Wirtschaft
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Die plötzliche Schwäche des Frankens: Das sind die Gewinner und die Verlierer

Über drei Jahre nach Aufhebung der Eurountergrenze erreicht der Wechselkurs wieder die magische Grenze von 1.20 Franken pro Euro. Wem der abgeschwächte Franken nützt.

Niklaus Vontobel und Beat Schmid / az Aargauer Zeitung



Erneut frisst sich ein Wechselkursschock quer durch die Schweizer Wirtschaft. Am Donnerstagabend stand der Franken bei 1.1976 Euro, innert eines Jahres hat er sich um rund 13 Rappen abgewertet. Die Wechselkursmechanik verändert nun abermals das Preisgefüge für Konsumenten und Unternehmen, es gibt neue Gewinner und Verlierer.

Konsumenten schadet die Frankenschwäche eher. Zuvor war der Preisdruck immens. Die Teuerung entwickelte sich so schwach wie nie in den Nachkriegsjahren. Nun dürften importierte Güter in der Schweiz teurer werden. In Konstanz kosten die Körperpflegeprodukte in Franken mehr, und das Budget für Auslandreisen muss wieder grosszügiger ausfallen. Allerdings ist der Franken auch bei 1.20 noch immer stark. Im Jahr 2008 stand er noch bei 1.60.

ARCHIVBILD - EURO UEBERSCHREITET ZUM ERSTEN MAL SEIT JANUAR 2015 DIE MARKE VON 1,15 FRANKEN - A coin of 1 Euro (left) and a coin of 1 Swiss Franc (right), pictured on July 21, 2011.(KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Erneut frisst sich ein Wechselkursschock quer durch die Schweizer Wirtschaft. (Symbolbild) Bild: KEYSTONE

Lohnempfängern dürfte die Frankenschwäche eher wehtun. In der letzten Lohnrunde gingen Gewerkschaften und Arbeitgeber von einer schwachen Teuerung aus, wie sie in den Vorjahren vorherrschte. Doch dann zog die Teuerung an. Daher gingen die Prognostiker bereits vor der jüngsten Abwertung von einer realen Nullrunde aus: Die Teuerung würde Lohnerhöhungen grösstenteils wegfressen. Nun könnte ein Kurs von 1.20 die Teuerung stärker ansteigen lassen, die Löhne könnten real sinken.

Wie ein Konjunkturprogramm

Für die Gesamtwirtschaft wirkt die Abwertung jedoch wie ein Konjunkturprogramm. «Es ist also mit höherer Beschäftigung und einer schneller sinkenden Arbeitslosenzahl zu rechnen», sagt Yngve Abrahamsen, Leiter Konjunkturprognosen bei der Konjunkturforschungsstelle KOF. Die Arbeitsplätze werden in den meisten Branchen also tendenziell sicherer. Bereits ausgelagerte Produktionsstätten würden jedoch erst einmal nicht zurückkehren.

«Dagegen können noch nicht umgesetzte Pläne für Produktionsverlagerungen zunächst aufgeschoben werden.» Den Branchen, die durch den starken Frankenkurs in regelrechte Margenkrisen gezogen wurden, bringt ein Kurs von 1.20 eine gewisse Entlastung. Für manches Unternehmen ist es jedoch noch ein weiter Weg.

So entwickelte sich der Schweizer Franken

So entwickelte sich der Schweizer Franken

Die Hotellerie, vor allem in den Berggebieten, galt nach dem Frankenschock als überteuert. In Deutschland war Urlaub in der Schweiz geradezu verpönt, Schweizer Gäste liefen in Scharen zu österreichischen Touristenorten über. Die Branche reagierte darauf mit Preisnachlässen. Im Herbst 2017 konnte man verkünden – gestützt auf Vergleiche auf Online-Portalen –, man habe preislich mit der Konkurrenz gleichgezogen. Nach der jüngsten Abwertung dürfte man nun gar einen gewissen preislichen Vorsprung haben.

Kritischer Finanzplatz

Auf dem Finanzplatz gibt es dagegen Stimmen, die vor einer zu grossen Abschwächung warnen. Ein bekannter Banker sagt zur «Nordwestschweiz», dass die Nationalbank ihre eigene Währung geschwächt und damit die Exportindustrie geschützt habe. Doch die SNB habe dadurch «Volksvermögen vernichtet». Dabei wäre es die Aufgabe der Nationalbank, das «Vermögen des Volkes zu vermehren und nicht zu reduzieren». Er meint, dass durch die gewollte Schwächung des Frankens sämtliche in Franken gehaltenen Vermögenswerte nun weniger wert sind. Das sei nicht nur für Investoren schlecht, sondern für jeden Normalverdiener. Wenn er seine sauer angesparten Franken ausgebe, erhalte er weniger fürs gleiche Geld oder müsse tiefer in die Tasche greifen.

«Der aktuelle Wechselkurs muss sich eine Weile halten, bis sich die Erkenntnis durchsetzt: Die Schweiz ist nicht mehr teuer»

Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig

Wichtig ist der Nationalbank, dass sie den Kampf gegen die Spekulanten gewonnen hat, so der Banker. Mit ihrem eisernen Festhalten an den Negativzinsen (minus 0.75 Prozent) konnten die Währungshüter diese nun in die Knie zwingen. Investoren hätten darauf spekuliert, dass die SNB ihre Negativzinsen aufgeben könnte. Jetzt hätten sie eingesehen, dass die Nationalbank noch lange daran festhalten könnte. «Wenn Investoren für das Halten von Franken bezahlen müssen, haben sie irgendwann einmal genug und schauen sich anderswo um», sagt er. Derzeit werde viel in den Dollar, Euro oder das britische Pfund investiert.

Obwohl die Spekulanten den Franken in Scharen verlassen, das Image der überteuerten Schweiz wird sich so schnell nicht ändern. «Der aktuelle Wechselkurs muss sich eine Weile halten, bis sich die Erkenntnis durchsetzt: Die Schweiz ist nicht mehr teuer», sagt Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig daher.

Imagekorrektur nötig

Gleichzeitig müssen in der Hotellerie jedoch die Preise für Übernachtungen wieder rauf. Denn mit den Nachlässen hat sich die Branche eine Margenkrise eingehandelt. Es fehlt oftmals das Geld, um die eigene Infrastruktur instandzuhalten. Mehr von den Gästen zu verlangen, ohne dass diese zur Konkurrenz flüchten, wird auch mit einem schwächeren Schweizer Franken kein leichtes Unterfangen.

In der Industrie klagten 2017 über 40 Prozent der Unternehmen über eine unbefriedigende Ertragslage, so eine Umfrage. Ihnen fehlte das Geld, um etwa in die Erneuerung ihres Maschinenparks zu investieren. Mitschuld an dieser Misere war der Frankenkurs, der bis in den August noch unter 1.10 lag. Nun sieht es besser aus. «Wir gehen davon aus, dass der Anteil Unternehmen mit negativer oder ungenügender Marge in diesem Jahr weiter abnehmen wird», sagt ein Sprecher des Industrieverbands Swissmem. In welchem Umfang dies geschehe, sei heute schwierig abzuschätzen. Viel werde davon abhängen, wie sich die Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten entwickle, etwa in Deutschland oder den USA. Zuletzt hat die Industrie zumindest wieder Arbeitsplätze geschaffen, statt abzubauen. Im vierten Quartal wurden mehr Beschäftigte registriert als im Vorquartal.

Der Detailhandel leidet schon länger unter dem starken Franken. Die Branche verlor in zehn Jahren rund 15 000 Arbeitsplätze. Und dies, obschon heute rund eine Millionen mehr Menschen hierzulande leben. Einige dieser Arbeitsplätze dürfte der Einkaufstourismus gekostet haben. Mit dem schwächeren Franken wird sich die Shoppingtour im Ausland nun für den einen oder anderen Konsumenten nicht mehr lohnen. Zuletzt stagnierte der Einkaufstourismus bei geschätzten 10 Milliarden. Doch mit einem starken Rückgang rechnet man in der Branche nicht. Dafür habe sich der Einkaufstourismus zu sehr etabliert, als dass eine Abschwächung von 1.20 eine Trendumkehr bewirken könne. (aargauerzeitung.ch)

SNB-Präsident sieht keinen Grund für Änderung der Geldpolitik

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat es «nicht eilig», ihre Geldpolitik anzupassen, obwohl der Schweizer Franken zuletzt einen Meilenstein erreicht hat. Die Situation sei nach wie vor heikel, sagte Direktoriumspräsident Thomas Jordan in einem Interview mit Bloomberg TV am Donnerstagabend in Washington.

Der jetzige Rückgang des Frankens gehe zwar in die «richtige Richtung», die Schweizer Währung sei aber seiner Einschätzung nach immer noch ein «sicherer Hafen», erklärte Jordan. Die Situation bleibe also «fragil» und anfällig für Veränderungen von einem Tag auf den anderen. «Also bleiben wir sehr vorsichtig», sagte der SNB-Chef.

«Wir sind überzeugt, dass die derzeitige Geldpolitik noch notwendig ist», sagte Jordan. Da die Inflation immer noch niedrig sei, werde die Nationalbank ihre Politik fortsetzten, «so wie sie heute ist.» (sda/awp)

«Shoppen? Da hau ich mir lieber einen rostigen Nagel ins Auge»

Video: watson/Viktoria Weber, Emily Engkent

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • bebby 21.04.2018 09:10
    Highlight Highlight Wenn die SNB tatsächlich nicht regieren wird und der CHF schwach bleibt, dann haben wir bald eine anständige negative Realverzinsung. Gut für Kreditnehmer, nicht so gut für die Sparer. Bin gespannt, wie lange die SNB zuwarten wird, bis sie die Geldpolitik einigermassen normalisiert. Vermutlich bleibt sie „behind the curve“. Genau wie die EZB.
  • Joachim Wiedemann 21.04.2018 01:02
    Highlight Highlight Mussten nicht Arbeitnehmer bei der EU-Schwäche auf Kurzarbeit und Lohnverzicht... wäre es jetzt nicht Zeit für Kompensation?
  • dmark 20.04.2018 13:34
    Highlight Highlight Warum jammern? Der SFr. stand vor rund 10 Jahren mal bei 1,60 per Euro. Da ist also immer noch Luft.
  • T13 20.04.2018 13:04
    Highlight Highlight Hat die NB nicht noch ein paar milliarden euro in irgend ner schublade rumliegen?
  • Gubbe 20.04.2018 08:40
    Highlight Highlight Wie heisst der Schock denn nun? Interkontinentalschock? Eigentlich gab's den Frankenschock nie. Es gab einen Gewinnrückgang aber einen Schock, nein. Natürlich hatten schwach aufgestellte Firmen zu kämpfen. Wenn sie nicht gestorben sind, kämpfen sie auch morgen.
    • Gubbe 20.04.2018 13:38
      Highlight Highlight swisskiss: Jetzt musste ich eine Träne wegwischen.
      Die Grossen hatten von 500 Mio Gewinn vor dem "Schock" und mit Schock 450 Mio. Ist den jemand verarmt, der nicht schon vorher arm war? Es sind da und dort Arbeiter entlassen worden zur "Gewinnmaximierung". Aber auch die Entlassenen haben wieder eine Stelle gefunden.
  • Baffes 20.04.2018 08:40
    Highlight Highlight Verstehe nicht was das jetzt wieder alles soll. Als die Nationalbank den Kurs bei 1,20 hielt sagten alle 1,25 oder 1,30 wären besser. Jetzt sind wir mehr oder weniger natürlich auf dem selben Wert und alle schwätzen vom teuren Euro und wie teuer jetzt der Urlaub sei.
    • Simon Probst 20.04.2018 10:37
      Highlight Highlight Ich sag dir was es soll: Unsicherheit und Angst schüren - nicht mehr und auch nicht weniger.
    • DunkelMunkel 20.04.2018 10:47
      Highlight Highlight Grundsätzlich ist diese Veränderung äusserst positiv. Firmen mussten sich in den vergangenen Jahren schlanker und effizienter organisieren und können jetzt die Lorbeeren ernten. Und hoffentlich auch nun die Mitarbeiter. Denn einem Mitarbeiter ist ein sicherer Arbeitsplatz lieber, als dass er nur noch 5 anstatt 6 Tage in Deutschland Ferien machen kann.
    • DunkelMunkel 20.04.2018 15:01
      Highlight Highlight @swisskiss Das ist dann aber eine sehr Kurzsichtiger Blick eines solchen Konsumenten.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Bufzgi 20.04.2018 08:31
    Highlight Highlight Dabei wäre es die Aufgabe der Nationalbank, das «Vermögen des Volkes zu vermehren und nicht zu reduzieren»....ja, nein ist es nicht...von einem bekannten Banker, mkay.
  • Señor V 20.04.2018 08:16
    Highlight Highlight Tipp an alle Einkaufstouristen: Moldawien ist sehr günstig. :)
    • Pasch 20.04.2018 11:31
      Highlight Highlight Selbst bei 1,50 bleibe ich Deutschland treu!
      Schon alleine weil ich nach 5km als Tourist gellte und somit im Urlaub bin.

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