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Der oesterreichische Ski-Rennlaeufer Franz Klammer auf dem Weg zur olympischen Goldmedaille in der Abfahrt vom Innsbrucker Patscherkofel am 5. Februar 1976.  (KEYSTONE/AP/Michel Lipchitz)

Franz Klammer auf dem Weg zum Olympiasieg 1976. Bild: AP

Unvergessen

Grosser Showdown am Patscherkofel – Klammer verhindert Russis historisches Gold-Double

5. Februar 1976: Noch kein Skirennfahrer ist bislang zwei Mal Olympiasieger in der Abfahrt geworden. Bernhard Russi kommt dem Gold-Double aber sehr nahe. Vier Jahre nach seinem Olympiasieg in Sapporo gewinnt der Urner in Innsbruck Silber.



Die Themen, welche die NZZ am 6. Februar 1976 auf ihrer Frontseite abhandelt? Ein Kolonialkonflikt in Dschibuti, eine Regierungskrise in Italien, deutsche Wirtschaftshilfe für Portugal. Und ganz klein wird als Randnotiz auf einen Bericht im Sport-Teil verwiesen:

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Bernhard Russi winkt in Innsbruck eine historische Chance. Vier Jahre nach seinem Olympiasieg im fernen Sapporo könnte der Schweizer ein zweites Mal Gold in Abfahrt gewinnen. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft – und es gelingt bis zum heutigen Tag keinem. Russi stellt in der dritten von vier Trainings die Bestzeit auf, bei der letzten Fahrt zieht er nicht mehr voll durch.

Ganz Österreich erwartet Klammers Triumph

Doch der Favorit ist nicht der Sieger von 1972, sondern ein 22-Jähriger Kärntner: Franz Klammer. Er ist in grosser Form, hat in diesem Winter schon die Abfahrten von Madonna di Campiglio, Wengen, Morzine und Kitzbühel gewonnen. Nach dem Abschlusstraining habe er jedoch «einen ausgesprochen nervösen Eindruck» hinterlassen, so die NZZ, die Klammer beim Verlassen des Zielgeländes beobachtet hat.

Der Druck auf Klammer ist enorm. Ganz Österreich erwartet die Goldmedaille – und will Revanche für 1972, als Russi auch deshalb siegte, weil der Österreicher Karl Schranz von den Spielen ausgeschlossen war.

Bernhard Russi legt in diesem Duell vor. Mit der Startnummer 3 stellt er eine Bestzeit auf, an der sich die Gegner die Zähne ausbeissen. Einer nach dem anderen bleibt hinter dem 27-jährigen aus Andermatt. Lässt die Piste, bereits gezeichnet, überhaupt eine noch schnellere Fahrt zu?

«Der beste Schwung meines Lebens»

Dann steht oben am Patscherkofel Franz Klammer bereit, die Startnummer 15. Seine Skifirma will, dass er mit einem revolutionären Modell antritt, das über ein Loch in der Schaufel verfügte. Doch Klammer lehnt den Ski genauso ab wie einen goldenen Anzug, welchen er als zu eng empfindet – und auch als zu penetrant.

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Klammers Fahrt zu Gold. Video: YouTube/Blick Winkel

Oben, beim Ochsenschlag-Sprung, hat Klammer einen ziemlichen Bock drin. Danach fährt er besser, aber er liegt bei der letzten Zwischenzeit 19 Hundertstel hinter Russi zurück. Ob das noch reicht?

«Ich habe gewusst, dass ich gewinnen werde – oder es haut mich auf die Goschn.»

Franz Klammer

60'000 Fans sind live dabei, feuern ihren Liebling an, andere halten den Atem an vor Aufregung. Sie wissen um eine von Klammers Stärken, sein Finish. Schon oft gelang ihm im untersten Streckenteil noch eine Wende. Im Wissen um seinen Fehler im oberen Teil, riskiert Klammer alles. Beim Bäreneck wählt er eine andere Linie, von der er noch 40 Jahre später überzeugt ist, dass es «der beste Schwung meines Lebens» gewesen ist.

Grenzenloser Jubel

Die letzten Meter, dann die Erlösung: Klammers Zeit stoppt bei 1:45,73 Min. Der Österreicher hat es wieder einmal umgebogen, er gewinnt Gold mit 33 Hundertstel Vorsprung auf Russi. Klammer stösst dazu auch Philippe Roux vom Podest: Der Walliser, der im Abschlusstraining der Schnellste war, verpasst die Zeit des Italieners Herbert Plank und damit die Bronze-Medaille um einen Zehntel.

Sie gewannen bei Olympia zwei Medaillen in der Abfahrt

Bernhard Russi
(Gold 1972, Silber 1976)
Aksel Lund Svindal
(Gold 2018, Silber 2010)
Peter Müller
(Silber 1984, Silber 1988)
Lasse Kjus
(Silber 1998, Silber 2002)
Franck Piccard
(Bronze 1988, Silber 1992)
Kjetil Jansrud
(Bronze 2014, Silber 2018)

«Grenzenloser Jubel, ein Wald von Fahnen und Transparenten, der ‹Franzl› hat es geschafft», beschreibt die NZZ den Moment der Entscheidung. Sie lobt den neuen Abfahrts-Olympiasieger besonders für seinen starken Geist. Um den «bedauernswerten 22-Jährigen» habe «ein publizistischer Rummel sondergleichen» geherrscht. «Unvorstellbar die Belastung, der dieser junge unverbildete Bursche, der Favorit, allein in den letzten Tagen ausgesetzt war.»

«Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Ich hab' so viele Fehler gemacht, bin aber g'fahren, was 'gangen ist.»

Franz Klammer

Für Russi ist Silber in Innsbruck die letzte Medaille seiner Karriere, die er 1978 als Olympiasieger, Weltmeister und zehnfacher Weltcupsieger beendet. Klammer tritt ebenfalls Olympiasieger und Weltmeister ab – und als Rekordsieger in der Abfahrt. Als er 1985 aufhört, hat Franz Klammer 25 Weltcup-Rennen in der Königsdisziplin für sich entschieden. Ihm bis heute am nächsten kommt der Zürcher Peter Müller mit 19 Siegen. Unerreicht sind auch Klammers fünf kleine Kristallkugeln für den Sieg in der Disziplinenwertung.

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Russi und Klammer erinnern sich an das Duell (englisch). Video: YouTube/In Search of Speed

Medaille verlegt

Klammer bleibt bis heute einer der populärsten österreichischen Sportler. 1:45,73 Minuten in Innsbruck haben sein Leben verändert: «Das war mir zuvor nicht bewusst, dass eine einzelne Fahrt das Leben so drastisch verändern wird», sagt er vierzig Jahre nach dem Triumph. «Aber ich bin glücklich darüber, dass es sich so in diese positive Richtung entwickelt hat. Den Rummel lässt man gerne über sich ergehen, wenn man erfolgreich ist. Blöd ist, wenn man Zweiter ist, nachher ist es lästig. Dann muss man dauernd erklären, warum man nicht gewonnen hat.»

Zum handfesten Beweis, der Goldmedaille, hat Franz Klammer übrigens keinen innigen Bezug mehr. «Heute» gesteht er 2018, dass er sie verlegt habe:

«Wo die ist, weiss ich nicht genau. Irgendwo wird sie schon sein.»

Franz Klammer

epa03577162 Former ski racers Franz Klammer (L) of Austria and Swiss Bernhard Russi (R) attend a charity race at the Alpine Skiing World Championships in Schladming, Austria, 10 February 2013.  EPA/HELMUT FOHRINGER

Die Rivalen von einst bei einem Legenden-Rennen: Klammer und Russi 2013. Bild: EPA

Unvergessen

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Thomas Bollinger (1) 05.02.2020 07:48
    Highlight Highlight Was viele sich heute nicht mehr vorstellen können: Damals haben alle diese Abfahrt geschaut. Live und am Fernsehen. Die Strassen waren leer. Heute hätte es selbst dann mehr Leute auf der Strasse, wenn die Schweiz Finalist in der Fussball-WM wäre. 😉
    • Staedy 06.02.2020 18:41
      Highlight Highlight Wenn Skirennen live übertragen wurden, war ja lange nicht der Fall z.B. Adelboden, schaute man zur Mittagszeit die Rennen und der Zmittag kam auf den Stubentisch. Alles fuhr Ski. Stimmte ja auch nicht, aber egal. Herrliche Erinnerungen.

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