Wirtschaft
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Interview

Ein Päckli-Boom – und 2100 fehlende Mitabeiter: Was das Coronavirus mit der Post macht

Das Coronavirus führt zu einem Päckli-Boom. Nun warnt Post-Chef Roberto Cirillo: In den nächsten Tagen könnte das Angebot reduziert werden. Vom Bund fordert er Geld für die Ausfälle bei Postauto.

Stefan Ehrbar / ch media



Post-Chef Roberto Cirillo ist seit einem knappen Jahr im Amt. Zum Gespräch empfängt er in den Räumen der Zürcher Sihlpost - mit dem gebotenen Sicherheitsabstand. Dass er eine Pandemie bewältigen müsse, damit habe er beim Amtsantritt niemals gerechnet, sagt er.

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Sie kommen aus dem Tessin. Wie stark beschäftigt Sie die Situation vor Ort?
Roberto Cirillo:
Sie ist äusserst besorgniserregend. Das Tessin ist mein Heimatkanton. Ich habe noch immer viele Freunde, die dort leben. Das beschäftigt mich sehr stark.

Roberto Cirillo, CEO der Schweizerischen Post, spricht waehrend einer Medienkonferenz, am Donnerstag, 22. August 2019 in Cadenazzo im Tessin. (KEYSTONE/Ti-Press/Elia Bianchi)

Roberto Cirillo (48) führt die Post seit knapp einem Jahr. Bild: KEYSTONE

Wie funktioniert die Post im Tessin zurzeit?
Gerade im südlichen Teil des Kantons haben wir grosse Schwierigkeiten. Zudem sind die Mengen an Paketen wie in der ganzen Schweiz in den letzten Tagen geradezu explodiert. Wir müssen die Situation Tag für Tag anschauen. Im Moment können wir den Betrieb aber aufrechterhalten.

Wie schützen Sie sich als Post-Chef?
Ich ertappe mich häufig, wie ich beinahe in alte Muster zurückfalle. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass jetzt nicht die Zeit für Sitzungen und Treffen ist, die sich vermeiden lassen. Stattdessen gibt es Videokonferenzen und Telefongespräche. Andererseits muss ich natürlich vor Ort präsent sein. Wir haben 50’000 Mitarbeiter, von denen viele Tag für Tag draussen unterwegs und im direkten Kundenkontakt sind. Für sie ist es nun extrem wichtig, dass sich alle – auch die Kunden – an die Regeln des Bundesamt für Gesundheit halten und auf Abstand gehen.

Wie viele Post-Mitarbeiter fallen derzeit aus?
Im Moment sind 39 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet. Das ist ein relativ tiefer Wert verglichen zur Gesamtbevölkerung. Hinzu kommen Mitarbeiter, die wir nach Hause geschickt haben, weil sie zur Risikogruppe gehören oder ihre Kinder betreuen müssen und keine Lösung dafür gefunden haben. Insgesamt fehlen uns neben den üblichen Krankheitsausfällen zusätzlich rund 2100 Mitarbeiter. Das führt natürlich zu operativen Schwierigkeiten.

Wie begegnen Sie diesen? Stellen Sie zusätzliche Mitarbeiter ein?
Es wäre schön, wenn das möglich wäre. Aber in der ganzen Schweiz fehlen Mitarbeiter, die draussen sein können. Wir haben nun eine interne Jobbörse kreiert. Wer in einem Bereich arbeitet, in dem die Volumina zurückgehen, kann an einem anderen Ort aushelfen. Wir müssen aber auch Dienstleistungen einschränken, die nicht Teil der Grundversorgung sind.

Welche sind das?
Die A-Post kann nicht mehr in jedem Fall am nächsten Tag zugestellt werden. Um dauerhaft auch bei Ausfällen trotzdem täglich Briefe und Pakete bringen zu können, kommen die Mitarbeiter gestaffelt zur Arbeit und nicht mehr alle gleichzeitig am Morgen. So fällt nicht ein ganzes Team aus, wenn jemand krank wird. Ausserdem haben wir Öffnungszeiten einiger Filialen reduziert und andere ganz geschlossen, weil sie etwa in Altersheimen eingemietet sind.

Wegen der Krise sind die Läden geschlossen. Die Leute bleiben zu Hause und bestellen online. Wie stark merken Sie das?
Vor zwei Wochen hatten wir bei den Paketen einen Zuwachs von etwa 15 Prozent gegenüber normalen Zeiten. Das hat nochmals stark zugenommen. Mittlerweile transportieren wir gleich viele Pakete wie üblicherweise vor Weihnachten. Am Mittwoch verzeichneten wir das gleiche Volumen wie an einem Black Friday. Das ist verständlich: Die Online-Bestellung ist die einzige Möglichkeit, um an gewisse Waren zu kommen. Darum ist die Post auch so wichtig: Dank uns können die Leute zu Hause bleiben und die Schweiz kommt nicht zum Stillstand.

Können Sie die Päckli-Flut überhaupt bewältigen?
Das ist eine grosse Herausforderung. Es kann sein, dass wir in den nächsten Tagen unsere Dienstleistungen einschränken müssen, wenn mehr Mitarbeiter infiziert sind und die Zahl der Pakete so gross bleibt. Es hilft uns aber, dass wir ein neues Paketzentrum in Cadenazzo gebaut haben. Am Donnerstag konnten wir zudem ein neues Paketzentrum in Ostermundigen in Betrieb nehmen. Es erlaubt uns, zusätzlich 5’000 Pakete pro Stunde zu sortieren. Jetzt zahlen sich die Investitionen der Vergangenheit aus. Aber niemand weiss, wie sich die Situation entwickelt.

Die Post liefert auch für Coop und Migros Lebensmittel aus. Die Lieferfenster sind teils über Wochen ausgebucht. Offenbar ist die Kühlkette ein grosses Problem. Was unternehmen Sie dagegen?
Wir liefern derzeit etwa dreimal so viele Lebensmittel aus wie üblich. Wir müssen aber realistisch sein: Ein Ausbau dieser Infrastruktur ist innert Wochen nicht möglich. Die Firmen, die gekühlte Fahrzeuge liefern könnten, arbeiten im Moment gar nicht. Wir leiten aber intern Mittel um, wo es möglich ist.

Werden die Menschen durch ihre jetzigen Erfahrungen auch nach der Krise mehr online bestellen?
Jene, die noch nie im Internet einkauften, machen diese Erfahrung nun zum ersten Mal. Ist diese Barriere erst einmal überwunden, kann ein Verhalten zur Gewohnheit werden. Wir rechnen mit oder ohne Coronavirus ohnehin mit einem signifikanten Wachstum in diesem Bereich.

Das Paketgeschäft gilt als margenschwach. Profitieren Sie überhaupt finanziell vom Päckli-Boom?
Natürlich. Wir können in diesem Bereich Gewinne schreiben, müssen aber sehr viel investieren und diese Investitionen auch tragen können. Die jetzige Krise zeigt: Die Mengen können sehr rasch steigen. Dafür müssen wir bereit sein.

Im Online-Handel ist die Geschwindigkeit wichtig. Wie stellen Sie diese sicher?
Die Post ist sehr innovativ. Wir sind selber an einigen Start-Ups beteiligt, etwa an Notime, das Pakete testweise am gleichen Tag ausliefert. Der Paketmarkt ist vollständig liberalisiert. Es ist gut, dass auch Wettbewerber innovativ sind. Im Gegensatz zu ihnen haben wir aber einen Grundversorgungsauftrag und liefern unsere Dienste in der ganzen Schweiz zu den gleichen Konditionen.

Wegen der Krise kommen derzeit kaum mehr Pakete aus dem Ausland in die Schweiz. Was unternehmen Sie dagegen?
Der postalische Verkehr mit dem Ausland ist praktisch zusammengebrochen. Briefe und Pakete von ausserhalb Europas kommen fast keine mehr, weil die meisten Airlines nicht mehr fliegen. In Europa geht es nun darum, die Transportkapazitäten, die wir bisher auf den Flugzeugen hatten, auf die Strasse zu bringen oder andere Lösungen zu finden. Wir suchen laufend nach Möglichkeiten. Aber auch in Europa gibt es fast keine Postsendungen mehr. Ich war am Freitagnachmittag in unserem Center in Zürich-Mülligen. Das Areal, auf dem die Pakete aus dem Ausland lagern, war praktisch leer. Es kommen noch ein paar Pakete aus Deutschland, England und Italien, aber das wars.

Viele Airlines haben ihre Flotte gegroundet. Könnte die Post nicht mit ihnen zusammenarbeiten?
Dass die Post von sich aus Flugzeuge mietet, halte ich für undenkbar. Die Briefe und Pakete werden meist den kommerziellen Flügen mitgegeben, und die fallen zurzeit aus.

Grosse Kurierdienste haben diese Probleme nicht, weil sie eigene Flugzeuge betreiben.
Das ist für ein kleines Land wie die Schweiz und ihre Post keine Option.

Wie entwickelt sich das Briefvolumen derzeit?
Es werden viel weniger Briefe verschickt. Die Briefvolumen sind eng verknüpft mit der wirtschaftlichen Aktivität. Wir müssen die Grundversorgung aber aufrechterhalten und wir können das dank dem grossen Einsatz der Mitarbeitenden. Ein grosses Problem haben wir bei der Frühzustellung von Zeitungen. Viele Verträger sind über 65 Jahre alt, gehören also zur Risikogruppe und sollen zurzeit nicht zur Arbeit kommen. Sie lassen sich auch nicht so schnell ersetzen.

Der Bundesrat hat während der Krise das Kreditverbot für Postfinance gelockert. Auch Postfinance kann den KMU seit Donnerstag 500’000 Franken ausleihen. Wie ist das angelaufen?
Um 10 Uhr hatten wir schon über 1000 Gesuche auf dem Tisch. Mittlerweile sind 55 Mitarbeiter nur dafür abgestellt, diese zu verarbeiten. Wir sind bereit. Es ist sehr wichtig, dass Postfinance bei der Kreditvergabe mitmachen darf – gerade jetzt am Monatsende, wo die Löhne fällig werden. Das ist einer der Hauptgründe, warum wir uns beteiligt haben.

Die Krise ist eine absolute Ausnahmesituation. Das hat nichts mit der laufenden Debatte zu tun. Diese Diskussion durchläuft den normalen politischen Prozess. Die beiden Dinge haben nichts gemeinsam.

Hart trifft die Krise auch Postauto. Die Passagierzahlen sind stark eingebrochen. Damit macht ihnen Postauto wieder einmal keine Freude …
Im Gegenteil! Gerade in dieser Krise spielt Postauto eine sehr wichtige Rolle. Postauto ist seit Anfang der Krise die Systemführerin und für den ganzen ÖV auf der Strasse zuständig. Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist die Situation natürlich schwierig. Postauto darf sowieso keine Gewinne machen im Regionalverkehr, und nun kommen die grossen Ausfälle hinzu. Wir erwarten, dass der Bund für die ganze ÖV-Branche die entstehenden Ausfälle kompensieren wird. Das Wichtigste ist jetzt aber, dass das ÖV-System in der Krise gut gesteuert wird. Da spielt Postauto eine sehr wichtige Rolle.

Gehört Postauto auch in 10 Jahren noch zum Konzern?
Postauto ist ein wichtiger Teil der Identität der Post. Für das ÖV-System ist Postauto systemrelevant. Für uns ist es keine Frage, dass wir an Postauto festhalten. Der Eigner, also der Bund, kann das immer noch anders sehen.

Was nimmt die Post aus dieser Krise mit?
Ich stelle fest: Wir sind nicht perfekt, aber der Spagat zwischen der Sicherstellung der Gesundheit der Mitarbeiter und dem Aufrechterhalten der Grundversorgung gelingt uns aktuell. Wir waren innerhalb von wenigen Tagen nach der Ausrufung der ausserordentlichen Lage komplett neu aufgestellt. Unsere Mitarbeiter sind sehr motiviert. Wir lernen jetzt aber auch, wie wir uns noch schneller organisieren können in einer Krise. Was die Krise zeigt: Die Rolle, die die Post für die Schweizer Volkswirtschaft spielt, ist fundamental. Damit wir unsere Dienste auch noch in zwei Wochen und einem Monat erbringen können, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Mitarbeiter gesund bleiben. Die Kunden müssen sich an die Vorgaben des Bundes halten und auch zu unseren Mitarbeitenden Abstand halten.

Gibt es Nachholbedarf in der Bevölkerung?
Sagen wir es so: Noch vor zwei Wochen haben wir instinktiv die Hand ausgestreckt, um Leute zu begrüssen. Es ist für alle schwierig, sich an die neuen Regeln zu gewöhnen. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern. Aber sie sind sehr wichtig. Denn damit die Schweiz nicht zum Stillstand kommt, müssen unsere Leute gesund bleiben. Ohne sie gibt es keine Post. (aargauerzeitung.ch)

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23 Kommentare
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gambinho
27.03.2020 12:05registriert November 2014
An alle Post-Hater:
Erinnert euch einfach genau in diesem Moment daran, dass es ganz viele liebe ZustellerInnen und FilialemitarbeiterInnen gibt, welche sich den COVID Gefahren täglich aussetzen damit ihr eure Ware erhält.
Und nur so in Punkto Geld und Service Public. Die Post drückt jährlich 200 Mio. dem Bund ab - unabhängig vom selbsterwirtschafteten Resultat der Post. Niemand finanziert diesen Service durch öffentliche Gelder.
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