Wirtschaft
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die schwäbische Hausfrau bedroht uns: Warum die Deutschen ausgeben statt sparen sollten

Der Finanzminister, der Chef der Bundesbank, die führenden Ökonomen und die «Bild»-Zeitung: Alle kritisieren den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Dabei boomt die deutsche Wirtschaft nicht zuletzt dank seiner Geldpolitik.



Bild

Vorbild der Deutschen: Die schwäbische Hausfrau. 
bild: shutterstock

Wie erwartet hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) heute in Wien keine Änderung seiner Zinssätze bekannt gegeben. EZB-Präsident Mario Draghi wird an seiner Politik des billigen Geldes festhalten, um damit die europäische Wirtschaft endlich wieder in Schwung zu bringen.  

epa05318667 German Federal Minister of Finance Wolfgang Schauble (R) takes his position as US Federal Reserve Board Chair Janet Yellen (Front L) and European Central Bank President Mario Draghi (Front C) talk at the start of a group photo session of the G7 Finance Ministers and Central Bank Governors meeting at Akiu in Sendai, Miyai Prefecture, northern Japan, 20 May 2016. The G7 meeting is held 20 and 21 May 2016. (Back L-R) British Chancellor of the Exchequer George Osborne, Dutch Finance Minister Jeroen Dijsselbloem and Governor of Banque de France Francois Villeroy de Galhau stand behind.  EPA/KIMIMASA MAYAMA

Mario Draghi und sein Kritiker: der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble.
Bild: KIMIMASA MAYAMA/EPA/KEYSTONE

Zumindest nördlich des Rheins ist der Aufschwung bereits im Gang. Dank des billigen Euros und der effizienten Wirtschaft befindet sich die deutsche Wirtschaft seit Jahren in einem Dauerhoch.  

Schäuble macht Draghi für den Vormarsch der AfD verantwortlich

Trotzdem ist Draghi unter Dauerbeschuss der Deutschen: Finanzminister Wolfgang Schäuble machte jüngst die EZB für den Vormarsch der AfD verantwortlich. Der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, gehört zu Draghis Dauer-Mäklern, für die «Bild»-Zeitung ist Draghi ein beliebter Sündenbock, und regelmässig werden von Politikern und Ökonomen Klagen gegen die EZB beim Verfassungsgericht eingereicht. Warum eigentlich?

Die Abneigung gegen Draghi ist zunächst in der Mentalität begründet. Das Vorbild wirtschaftlicher Tugend in Deutschland ist die schwäbische Hausfrau. Sie ist sparsam und gibt nur das Geld aus, das sie auf der hohen Kante hat.  

«Geiz ist geil»

Sparen ist daher die oberste Bürgerpflicht nördlich des Rheins. 17 Prozent ihres verfügbaren Einkommens legen die Deutschen auf die Seite – nur die Schweden und wir Schweizer sparen noch mehr – und es ist wohl kein Zufall, dass bei ihnen ein Werbe-Slogan wie «Geiz ist geil» Kult werden konnte.  

Auch der Mainstream der Ökonomen huldigt der schwäbischen Hausfrau. Der deutsche Ordoliberlismus geht davon aus, dass jedes Land für sich selbst verantwortlich ist. Die Kritik an den inzwischen exorbitanten Exportüberschüssen – wie sie regelmässig von den angelsächsischen Ökonomen vorgebracht wird – stösst auf heftige Ablehnung. Über das Thema Export kann man mit den Deutschen nicht mehr vernünftig diskutieren.

BERLIN, GERMANY - JANUARY 17:  People walk past a branch of Berliner Sparkasse bank on January 17, 2014 in Berlin, Germany. Banks across Europe will be announcing their financial results for 2013 in annual press conferences in coming weeks.  (Photo by Sean Gallup/Getty Images)

Steht bei den Deutschen hoch im Kurs: die Sparkasse.
Bild: Getty Images Europe

Die Kritik an Draghi hat jedoch auch handfeste Gründe: Die Deutschen sind nicht nur Sparer, sie sind sehr konservative Sparer. Aktien sind ihnen suspekt, der Totalcrash des Neuen Marktes zur Jahrhundertwende war ihnen wieder einmal eine Lehre. Gerademal 14 Prozent aller Deutschen halten Aktien.  

Auch Lebensversicherungen rentieren nicht

Bloss rund die Hälfte der Deutschen besitzt zudem Wohneigentum, für europäische Verhältnisse ein tiefer Wert. Draghis tiefe Zinsen haben zwar auch den deutschen Immobilienmarkt befeuert, profitiert davon haben nur wenige.

Die Deutschen tragen ihr Geld am liebsten auf die Bank oder kaufen sich eine Lebensversicherungs-Police. Beides ist im aktuellen Tiefzinsumfeld eine schlechte Idee. Die beliebten Sparkassen verzinsen die Sparguthaben nicht mehr, ja weil die EZB derzeit ebenfalls Negativzinsen eingeführt hat, müssen die deutschen Sparer gar befürchten, für ihr Sparen bestraft zu werden.  

Banken und Versicherungen leiden

Die Banken leiden ebenfalls unter den Negativzinsen. Gemäss Angaben der Bundesbank mussten sie im vergangenen Jahr 248 Millionen Euro Strafzinsen an die EZB überweisen. Sie können dies nicht wie die Schweizer Banken über höhere Hypothekarzinsen kompensieren, der hohe Wettbewerbsdruck der zersplitterten Bankenlandschaft lässt dies nicht zu.  

Auch die Versicherer geraten zunehmend in Bedrängnis. Das zeigt ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Bundesbank. Die «Financial Times» fasst ihn wie folgt zusammen. «Im schlimmsten Fall muss damit gerechnet werden, dass 21 von 83 Versicherungsgesellschaften die Anforderungen an das Mindestkapital nicht mehr erfüllen.»

Die schwäbische Hausfrau bedroht Europa

Für Europa ist die sparwütige schwäbische Hausfrau eine Bedrohung geworden. Martin Wolf, der Chefökonom der «Financial Times», beklagte sich jüngst darüber, dass Deutschland nicht einmal in der Lage sei, auch nur ein Drittel seiner Sparguthaben im eigenen Land anzulegen. Diese Politik will Berlin der gesamten Eurozone aufs Auge drücken. Wer aber soll die massiven Exportüberschüsse kaufen?

Wolf befürchtet deshalb, dass der deutsche Spar- und Exportwahn ganz Europa in eine lang anhaltende Stagnation führen wird. Die deutsche Kritik an Draghi hält er für völlig verfehlt. Anstatt an der EZB herumzukritteln, würden die Deutschen besser ihr Geld ausgeben und so die Wirtschaft ankurbeln. «Sollten die Deutschen der Überzeugung sein, dass dies das europäische Projekt ernsthaft gefährden würde, dann sollten sie von ihrer Exit-Option Gebrauch machen», rät Wolf.

Merkel und Europa

Roger Köppel «interviewt» (lobpreist) Viktor Orban – und wir sollten auf der Hut sein!

Link zum Artikel

Der gewagte Poker der Angela Merkel 

Link zum Artikel

Die EU wird deutsch und deutlich – und die Griechen werden geopfert

Link zum Artikel

Der amerikanische Albtraum: Griechenland wird ein «failed state» 

Link zum Artikel

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

3 Tote und 6 Verletzte bei Terror-Attacke in Nizza

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Deutschland nimmt über 2000 Flüchtende auf – Merkel spricht Klartext

Deutschland will insgesamt 2750 Geflüchtete von den griechischen Inseln aufnehmen. Das gab Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag in einer Mitteilung bekannt. Aufgenommen werden demnach 1553 Menschen aus 408 Familien, die durch Griechenland bereits als Schutzberechtigte anerkannt worden sind. Ebenso werde Deutschland bis zu 150 unbegleitete minderjährige Asylsuchende aufnehmen.

«Bereits erfolgt ist die Aufnahme von 53 unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden», so Seibert weiter. Die …

Artikel lesen
Link zum Artikel