Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Schweizer Hotels in der Corona-Krise: Die Zimmer sind zu im Tourismusland

Das Land steht still, und das spüren auch die Schweizer Hotels. Traditionshäuser tun, was sie eigentlich nie wollten: Sie schliessen.

Dominic Wirth / ch media



Bild

Verwaistes Zimmer im Hotel Schweizerhof. BIld: Pius Amrein

Der Flughafen Zürich findet sonst kaum einmal zur Ruhe, doch jetzt sind die Schlangen aus seinen Abflughallen verschwunden. Die Gepäckbänder drehen sich nur noch selten. Und draussen, auf dem Rollfeld, stehen Flugzeuge der Swiss einsam da. Sie braucht es jetzt, da die Welt wegen der Corona-Krise fast stillsteht, nicht mehr.

Im Radisson Blu, dem Hotel direkt am Flughafen, tröpfeln hin und wieder Gäste in die Lobby. Der junge Italiener zum Beispiel, eine Hand am Kinderwagen, aus dem die Tochter grinst. Auch er bleibt nicht lange, ist auf Durchreise. «Ich gehe nach Hause, nach Sardinien», sagt er. Aber er ist immerhin ein Gast. Die sind eine Seltenheit geworden in der Schweiz. Das Hotelland, fast 40 Millionen Logiernächte 2019, trocknet aus, von Graubünden bis Genf. Und überall zerbrechen sich die Hoteliers den Kopf darüber, wie es weitergeht.

Der Luzerner «Schweizerhof» schliesst erstmals unfreiwillig

Patrick Hauser, Mitbesitzer des Hotels Schweizerhof in Luzern, 101 Zimmer, 5 davon belegt, schläft gerade nicht gut. Tagsüber reiht sich eine Krisensitzung an die nächste. Und in der Nacht wollen die vielen Fragen erst recht nicht verschwinden.

Hauser sitzt in der Bar des Traditionshauses an der Luzerner Seepromenade. Draussen strahlt die Sonne auf den Vierwaldstättersee, zur Kapellbrücke sind es nur ein paar Schritte. Der «Schweizerhof» ist ein Haus mit einer grossen Geschichte. Kaiser und Könige haben im spätklassizistischen Palais schon übernachtet, Winston Churchill, auch Mark Twain. Heuer feiert das Hotel sein 175-Jahre-Jubiläum, doch zum Feiern ist Hauser gerade nicht zu Mute.

Bild

Hotelier Patrick Hauser. bild: Pius Amrein

Vor ein paar Tagen hat Hauser, der das Hotel mit seinem Bruder in fünfter Generation führt, einen Entscheid gefällt, den er noch vor ein paar Wochen für unvorstellbar hielt: Der «Schweizerhof» schliesst. Am Sonntag ist es so weit; über den Flügel in der Hotelbar hat jetzt schon jemand eine Abdeckhülle gezogen, die Schnapsflaschen werden im Keller eingeschlossen. Das Corona-Virus hat geschafft, was der Spanischen Grippe nicht gelang und auch den zwei Weltkriegen nicht.

«Es ist eine brutale Zeit», sagt Hauser, und er meint sich dabei als Privatperson, die sich um Freunde und Familie sorgt. Und er meint sich als Hotelier, der seine 140 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken muss. Das bedeutet in diesem Fall, dass die Arbeitslosenkasse für 80 Prozent des Lohns aufkommt. Die restlichen 20 zahlt der «Schweizerhof» zu, «wir wollen nicht, dass unsere Mitarbeiter ihren Lebensstandard wegen dieser Krise reduzieren müssen», sagt Hauser. Ein Luxus, den sich nur wenige Hoteliers im Land leisten können.

Zuerst sagten die Chinesen ab – und irgendwann alle

Es ist nicht mehr als ein paar Wochen her, da kannten nur Fachleute die Corona-Viren. Patrick Hauser lernte das Wort, das mittlerweile die Welt in Atem hält, früher als andere kennen. Schon Mitte Januar begannen chinesische Gäste, ihre Reisen zu stornieren. Hauser liess Desinfektionsmittel aufstellen, führte zusätzliche Verhaltensregeln ein. Und dachte, dass es schon gut kommt. Doch je schneller das Virus um die Welt raste, desto leerer wurde das Hotel.

Die amerikanischen Touristen sagten ihre Reise ab, die arabischen – und schliesslich auch jene aus der Schweiz. Neue Buchungen kamen kaum mehr dazu, und mittlerweile sind die Schweizer Grenzen mehr oder weniger abgeriegelt. Man sei zum Schluss gekommen, dass es besser sei, ganz zu schliessen, sagt Hauser. «Wir wollten den wenigen Gästen keinen Teilbetrieb zumuten», sagt er, und natürlich spielte bei diesem Entscheid auch das Geld eine Rolle.

Bild

Rudolf Günthardt. bild: dow

Im Herzen der kopfsteingepflasterten Altstadt von Zofingen liegt das gleichnamige Hotel, 39 Zimmer, 4 belegt. Hinter der massiven Eingangstüre aus Holz verwandelt sich das Foyer gerade in einen kleinen Frühstücksraum. «Wir haben in den Krisenmodus geschaltet», sagt Direktor Rudolf Günthardt. Am Montag ordnete der Bundesrat die Schliessung aller Bars und Restaurants bis am 19. April an.

Davon ist auch Günthardt betroffen. Er darf jetzt nur noch seine Hotelgäste bewirten. Und weil die derzeit sowieso praktisch ausbleiben, hat Günthardt schon ein paar Stunden nach dem Entscheid in Bern Stühle und Tische aus der Gaststube räumen lassen.

Im Hotel Zofingen shampoonieren sie jetzt erst einmal den Teppich. Putzen die Edelstahlküche blitzblank. Leeren die Tiefkühltruhen und Kühlschränke. Verteilen die Vorräte an die Angestellten. Ganz schliessen aber mag Günthardt sein Hotel nicht, er führt es weiter, auf Sparflamme. Das liegt an Stammgästen, die regelmässig bei ihm einchecken, weil sie in einer der Firmen in der Nähe arbeiten.

Ihnen will Günthardt, der in seine E-Mail-Signatur «Gastgeber» geschrieben hat, auch weiterhin ein Bett bieten. In den nächsten Wochen arbeiten nur noch zwei, drei Angestellte im Hotel. Den Rest hat er für Kurzarbeit angemeldet. Das hat er zuvor wie die meisten Hoteliers noch nie gemacht. Und sich darüber gefreut, wie schnell die Zusage vom Kanton kam, innerhalb von nur 48 Stunden.

Einen schönen Teil seiner Fixkosten – jenen für das Personal – kann Günthardt damit sparen. Das gibt ihm Luft. «Wir können so eine Weile überleben», sagt er. Doch der Blick in die Zukunft macht ihm Sorgen, daraus macht Günthardt keinen Hehl. «Eine solche Situation gab es noch nie, und sie wird auf die ganze Wirtschaft durchschlagen», sagt der Aargauer.

Eine Krise, die zur Unzeit kommt

Im Hotel Zofingen und im Luzerner «Schweizerhof» brachen die Buchungen innert kurzer Zeit weg. Und das gilt für die meisten Hotels in der Schweiz. Für die Häuser in den Städten, die von Touristen leben und Geschäftsleuten. Und auch für jene in den Bergen. Die freuten sich gerade noch über die gute Wintersaison. Jetzt herrscht von Zermatt bis St. Moritz Kehrausstimmung.

Die Skigebiete sind seit dem Wochenende zu, weil der Bundesrat das so anordnete. Die meisten Hotels schlossen in der Folge auch ihre Türen. Mit vier guten Wochen bis Ostern hatte man in den Bergen noch gerechnet. Die sind jetzt futsch. Laut Hotelleriesuisse brachen die Umsätze für den März und den April um 45 Prozent ein; bei den Neubuchungen beklagen fast alle Hotels einen «signifikanten Rückgang».

Es ist für die Branche eine Krise zur Unzeit. Sie habe sich nach dem Frankenschock gerade erst wieder einigermassen aufgerappelt, sagt der oberste Hotelier der Schweiz, Andreas Züllig. 2019 verbuchten die Schweizer Hotels so viele Logiernächte wie noch nie zuvor. «Und jetzt kommt schon der nächste Nackenschlag», so der Präsident des Branchenverbands Hotellieriesuisse.

Die meisten Hotels hatten noch keine Zeit, sich ein Polster für schlechte Zeiten anzulegen. «Viele fürchten um ihre Existenz», so Züllig. Er fordert, dass die Kantone grosszügig Kurzarbeit bewilligen. Daneben erwartet Züllig auch bei Liquiditätsproblemen Hilfe für seine Branche. Von den Banken, die etwa Kontokorrentkredite erhöhen könnten. Und vom Bund, der Bürgschaften sprechen soll.

Patrick Hauser und Rudolf Günthardt hoffen derweil, dass sie am 20. April ihre Betriebe wieder hochfahren können. Doch sie wissen auch, dass sich die Dinge gerade rasch verändern. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Nicht mehr anzeigen

Diese Promis, Sportler und Politiker haben das Coronavirus

Coronavirus: Wir erklären dir, warum du jetzt wirklich zuhause bleiben musst

Play Icon

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Woichbinistvorne 19.03.2020 09:55
    Highlight Highlight Na was habt ihr erwartet wenn die Grenzen dicht sind? Aber selbst wenn nicht, wäre denn eine chinesische Reisegruppe aktuell in Luzern willkommen?
    Wenn man dem Bundesrat glauben darf, dann werden die Betriebe doch entschädigt. Die 10 Mrd. werden zwar nicht reichen, aber die sollen ja nur eine Soforthilfe sein. DIe grossen Hotels können überleben, die haben Rücklagen und Notfallpläne. Macht euch mal lieber Sorgen um die tausenden von Kleinstunternehmern, die den Schirm zu tun müssen, wenn sie eine oder zwei Wochen keinen Umsatz machen können / dürfen.
  • EinfachSo 19.03.2020 08:31
    Highlight Highlight Hab mir selbst auch schon überlegt. zb falls ich 5 Tage in Selbstisolation müsste weil ein Arbeitskollege erkrankt.
    Da wäre es sinnvoll in ein Hotel zu gehen Stat daheim evtl den Rest der Familie anzustecken.
    Allerdings würde ein Hotel Direktor wohl keine Freude haben, wenn ich evtl krank werde und seine Mitarbeiter gefährde.
  • Ric_O 19.03.2020 07:57
    Highlight Highlight Alle Hotels? Nein, nicht alle! Das Lofthotel in Murg bietet für CHF 350.- pro WOCHE Zimmer für Homeoffice an. Inkl. Kaffee!
    Man kann jetzt mimimi - oder man ist kreativ! Ich finde das Angebot sensationell und hoffe, dass es für den Betreiber aufgeht!
    Und vielleicht werde ich mir sogar so eine Woche gönnen.
  • Ebony 19.03.2020 07:09
    Highlight Highlight Die Hotels mit geeigneten Zimmer könnten Isolationszimmer für Erkrankte einrichten, wäre sicher besser als in Armeezelten und würden dafür eine bescheidene Miete erhalten, besser als leer stehen lassen.
    • Regenmaker 19.03.2020 14:33
      Highlight Highlight Gute Idee. Aguzzi vom USZ hatte vorhin sowas via Twitter geschrieben.

Nach 2 Monaten in Isolation: Wie mein Omi ihren Lebensmut verloren hat

Ein Sturz zwang meine 86-jährige Grossmutter in den verhassten Rollstuhl und ins Altersheim. Nachdem sie ihr Leben lang für ihre Selbstständigkeit gekämpft hat, bedeutete das die ultimative Kapitulation. Dann kam der Lockdown.

Ich mache mir Sorgen.

Ich mache mir Sorgen um meine Grossmutter und um ihre Generation. Um fast 100’000 Personen in der Schweiz, die derzeit in einem Alters- oder Pflegeheim leben. Die rund um die Uhr betreut werden, weil die Beine nicht mehr richtig wollen, das Aufstehen Mühe bereitet. Und der Kopf auch. Weil die Erinnerungen kommen und gehen, wie sie wollen.

Seit dem 16. März befinden sich diese Menschen in Isolation. Sie gelten in der Coronakrise als besonders gefährdet. Dringt das Virus in …

Artikel lesen
Link zum Artikel