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Hablützel will nach seinem Kreuzbandriss wieder hoch hinaus.
bild: zvg
Interview

Olympia-Hoffnung Hablützel: «Kenne das ‹richtige› Freestyle-Leben nur aus Filmen»

Diese Woche beginnt im amerikanischen Copper die Halfpipe-Saison der Snowboarder. Nach einer achtmonatigen Verletzungspause ist dies auch der Neustart von David Hablützel, der grössten Schweizer Hoffnung.
12.12.2016, 16:31

Da sitze ich in diesem kleinen Zimmer und warte, bis der zweite Schleuderkurs beginnt, damit ich endlich den definitiven Fahrausweis bekomme. Es ist acht Uhr, ich bin müde und will bereits wieder nach Hause. Dann kommt plötzlich dieser junge, aufgestellte Junge knapp sieben Sekunden vor Beginn des Kurses ins Zimmer. Ich schaue um mich – doch niemand scheint sich nur annähernd darüber zu freuen, dass gerade David Hablützel, der Olympia-Fünfte der Snowboard-Halfpipe von Sotschi 2014, den Raum betreten hat.

Auch in meinem Freundeskreis juckt meine Zufallsbegegnung keinen. Geschweige denn, dass jemand den 20-jährigen Schweizer Snowboarder überhaupt kennt. Aber wieso eigentlich?

Der erst 20-jährige David Hablützel und seine grosse Liebe: Das Snowboard.
Der erst 20-jährige David Hablützel und seine grosse Liebe: Das Snowboard.
bild: zvg

David Hablützel, wieso kennen dich 90 Prozent meiner Freunde nicht?
David Hablützel: Das liegt wohl daran, dass deine Freunde nicht so viel mit Snowboarden am Hut haben und entsprechend nur das mitbekommen, was in den grossen Zeitungen und im Fernsehen berichtet wird. Und so viele Erfolge feierte ich noch nicht, dass diese ständig über mich berichten.

Wünscht ihr Freestyler euch denn mehr mediale Aufmerksamkeit?
Sagen wir's so: Es würde unserem Sport gut tun. Da er halt doch noch als Randsport abgestempelt wird oder für einige sogar gar nicht als Sport zählt. So wird die Freestyle-Szene oft nicht ernst genommen und kann deshalb auch nicht wachsen.

David Hablützel
Im Sommer 2016 beendete der Snowboarder David Hablützel die Sport-Matura in Davos, seit diesem Winter bezeichnet er sich als Profi-Snowboarder. Ein unbeschriebenes Blatt ist der Zürcher jedoch längst nicht mehr: Als 17-jähriger Newcomer holte sich Hablützel 2014 in Sotschi in der Halfpipe mit Rang fünf ein olympisches Diplom. Nun steht der in Zumikon aufgewachsene Freestyler vor seinem Comeback, nachdem er wegen eines Kreuzbandrisses acht Monate pausieren musste.

Würde mehr Fame der lockeren und speziellen Szene nicht auch schaden?
Schaden sicher nicht. Aber es würde sich einiges ändern, da es die Facetten des Leistungssports annehmen würde. Und dieses Wort «Leistungssport» wollen viele Snowboarder nicht hören. Es herrscht ein Konflikt zwischen den Freestylern, welche vor allem aus Spass fahren und jenen, welche auch auf Wettkampfbasis antreten wollen und deshalb die Aufmerksamkeit brauchen, um zu überleben.

«Bei uns Freestylern gibt es kein richtig oder falsch.»
David Hablützel

Was macht die Freestyle-Szene so einzigartig?
Jeder wird so akzeptiert, wie er ist und jeder kann machen, was er will. Es gibt kein richtig oder falsch. Und das bezieht sich nicht nur auf das Snowboarden. Es kann beispielsweise auch jeder rumlaufen, wie er will und er wird trotzdem respektiert.

Beschreibe die Szene in drei Worten.
Wenn es ein Wort für das Gegenteil von Mainstream gibt, ist das das erste Wort. Dann einzigartig. Und speziell.

Als Freestyler kommt man bestimmt gut bei Frauen an. Wie viele Chicks hast du mit deinen Tricks schon rumgekriegt?
Ich kann es gut verstehen, dass viele so denken. Der Freestyle-Sport ist halt eine geilere Sportart als beispielsweise Ski Alpin. Aber Chicks kann man mit dem Fahren nicht gross beeindrucken. Viel lieber möchte man seinen Kollegen imponieren.

Wieso die Chicks bei solchen Bildern nicht auch Kopf stehen, ist uns ein Rätsel
Wieso die Chicks bei solchen Bildern nicht auch Kopf stehen, ist uns ein Rätsel

Hast du schon mal einen Trick für eine Frau erfunden?
Nein. Da braucht’s dann schon viel, dass ich das mache.

«Während andere Glühwein sippen, verbringe ich die Zeit im Dezember in der Pipe.»
David Hablützel

Macht ihr Freestyler neben dem Snowboarden auch noch anderes ausser Party?
Dies hat sich stark verändert. Ich gehöre zu den New-School-Kids. Wir kennen das richtige Freestyle-Leben nur von alten Snowboardfilmen oder älteren Teamkollegen. Das Partymachen ist bei mir schon viel weniger ein Thema. Es geht wirklich ums Snowboarden. Aber dies hat sich schon recht verändert in den letzten 10 bis 15 Jahren.

Hast du Angst davor, dass diese lockere Stimmung im Freestyle-Zirkus Opfer der Professionalisierung wird und der Konkurrenzkampf die Kollegialität über den Haufen wirft?
Zum Teil ist es schon jetzt der Fall, dass der Konkurrenzkampf am Wettkampf höher gewichtet wird als die Kollegialität. Aber wenn du dich mit den anderen messen willst, musst du einiges professioneller sein als früher.

Nach einer achtmonatigen Pause wegen eines Kreuzbandrisses bist du endlich wieder in der Pipe. Was hast du am meisten vermisst?
Den ganzen Tag auf dem Berg zu sein und dem Brett zu stehen.

«Ich wollte alles vergessen.»
David Hablützel

Wie ist das eigentlich, nach so langer Zeit zurückzukehren? Musst du dich da langsam herantasten oder stehst du aufs Brett, fährst einmal runter und haust dann wieder die dreifachen Saltos raus?
Haha, nein, so einfach ist das nicht. Nach einer Verletzung wie dieser musst du alles bewusst und langsam angehen. Ich habe mir auch wirklich Zeit genommen und nehme mir diese bis Ende Jahr immer noch. Aber es ist schon ein geiles Gefühl, wieder im Team zurück zu sein, mit welchem du im Sommer wenig zu tun hattest, weil sie von Land zu Land reisten, während du die Physiotherapie besuchen musstest.

So tönt es, wenn Freestyler den Slopestyle-Park rocken.

Hast du nie die Geduld verloren?
Ich wollte einfach möglichst wenig mitbekommen, was auf dem Berg oben läuft. Ich schaute mir deshalb in den acht Monaten auf Instagram und Facebook keine Snowboard-Videos an und habe keine News der Snowboard-Welt gelesen. Denn hätte ich etwas gesehen, hätte es mich mehr genervt, als dass Vorfreude aufgekommen wäre. Nun ist das anders. Nun ist die Vorfreude zurück. Aber im Sommer wollte ich alles vergessen und mich mit anderem Zeug ablenken.

Wie lange dauert es noch, bis du wieder auf deinem Niveau von vorher bist?
Mein Neujahrsvorsatz ist klar: Ab 2017 bin ich wieder auf dem Niveau vom letzten Winter. Dafür werde ich in Laax, anstatt wie alle anderen Glühwein zu sippen, die Zeit im Dezember in der Pipe verbringen.

Hat sich dein Leben seit dem Olympia-Diplom von Sotschi stark verändert?
(Überlegt lange) Die Aufmerksamkeit für meine Person wurde sicherlich grösser. Natürlich genoss ich diese Zeit, wusste aber, dass ich nichts an meinem Leben verändern darf und einfach weitermachen muss wie bisher.

Hablützel gewährt Einblick in sein Leben.

Was sind deine nächsten grossen Meilensteine?
Mein nächstes Ziel: Die Sicherheit in der Pipe wiederfinden. Sobald ich diese Sicherheit wieder habe, will ich mich für Olympia 2018 qualifizieren.

Ist eine Medaille in Pyeongchang 2018 im Bereich des möglichen?
Ich denke schon.

«Es sollen wieder mehr Leute Snowboarden gehen!»
David Halbützel

Übst du jetzt schon einen Trick, von dem du weisst: Den zeige ich dann bei Olympia erstmals?
Man hat schon etwas im Kopf, aber das kann ich hier natürlich nicht preisgeben. Es handelt sich jedoch um Tricks, welche ich noch nicht kann, keine Tricks, die es so noch nicht gibt. Aber um vorne mitzureden, muss ich mein Repertoire vergrössern.

Was glaubst du: Für welchen Platz würde der Sotschi-Gold-Lauf von Iouri Podlatchikov an den nächsten Spielen noch reichen?
Eine gute Frage. Sicher nicht zum Sieg. In einem Jahr kann sehr viel passieren. Der Run müsste angepasst werden, um nochmals zu Gold zu führen. Für eine Medaille würde es vielleicht knapp noch reichen.

Willst du den watson-Lesern sonst noch etwas mit auf den Weg geben?
Es sollen wieder mehr Leute Snowboarden gehen!

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