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Uwe Zühlsdorf (links) ist Vorsitzender der Hertha-Junxx. bild: uwe zühlsdorf

Schwuler Fussball-Fan erklärt: «Das Coming-Out eines Profis wäre sein Karriereende» 

Katharina Reckers / watson.de



Vor fünf Jahren outete sich der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Damit ist er im Profifussball Vorreiter – und bleibt bis heute mit dem Coming-Out allein.

ZURICH, SWITZERLAND - MARCH 06: Thomas Hitzlsperger,former captain of the German men's national team, during the FIFA Annual Conference for Equality & Inclusion at the Home of FIFA on March 6, 2017 in Zurich, Switzerland. (Photo by Valeriano Di Domenico - FIFA/FIFA via Getty Images)

Thomas Hitzlsperger hat sich vor fünf Jahren geoutet.

Nun hofft er, dass sich das bald ändern könnte. Der ARD-«Radio-Recherche Sport» erzählte der 36-Jährige: «Es gibt jetzt eine ganz andere Gesprächsebene». Ausserdem schätzt der Ex-Nationalspieler die Fussballfans mittlerweile als «viel aufgeklärter, viel aufgeschlossener» ein.

Diese rosigen Ansichten kann Uwe Zühlsdorf nicht teilen. Uwe ist der Vorsitzende des ersten Homosexuellen-Fanclubs «Hertha-Junxx» und steht bei jedem Heimspiel hinter einem Banner mit der Aufschrift «Fussball ist alles, auch schwul.» Immer mit dabei: die sichere Gewissheit, dass der Grossteil der Fans das ganz anders sieht.

Wir haben mit dem 49-Jährigen über mögliche Spieler-Coming-Outs, Homosexualität als Provokation und düstere Prognosen für den Profifussball gesprochen.

Hast du im Stadion als Vorsitzender der «Hertha-Junxx» schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht?
Uwe Zühlsdorf: So eine richtig schlechte Erfahrung zum Glück nicht. Natürlich kommt hier und da mal ein Spruch. Aber man kennt uns mittlerweile im Stadion, wir stehen immerhin seit Jahren an der gleichen Stelle. Da hat sich die Aufregung schon gelegt. Wenn mal was kommt, dann kontere ich einfach und probiere das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. 

Das klingt sehr selbstsicher.
Naja, man muss als Schwuler beim Fussball schon darauf achten, wo und wie man sich präsentiert. Man darf nicht unnötig provozieren, sonst kann es im Zweifel richtig gefährlich werden. Im Endeffekt sehen wir aus wie ganz normale Fans. Nein, besser gesagt: Wir sind ganz normale Fans. Es ist schwierig, uns was anzukreiden.

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Die Hertha-Junxx wollen durch ihre Homosexualität nicht provozieren. bild: uwe zühlsdorf

Gehen wir mal davon aus, du bist mit deinem Partner in der Kurve. Würdest du seine Hand nehmen und ihn küssen oder zählst du das schon als «Provokation»?
Das gilt schon als Provokation. Ich muss meinen Partner nicht im Stadion küssen oder seine Hand halten. Das gehört nicht in die Kurve und würde ziemlich sicher Stress geben. Es gibt Fans, die fühlen sich davon angegriffen und auf diese Konflikte habe ich eben auch keine Lust. Ich will Fussball gucken. Alles andere muss ich dann an anderen Orten ausleben.

Trotzdem stehst du offen zu deiner Homosexualität im Stadion – man sieht dich bei allen Heimspielen hinter dem Banner «Fussball ist alles, auch schwul»...
Das ist etwas anderes als knutschend auf der Tribüne zu stehen. Ich bin schwul, dazu stehe ich. Schwule Männer haben einen Platz im Fussball und sind genauso ein wertiger Teil der Fankultur wie jeder andere. Leider ist genau das noch nicht in allen Köpfen angekommen. Wir stehen hinter dem Banner, um ein Statement zu setzen und Fans darauf aufmerksam zu machen, dass es uns gibt. 

«Ein Coming-Out wäre das Ende der Karriere. Ein einzelner Spieler würde an den Reaktionen der Fans und der Medien zerbrechen.»

Stell dir vor, der Vereinsvorsitzende kommt mit einem Spieler zu euch, der sich öffentlich als homosexuell outen möchte. Was würdest du dem Spieler raten?
Als Erstes würde ich ihn fragen, ob er noch weitere homosexuelle Spieler aus der Bundesliga kennt. Denn die einzige Möglichkeit, ein Outing für einen aktiven Spieler aushaltbar zu machen, ist ein gemeinsames Coming-Out. Ein Spieler alleine könnte die Reaktionen der Fans und der Medien nicht abfedern. Mehrere Coming-Outs aus verschiedenen Mannschaften wären der einzige Weg. Und selbst das wäre noch hart und riskant.

Also würdest du einem einzelnen Spieler von einem Coming-Out abraten?
Auf jeden Fall. Ein Coming-Out wäre das Ende der Karriere. Ein einzelner Spieler würde an den Reaktionen der Fans und der Medien zerbrechen. Ausnahmen wären vielleicht die grossen Weltfussballer, die über den Dingen stehen. Ein normaler Bundesligaspieler hätte keine Chance.

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Die Hertha-Junxx auf einer Demo. bild: uwe zühlsdorf

Das ist eine ziemlich frustrierende Einschätzung.
Ja, aber das ist leider einfach so. Fussball ist ein Spitzensport, bei dem Homosexualität keinen Platz hat. Zumindest nicht in den oberen Ligen. Da hängt für die Jungs einfach zu viel dran, die ganze Karriere und somit auch ihre Existenz. Das wird sich in den nächsten paar Jahren auch nicht ändern, der Fussball und die Fans sind noch nicht bereit für eine solche Offenheit.

Wie wichtig wäre denn ein weiteres Coming-Out für die Fussballwelt?
Natürlich wäre das wichtig. Vor allem für junge schwule Männer wäre eine aktive Identifikationsperson im Fussball toll. Im Moment wird ja das fälschliche Bild verkauft, dass Fussballer generell nicht schwul sind. Für junge, homosexuelle Männer kann das schmerzhaft sein.

«Es lohnt sich einfach nicht, die Ausgrenzung zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen.»

Nervt dich denn das männerdominierte Machogehabe in der Kurve?
Ach, das gehört dazu. Das war nie anders und ich gehe schon seit vielen Jahren ins Stadion. Damit müssen wir leben. Bei besonders schrägen Typen suche ich manchmal das Einzelgespräch, denn aus Erfahrung weiss ich, dass das Argumentieren gegen eine Masse überhaupt nichts bringt.

Ich bin ehrlich gesagt erstaunt, wie gelassen du über die Thematik sprichst. Fussball ist dein Leben, obwohl deine Sexualität dort tabuisiert und in Teilen sogar verachtet wird. Wie hältst du das aus?
Ich gehöre als Schwuler einer Minderheit an. Damit habe ich schon mein ganzes Leben zu kämpfen, in einigen Bereichen mehr und in anderen weniger. Es lohnt sich einfach nicht, die Ausgrenzung zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen. Ich bin Trainer, spiele selber Fussball und bin Vorsitzender der «Hertha-Junxx». Fussball ist Teil meiner Identität, diesen Teil lasse ich mir von niemandem nehmen.

Wie kann man die Akzeptanz von Homosexuellen im Fussball denn vorantreiben?
In allererster Linie müsste es vonseiten der Vereine bessere Aufklärungsarbeiten geben. Homosexualität muss häufiger thematisiert und dadurch normalisiert werden. Ein neuer Homo-Fanclub mit jungen Mitgliedern würde aber vielleicht auch schon reichen, um einen Stein ins Rollen zu bringen. Fussball kann junge Menschen, die etwas bewegen wollen gut gebrauchen. 

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