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Trump, Andrew Cuomo und Anthony Fauci

Bild: watson/keystone/shutterstock

Analyse

Der Präsident, der Gouverneur und der Arzt



Einmal mehr hat Präsident Trump eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen. Vor einer Woche wollte er die Wirtschaft nach Ostern wieder auf vollen Touren laufen lassen. Jetzt hat er die strikten Bleibt-zuhause-Verordnungen bis Ende April verlängert und gleichzeitig gewarnt, Covid-19 könnte mehr als 200’000 Amerikaner das Leben kosten. Überredet dazu hat ihn sein medizinischer Berater Dr. Anthony Fauci.

Noch am Samstag wollte der Präsident New York, New Jersey und Connecticut mit einer absoluten Quarantäne belegen, will heissen, die Menschen in diesen Bundesstaaten hätten weder ein- noch ausreisen dürfen. Am Sonntag beliess er es bei einer Ermahnung. Grund: Andrew Cuomo, der Gouverneur von New York, hatte eine allfällige Quarantäne nicht nur «absurd» und einen «Kriegsakt» genannt, er hatte auch rechtliche Schritte dagegen angedroht.

Donald Trump, Andrew Cuomo und Anthony Fauci haben sich zu den zentralen Playern im amerikanischen Coronavirus-Drama entwickelt. Sie spielen dabei jedoch sehr unterschiedliche Rollen.

Der Präsident als Wundertüte

Donald Trump wird nachgesagt, er habe die Aufmerksamkeitsspanne eines Kleinkinds. Die Corona-Krise bestätigt dies eindrücklich. Der Präsident wechselt seine Meinung öfter als sein Hemd.

Noch am 22. Januar erklärte er vollmundig, die USA hätten alles unter Kontrolle. Am 27. Februar wollte er wissen, das Virus werde verschwinden «wie durch ein Wunder». Am 9. März wollte er auf keinen Fall den geregelten Lauf der Dinge unterbrechen und befahl, dass die Wirtschaft nicht behelligt werde.

President Donald Trump speaks during a coronavirus task force briefing in the Rose Garden of the White House, Sunday, March 29, 2020, in Washington. (AP Photo/Patrick Semansky)
Donald Trump

Gefällt sich in der Rolle eines Kriegsherrn: Donald Trump. Bild: AP

Am 17. März überraschte Trump nicht nur die Fachwelt mit der Aussage, er habe längst gewusst, dass sich eine Pandemie abzeichne.

Die widersprüchlichen Aussagen werden nun an den täglichen Pressekonferenzen gewürzt mit schamlosem Eigenlob und Kritik an Gouverneuren und Journalisten. Die Bundesstaaten sollen sich doch selbst darum kümmern, genügend medizinische Schutzanzüge zu beschaffen, warf er den Gouverneuren vor. Er sei schliesslich nicht ihr Laufbursche.

Trump tat sich sehr schwer, mit Kriegsrecht die Unternehmen dazu zu zwingen, die lebensnotwendigen Beatmungsgeräte herzustellen; und als er es tat, verwickelte er sich in einen wüsten Streit mit General Motors.

Der Präsident sieht sich gleichzeitig als oberster Kriegsherr und Beschützer der Wirtschaft. Das lässt sich jedoch schwer unter einen Hut bringen. Vor allem jedoch ist bisher keine generelle Strategie erkennbar, wie das Weisse Haus die Epidemie in den Griff bekommen will.

Medical personnel from BayCare test people for the coronavirus in the parking lot outside Raymond James Stadium Wednesday, March 25, 2020, in Tampa, Fla. Testing is being done by appointment only. (AP Photo/Chris O'Meara)
Coronavirus Testing

Vor einem Sportstadion in Tampa (Florida) werden Coronavirus-Tests durchgeführt. Bild: AP

Das schlechte Vorbild des Präsidenten hat verheerende Folgen. Nach wie vor haben Bundesstaaten wie Florida und Texas darauf verzichtet, Restaurants und Bars zu schliessen.

Die evangelikale Liberty University in Virginia hat gar diese Woche auf Geheiss ihres Präsidenten Jerry Falwell Jr. ihren Betrieb wieder aufgenommen. Bereits zeigen rund ein Dutzend Studenten erste Anzeichen von Covid-19.

Trotzdem scheint Trump mit seinem sprunghaften Handeln kurzfristig Erfolg zu haben. In Meinungsumfragen sind seine Werte gestiegen. In Krisenzeiten gewinnen jedoch alle Staatsoberhäupter Sympathien.

Trumps wahrer Test wird im Sommer erfolgen. Die USA haben bereits jetzt mehr Infizierte als alle anderen Länder, und die Schäden von Trumps erratischer Politik werden sich dann nicht mehr mit launischen Pressekonferenzen überspielen lassen.

Der Gouverneur als Tröster

Andrew Cuomo ist auf den ersten Blick eine Art liberaler Zwillingsbruder von Trump: Er ist New Yorker, Macho und Machtmensch. Wie der Präsident hält auch der Gouverneur des Bundesstaates New York tägliche Briefings ab. Doch ihre Wirkung ist ganz anders. «Ihm zuzuschauen lässt in vielen Menschen den unbändigen Wunsch nach Spaghetti Bolognese und Chianti wach werden», schwärmt die «New York Times»-Kolumnistin Maureen Dowd.

Cuomo ist eine feste Grösse der amerikanischen Politik. Schon sein Vater war Gouverneur. Er selbst wurde immer wieder mal als möglicher demokratischer Präsidentschaftskandidat gehandelt – und wird es wieder.

New York Gov. Andrew Cuomo speaks during a news conference against a backdrop of medical supplies at the Jacob Javits Center that will house a temporary hospital in response to the COVID-19 outbreak, Tuesday, March 24, 2020, in New York. Cuomo sounded his most dire warning yet about the coronavirus pandemic, saying the infection rate in New York is accelerating and the state could be as close as two weeks away from a crisis that projects 40,000 people in intensive care. (AP Photo/John Minchillo)
Andrew Cuomo

Starke Auftritte: Andrew Cuomo. Bild: AP

Grund dafür ist sein Verhalten in der Corona-Krise. So wie sich einst Kanzler Helmut Schmidt während des Hochwassers von Hamburg als künftiger Kanzler empfohlen hat, brilliert Cuomo jetzt in der Corona-Krise.

Cuomo macht Mut, schreckt jedoch nicht davor zurück, harte Fakten auszusprechen. Er lässt sich nicht von Parteipolitik leiten und lobt selbst Trump, wenn der es verdient. Er schreckt jedoch auch vor einer Konfrontation mit dem Präsidenten nicht zurück, wenn er es für nötig hält.

Vor allem hat Cuomo etwas, was Trump völlig abgeht: Empathie. «Der Gouverneur ist der Psychiater der Nation geworden», so Dowd. «Er führt uns durch die Angst, die Verluste und die Verrücktheit.»

Trump hat inzwischen realisiert, dass ihm in Cuomo ein gefährlicher Widersacher entstanden ist. Er beginnt, ihn offen zu attackieren, wirft ihm vor, zu wenig für die Bevölkerung von New York getan zu haben und zu viel von ihm zu fordern.

Unterstützt wird der Präsident dabei von seinen Handlangern bei Fox News. Sean Hannity & Co. prügeln inzwischen mehr auf Cuomo ein als auf Joe Biden oder Alexandria Ocasio-Cortez.

Und was ist mit allfälligen Ambitionen, ins Weisse Haus einzuziehen? Derzeit verneint dies Cuomo heftig. Er stehe voll hinter Joe Biden, sagt er. Doch sollte diesem nicht mehr ganz jungen Mann etwas zustossen, dann könnte Cuomo ein ernsthaftes Thema werden.

Der Arzt als Vermittler

Dr. Anthony Fauci ist Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases und der Arzt, dem die Amerikaner vertrauen. Schon zu Zeiten von Ronald Reagan hat er sie über Aids aufgeklärt. Er hat sie durch Sars, Vogel- und Schweinegrippe geführt. Nun ist er die führende Kapazität in der Corona-Krise.

Die Menschen in einer Epidemie zu beraten, ist selbst unter den besten Umständen ein Hochseilakt. Unter einem Trump ist sie fast unlösbar. Fauci muss permanent falsche oder zumindest irreführende Aussagen seines Präsidenten korrigieren, ohne ihn dabei vor den Kopf zu stossen und ohne dabei sein wissenschaftliches Gewissen zu verletzen.

epa08325568 Director of the National Institute of Allergy and Infectious Diseases Dr. Anthony Fauci reacts as US President Donald J. Trump leaves after his press briefing on the Coronavirus COVID-19 pandemic with members of the Coronavirus Task Force at the White House in Washington, DC, USA, 26 March 2020.  EPA/Yuri Gripas / POOL

Muss einen Hochseilakt absolvieren: Dr. Anthony Fauci. Bild: EPA

Manchmal wird dies selbst dem erfahrenen Fauci zu viel. «Ich kann ja nicht vor das Mikrophon springen und ihn [den Präsidenten, Anm. d Red.] wegdrücken», klagte er kürzlich gegenüber dem «Science Magazine».

Trump ist bekanntlich sehr dünnhäutig und nicht wirklich empfänglich für Kritik. Bisher hat er es jedoch vermieden, Fauci zu kritisieren oder zu widersprechen. Seine Hardcore-Fans hingegen haben keine Beisshemmungen.

Fauci ist zur Zielscheibe der Konservativen in den sozialen Medien geworden. Die «New York Times» hat inzwischen mehr als 70 Twitter-Accounts gezählt, auf denen Hetze gegen ihn verbreitet wird. Fauci wird vorgeworfen, er stecke heimlich mit Hillary Clinton unter einer Decke. Vorwand dafür ist ein alter Tweet, in dem Fauci der ehemaligen Aussenministerin für ihre Auftritte bei den Banghazi-Hearings gratuliert hat.

Bei den Hardcore-Trumpern gilt Fauci zudem als Teil des «deep state» – Beamte der Verwaltung, die Böses gegen den Präsidenten im Schilde führen – und einer verhassten Elite. Der Arzt lässt sich davon nicht beirren. «Wenn man es mit dem Weissen Haus zu tun hat, muss man gelegentlich mehrmals Druck machen, bevor etwas geschieht», sagt er abgeklärt. «Daher werde ich weiter Druck machen.»

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