Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Young Boys' forward Jean-Pierre Nsame #18 reacts after missing a goal, during the Super League soccer match of Swiss Championship between Servette FC and BSC Young Boys, at the Stade de Geneve stadium, in Geneva, Switzerland, Tuesday, June 30, 2020. All Super League soccer matches of Swiss Championship are played to behind the semi closed doors (only 1000 persons can be present in the stadium) due to preventive measure against a second wave of the coronavirus COVID-19. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Ist der Schweizer Profi-Mannschaftssport noch zu retten? Bild: keystone

Kommentar

Zeit, das Undenkbare zu denken – alle Klubs gehen gemeinsam in Konkurs

Der Profi-Mannschaftsport in unserem Land steht vor den grössten Umwälzungen der Geschichte. So wie die Dinge stehen, ist es Zeit, das Undenkbare zu denken: die Klubs der beiden höchsten Fussball- und Hockeyligen gehen gemeinsam in Konkurs. Eine Polemik.



Die «60-Prozent-Formel» könnte vielleicht noch die Rettung bringen. Aber die Aussichten, dass die Behörden erlauben, 60 Prozent der Stadionkapazitäten zu nützen, sind gering. Bei Lichte besehen sind eigentlich alle Versuche zum Scheitern verurteilt, die Meisterschaften der beiden höchsten Ligen im Fussball und im Hockey durch Sicherheitskonzepte zu retten. Der Profisport ist mit dem Geschäftsmodell «Massenveranstaltung» nicht mehr finanzierbar.

Wenn eine Firma ihr Produkt nicht mehr verkaufen kann, dann bleibt nur der Konkurs. Die Fussball- und Hockeyklubs der Schweiz können in den höchsten Ligen ihr Produkt nicht mehr verkaufen. Weil sie die Verkaufsläden (die Stadien) nicht mehr oder nur stark eingeschränkt benützen dürfen. Auch die «Herstellung» des Produkts (der Trainings- und Spielbetrieb) ist stark erschwert. Als Folge davon fallen nicht nur die Verkaufserlöse (der Verkauf von Tickets) weg. Auch die Einnahmen aus Werbe- und TV-Geldern gehen stark zurück.

Alle Firmen der Branche (die Profiklubs im Hockey und Fussball) sind gleichermassen betroffen, alle sind als Aktiengesellschaften konstituiert. Allen Firmen ist die wirtschaftliche Grundlage weitgehend entzogen worden. Die einfachste Lösung: Alle gehen Konkurs. Das Gesetz sagt, dass der Konkurs auf eigenes Begehren (Insolvenzerklärung) eröffnet werden kann.

Restart nach «Winterschlaf»

Der Konkurs ist eine «Rechtswohltat». Durch dieses Verfahren werden sämtliche Verträge nichtig. Die Klubs können sich also mit einem Schlag von allen Verpflichtungen befreien. Von den teuren Spielerverträgen genauso wie aus ungünstigen Mietverhältnissen mit den Stadionbesitzern. Im Gegenzug werden auch alle Sponsoren-, Werbe- und TV-Verträge aufgelöst. Der SC Bern besteht nur noch aus der eigenständigen Gastro-AG mit gut 15 Millionen Umsatz und Marc Lüthi wird vorübergehend Gastwirt. Da die Juniorenabteilungen in der Regel eigenständige Aktiengesellschaften sind, sind sie von den Konkursen der Klubs nicht betroffen. Die Nachwuchsmeisterschaften können weitergeführt werden.

epa04379112 CEO Marc Luethi of Swiss Ice Hockey club SC Bern poses for the photographer during the season media day of the SC Bern, 01 September 2014, Bern, Switzerland.  EPA/ANTHONY ANEX

SCB-Boss Marc Lüthi könnte «Beizer» werden. Bild: EPA/KEYSTONE

Wenn sich die Klubs zusammensetzen und alle gemeinsam Insolvenz erklären und in Konkurs gehen, wenn Ambri, Langnau, die ZSC Lions, YB, der FCZ oder der FC Basel «aufgelöst» werden, wird eine gewaltige Welle der Enttäuschung, Verwunderung, Empörung, Entrüstung, Erbitterung, Erregung und auch der Wut durch Stadt und Land rollen. Und nach ein paar Tagen der Einsicht weichen: Es ist die einzig richtige Lösung. Es geht ja gar nicht anders.

Das Büropersonal, die Trainer, Sportchefs, Spieler und Betreuer gehen aufs Arbeitsamt. Die Löhne bis 150'000 Franken werden von der Arbeitslosenkasse übernommen. Bewerbungen müssen zumindest die Spieler, Sportchefs und Trainer keine schreiben. Ihre Branche gibt es vorübergehend nicht mehr. Der Profisport geht sozusagen in den Winterschlaf. Die Spieler ersetzen den Maserati durch das Fahrrad, schliessen sich zu Trainingsgruppen zusammen oder halten sich im Amateurspielbetrieb fit. Der ist unter Ausschluss der Zuschauer mach- und finanzierbar. Es ist die vorübergehende Re-Amateurisierung des Fussballs und des Eishockeys.

Zuschauer waehrend dem Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC St. Gallen und dem FC Basel, am Mittwoch, 22. Juli 2020, im Kybunpark in St. Gallen. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Vor fast leeren Rängen zu spielen, ist auf Dauer nicht möglich. Bild: keystone

Erst wenn die Virus-Krise vorbei ist, wenn das Modell «Massenveranstaltung» wieder uneingeschränkt funktioniert, werden die Hockeyfirmen als Aktiengesellschaften neu gegründet. Die gleichen wie vorher. Nun kann auf der grünen Wiese unser Profisport im Fussball und Hockey neu aufgebaut werden. Mit besseren Strukturen, vernünftigeren Salären und weniger üppigen Verbandsbüros. Mindestens 80 Prozent der Manager, Spieler, Sportchefs und Trainer sind immer noch da. Sie können sich nun den Klub aussuchen bzw. die Klubs können die Spieler, Trainer, Sportchefs und Manager auswählen, die sie wollen. 80 Prozent werden wieder dort den Beruf aufnehmen, wo sie ihr soziales Umfeld haben. Also beim alten Klub.

Das Volk hat andere Sorgen

Völlig verrückt? Nein. Es ist Zeit, diese Radikallösung, das Undenkbare zu denken. Alle anderen Lösungsansätze scheitern unter den aktuellen und mittelfristig absehbaren Umständen. Alle bisherigen Lösungsansätze sind Flickwerk. Der Ruf nach staatlichen Geldern ist stossend: Der Staat hat in Zeiten der Krise ganz andere und wichtigere Aufgaben als den Profi-Mannschaftssport mit seinen überrissenen Salären und üppigen Verbandsstrukturen zu finanzieren. Aber braucht es denn nicht «Brot und Spiele» fürs Volk? Nein. Die Menschen haben, solange diese Krise andauert, andere Sorgen. Die Sorgen um Gesundheit und Sicherheit, um Arbeit und Brot.

Und was ist, wenn wir auf Dauer mit dem Virus leben müssen? Wenn Mannschaftsport als Massenveranstaltungen nicht mehr möglich ist? Dann ist es Zeit für die nächste Revolution. Dann werden die Fussball- und Hockeyspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit so produziert wie TV-Serien und Filme im Hollywood-Studio. Die Klubs verkaufen die Spiele auf klubeigenen Kanälen direkt an ihre Fans, die dann eben pro Partie im Fernsehen, im Internet oder auf dem Smartphone ähnlich viel bezahlen wie für den Matchbesuch.

epa05090583 (FILE) A file picture dated 15 September 214 of the French Netflix webpage displayed on a computer screen in Paris, France. Video streamer Netflix on 06 January 2016 went live around the world, adding 130 new countries to its service and launching what Netflix chief executive Reed Hastings called a 'global internet TV network.' The announcement more than triples the number of countries where Netflix is available, from 60 to 190, including the potentially huge markets of India, Russia and South Korea.  EPA/ETIENNE LAURENT *** Local Caption *** 51570896

Läuft der Schweizer Profi-Sport in Zukunft auf Netflix? Bild: EPA/EPA FILE

Mit diesem System können die Sponsoren noch besser präsentiert werden. Und mit ungläubigem Staunen werden wir alte TV-Aufzeichnungen von Spielen in vollen Stadien sehen, Fangesängen lauschen, so verwundert von Hooligans hören wie von den Saubannerzügen im Geschichtsunterricht. Der Profisport wird definitiv und mit aller Konsequenz ein Teil der Unterhaltungsindustrie.

Völlig verrückt? Nein. Wir leben in einer Welt, die gerade ein wenig aus den Fugen gerät. In solchen Zeiten müssen wir das Undenkbare denken. Weil es grosse Lösungen braucht. Und nicht kleinliches Flickwerk. Ende der Polemik.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Überraschungsmeister im Schweizer Fussball

So wirkt sich eine Maske auf die Verbreitung von Viren aus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Kommentar

Die U20-WM zeigt, dass die Schweizer Hockey-Bosse an der falschen Baustelle arbeiten

Die Schweizer U20-Nationalmannschaft scheidet an der Junioren-WM blamabel und ohne Sieg aus. Es zeigt das grosse Problem auf, das mit der geplanten Ligareform nur noch verstärkt würde.

Die Schweizer U20-Nationalmannschaft erwachte zu spät. Nach einem 0:4-Rückstand gegen Deutschland gab es am Ende eine 4:5-Niederlage im entscheidenden Spiel, in dem die Schweiz einen Sieg nach 60 Minuten gebraucht hätte. So endete eine enttäuschende Junioren-Weltmeisterschaft verfrüht. Immerhin muss die Nati in diesem speziellen Jahr nicht auch noch gegen den Abstieg spielen.

4 Spiele, 0 Punkte, 5 Tore und 20 Gegentore. Wie lässt sich das schlechte Abschneiden erklären? Einerseits mit den …

Artikel lesen
Link zum Artikel