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The pack rides past a sunflowers fields during the eleventh stage of the Tour de France cycling race over 167 kilometers (103,77 miles) with start in Albi and finish in Toulouse, France, Wednesday, July 17, 2019. (AP Photo/Thibault Camus)

Blick ins Tour-de-France-Feld: Einige Fahrer nehmen ein umstrittenes Mittel zu sich. Bild: AP

Das ist das Wundermittel Keton, das schlank und stark machen soll

Doping ist es nicht – denn es steht nicht auf der Verbots-Liste. Dennoch sorgt das Nahrungsergänzungsmittel Keton an der Tour de France gerade für viel Wirbel.



Was ist Keton?

Ein Stoff, den der Körper auf natürliche Weise produziert, wenn ihm mehrere Tage lang Kohlenhydrate vorenthalten werden. Der Körper bildet dann Ketone, die in dieser Situation helfen, aus den Fettreserven zu überleben.

Wer einmal eine No-Carb-Diät durchgezogen hat, der kennt den Mundgeruch, der dadurch entsteht. Er ist auch als «Keton-Atem» bekannt.

Was verspricht man sich von Keton?

Wahre Wunder! Ein Sportler soll mit dem Nahrungsergänzungsmittel nicht nur härter trainieren, sondern auch abnehmen können, ohne dabei hungern zu müssen. Das wäre bahnbrechend, denn das Gewicht ist ein grosser Faktor, der an der Tour de France den Unterschied zwischen Gesamtsieg und Rang 10 ausmachen kann.

Gerade am Berg zählt an der Spitze jedes Gramm. Der Brite Chris Froome hielt bei seinem Erfolg am Giro d'Italia 2018 sogar noch während der ersten Rennphase Diät, um in den Bergen nicht «übergewichtig» zu sein. Von anderen Fahrern sind Geschichten aus Trainingslagern überliefert, wo nach einer harten Ausfahrt eine Schlafpille eingeworfen statt gegessen wurde. So konnten die Hungerschreie des Körpers unterdrückt werden.

Keton soll aber nicht nur beim Abnehmen helfen, sondern auch die Leistung verbessern. Die Italienerin Vittoria Bussi stellte im vergangenen Herbst mit 48,007 Kilometern einen neuen Stunden-Weltrekord auf. Sie nimmt Keton und sagt: «Als ich es das erste Mal ausprobiert habe, fühlten sich 50 Minuten wie 30 an. Ich war fokussierter und hatte viel mehr Kraft in den Beinen als sonst.»

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«Keton gibt dir zusätzliche Kraft, der Unterschied mit oder ohne ist massiv», behauptet Stunden-Weltrekordlerin Bussi, die von Hersteller HVMN gesponsert wird. Video: YouTube/HVMN

Was bringt es wirklich?

Darüber ist sich die Fachwelt sehr uneinig. Es gibt eine Studie, die eine ungeheuerliche Leistungssteigerung von 15 Prozent verspricht. Eine andere Studie soll zeigen, dass der Keton-Einsatz die Produktion von roten Blutkörperchen massiv in die Höhe schiessen lässt. Und der Hersteller wirbt damit, dass man als Radrennfahrer in einem halbstündigen Zeitfahren mit Keton 400 Meter weiter kommt als ohne.

Aber weil das alles angezweifelt wird und es offenbar noch keine ausgiebige Untersuchung gibt, steht Keton derzeit nicht auf der Dopingliste.

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Der Hersteller macht auf seiner Website keinen Hehl daraus, wer die Zielgruppe des Produkts ist. bild: hvmn

Wer benutzt es?

Zwei Teams der diesjährigen Tour de France stehen dazu, Keton einzusetzen. Dass das Mittel nun in aller Munde ist, liegt wohl daran, dass es ausgerechnet zwei der erfolgreichsten Mannschaften sind: Jumbo-Visma mit vier Etappensiegen und Deceuninck-Quick-Step von Gesamtleader Julian Alaphilippe. Bora-Hansgrohe um den dreifachen Weltmeister Peter Sagan gibt zu, dass man Keton auch schon getestet habe, da es kein Doping sei. Ob man es nun in Frankreich einsetze, will Teamchef Ralph Denk mit Verweis auf «Betriebsgeheimnisse» nicht verraten.

Team Jumbo Visma strains during the second stage of the Tour de France cycling race, a team time trial over 27.6 kilometers (17 miles) with start and finish in Brussels, Belgium, Sunday, July 7, 2019. (AP Photo/Thibault Camus)

Das Team Jumbo-Visma angeführt von Mike Theunissen im Maillot Jaune beim Sieg im Mannschaftszeitfahren. Bild: AP

«Keton ist ein Nahrungsergänzungsmittel und nicht verboten», betonte Jumbo-Visma-Chef Richard Plugge. Interessant ist, dass das Team Ineos nach eigenen Angaben kein Keton mehr verwendet, das aber früher gemacht hat. Offenbar kam die britische Equipe mit dem letztjährigen Tour-Sieger Geraint Thomas zum Schluss, dass das Mittel nicht das bringt, was man sich davon versprochen hatte. Beim Team Sunweb heisst es, man sehe aufgrund der nicht restlos geklärten Nebenwirkungen von einem Einsatz ab.

Wo kriegt man es her?

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bild: hvmn

Eine Firma aus San Francisco hat die Lizenz, einen Keton-Drink herzustellen und zu verkaufen. Letztes Jahr sagte deren Chef, sieben Tour-de-France-Teams würden damit beliefert. Das Geschäft läuft offenbar wie geschmiert: «HVMN Ketone Ester is temporarily out of stock», heisst es auf der Website, momentan sei man ausverkauft.

Günstig ist der Stoff nicht. Ein Fläschchen mit 25 Gramm Keton kostet um die 30 Franken. Und dass es mehr benötigt als ein Fläschchen, zeigt die Tatsache, dass man sich auch gleich ein 36er-Pack ordern kann. Andernorts wird Keton in Pulverform angeboten.

Was sagt Stefan Küng?

Im Tages-Anzeiger äusserst sich der mehrfache Schweizer Zeitfahr-Meister kritisch. Er stelle sich die Frage, wie gesund es sei, den Körper mit Absicht in den Überlebensmodus zu versetzen. Küng, derzeit mit Groupama-FDJ an der Tour de France, sagt aber auch: «Ich werde das sicher genauer anschauen.» Es ist wohl die Pflicht eines Profisportlers, ein Mittel zu prüfen, dessen Einsatz nicht untersagt ist und das leistungssteigernd sein kann. (ram)

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Prominente Sportler von A bis Z, die mit Doping erwischt wurden

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