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Donald Trump von US-Notenbank (Federal Reserve) kalt geduscht

Die US-Notenbank verpasst Donald Trump eine kalte Dusche

Fed-Präsident Jay Powell sieht keine rasche Erholung der amerikanischen Wirtschaft voraus. Trotzdem zockt die obere Mittelschicht wie blöd an den Aktienbörsen.



Am vergangenen Freitag wartete der amerikanische Arbeitsmarkt mit überraschend guten Zahlen auf: 2,5 Millionen neue Jobs wurden im Mai geschaffen. Der Präsident war euphorisch. Die Wirtschaft sei nicht nur zurück, sie werde nun «abheben wie eine Rakete». «Wir werden ein V haben. Ich denke, es wird umwerfend sein», jubelte Trump.

Nicht so schnell, Mr. President, tönt es jedoch nun von der US-Notenbank, der Fed. Ihr Präsident Jay Powell hat gestern erstmals seit dem vergangenen Dezember Zahlen vorgelegt. Sie sind ernüchternd: Trotz der guten Mai-Daten werde Ende Jahr die US-Arbeitslosenquote immer noch bei 9,3 Prozent liegen, so Powell.

Selbst im Jahr 2022 würden voraussichtlich noch 5,5 Prozent aller Erwerbstätigen ohne Job sein, führte Powell weiter aus. Zum Vergleich: Vor der Coronakrise pendelte die US-Arbeitslosenquote auf einen rekordtiefen Niveau zwischen 3 und 4 Prozent.

FILE - In this July 31, 2019, file photo, Federal Reserve Chairman Jerome Powell speaks during a news conference following a two-day Federal Open Market Committee meeting in Washington. President Donald Trump is calling on the Federal Reserve to cut interest rates by at least a full percentage-point â??over a fairly short period of time,â? saying such a move would make the U.S. economy even better and would also â??greatly and quicklyâ? enhance the global economy. In two tweets Monday, Aug. 19, Trump kept up his pressure on the Fed and Powell, saying the U.S. economy was strong â??despite the horrendous lack of vision by Jay Powell and the Fed.â? (AP Photo/Manuel Balce Ceneta, File)
Jerome Powell

Skeptisch: Fed-Präsident Jay Powell. Bild: AP

Auch das Wachstum wird so rasch nicht zurückkehren. Die Fed geht davon aus, dass das amerikanische Bruttoinlandprodukt (BIP) im laufenden Jahr zwischen 4 bis 10 Prozent schrumpfen wird. Die überraschend guten Mai-Daten seien eine «willkommene Überraschung gewesen», so Powell. «Hoffentlich werden wir noch mehrere davon erleben. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass es ein langer und beschwerlicher Weg wird.»

Derzeit sind mehr als 20 Millionen Erwerbstätige ohne Job. «Es könnte Jahre dauern, bis sie wieder Arbeit finden», sagte Powell. Deshalb legte er auch das Versprechen ab, die Leitzinsen bis 2022 nicht anzuheben. «Wir denken nicht einmal darüber nach, die Zinsen zu erhöhen», sagte der Fed-Präsident.

Gleichzeitig will die Fed weiterhin viel Geld in die Märkte pumpen. Am Mittwochabend verkündete die Notenbank, sie werde zwischen dem 12. Juni und dem 13. Juli Staatsanleihen im Wert von rund 80 Milliarden Dollar aufkaufen.

IMAGE DISTRIBUTED FOR THE NEW YORK STOCK EXCHANGE - The NYSE's honorary Closing Bell ringers Michael Taylor, speech therapist, and Hillary Olivier, occupational therapist, Lenbrook Retirement Community in Atlanta, GA, virtually ring The Closing Bell on Wednesday, June 10, 2020, in New York. As pictured today on the NYSE Bell Podium, Mr. Taylor and Ms. Olivier are dedicated to continuing rehab therapy and care for elderly patients. The NYSE joins millions of others who stand in awe and gratitude of the way people around the world have responded to the COVID-19 crisis - from medical professionals, to workers who ensure food supply, and those who keep streets safe. They honor some of those people through their #Gratitude campaign. (New York Stock Exchange via AP Images)
Michael Taylor,Hillary Olivier

Die amerikanische Börse lässt sich durch die Coronakrise nicht erschüttern. Bild: keystone

Die Finanzmärkte reagierten umgehend auf die negativen Prognosen der Fed. Weltweit sanken die Kurse der Aktien. Die Rendite der T-Bonds, der 10-jährigen amerikanischen Staatsanleihen, ging wieder von rund 0,9 auf rund 0,7 Prozent zurück. Die Rendite der T-Bonds ist der wichtigste Indikator für die Finanzmärkte.

Wie aber werden sich die Aktienmärkte längerfristig entwickeln? Positiv, glaubt das «Wall Street Journal». Das Versprechen, die Zinsen nicht anzutasten und die Tatsache, dass die Fed mittlerweile sogar Junk-Bonds aufkauft, dürfte für die Bullen – Investoren, die auf steigende Kurse setzen –, ein positives Signal sein.

Tatsächlich haben sich die Aktienmärkte in den letzten Wochen – milde ausgedrückt – nicht sehr rational verhalten. Obwohl die Coronakrise zum grössten Schock für die Weltwirtschaft seit der Grossen Depression geworden ist, befinden sich die Aktienkurse wieder beinahe auf dem Niveau vor Krisenausbruch. (Die Obligationen sind eine andere Geschichte.)

Wie ist das zu verstehen? Eine mögliche Erklärung hat kürzlich die «Financial Times» geliefert. Das weltweit führende Finanzblatt hat festgestellt, dass seit Ausbruch der Coronakrise bei den drei wichtigsten amerikanischen Brokerhäusern gegen 800’000 neue Konten eröffnet wurden. Das heisst: Viele Angehörige der oberen Mittelklasse, die zum Homeoffice verbrummt wurden, sind kurzfristig zu Day-Tradern mutiert.

Während die professionellen Investoren und Analysten dem Aktienboom skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen, langweilen sich viele gut situierte Amerikaner zuhause und zocken wie blöd. Angetrieben von Fomo (fear of missing out) treiben sie so in die Kurse in die Höhe. Das führt zu teilweise absurden Zuständen.

Hertz rental vehicles are seen at a lot in Ottawa, Ontario, on Saturday, May 23, 2020, in the midst of the COVID-19 pandemic. Hertz filed for bankruptcy protection Friday, unable to withstand the coronavirus pandemic that has crippled global travel and with it, the heavily indebted 102-year-old car rental company’s business. (Justin Tang/The Canadian Press via AP)

Steigende Börsenkurse trotz Pleite beim Autovermieter Hertz. Bild: AP

Ebenfalls die «Financial Times» hat das Phänomen der «Zombie-Aktien» entdeckt. Dabei handelt es sich um Wertpapiere von Unternehmen wie beispielsweise Hertz. Der bekannte Autovermieter hat seine Bilanz deponiert. Trotzdem ist der Kurs der Hertz-Aktien weiter gestiegen.

Ein mit billigem Notenbank-Geld angetriebener Börsenboom endet in der Regel in Tränen. Dieser Boom könnte zudem auch unberechenbare politische Folgen haben. Im «Wall Street Journal» hat James Mackintosh festgestellt, es sei «beunruhigend zu beobachten, wie die Wall Street eine Party feiert, während die Main Street (die gewöhnlichen Leute) mit Tränengas eingenebelt werden».

Police deploy teargas near the Chinatown arch in downtown as demonstrators protest the death of George Floyd, Monday, June 1, 2020, near the White House in Washington. Floyd died after being restrained by Minneapolis police officers. (AP Photo/Alex Brandon)

Polizeieinsatz in Washington: Tränengas für die Armen, Börsenparty für die Reichen. Bild: keystone

Tatsächlich zeichnet sich eine unschöne Entwicklung ab: Die Angehörigen des oberen amerikanischen Mittelstandes kommen relativ ungeschoren durch die Coronakrise. Sie können ihre Arbeit im Homeoffice verrichten und besitzen Aktien, die sogar an Wert zulegen. Die Angehörigen des unteren Mittelstandes hingegen haben ihre Jobs verloren, müssen um ihre Zukunft bangen und besitzen null Ersparnisse.

Wegen des brutalen Totschlags an George Floyd ist die politische Situation bereits am Siedepunkt. Ende Juli laufen die Hilfsprogramme der Regierung aus. Wenn sich die Regierung nicht bald etwas einfallen lässt, könnte die Situation ausser Kontrolle geraten. Die Fed allein wird es nicht richten können, selbst wenn sie niedrige Zinsen bis zum Ende aller Tage verspricht.

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Proteste in Minneapolis

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Proteste in Minneapolis
quelle: keystone / john minchillo
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