Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Kommentar

Wie der Super Bowl das Wahre (m)einer Seele offenbart

Für einige ist der Super Bowl das Sport-Highlight des Jahres, für andere ein Symptom eines perversen US-Kulturimperialismus. Für mich ist es eine Auseinandersetzung mit meinen inneren Dämonen. Zumindest in diesem Jahr.



Ein lauer Oktobertag im Candlestick Park, dem altehrwürdigen Zuhause der San Francisco 49ers. Auf dem Rasen mühen sich die Kalifornier gegen die damaligen Prügelknaben, die Cleveland Browns, ab. Das Spiel augenscheinlich zähe Kost, Sascha Ruefer würde es zweifellos «zerfahren» nennen. Und irgendwo inmitten all der verworfenen Hände und lamentierenden Mäuler in den Rängen: ein 18-jähriger Jodok – fasziniert, aber vor allem verwirrt.

Ausser einigen abenteuerlichen Versuchen, im Videospiel «Madden 2010» zu reüssieren, vom Football komplett unberührt, sass ich da im Stadion neben meinen engsten Freunden, zwischen Experten und Cholerikern und frönte einem Stück amerikanischer Kultur, das an Kommerzialisierung und Perversion kaum zu überbieten schien.

Als Michael Crabtree einen kurzen Pass zum vorentscheidenden 17:0 fing, lag man sich zwischen Lightbeer und Nachos spontan in den Armen; Duftnote: Nylonschweiss. Diese Szene in Slow Motion und Filmkritiker würden den Film als «intime Hommage an die Gesellschaft» bezeichnen.

San Francisco 49ers fans tailgate in the parking lot of Candlestick Park before the 49ers game against the Atlanta Falcons NFL football game in San Francisco, Monday, Dec. 23, 2013. (AP Photo/Matt Sumner)

Irgendwo dort drin passierte es. Bild: ap

Der Herr hinter mir – ich mauserte mich im Verlauf des Spiels zu einem verlässlichen High-Five-Partner für ihn in Situationen, die ich nicht verstand – fragte: «You don't really get it, do ya?». Ich lächelte schweizerisch zurück, woraufhin er schulterklopfend hinzufügte: «Appreciate that, man». Ich weiss nicht wieso, aber eine Liebe ward geboren. (Zu den Niners, nicht zu ihm.)

Ich setzte mich in der Folge intensiv (video)spielerisch mit American Football auseinander, verfolgte fortan auch die Saisons und dabei vor allem die Spiele der 49ers regelmässig (an dieser Stelle ein Hoch aufs Studentenleben.) Nach zwei Saisons waren sie dann auch offiziell «meine» Niners.

Und nach der erfolgreichen Quickie-Ära mit Quarterback Colin Kaepernick und Coach Jim Harbaugh (die mich automatisch zum Modefan machte), schritten wir bereits obligat durch eine lange leistungsmässige Talsohle, die meine Liebe unweigerlich zur Inbrunst katalysierte.

San Francisco 49ers head coach Jim Harbaugh celebrates with quarterback Colin Kaepernick (7) after Kaepernick's 56-yard touchdown run against the Green Bay Packers during the third quarter of an NFC divisional playoff NFL football game in San Francisco, Saturday, Jan. 12, 2013. (AP Photo/Ben Margot)

Symbol meiner Liebe: Jim Harbaugh und Colin Kaepernick. Bild: AP

Aber jetzt sind wir wieder da! Mit dem besten Coach, dem besten Tight End, der besten D-Line, dem besten Cornerback und dem hübschesten Quarterback. Eine neue Generation, strotzend vor schierem Stolz und brachialer Dynamik in der rot-goldenen Uniform – ganz oben, im Super Bowl, wo wir hingehören. Und ich? Im tiefsten Kampf mit mir selbst.

Das Problem ist nicht, dass ich Angst habe, zu verlieren. Denn das werde ich ohnehin. Football ist anders als zum Beispiel Fussball. Im Fussball hat mein Team noch nie verloren, ohne dass irgendein externer Faktor (Schiedsrichter, Verletzungen, Höhe des Rasens, Nicht-Einhalten eines Rituals) dabei eine entscheidende Rolle gespielt hätte. Mein Team ist immer das beste. No. Matter. What.

Im Football ist das nicht genauso kategorisch, aber einigermassen vergleichbar. Normalerweise. Auftritt Patrick Mahomes – Quarterback der Kansas City Chiefs. Unserem Gegner im Super Bowl.

Kansas City Chiefs quarterback Patrick Mahomes (15) fires up his teammates before an NFL football game against the Oakland Raiders Sunday, Dec. 1, 2019, in Kansas City, Mo. (AP Photo/Charlie Riedel)

Bild: AP

Was mich (als Fan des Sports an sich) betrifft, ist dieser Bursche das Beste, was dem Football passieren konnte. Er vereint Spielintelligenz, Kraft, Dynamik, Kreativität, Mut und Präzision, wie es niemand je getan hat, den ich aktiv habe spielen sehen. Kein Roethlisberger, kein Rodgers, kein Brees, kein Romo und auch kein Brady. Mahomes ist ein Quarterback sui generis. In meinen Augen zumindest.

Und anders als es im Fussball der Fall wäre, hoffe ich darauf, dass Mahomes ein Feuerwerk zündet. Ich will sehen, wie er die Verteidigung zerpflückt, wie er improvisiert, brilliert, will erleben, wie er meinen Adrenalinspiegel zur späten Stunde durch die Decke jagt, mir den Atem im Hals stocken lässt. Und ja, ich will auch irgendwie, dass er gewinnt. Was für mich gleichzeitig das Schlimmste wäre, was im Super Bowl passieren könnte.

Ich liebe die Niners und bewundere Mahomes. Es fühlt sich an, als würde dich dein/e Partner/in für jemanden verlassen, den du selber als perfekt wahrnimmst, dem du es – es mag irrational klingen – gönnen magst. Bin ich illoyal? Ein «Plastic Fan»? Bin ich es wert, ein «Niner» zu sein? Herzbruch und Verständnis. Welch seelische Qual!

Ich kann es auch als Win-Win-Situation betrachten. Aber egal, welcher Win es sein wird, er wird durch eine bittere Note verfeinert sein. Kein süsser Nektar des Erfolgs also, sondern ein gefühlsmässiger Kompromiss. Vielleicht einfach der Beweis dafür, dass es besser nicht hätte kommen können.

Und, he! Isch ja nur es Spiil.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Nicht mehr anzeigen

Diese NFL-Klubs haben den Super Bowl gewonnen

NFL-Kultfigur Icke Dommisch erklärt dir Football

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

13
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 01.02.2020 08:45
    Highlight Highlight Nun, um dein sprituelles Dilemma zu lösen, würde ich dir das nächste Level empfehlen, und das heisst "Roger": Liebe den Sport, nicht den Sieg!

    Ansonsten hab ich kein Wort verstanden, aber es klingt magisch! Highfive! 😍✋
  • Birdie 01.02.2020 06:21
    Highlight Highlight Ich lebe momentan in SF und kann den Sonntag kaum erwarten. Meine Favoriten sind zwar schon lange ausgeschieden, aber die Atmosphäre in der Stadt zu erleben - hoffentlich auch die Siegesfeier danach - wird sicherlich ein einmaliges Erlebnis. Go Niners!
  • acki_ 01.02.2020 01:45
    Highlight Highlight Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser Superbowl etwas vom Besten ist, was dem Football passieren konnte. Und auch wenn ich Niners Fan bin, wird das ein ultrageiles Spiel und ich würds, wie Du das vortrefflich umschrieben hast, auch den Chiefs mit Mahomes gönnen. Sein Spiel ist intelligent, brillant und äusserst attraktiv. Und trotzdem haben die Niners eine superattraktive Defense und ein geniales Laufspiel. Dieser Superbowl wird wahrscheinlich echt wieder mal dem Namen gerecht.
  • gupa 31.01.2020 23:47
    Highlight Highlight Madden 98✌️
  • sweeneytodd 31.01.2020 23:41
    Highlight Highlight Zum Glück bin ich mit einer Fan-Liebe zu den Vikings (sind zwar gut, aber es fehlt immer ein bisschen bis zum Finale) und den Dolphins (ein Erfolgserlebnis wenn es mit Glück für die Playoffs reicht) gesegnet. Im Allgemeinen freue ich mich auf das Spiel, weil beide Teams derart ausgeglichen und Stark sind und weil die gottver******* Pats nicht dabei sind. 😉
  • MyPersonalSenf 31.01.2020 22:13
    Highlight Highlight Krass Jodok mir geht es genau gleich.. ich werde das Spiel in meinem peoples tight end shirt schauen #85 und finde teotzdem mahomes sowas von cool... trotzdem goniners
  • Parcival 31.01.2020 21:55
    Highlight Highlight Bin zwar Patriots und nicht 49ers Fan, aber ich hatte Gänsehaut, als Joe Montanas Nummer retired wurde.
    • Faceoff 31.01.2020 23:21
      Highlight Highlight Da hast du recht. Den Blitz gab's trotzdem, weil Patriots und so 😉
  • Hackphresse 31.01.2020 21:51
    Highlight Highlight Verstehe deine Gefühlslage total!
    Zu meinem Glück sind weder die Saints noch die Giants im Superbowl, sonst wäre mein Herz genauso hin und her gerissen.

    Ich werde mich zurücklehnen und das Spiel geniessen können.
    Und (nach diesem Seelenstrip) etwas mit dir mitleiden.
  • PHM 31.01.2020 21:50
    Highlight Highlight Merci Jodok! Der Artikel spricht mir aus der Seele. Damit dürften wir uns wohl etwa gleich lang zu den Faithful zählen und gehen mit sehr ähnlichen Gedanken an den SB LIV ran. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ich lautstark zu den Niners halten werde. Gerade nach den erfolglosen letzten Jahren und dem völlig unnötig aufgebauschten Kaepernick-Drama kann ich gar nicht anders, egal wie genial Mahomes auch ist. Und Letzterer wird auch ohne diesen Titel noch eine gewaltige Karriere hinlegen.
  • DerRaucher 31.01.2020 21:35
    Highlight Highlight In einem sind wir uns doch alle einig. Wer Football richtig verfolgt, und nicht nur den SB schaut, ist froh das es endlich wieder ein Pat's freier wird. Ich bin richtig heiß auf dieses Spiel. Obwohl ich weder Chiefs noch 49ers Fan bin. Auf dem Papier verspricht es ein Spektakel zu werden. So soll es auch sein, die Offseason danach ist leider lange genug..
    • Ich hol jetzt das Schwein 31.01.2020 22:39
      Highlight Highlight Mitleid bekommt man gratis, Neid muss man sich verdienen. Deshalb danke dafür.
      Ein Pats-Fan
    • Roland Deschain 01.02.2020 01:08
      Highlight Highlight DerRaucher ist die neue Folge bei zeitverbrechen...

Unvergessen

Air Jordans Chicago Bulls laufen die Gegner wortwörtlich davon

27. Mai 1991: In der NBA geht eine grosse Ära zu Ende und eine noch grössere beginnt. Als das Ausscheiden gegen die Chicago Bulls nur noch Sekunden entfernt ist, verlassen die Stars der Detroit Pistons einfach so das Feld.

7,9 Sekunden sind noch zu spielen in Detroit. Die Bulls aus Chicago führen bei den Pistons deutlich. Sie werden auch Spiel vier der Playoff-Serie gewinnen und den amtierenden NBA-Champion in die Ferien schicken. Pistons-Star Isiah Thomas und seine Kollegen können es offenbar kaum erwarten. Sie verlassen die Halle, um den Siegern nicht die Hand schütteln zu müssen. Nur noch fünf nominelle Ersatzspieler bleiben als Vertretung auf dem Parkett zurück.

Thomas und Co. begründen ihren Entscheid mit der …

Artikel lesen
Link zum Artikel