Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
The base of the cryostat sits inside the bioshield of the ITER Tokamak in Saint-Paul-Lez-Durance, southern France, Tuesday, July 28, 2020. A project of daunting proportions and giant ambitions replicating the energy of the sun is entering a critical phase as scientists and technicians begin piecing together massive parts built around the globe of a nuclear fusion device, an experiment aimed at showing that clean energy, free of carbon emissions, can keep our planet humming. (AP Photo/Daniel Cole)

Erste Montage-Etappe von französischem Kernfusionsreaktor Iter. Bild: keystone

Dieser Kernfusionsreaktor soll künftig das Energieproblem lösen – ohne Kernschmelze-Risiko

Sie soll ein «Stern auf der Erde» sein: In der Experimentalanlage Iter wollen Forscher versuchen, nach dem Vorbild der Sonne Energie zu produzieren. Für Befürworter eine klimafreundliche Lösung. Für Kritiker ein Milliardengrab und teures Spielzeug.



Alle Bauteile sind da: In hohen Hallen nordöstlich von Aix-en-Provence in Südfrankreich lagern riesige Magnetspulen, Vakuum-Behälter und glänzende Grossbauteile aus Metall. Zusammenmontiert sollen sie den Kernfusionsreaktor Iter ergeben, ein Mammut-Projekt, das in der Zukunft klimafreundlich Energie produzieren soll.

Der Beginn der Montage des Tokamak-Reaktors sei ein historischer Moment, sagte Iter-Chef Bernard Bigot am Dienstag anlässlich einer Zeremonie für den neuen Bauabschnitt. Der härteste Teil der Arbeit liege nun aber noch vor dem Team. Der Aufbau sei wie ein riesiges 3D-Puzzle, das unter Beachtung des Zeitplans zusammengesetzt werden müsse, so Bigot.

Die Corona-Pandemie hatte die Tätigkeiten auf der Grossbaustelle bei Cadarache, rund 60 Kilometer nordöstlich der französischen Hafenmetropole Marseille, zuletzt verlangsamt. Ganz unterbrochen wurden sie jedoch nicht. An dem Projekt sind neben der EU die USA, Russland, China, Indien, Japan und Südkorea beteiligt. Die Kosten werden auf mehr als 20 Milliarden Euro geschätzt, begonnen hatte der Bau 2010.

Versuchsanlage ohne Stromerzeugung

Während der Pandemie sei es nicht einfach gewesen, die Herstellung und die Lieferung von Bauteilen aus den Ländern sicherzustellen, so der Iter-Chef bei der Feier, zu der Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron geladen hatte. Was am Ende aus diesen entstehen soll nennt Bigot einen «Stern auf der Erde».

Der Reaktor Iter soll Energie aus der Verschmelzung von Wasserstoff-Atomen erzeugen - und damit die Funktionsweise der Sonne imitieren. Dazu wird ein Wasserstoffplasma auf 150 Millionen Grad Celsius erhitzt. Das entstehende heisse Plasma muss von extremen Magnetfeldern berührungsfrei in der Brennkammer eingeschlossen werden. 2025 solle das erste Plasma eingesetzt werden und Physiker mit Experimenten beginnen können, erklärte Bigot.

Für 2035 ist dann die Beladung des Reaktors mit Deuterium-Tritium und der Beginn von Versuchen, Energie aus Kernfusion zu erzeugen, geplant. Dass der Reaktor die Energie dann gegebenenfalls als Elektrizität erfasst, ist nach Iter-Angaben nicht vorgesehen. Die Experimentalanlage soll aber den Weg für künftige Fusionskraftwerke zur Stromerzeugung ebnen.

Wird nur Geld verlocht?

Befürworter erhoffen sich von der Kernfusion eine nahezu unendlich verfügbare Energiequelle ohne klimaschädliche Emissionen oder das Risiko einer Kernschmelze wie in Atomkraftwerken.

Kritiker sehen Iter dagegen als zu teuer an. Sylvia Kotting-Uhl, Atom-Expertin der Grünen im deutschen Bundestag, spricht von einem «Milliardengrab ohne Happy End». Die kommerzielle Anwendbarkeit der Technologie stehe in den Sternen und werde im besten Fall gegen Ende des Jahrhunderts möglich sein, kritisiert die Grünen-Politikerin. «Deutschland und die EU steuern mit Vollgas in die Sackgasse, anders kann man diesen Wahnsinn nicht bezeichnen.»

Und Kritiker unken zudem, dass die Fusionsenergie schlicht zu spät komme. Die Treibhausgasemissionen müssten im Kampf gegen den Klimawandel schon vorher deutlich sinken und die erneuerbaren Energien hätten sich bis dahin durchgesetzt, so die Argumente. Heinz Smital, Sprecher von Greenpeace Deutschland zu Atomkraft, nennt den Iter-Reaktor ein «teures Spielzeug».

30 Länder beteiligt

«Anlagen zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien sind heute schon viel leistungsfähiger und preiswerter und werden sich in den nächsten 50 Jahren auch noch weiter verbessern», so Smital. Selbst wenn die Iter-Anlage fertig gebaut sei und funktionieren sollte, werde sie keinen Strom erzeugen, kritisiert Smital.

Ein weiteres Problem des Forschungsprojektes, das auf ein Treffen von US-Präsident Ronald Reagan mit dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow im Jahr 1985 zurückgeht, ist die komplizierte Organisation. Mehr als 30 Länder sind beteiligt: EU, USA, Russland, China, Japan, Indien und Korea - und alle sollen möglichst gleichmässig von dem Mammutvorhaben profitieren. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Was tun bei einem AKW-Unfall?

So sieht das AKW in Fukushima von innen aus

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

26 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
MaxHeiri
29.07.2020 09:09registriert March 2016
Sylvia Kotting-Uhl, Atom-Expertin der Grünen: Sie studierte Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte.
Wie kann man dann sich nur als Expertin für eine derart komplexe Materie bezeichnen? 😄
1443
Melden
Zum Kommentar
D(r)ummer
28.07.2020 22:48registriert May 2016
Um die Energiebranche nachhaltig zu verändern braucht es sehr viele von diesen und das dauert ewig.
Aber wer nicht probiert, der nicht gewinnt.
Das wäre unglaublich toll, wenn es ginge.
1185
Melden
Zum Kommentar
whoozl
29.07.2020 02:51registriert November 2017
Derartig komplexe Grossprojekte wie ITER sind nicht zuletzt deshalb wichtig für die Menschheit, weil hier sehr viele Wissenschaftler aus vielen Nationen daran beteiligt sind und gemeinsam an etwas arbeiten, was für die Zukunft aller Menschen von grosser Bedeutung sein kann. Und dabei ist eben auch der Weg das Ziel!
Ein weiteres 'Menschheitsprojekt' ist die Reise von Menschen zum Mars und darüber hinaus! Das schafft keine Nation im Alleingang, sondern führt letztlich vielleicht dazu, dass Menschen sich irgendwann als Mitglieder einer planetaren Födera..., äh Gesellschaft fühlen!
1137
Melden
Zum Kommentar
26

«Adieu Samuel»: Frankreich nimmt Abschied von brutal ermordetem Lehrer

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron hat bei einer emotionalen Gedenkfeier für den brutal ermordeten Lehrer Samuel Paty zur Verteidigung der Freiheit aufgerufen. «Wir werden nicht auf Karikaturen (und) Zeichnungen verzichten», sagte Macron am Mittwochabend im Innenhof der Pariser Sorbonne-Universität mit Blick auf die Mohammed-Karikaturen, die weltweit Kontroversen ausgelöst hatten. Der 47 Jahre alte Paty sei das Opfer einer tödlichen Verschwörung, von Dummheit, Lüge und Hass auf …

Artikel lesen
Link zum Artikel