Wirtschaft
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Katia Coudray

Katia Coudray, CEO der Asteria Investment Managers – eine unabhängige Vermögensverwaltungstochter, die sich ausschliesslich auf Investitionen mit sozialen und ökologischen Auswirkungen konzentriert.

Interview

«Coronakrise hat gezeigt, dass die Umweltzerstörung nicht Schicksal sein muss»

Die Wirtschaft hat erkannt, dass unsere Gesellschaft ökologisch umgebaut werden muss. Nun müssen auch die Investoren nachziehen, glaubt Katia Coudray von Asteria Investment Managers. Sie denkt dabei auch an die Schweizerische Nationalbank.



In diesen Tagen treffen sich die Zentralbanker zu ihrem jährlichen Meeting in Jackson Hole. Was erwarten Sie?
Die Geldpolitik der Zentralbanken ist nicht mein Kernthema, ich befasse mich mehr mit einzelnen Unternehmen. Generell kann man man feststellen, dass die Zentralbanken angesichts der Coronakrise keine andere Wahl haben, als die Märkte mit ihrer Geldpolitik weiter zu stützen.

Mit ihrer «Free-Money-Politik» ist es den Zentralbanken gelungen, den Schock vom März aufzufangen und die Märkte zu beruhigen. Wird dies auch möglich sein, wenn die viel beschworene zweite Welle eintreffen sollte?
Ich verstehe die Diskussion um diese zweite Welle nicht. Für mein Empfinden befinden wir uns immer noch in der ersten. Der Einfluss dieser Welle zeigt sich ja bereits in den Gewinneinbrüchen der Unternehmen. Dagegen sind auch die Zentralbanken letztlich machtlos.

Die Finanzmärkte wollen dies offensichtlich nicht zur Kenntnis nehmen und befinden sich auf neuen Rekordständen.
Wahrscheinlich müssen wir mit einer Korrektur der Märkte rechnen. Aber, wie erwähnt, das ist nicht mein Thema.

«Gegen die Gewinneinbrüche der Unternehmen sind die Zentralbanken letztlich machtlos.»

Wenden wir uns Ihrem Thema zu, Impact-Investing. Wie unterscheidet es sich von ESG, dem trendigen Label für Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen?
Es ist entscheidend, den Unterschied zwischen ESG und Impact-Investing zu verstehen. ESG hat nichts mit nachhaltigem Investieren zu tun. ESG beurteilt bloss das Verhalten der Unternehmen. Sind sie gut zu ihren Mitarbeitern, ihren Lieferanten, etc. Umweltbewusstsein ist nur eines von drei Kriterien. ESG bezieht sich jedoch nicht auf das Business-Modell eines Unternehmens. Deshalb können sogar Erdölkonzerne ein gutes ESG-Rating erhalten.

Was hat man unter Impact-Investing zu verstehen?
Wir suchen und finden Unternehmen, deren Produkte einen direkten Einfluss auf nachhaltige Ziele haben, deren Technologien sich unmittelbar auf die Umwelt auswirken.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Der Windradhersteller Vestas beispielsweise, oder Tesla.

Sie würden also niemals in ein Unternehmen wie Shell investieren, selbst wenn es ein hohes ESG-Rating hat?
Richtig. Faires Verhalten ist zwar wichtig, es reicht jedoch nicht.

Windraeder sind vor einem farbenpraechtig leuchtenden Morgenhimmel kurz vor Sonnenaufgang zu sehen, am Freitag, 26. Juli 2019, in Mallnow, Deutschland. Auch am Freitag soll es vielerorts in Deutschland hochsommerlich heiss bleiben. Der CDU-Energiepolitiker Koeppen hat staerkere Anstrengungen der Koalition verlangt, damit Anwohner den Bau neuer Windkraftanlagen akzeptieren. (KEYSTONE/DPA/Patrick Pleul)

Beispiel für Impact-Investment: Windräder. Bild: DPA

In welche Unternehmen würden Sie ebenfalls niemals investieren?
Minen aller Art, Hersteller von Dünger und Pestiziden, Palmöl-Produzenten, Verbrennungsmotoren-Hersteller.

Da bleiben nicht allzu viele übrig.
Leider. Weltweit sind rund 5000 liquide Aktien an verschiedenen Börsen kotiert. Bloss etwa 250 davon erfüllen die Kriterien für unser Impact-Investing.

Wenn bloss ein Bruchteil der Unternehmen die Kriterien für Nachhaltigkeit erfüllen, ist das nicht der Beweis, dass der Kapitalismus nicht in der Lage ist, unsere Wirtschaft ökologisch umzubauen?
Allein kann der Kapitalismus tatsächlich unsere Umweltprobleme nicht lösen. Wenn wir diese meines Erachtens dringlichen Probleme in den Griff bekommen wollen, braucht es die Zusammenarbeit aller. Die Menschen müssen ihr Verhalten ändern. Die Finanzmärkte müssen Kapital in grüne Technologien leiten. Es braucht dazu eine globale Bewegung. Zum Glück gibt es Anzeichen, dass diese Bewegung im Begriff ist, Fahrt aufzunehmen. Impact-Investing ist ein Teil davon.

Es gibt auch verschiedene Milliardäre, welche auf Ökologie setzen. Bill Gates, beispielsweise. Was ist davon zu halten?
Ich finde es eine gute Sache. Investitionen sind vor allem zu Beginn in der Regel riskant. Milliardäre können diese Risiken verkraften. Deshalb können sie viele sinnvolle Projekte anstossen. Auch Stiftungen und staatliche Entwicklungsfonds übernehmen diese Rolle. Sie bereiten oft das Terrain für Impact-Investing vor. Entwicklungsprojekte sind wirkungsvoller als direkte Hilfe, obwohl diese manchmal auch nötig ist. Mit diesen Projekten werden in den armen Ländern dringend benötigte Jobs geschaffen.

Bill Gates, Co-Chair of the Bill & Melinda Gates Foundation, speaks during an interview with Chris Wallace of Fox News during the U.S. Chamber of Commerce's Global Initiative on Health and the Economy event in Washington, Tuesday, Dec. 11, 2018. (AP Photo/Carolyn Kaster)

Milliardäre wie Bill Gates können das ökologische Investieren unterstützen. Bild: AP/AP

Welche Rolle spielt der Staat dabei?
Eine entscheidende. Gerade in den Entwicklungsländern ist das politische Risiko für private Investoren viel zu hoch. Es ist jedoch sehr wichtig, dass die privaten Investoren mittels eines sinnvollen Impact-Investing die Arbeit der Entwicklungsfonds weiterführen.

Welche Rolle kann ein ökologisch bewusster Kleininvestor spielen?
Wir legen Fonds auf, an denen Sie sich bereits mit 1000 Franken beteiligen können. Dabei wollen wir nicht nur ihr Gewissen beruhigen, sondern auch ihr Portemonnaie. Unser Ziel ist es, die gleiche Rendite zu erzielen wie der Durchschnitt des Marktes und gleichzeitig einen Impact zu erzielen.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten?
Ja, Sie können Druck auf ihre Pensionskasse ausüben und diese in Richtung Impact-Investing schubsen. Und Sie können auch Druck auf die Schweizerische Nationalbank (SNB) ausüben.

Auf die Nationalbank? Die SNB legt doch grossen Wert darauf, unabhängig zu sein.
Sie ist auch eine ganz wichtige Investorin. Derzeit ist die SNB eine der grössten Investoren im Erdölbereich. Warum verwendet sie nicht zumindest einen Teil dieses Geldes für Impact-Lösungen?

Sie glauben, die SNB müsste vermehrt grün investieren?
Oh ja, definitiv. Weltweit ist der Anteil ökologischer Investitionen immer noch viel zu klein.

Die SNB hat sich bereits verpflichtet, ESG-Richtlinien zu befolgen.
Schön, aber ESG hat keine ökologische Wirkung. Die ESG-Richtlinien sind auch nicht dafür geschaffen worden. Mir ist es wichtig, diesen weit verbreiteten Irrtum aufzuklären. Sicherlich könnte die SNB deutlich mehr in Richtung Impact-Investing machen.

A view of the Exxon Mobil refinery in Baytown, Texas, in this file photo taken September 15, 2008.  Exxon Mobil Corp said on Wednesday it would continue to cut spending as long as crude prices remain low, but the world's largest publicly traded oil company added it may look at potential acquisitions in a bid to offset a dip in production.    REUTERS/Jessica Rinaldi/Files

Erdölfirmen wie Exxon profitieren von der Anlagepolitik der Schweizerischen Nationalbank. Bild: X01704

Die SNB will mit ihrer Geldpolitik nicht die konventionelle Politik beeinflussen, lautet der Einwand dagegen.
Aber wenn sie beispielsweise Aktien von Exxon kauft, dann tut sie genau dies. Zudem gilt auch für die SNB: Wenn sie entscheidet, nicht zu entscheiden, dann ist dies ebenfalls eine Entscheidung.

Derzeit gibt es rund 250 Unternehmen, die ihre Kriterien erfüllen. Wird sich diese Zahl massiv erhöhen?
Ich denke schon. Der Trend geht ganz klar in Richtung Ökologie. Denken Sie etwa an den Aufschwung der Elektroautos.

Wird die Coronakrise diesen Trend verstärken oder bremsen?
Die Coronakrise hat auf jeden Fall gezeigt, dass die Umweltzerstörung nicht Schicksal sein muss. Plötzlich gab es wieder Fische in Venedig oder einen smogfreien Himmel über Neu Dehli. Die Menschen werden vielleicht ein bisschen bewusster. Das wird auch einen positiven Einfluss auf das Impact-Investing haben.

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