Schweiz
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«Das Menschlein Matthias», Schweiz 1941

Auf dem Land gibts keine Freude: Kinderzimmer des Leidens in «Das Menschlein Matthias». Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

1940: Nazis greifen in Schweizer Film ein und fördern damit zukünftige Schwulenikone

Das Zurich Film Festival zeigte die restaurierte Fassung eines Schweizer Filmklassikers. Dahinter steckt ein trauriger Kniefall vor Nazideutschland.



Alles ist klar. Die Zürcher Gotthard-Film AG hat einen Buben gesucht und gefunden. Er heisst Charles und beschreibt sich selbst in der «Zürcher Illustrierten» so: «Ich bin 11 Jahre alt und 1 m 40 cm gross. Die Leute sagen, ich sei sehr zart, wahrscheinlich wird es stimmen; aber ein rechter Bub bin ich doch!» Charles Martin aus Zürich hat Otto aus Uitikon, Walter aus Winterthur, Kurt aus Rüti und Ernst aus Luzern ausgestochen. Er wird die Hauptrolle in «Das Menschlein Matthias» spielen, dem Schicksals-Bestseller von Paul Ilg über einen Knaben, der aus der Verdingkinder-Hölle flieht. Das ist 1940.

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Charles Martin (rechts oben) wird im Dezember 1940 als Titelheld für «Das Menschlein Matthias» vorgestellt. bild: memoriav

Als der Film 1941 in die Kinos kommt, steht kein Charles Martin auf der Besetzungsliste. Die Hauptrolle spielt ein Röbi Rapp. Was ist passiert? Der Zürcher Lokalhistoriker Beat Frischknecht hat die Geschichte einer nur allzu typischen Umbesetzung neulich für die NZZ aufgearbeitet: Charles Martin hiess in Wirklichkeit Charles Markus. Sein Vater war Gesangs- und Schauspiellehrer, sein Onkel Filmproduzent und Inhaber der Gotthard-Film AG. Die Familie Markus war jüdisch.

Aus Deutschland kam der Bescheid, dass man in der Schweiz ja nicht glauben solle, ein Film mit einem jüdischen Hauptdarsteller würde in Deutschland vertrieben werden. Doch genau das wollte die Gotthard-Film. Weshalb der von allen als hochbegabt eingeschätzte Charles durch Röbi Rapp ersetzt wurde.

«Das Menschlein Matthias», Schweiz, 1941

Im Kino ist schliesslich Röbi Rapp zu sehen. Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

Röbi ist der Sohn einer allein erziehenden Garderobiere am Zürcher Schauspielhaus und hat sich dort schon öfter in Kinderrollen hervorgetan. Er ist am Schauspielhaus im Kreis all jener jüdischen Künstlerinnen und Künstler aufgewachsen, die Deutschland nicht mehr duldet. Sie sind seine Familie. 

Trailer zu «Das Menschlein Matthias»

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Video: YouTube/Zurich Film Festival

Heute ist Röbi Rapp der einzige von allen, die damals am Film mitgearbeitet haben, der noch lebt. Die Geschichte der Nazizensur hinter seiner Rolle, die Tatsache, dass er zweite Wahl war, habe er erst jetzt erfahren, sagt er an der grossen Vorführung seines Films im Zürcher Kino Arena. Er ist jetzt 87 Jahre alt, der Film ist soeben restauriert worden und läuft demnächst im Schweizer Fernsehen.

Jeder im Kino kennt Röbi. Tausende in Zürich kennen Röbi. Wahrscheinlich hat schon jeder Schwule im deutschsprachigen Raum von Röbi Rapp und seinem Lebenspartner Ernst Ostertag gehört, die beiden sind schliesslich seit 1956 zusammen. Für viele ist Röbi weit legendärer als der Film, den er damals als Kind drehte. Es blieb übrigens sein einziger. Auf der Bühne wurde er erst wieder als Travestiekünstler in den 50er-Jahren berühmt. Wieso? «Ich habe sehr jugendlich ausgesehen, ziemlich mädchenhaft», sagt er im Kino Arena, «ich hätte gar keine Männerrolle spielen können.» Hätten die Nazis 1940 geahnt, was einmal aus ihm wird, sie hätten auch ihn vehement verhindert.

«Das Menschlein Matthias», Schweiz 1941

Matthias und seine öfter vom Teufel besessene Tante (Röbi Rapp und Walburga Gmuer). Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

«Das Menschlein Matthias» erzählt die melodramatische Geschichte des unehelichen Buben Matthias, der auf dem Landgasthof seiner expressionistisch bösen Tante aufwächst. Nach dem Krankheitstod seiner Lieblingscousine flieht er zur lieben und schönen Mutter Brigitte in die vibrierende Grossstadt Rorschach. Brigitte arbeitet in einer Textilfabrik und versucht krampfhaft, ihre Selbständigkeit zu bewahren. Wir ahnen schnell: Das geht nicht gut, sie braucht einen Mann und das Kind einen Vater. Aber wird es der charismatische Säufer Oberholzer oder der sensible Chnuschti Gemperle? Keiner?

Der Film wird ein Riesenerfolg und geht nach Venedig an die Filmfestspiele. Die Zeitungen überschlagen sich:

«Ein Film, der wirklich Film ist und deshalb überaus gute Eindrücke hinterlässt.»

«Luzerner Neueste Nachrichten»

«Das Menschlein Matthias», Schweiz 1941

Brigitte (Petra Marin) entschliesst sich zur beschwerlichen Doppelrolle als Fabrikarbeiterin und Mutter. Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

«Als Spitzenfilm muss dieses gediegene Werk gewertet werden.»

«Berner Tagblatt»

«Alles in allem genommen gehört ‹Das Menschlein Matthias› zu den besten bisherigen Schweizer Filmen.»

«Weltwoche»

«Etwas vom Allerschönsten, das der Schweizerfilm bis heute hervorgebracht hat.»

«Volksrecht»

«Das Menschlein Matthias», Schweiz, 1941

Beim Dreh. Der sitzende Mann, der dem Mädchen was erklärt, ist vermutlich der Regisseur Edmund Heuberger. Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

«Nun ist der Schweizer Film auf dem richtigen Weg!»

«Die Nation»

Von heute aus ist an diesem Sonderspitzenwerk der Schweizer Filmgeschichtsschreibung allerdings vieles einigermassen grauenhaft. Die Figuren, gerade die ländlichen, handeln öfter nach einem abrupten Zufallsprinzip, und es gibt ein paar entsetzlich unplausible Szenen, etwa die Rettung des fast im Bodensee ertrinkenden Matthias (gedreht wurde im Hallenbad Basel, der See war zu kalt), bei denen man leider laut lachen muss.

«Das Menschlein Matthias», Schweiz, 1941

Matthias und das Maschinenwunder. Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

Grossartig hingegen ist die detaillierte Darstellung von Brigittes Fabrikalltag in Rorschach, da erfahren wir auch, was sich die gestresste Fabrikarbeiterin zuhause zum Mittagessen am liebsten aufwärmt: Bohnen und Speck. Neben den imposanten elektrischen Webstühlen spielt auch noch eine Beatmungsmaschine der Polizei (gab's sowas wirklich?) eine höchst beeindruckende Rolle.

Aber wie zeigte sich der Erfolg für Röbi Rapp? «Es war eigentlich nicht sooo überwältigend.» Röbi hatte anderes zu tun. Seine Mutter war eine Witwe ohne Witwenrente, die 500 Franken, die er für den dreimonatigen Dreh erhalten hatte, dürften auch nicht ewig gereicht haben, er jobbte als Ausläufer und half der Mutter am Wochenende bei den Matinées im Schauspielhaus. Der Dreh dagegen war seine goldene Zeit: Er musste nicht zur Schule, hatte einen Privatlehrer und wurde von allen verwöhnt. 

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Röbi Rapp (mitte) mit seinem Mann Ernst Ostertag und Christoph Stuehn vom Verein Memoriav, der für die Restaurierung des Films verantwortlich ist. Bild: Fabienne Wild

Jetzt sitzen Ernst und er im Kino und schauen dem zehnjährigen Röbi zu, der seine Sache überaus rührend macht. So ähnlich dürften sie auch schon vor drei Jahren miteinander im Kino gesessen und ihren 26-jährigen Ichs dabei zugeschaut haben, wie sie sich unter dramatisch homophoben Umständen ineinander verliebten. Die Verfilmung ihrer Liebesgeschichte heisst «Der Kreis» und ist seither mindestens einmal um die Welt gezogen.

Und auch wenn zwischen heute und dem Zehnjährigen von einst ganze 77 Jahre liegen – die Art des Menschleins Matthias, Worte mit einer staunenden Neugierde auf das Leben, das da noch kommt, auszusprechen, ist auch heute noch in jedem Satz des alten Röbi zu hören.

«Das Menschlein Matthias» von Edmund Heuberger nach dem Roman von Paul Ilg wird am 25. Oktober um Mitternacht auf SRF gezeigt und ist danach auf Play SRF zu sehen.

Mit kleidertragenden Männer gegen Homophobie

Video: srf/SDA SRF

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    Alle Leser-Kommentare
  • Christian Mueller (1) 09.10.2017 18:25
    Highlight Highlight Die hätten ja einfach nur etwas besser verhandeln sollen, das wird doch bei der EU auch immer verlangt. Zum Glück sind das wenigstens keine Nazis mehr... Mindestens die Deutschen...
  • mad_aleister 09.10.2017 15:47
    Highlight Highlight warum wird er um Mitternacht gezeigt?

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