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Werner Guenthoer, Mitte, Schweizer Kugelstosser, gewinnt im August 1987 an den Leichtathletikweltmeisterschaften in Rom, Italien, die Goldmedaille im Kugelstossen. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Der erste Schweizer Leichtathletik-Weltmeister der Geschichte: Werner Günthör lässt seinem italienischen Gegenspieler Alessandro Andrei bei dessen Heim-WM keinen Stich. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

60'000 decken «Kugel-Werni» mit Pfiffen ein – er antwortet mit erstem Schweizer WM-Titel

29. August 1987: Werner Günthör stösst die Kugel in Rom mit Urgewalt auf 22,23 Meter und verteilt anschliessend als erster Schweizer Leichtathletik-Weltmeister Kusshändchen an das aufgebrachte Italo-Publikum.



Er esse alles gerne – «ausser Chinesisch», erklärt der 26-jährige Werner Günthör vor seinem Abflug an die Leichtathletik-WM 1987 in Rom. Wer dem Kugelstoss-Giganten einmal persönlich gegenüberstand, mag diesen Worten gerne Glauben schenken. Zwei Meter gross, 127 Kilogramm Körpergewicht, Schuhgrösse 46 – es sind alles nur Zahlen, die seine imposante Erscheinung nicht einmal ansatzweise erfassen können.

Und dann sind da die blonden Strähnchen, die irgendwie gar nicht ins Bild passen wollen, welches man sich von einem typischen Kraftmeier macht. «Meine Freundin ist Coiffeuse und mir gefallen blonde Haare gut», erklärt Günthör und lacht.

Kugelstoesser Werner Guenthoer, aufgenommen im August 1987 bei den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in Bern.  (KEYSTONE/Str)

Sanfter Riese mit blonden Strähnchen: Werner Günthör im Jahr 1987. Bild: KEYSTONE

«En fuule Cheib»

Die Freundin heisst Nadia und ist 32 Zentimeter kleiner als der Modell-Athlet. Vor allem im Haushalt macht sie mit dem jungen Günthör eine Menge mit: «Ich bin ‹en fuule Cheib›, wenn es darum geht. Wenn ich am Abend nach Hause komme, dann habe ich keine Lust mehr darauf.»

«Wenn der Erfolg ausbleibt und es mir schlechter geht, dann wenden sich viele Leute ab.»

Werner Günthör

Trotzdem ist Nadia 1987 das Grösste für den amtierenden Europameister – und er scheut sich nicht, das zuzugeben: «Sie begleitet mich nach Rom. Als Sportler sind viele Begegnungen oberflächlich, man wird leicht einsam. Wenn der Erfolg ausbleibt und es mir schlechter geht, dann wenden sich viele Leute ab. Bei ihr fühle ich mich geborgen.»

So sensibel ist der gelernte Sanitärinstallateur aus dem Thurgau, der als grösste Schweizer Medaillenhoffnung zur WM nach Italien aufbricht.

Kugelstoesser Werner Guenthoer in Aktion im August 1987 bei den Schweizer Leichtathletik-Meisterschaften in Bern.  (KEYSTONE/Str)

Harte Schale, weicher Kern. Werner Günthör ist ein sensibler Riese. Bild: KEYSTONE

Kusshändchen für das konsternierte Publikum

Und trotzdem bleibt er im Brutkasten des Stadio Olimpico in Rom während anderthalb Stunden ganz cool. Auch dann noch, als die einheimischen Fans ihn mit einem gellenden Pfeifkonzert eindecken. Sie wollen «Kugel-Werni» aus der Fassung bringen, um ihrem Liebling Alessandro Andrei einen Vorteil zu verschaffen – doch Werner Günthör lässt sie nicht.

Mit 21,63 Metern übernimmt der Olympia-Fünfte von Los Angeles 1984 gleich im ersten Versuch die Spitze. Die verliert er nach dem zweiten Durchgang wieder, aber dann wuchtet er die Kugel im vierten Versuch 22,11 Meter weit. Eine Medaille hat er damit schon fast auf sicher. Günthör setzt sich zufrieden einen weissen Sonnenhut auf und harrt der Dinge, die da kommen.

Der Schweizer Werner Guenthoer am 4. August 1993 am

Vokuhila und Schnäuzer: Günthör bleibt dank seiner Erscheinung in ewiger Erinnerung. Bild: KEYSTONE

Die Konkurrenz scheitert reihenweise an den eigenen Nerven. Nur der italienische Polizist Andrei kratzt noch an Günthörs Marke und stösst auch über 22 Meter – doch der Versuch ist ungültig. Die 60'000 Zuschauer toben.

Um 19.26 Uhr steigt Werner Günthör für seinen sechsten und letzten Stoss in den Ring. Er sammelt sich kurz und wuchtet die 7,257 Kilogramm schwere Kugel dann mit Urgewalt auf 22,23 Meter. Der Thurgauer hebt majestätisch die Arme, verteilt Kusshändchen an das völlig konsternierte Publikum. Er weiss, diese Marke wird Andrei nicht mehr knacken: Sieg, Gold, Weltmeister – der erste in der Schweizer Leichtathletik-Geschichte!

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Werner Günthörs Weltmeisterwurf von 1987 – das italienische Publikum freut sich nicht. Video: YouTube/JaHetfield666

Nach dem Wettkampf zittert der Koloss in den Katakomben des Stadions am ganzen Körper. Der Druck fällt ab, die Spannung schwindet, er hat es nach jahrelanger Quälerei ganz an die Weltspitze geschafft. «Läck mir ...», prustet er und fällt seinen Betreuern um den Hals.

Noch ahnt er nicht, dass er ein Jahr später Olympia-Bronze in Seoul erobern und den WM-Triumph 1991 und 1993 wiederholen wird – und sich damit in der Schweizer Sportgeschichte endgültig unsterblich macht.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
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    Alle Leser-Kommentare
  • helfi 29.08.2020 14:16
    Highlight Highlight Der Werni hat schon in der Oberstufe den Ball beim Bäläliwerfen weit über den Zaun am Ende des Sportplatzes geschossen.
  • Marco Kleiner 29.08.2020 13:41
    Highlight Highlight 2/2 Im Coop Romanshorn konnte man die Einkäufe bei seiner Mutter bezahlen.
    Und meine Lehrer erzählten, wie Werner regelmässig die Kugel über die Anlage hinaus stoss oder die Bälleli über die ganze Sportanlage (natürlich kein Norm-Fussballfeld) auf die andere Strassenseite warf.
    Mit der Kanti trafen wir ihn zum Interview in Magglingen. Der Vorwitzigste fragte ihn direkt, ob er gedopt habe, worauf er natürlich nur eine diplomatische Antwort bekam. Ungefähr: Wenn ich gedopt hätte, würde ich es sicher nicht jetzt hier vor euch zugeben.
  • Marco Kleiner 29.08.2020 13:32
    Highlight Highlight 1/2 Ich habe zahlreiche Erinnerungen an Kugel-Werni. Z. B., als wir ihn nach einem seiner Triumphe am Bhf. seines Heimatdorfes Uttwil empfingen. TV, Musikverein, Gemeindeammann... einer aus der Jugendriege hätte die Vereinsfahne tragen sollen, komischerweise wollte niemand, und so haben wir sie während des Wartens einander weitergereicht. Als sich der Umzug in Bewegung setzte, hatte ich sie in den Händen, und da es keinen Traggurt gab, schlug ich sie dabei dem Werni versehentlich um die Ohren!
  • muelli78 29.08.2020 09:11
    Highlight Highlight Er mag gedopt haben wie wohl alle anderen auch zu dieser Zeit, trotzdem ein aussergewöhnlicher Athlet!

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  • Simon LeBon 29.08.2020 08:55
    Highlight Highlight Bevor Segeln zur wichtigsten Sportart der Welt wurde war es das Kugelstossen! Zugegeben: Werner Günthör war der Held meiner Kindheit.
  • firekillerolten . 29.08.2020 07:17
    Highlight Highlight Oh ihr Pharisäer…
  • katerli 29.08.2020 06:40
    Highlight Highlight Für alle empörten Illusionisten die denken ein "sauberer" Spitzensport sei möglich, denen empfehle ich diese Doku:
    "Die dunkle Seite des Sports"
    Play Icon


  • SirMike 29.08.2019 08:26
    Highlight Highlight Wo bleibt die kritische Würdigung der Doping-Affäre?
    • -xoop- 29.08.2019 09:04
      Highlight Highlight Es ist ein Held und man verschliesst die Augen. Obwohl man es sehen könnte .... ...wenn man es möchte.

      https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13680168.html
    • Gubbe 29.08.2019 10:14
      Highlight Highlight Hat doch jemand ein Haar in der Suppe gefunden.
    • SirMike 29.08.2019 13:25
      Highlight Highlight @Gubbe: wenn das Haar in der Suppe jahrelanges, eidgenössisch diplomiertes Anabolika-Doping ist, ja dann habe ich es gefunden.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Gatekeeper 29.08.2019 07:17
    Highlight Highlight Lustig.. Werni hat mich ‘86 nach seinem grandiosen Sieg als kleiner Knabe im Leukerbad auch rumgeworfen. Aber zum Glück nach oben in der Schwimmhalle und nicht 22 Meter nach vorne :)

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