Schweiz
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Michelle Rahm (21), Aimee Bolt (18) und Marius Rütsche (19) dürfen erstmals wählen. Bild: watson/ bearbeitung hal

«Dort wo ich wohne, braucht man ein Auto» – so denken Erstwähler über Politik

Von wegen Politikverdrossenheit! Unsere Erstwähler zeigen im Streitgespräch, dass sie genau wissen, was sie wollen – und was nicht.



Was haltet ihr von den Klimademos? Nehmt ihr daran teil?
Michelle: Ich war auch schon an Klimademos. Sie zeigen, dass uns Jungen nicht egal ist, was mit unserer Welt passiert. Und dass es uns auch nicht egal ist, was die Politiker so machen. So wie es aussieht, sind die Klimaproteste das einzige Mittel, welches die Politiker hat erkennen lassen, dass sie jetzt wirklich handeln müssen. Das sah man jetzt auch beim Ständerat, der für ein strengeres CO2-Gesetz ist, was ich sehr toll finde. Darum finde ich die Proteste richtig und nötig.

Marius: Ich sehe den Sinn hinter den Klimademos nicht ganz. Was soll das bringen, wenn man auf die Strasse steht und ruft, dass die Klimaziele rauf und das CO2 runter soll. Ihr seid ja so viele Leute. Ich fände es schöner, wenn ihr zum Beispiel eine Initiative startet und die dann vors Volk bringt.

«Erstwähler an die Urnen»

In einer dreiteiligen Serie begleitet watson die Erstwähler Michelle Rahm, Marius Rütsche und Aimee Bolt durch den Wahlherbst. Sie erzählen, wie sie sich politisiert haben, welche Themen ihnen besonders am Herzen liegen und welches Parteiprogramm sie am überzeugendsten finden.

Michelle: Aber das wird ja auch gemacht. Es gibt zum Beispiel die Gletscherinitiative, die verlangt, dass die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Nettonull reduziert werden. Aber wir müssen eben auch protestieren. Weil wenn wir jetzt nicht vorwärts machen, dann endet das in einem riesen Schlamassel.
Marius: Es ist ja schön und gut, wenn man bis 2050 klimaneutral sein will. Da bin ich nicht dagegen. Aber um das zu erreichen, braucht man halt genaue Ideen und einen genauen Plan. Und das sehe ich bei der Klimabewegung nicht.

Erstwähler

Michelle Rahm (21) aus Wildegg, AG. Bild: watson

Aimee: Ich verstehe, dass es Leute wichtig finden, jeden Freitag auf die Strasse zu stehen und für das Klima zu demonstrieren. Ich selbst, habe keine Zeit für solche Spässe. Aber wenn ihr Zeit und Energie dafür habt und euch das wichtig ist, dann könnt ihr das machen. Aber ihr solltet euch schon immer fragen, welches Leben ihr jetzt damit konkret verbessert. Ich finde den Protest auf der Strasse ein legitimes Mittel, aber es gibt auch andere Wege.

Zum Beispiel?
Aimee: Klimaaktivisten haben vor Kurzem in Zürich und Basel die CS und UBS besetzt. Anstatt dass die Leute dort arbeiten konnten, habt ihr sie daran gehindert. Das finde ich völlig falsch. Ihr sollt nicht ihre Arbeit schwieriger machen, sondern auf sie zugehen und mit ihnen zusammenarbeiten. Denn die Banken sind sehr interessiert daran, etwas zu ändern. Die UBS hat Öko-Fonds, in die man investieren kann und die auch mehr Profit abwerfen. Auch Nestlé hat Initiativen für die Umwelt. Die Politik ist sowieso immer einen Schritt hinterher und die Gesetzgebung nochmals zehn. Darum wäre es gescheiter, wenn man mit der Privatwirtschaft zusammen arbeiten würde.

Marius (19) über die EU und das Stimmrechtsalter 16

Video: watson/Lino Haltinner

Michelle: Nebst einer klimafreundlichen Wirtschaft braucht es auch Investitionen in die Forschung. Und wir in der Schweiz könnten da eine Vorbildfunktion einnehmen. Wenn wir in neue Methoden investieren, hätte das mega viel Potenzial. Dann profitieren später auch Länder davon, die jetzt nicht die Ressourcen haben, klimafreundlich zu wirtschaften. Aber kurzfristig gedacht finde ich schon, dass es auch politische Massnahmen braucht, wie das jetzt mit der Flugticketabgabe und der Verteuerung des Benzinpreises geplant ist.

Marius: Aber genau das ist doch ein Problem. Mit der Flugticketabgabe werden doch diejenigen bestraft, die wenig fliegen. Eine sechsköpfige Familie, die einmal im Jahr im Sommer in die Ferien fliegen will, kann sich das dann nicht mehr leisten. Und derjenige, der sowieso jedes Wochenende rumjettet, dem ist es egal, wenn er 100 Stutz mehr für sein Ticket bezahlen muss.

Michelle: Aber dort überlegt man sich ja, wie der Bund das eingenommene Geld wieder zurückzahlen kann. So, dass die sechsköpfige Familie zum Beispiel über die Krankenkassenprämie mehr entlastet wird.

Befürchtet ihr, dass die Forderungen der Klimabewegung Auswirkungen auf euer Leben hat?
Marius: Ja, schon. Zum Beispiel dort wo ich wohne, braucht man ein Auto. Es gibt einmal in der Stunde eine Busverbindung. Mit dem höheren Benzinpreis werden dann diejenigen bestraft, die gar nicht anders können, als Auto zu fahren. Darum bin ich dagegen, das zu verteuern.

Erstwähler

Marius Rütsche (19) aus Ganterschwil, SG. Bild: watson

Aimee: Ich finde, man könnte zum Beispiel eine Öko-Steuer erheben. Dass der Staat mit solchen Massnahmen in die Privatwirtschaft eingreift, finde ich nicht ok. Nur weil es jetzt viele Leute gibt, die sagen, dass alles ökologischer werden muss, ist es doch nicht richtig, dass am Ende wir mehr Geld fürs Fliegen oder fürs Autofahren ausgeben. Man könnte auch das GA vergünstigen.

Michelle: Ja, das fände ich auch gut.

Aimee: Dann wäre das GA attraktiver und dann schafft man einen Anreiz, den Zug zu benutzen, anstatt das Auto.

Nebst dem Klimawandel ist ein anderer politischer Brennpunkt die Altersvorsorge. Beschäftigt euch das Thema?
Aimee: In meinem Umfeld ist das ein heiss diskutiertes Thema. Man sagt ja, dass nach der Pensionierung etwa 60 Prozent des Einkommens über die AHV abgedeckt wird. Aber realistischerweise wird das nicht mehr so sein, wenn ich alt bin. Ich frage mich, ob ich die erste Säule dann überhaupt noch nutzen kann. Es wäre besser, wenn man jetzt die Attraktivität der zweiten und dritten Säule erhöht, um die erste Säule zu entlasten.

Aimee (18) über die Generation Z und Bürgerpflichten

Video: watson/Lino Haltinner

Marius: Oder man könnte die erste Säule mit einer Sanierung retten. Und das Rentenalter stetig erhöhen auf 66 Jahren. Die Jungfreisinnigen haben dazu ja eine Initiative eingereicht. Schliesslich leben wir auch immer länger. Da können wir ja auch länger arbeiten. Klar ist einfach, dass so wie es jetzt ist, nicht gut ist. Ich bezahle AHV ein und habe Angst, dass ich mal nichts mehr davon zurückbekomme.

Michelle: Also ich stimme völlig mit euch überein und finde auch, dass das ein grosses Problem ist. Die Babyboomer-Generation kommt jetzt ins Rentenalter. Aber nach ihnen ist die Demografie nicht mehr so vasenförmig und für den Staat wird es einfacher werden, das Problem zu lösen. Zum Glück kam die Initiative mit der Steuerreform und AHV-Finanzierung durch. Das löst zumindest einen Teil der Probleme.

Habt ihr als junge Menschen das Gefühl, dass sich die Alten auf eure Kosten einen schönen Lebensabend machen?
Michelle: Nein. Es ist ja nicht die Schuld der Alten, dass das System nicht mehr funktioniert. Die Schweiz ist ein Sozialstaat. Ich finde es mega toll, dass hier jeder eine AHV hat. Es ist wichtig, dass das so bleibt. Die Rentner von heute haben ja auch dafür gearbeitet, dass sie jetzt von der Altersvorsorge leben können.

Aimee: Ich finde auch, dass dieser Teil vom Sozialstaat aufrecht erhalten bleiben muss. Es ist eine Errungenschaft, auf die wir stolz sein können. Es ist wichtig, dass auch die Ältesten in einer Gesellschaft ihren Platz haben und menschenwürdig leben können.

Michelle: Dazu gehört auch, dass man neue Sachen erfindet, um den Alten diesen menschenwürdigen Lebensabend zu ermöglichen. Die Altersheime zum Beispiel sind extrem teuer und für viele Leute nicht bezahlbar. Vielleicht können neue Wohnformen, wie Mehrgenerationen-Projekte gefördert werden. Aimee: Finde ich auch. Warum sollten nur Junge in WGs wohnen, das können ja auch Alte. So kann man auch die finanziellen Mitteln etwas zusammenstecken.

Marius: Wenn ich mir das mit den Alters-WGs durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich einfach, wer das denn will. Ich finde die Idee nicht grundsätzlich dumm. Ich glaube aber, dass wenn ich mal alt bin, lieber meinen eigenen Raum, mein eigenes Haus haben möchte.

Es gibt den Vorschlag, das Frauenrentenalter demjenigen der Männer anzugleichen. Was haltet ihr davon?
Marius: Ich finde es nicht ok, wenn ich ein Jahr länger arbeiten muss als Frauen. Frauen fordern ja in anderen Belangen auch Gleichberechtigung. Klar, sie sagen, dass sie mit dem Rentenalter erst einen Schritt auf uns zukommen, wenn auch sonst überall alles gut ist. Aber es ist ein Prozess und das kommt ja jetzt auch stetig. Darum finde ich es ok, wenn jetzt das Rentenalter der Frauen erhöht wird.

Aimee: Ich finde diesen Einwand berechtigt. Wenn wir über Gleichberechtigung reden, dann bedeutet das auch, dass Frauen ins Militär müssen. Aber es gibt schon auch noch andere Bereiche, wo Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind. Auch das muss sich ändern.

Erstwähler

Aimee Bolt (18) aus Wil, SG. Bild: watson

Michelle: Ich finde es auch ok, wenn das Frauenrentenalter erhöht wird. Frauen leben ja auch länger als Männer. Für mich ist Gleichberechtigung nicht nur, dass Männer überall einen Schritt auf die Frauen zumachen müssen. Das wäre ungerecht. Aber es gibt schon Dinge an denen man spezifisch arbeiten muss. Zum Beispiel, dass man den Frauen Kündigungsschutz garantiert, wenn sie schwanger sind. Oder dass in Berufen, die mehrheitlich von Frauen ausgeführt werden, die Löhne erhöht werden.

Fragt man Schweizerinnen und Schweizer über ihre Sorgen aus, werden die hohen Gesundheitskosten oft zuerst genannt. Wie sieht das bei euch aus: Bezahlt ihr eure Krankenkassen aus dem eigenen Sack?
Michelle: Ich bin immer noch in der Erstausbildung. Und ich habe das Glück, dass mich meine Eltern finanziell unterstützen. Ich habe die niedrigste mögliche Prämie und eine Zusatzversicherung. Als ich mit meiner Mutter kürzlich über meine Krankenkasse gesprochen hat, wurde mir klar, dass die Prämie für meinen Bruder etwas billiger ist. Weil er ein Mann ist und ich als Frau, die vielleicht mal ein Kind bekommt, ein grösserer Risikofaktor ist. Das finde ich extrem ungerecht.

Michelle (21) über Greta und Gleichberechtigung

Video: watson/Lino Haltinner

Marius: Bei mir bezahlt mein Vater die Krankenkasse. Ich überweise ihm monatlich einen Teil von meinem Lohn für Miete, Haushaltsgeld und Krankenkassenkosten. Das bezahle ich aber erst, seit ich aus der Lehre bin.

Aimee: Ich bin sehr dankbar, dass mir das noch von meinen Eltern bezahlt wird. Als ich eine grössere Zahnkorrektur brauchte, wurde die zum Teil von der IV, zum Teil von der Zahnzusatzversicherung bezahlt. Trotzdem mussten meine Eltern einen sehr hohen Restbetrag bezahlen. Sowieso sind die hohen Kosten im Gesundheitswesen ein grosses Problem. Ich habe das Gefühl, das man es versäumt, das ganzheitlich und richtig anzugehen.

Michelle: Was mir am meisten Sorgen macht, sind die Ausschlüsse, die eine Krankenkasse macht. Obwohl wir eigentlich zufrieden sind mit unserer Kasse wurde mein Bruder vor ein paar Jahren ausgeschlossen, weil er eine Herzoperation hatte. Danach haben sie alles noch ganz normal versichert, ausser bei dem Teil, bei dem er am gefährdetsten war, haben sie nicht versichert. Ich find’s schlimm, wenn eine Gesellschaft eingeteilt wird in Gesunde und darum Billige und Kranke und darum Teure. Die Krankenkasse sollte doch genau für diejenigen Leute hier sein, die es am meisten brauchen.

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