Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
A doctor examines a sample at the micro-biological-laboratory of the university of the western German city of Cologne on Friday, October 19, 2001. The employees of laboratory test objects that may be contaminated by anthrax. (KEYSTONE/AP Photo/Michael Sohn)

Dieser Gegenstand wurde nach den Anthrax-Anschlägen im Jahr 2001 von einer Wissenschaftlerin untersucht, weil er möglicherweise von den Milzbrandsporen kontaminiert wurde.  Bild: AP

Tickende Zeitbombe im Labor: Schweizer Forscher warnen vor Bioterror

Gewisse Entdeckungen aus der biologischen Forschung könnten Mensch und Umwelt gefährden, wenn sie mit schädigender Absicht genutzt werden. Nun publiziert die Akademie für Naturwissenschaften eine Broschüre mit Ratschlägen, um zu verhindern, dass die Arbeit der Forscher in falsche Hände gerät. Das sei in Zeiten des Terrorismus nötig, sagt die Co-Autorin. 



Die Forschung hat vieles erreicht. Dank ihr gibt es Impfstoffe und viele effektive Therapien, die täglich Leben retten.

Um solche Resultate zu erzielen, arbeiten Forscher zuweilen mit gefährlicher Materie. So rekonstruierten Wissenschaftler 2005 in ihrem Labor das Virus der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Tote forderte. Ziel der Rekonstruktion war es, einen Impfstoff für die damals in Asien grassierende Vogelgrippe zu entwickeln. Was aber passieren würde, wenn ein solches Virus in die Hände von Diktatoren oder Terroristen gelangen würde, mag man sich kaum vorstellen. 

Das Missbrauchspotenzial existiert

Die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften ist sich diesem «Missbrauchspotenzial der biologischen Forschung» bewusst, schreibt sie in ihrer im Mai erschienenen Broschüre. Um Gefahren wie der Biokriminalität und des Bioterrorismus' entgegenzuwirken, gibt sie den Wissenschaftlern Tipps, wie sie sich effektiv gegen solche Risiken schützen können. Finanziert wird das Ganze vom Bundesamt für Gesundheit. Die Forscher sollen: 

  1. Sich des Missbrauchspotenzials der eigenen Forschung bewusst sein und dieses regelmässig abschätzen
  2. Keine Forschungen unternehmen, deren Schadenspotenzial im Vergleich zum möglichen Nutzen unverhältnismässig hoch ist
  3. Forschungspläne und/oder Publikationen ändern, um deren Risiken zu reduzieren
  4. Über Risiken informieren und diese dokumentieren
  5. Richtlinien und sichere Verhaltensweisen kennen und anwenden
  6. Wachsam sein und Bedenken äussern (auch bezüglich der Forschung Dritter)
  7. Sicherheitsrelevantes Material und Daten schützen
  8. Andere schulen und als Vorbild dienen
«In der heutigen Zeit ist eine Sensibilisierung in Bezug auf Bioterrorismus zentral.»

Genaue Abschätzung der Risiken und Chancen ist nötig 

Mitformuliert hat diese Punkte die Projektleiterin und Co-Autorin der Broschüre, Dr. Ursula Jenal. Jenal leitet eine Beratungsfirma für Biosicherheit, ist also Expertin auf dem Gebiet. In der heutigen Zeit, in der Attentate die Schlagzeilen prägen, sei es zentral, die Forscher in Bezug auf Bioterrorismus zu sensibilisieren, sagt sie. «Zum Glück haben der ‹IS› oder andere Terrororganisationen bis heute keine Biomaterialien genutzt.» Grund für diese Tatsache sei wohl, dass es dafür viel Wissen brauche und die Terroristen sich selbst zuerst gefährdeten. Und trotzdem: In den Zeiten, in denen wir heute leben, dürfe das Risiko nicht ausser Acht gelassen werden, so die Mikrobiologin. 

Die Frage stellt sich schon. Dürfen Forscher im Labor hochansteckende Viren herstellen, die für den Menschen lebensgefährlich sein könnten? Und dürfen Sie diese dann samt Bauanleitung veröffentlichen? Eine Frage, die besonders die Schweizer Wissenschaftler schon lange beschäftige, sagt Jenal.

«Zu restriktive Gesetze könnten die Forschung lähmen.»

Appell an die Selbstverantwortung der Wissenschaftler

Denn im Gegensatz zu den USA oder Dänemark gebe es in Bezug auf den missbräuchlichen Gebrauch der biologischen Forschung in der Schweiz weder spezifische Anforderungen noch ein Gesetz. Was aber nicht per se schlecht sei, so Jenal. Denn durch zu restriktive Gesetzte könne die Forschung gelähmt werden. «Wenn man Ergebnisse beispielsweise nicht kommuniziert, damit diese Informationen nicht in die falschen Hänge gelangen, verhindert man gleichzeitig auch, dass ein Kollege seine Forschungen darauf aufbaut und zum Beispiel wichtige Medikamente oder Impfstoffe erschafft.»

Die Selbstverantwortung der Forscher sei deshalb zentral. Es seien auch die Forscher selbst, die im Rahmen von Workshops zum Thema um eine konkrete Informationsbroschüre gebeten hätten. 

Milzbrand-Briefe und Salmonellen-Anschlag

Einfache biologischen Waffen wurden während Jahrhunderten eingesetzt. So verteilte das britische Militär während dem sogenannten French and Indian War in Nordamerika (1754–1767) gewollt mit Pockenviren verseuchte Decken an die amerikanischen Ureinwohner. Ein jüngeres Beispiel von Bioterrorismus sind die Anthrax-Anschläge. Diese hielten kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die USA in Atem: Briefe mit Milzbrandsporen wurden an mehrere Nachrichtensender und Senatoren verschickt. Fünf Menschen starben. Einige Jahre zuvor, 1984, verübte eine Sekte in den USA einen Salmonellen-Anschlag. Bei diesem wurden zehn Restaurants verseucht und 751 Einwohner vergiftet. Todesopfer gab es damals glücklicherweise keine.

Das könnte dich auch interessieren:

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

UBS-Chef Ermotti verabschiedet sich mit Gewinnsprung

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

12
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 21.05.2017 09:20
    Highlight Highlight Einer der schlimmsten Feinde des Menschen ist der Mensch selbst!
    Beweismittel Nr. schier unendlich + 1:
    Artikel im Tages-Anzeiger-Magazin von gestern:
    "Kinder des Gifts"
    Der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut ist gut für Argentiniens Wirtschaft.
    Aber zahlen die Kinder der Bauern einen furchtbaren Preis?
    Meine Meinung zum "Bio-Terror" ist deshalb ebenso zwiespältig:
    Wenn ein solcher Terror die Menschen dezimiert, dann könnte das zugleich ein Segen sein für die übrige Natur!
    Denn von der Natur entfremdete Menschen entwickeln sich mit ihren Technologien zu immer monströseren Schädlingen.
  • Maria B. 20.05.2017 12:48
    Highlight Highlight Regulierungen und Gesetze im Hinblick auf gefährliche Substanzen oder in Richtung unerwünschter und zerstörerischer Praktiken sind insofern wenig effizient, als das es IMMER und ÜBERALL neugierige Wissenschaftler, verantwortungslose Schurkenstaaten und religiös extremistische Gruppierungen geben wird, die sich keinen Deut um solche Einschränkungen scheren werden.

    Unter diesen Aspekten betrachtet, dürfte der Welt noch einiges bevorstehen, steht zu befürchten.

    Dies gilt nicht nur für biologische Kampfstoffe, sondern auch für ethisch nicht vertretbare "wissenschaftlich-technische Innovationen".
    • Zeit_Genosse 20.05.2017 16:27
      Highlight Highlight Ohne Regeln und Gesetze kann man niemand zur Rechenschaft ziehen und die Hürde ist niedrig. Es liegt aber in der Natur, dass es immer welche geben wird, die es trotzdem tun. Nur fliegt so jemand auf kann man dann halt nichts machen, wenn kein Gesetz greift. Bei diesem Gefahrenpotenzial kippe ich von der liberalen auf die regulatorische Seite.
    • Maria B. 20.05.2017 22:02
      Highlight Highlight Gebe dir an sich recht, doch werden solche "Innovationen" der gefährlich-zerstörerischen Art kaum irgendwo an die grosse Glocke gehängt, sodass Gesetze nur selten zur Anwendung gelangen werden.

      Kommt hinzu, dass eine solche Gesetzgebung nur auf höchster UN-Ebene unter praktischer Einstimmigkeit auf den Weg gebracht werden könnte. Was wohl schon alleine an der Ausformulierung scheitern würde.

      Und so wird es technologisch keinerlei wirksamen Schutz gegen wissenschaftliche Exzesse und ihr Gefahrenpotenzial geben.

      Also unter dem Strich alles eher beunruhigende Tatsachen...
  • Zeit_Genosse 19.05.2017 17:56
    Highlight Highlight Die Forschung darf nicht zum Selbstläufer bei Risikoentwicklungen werden. Regulierung müssen zum Schutz der Menschheit überdacht werden. Die Forschung darf nicht alles, auch wenn der Markt für Präparate aufnahmefähig ist. Für mich geht von Biowaffen die grösste Gefahr aus, weil sie entfesselt die gesamte Menschheit töten können.
    • Zeit_Genosse 19.05.2017 22:28
      Highlight Highlight Ein Atomsprengkopf von Terroristen gezündet, löscht eine mittlere Stadt aus. Eine Biowaffe mit Ebola-Potenzial geht weiter, da man Biowaffen an mehreren Orten unbemerkt und gleichzeitig "starten" kann. Eine Atombombe kann nicht unbemerkt gestohlen, transportiert und zur Explosion gebracht werden. Nur Supermächte können einen weltweiten nuklearen Krieg auslösen. Ich denke (Gen-)Biowaffen haben an Gefährlichkeit mehr Potenzial die ganze Menschheit zu erreichen. Die Forschung könnte eigens zum Zweck ganze Völker und Landstriche ohne Zerstörung zu töten benutzt werden. Zum Glück nur Fantasie.
    • rodolofo 21.05.2017 09:35
      Highlight Highlight Klein, aber oha! könnte man dazu sagen.
      Die Japanische Kirschessigfliege ist auch winzig klein. Und doch ist dieses neueste Geschöpf Japanischer Kriegsführung in der Lage, riesige Schäden in der hiesigen Landwirtschaft anzurichten!
      Einzige Möglichkeiten, dem winzigen Schädling das Leben schwer zu machen: Fallen, Spritzmittel oder aktuell praktiziert: Wo keine weichen Früchte sind, da sind auch keine Japanischen Kirschessigfliegen!
      Die katastrophalen Frost-Schäden dieses Frühlings hatten also auch ihr Gutes.
      So ist es doch und wird es immer sein:
      Alles hat eine Sonnen- UND eine Schattenseite
  • guby 19.05.2017 16:04
    Highlight Highlight Liebe Camille. Das Titelbid zeigt die üblichen Gegenstände um Bakterien zu ziehen: Auf der Platte mit dem roten Nährmedium wachsen sie und das Stäbchen mit dem Ring dient zum transferieren / "ausstreichen". Einen untersuchten Gegenstand kann ich darauf aber nicht ausmachen.
    • Lord_Mort 19.05.2017 17:48
      Highlight Highlight Da kann ich nur zustimmen. Das ist auch eine ziemlich merkwürdige Bildbeschreibung. Verstehe nicht, was es da zu blitzen gibt!?
  • Repplyfire 19.05.2017 16:00
    Highlight Highlight Wenn ich denke was medizinisch in der Bio-/Gentechnik bereits möglich ist, möchte ich nicht wissen was militärisch bereits alles bereit steht. Ich meine, genetisch mutierte Viren, welche den Auftrag haben Krebszellen zu blockieren sind super nützlich. Nun stelle man sich jedoch vor, man gibt ihnen den Auftrag Zellen mit spezifischen DNA-Strukturen oder anderem Erbgut anzugreiffen. Das löscht ganze Volksgruppen aus. Womöglich mutiert das Zeug noch und dann gute Nacht. Am besten wir denken nicht zu viel über was wäre wann nach und hoffen auf die Selbstverantwortung des Menschen.
    • W wie Wambo 19.05.2017 17:21
      Highlight Highlight Militärisch gesehen sind Biowaffen viel zu riskant und zu wenig präzise für die meisten Einsätze. Die Chance, dass es die eigene Seite auch erwischt dabei ist viel zu hoch. Aber als Terrorwaffe ist diese Unberechenbarkeit natürlich nicht unbedingt ein Nachteil.
    • PhilippS 19.05.2017 18:12
      Highlight Highlight Einerseits möchte ich dir zustimmen. Andererseits: Mit diesem Argument könntest du die Verkehrsregeln auch alle abschaffen...

      Hoffnung ist gut, aber diese für sich alleine ist bereits eine Form der Resignation bzw. Kapitulation. Und das sollten wir nicht zulassen...

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel