weil die Gesellschaft ja darauf verzichten kann.» Das müsse sich nun endlich ändern und die Politik müsse dafür sorgen.

Auf Stadlers Forderungen eingehen, will niemand so richtig. Weder die Anwesenden Politikerinnen noch Moderator Brotz nehmen den Faden auf. Lieber sprechen sie über das Verhalten der SVP. Die Partei nutzt das Coronavirus derzeit, um auf die Begrenzungs-Initiative aufmerksam zu machen. So twitterte der ehemalige SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli:

Seine Partei verschickt derweil Medienmitteilungen mit Titeln wie «Die SVP fordert rigorose Kontrollen und medizinische Schnelltests an den Grenzen» und «Die Schweiz soll vorerst keine Asylbewerber mehr aus Italien aufnehmen».

Kommentieren will die SVP-Frau im Studio Mörgelis Tweet nicht. Womöglich etwas eingeschüchtert von Beda Stadlers Standpauke zuvor, bleiben Herzogs Statements zur Grenzschliessung vage: «Man muss sich schon fragen, ob es der richtige Weg ist, so viele Leute über die Grenze her zu ‹charren›. Das kann einfach zu negativen Konsequenzen, wie wir sie jetzt erleben, führen.»

Eine ziemlich dezidierte Meinung zur Kommunikation der SVP hat die FDPlerin Regine Sauter. «Ich finde es absolut verwerflich, aus solchen Ausnahmesituationen Kapital zu schlagen. Eine Grenzschliessung ist nicht nur absolut unvorstellbar, sondern bringt auch nichts.»

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Neben den Gästen in der Arena holt Sandro Brotz auch zahlreiche Stimmen der Bevölkerung ein. Ein Team aus Ärzten und Experten beantwortet während der Sendung Fragen zum Coronavirus. Und auch im Studio sitzen Menschen, die sich zur aktuellen Situation äussern dürfen. Ein Publikumsgast schafft es gar gegen Ende der Sendung, Daniel Koch vom BAG ein kaum merkliches Nicken zu entlocken. Auf die Frage von Brotz, was sie denn von der medialen Berichterstattung hält, meint die Frau: «Es wird schon ein sehr grosser Hype darum gemacht. Ich denke es ist einfach wichtig, dass wir Verantwortung übernehmen und gesunden Menschenverstand walten lassen. Und nicht in Panik ausbrechen.»

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