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Der, der mit den Haien tauchte: Erich K. Ritter. watson/ap/shutterstock

Interview

«Stirbt der Hai, stirbt das Meer» – zum Tod von Erich K. Ritter

Der Schweizer, der mit den Haien sprach: Erich K. Ritter war der weltweit führende Haiforscher. Nun ist er im Alter von 61 Jahren in seiner Wahlheimat Florida an einem Herzleiden verstorben.

Klaus Zaugg, Bruno Wüthrich



Wer war dieser charismatische Forscher? Bei einem Besuch in der Schweiz hatte er uns in einem Interview noch einen Einblick einen faszinierenden Einblick in das weitgehend unerforschte Leben eines Tieres gewährt, das seit Millionen Jahren die Meere durchstreift. Hier dieses Gespräch als Erinnerung und als Würdigung eines grossen Wissenschaftlers.

Haie sind ebenso faszinierend wie furchterregend. Aber sie sind längst nicht so gefährlich, wie wir befürchten, und es kursieren viele Vorurteile über diese hochentwickelten Wesen, von denen es etwa 500 Arten gibt.

Im Gespräch mit dem Biologen und Verhaltensforscher erfahren wir, wie der Mensch mit Haien umgehen muss, was geschieht, wenn die Haie aussterben, und wie es trotz seines Wissens über diese Tiere zu seinem Unfall kommen konnte. Auf den Bahamas betrieb Erich Ritter eine wissenschaftliche Station, das Shark Education and Research Center (SERC). Der Zürcher lebte in Florida und kam für Aufträge im Zusammenhang mit seinen Forschungen hin und wieder in die Schweiz. Bei dieser Gelegenheit hatten wir ihn zum Interview getroffen.

Erich Ritter, wissen wir, wie Haie sind, wenn wir im Kino «Der Weisse Hai» gesehen haben?
Erich K. Ritter: Nein. Überall, wo ich hinkomme, muss ich Vorurteile korrigieren, und es ist meine Mission, die Wahrheit über die Haie dem Publikum näherzubringen.

Ist denn das meiste, was wir über Haie wissen, falsch?
Das ist leider so. Immer wieder wird etwa verbreitet, Menschenblut locke Haie an. Diese Geschichte scheint tief verwurzelt zu sein. Es ist auch nicht so, dass Haie einen Surfer mit einer Robbe verwechseln. Es geht mir darum, zu zeigen, dass Haie nicht so sind, wie wir glauben.

Wie machen Sie das? Wie erforschen Sie das Verhalten der Haie?
Wir Haiforscher werden schon ein bisschen als Cowboys angesehen. Wir müssen zu den Haien ins Wasser gehen, um Reaktionen zu provozieren und herauszufinden, wie sie wirklich sind.

Sie gehen auf Tuchfühlung mit den Haien?
Ja. Bei den Experimenten mit dem Weissen Hai bin ich meistens alleine im Wasser.

Shark expert Erich Ritter photographs the shallows as he starts his investigation at Langdon Beach, Friday, July 13, 2001, near Pensacola, Fla., where 8-year-old Jessie Arbogast was attacked by a shark a week ago. Ritter, who has a doctorate in behavioral ecology from the University of Zurich and spent the last 10 years studying sharks, is confident he'll find out what caused a 7-foot, 200-pound bull shark to attack Arbogast. Arbogast's condition is critical but improving after his right arm was reattached when bitten off by a shark while wading at the beach. (KEYSTONE/AP Photo/Mark Foley)

Erich Ritter – hier auf einer Aufnahmen aus dem Jahr 2001 – lebte seinen Traum. Bild: AP

Mit dem gefährlichsten aller Räuber...?
Nein, das ist er nicht. Ein Weisser Hai ist vier bis fünf Meter lang und imposant und hat uns schon im Kino erschreckt. Aber er ist vergleichsweise harmlos und langweilig. Der viel kleinere Schwarzspitzenhai schnappt mehr, der ist einer, vor dem man sich wirklich in Acht nehmen muss, mit dem aber auch das Schwimmen mehr Spass macht. Er ist nur anderthalb bis zwei Meter lang, weiss nicht mal, wie man richtig beisst, aber wenn man mit dem im Wasser ist, muss man permanent darauf aufpassen, wo er sich gerade befindet.

Wie viele Arten von Haien gibt es denn?
Etwa 500 verschiedene Arten, aber bis heute haben nur etwa dreissig davon einen Menschen gebissen, und sechs oder sieben Arten machen 99 Prozent der Unfälle aus. Die Gefahr wird weit übertrieben. Weltweit kommt es im Jahr lediglich zu achtzig bis hundert Unfällen und fünf bis sechs Todesopfern.

Sie versuchen, mit Ihrer Forschung Haiunfälle zu verhindern?
Wir versuchen herauszufinden, wie sich der Mensch gegenüber einem Hai richtig verhalten muss. Wie kann ich den Hai abwehren? Das war in den neunziger Jahren der Ansatz meiner Forschung. Damals ging nie jemand freiwillig zu einem Hai ins Wasser. Wir liessen uns auf etwas völlig Neues ein, und es gab gegenüber unserer Arbeit fast nur Vorurteile. Wir sind von den anderen Forschern schräg angeschaut worden. Ich musste erst einmal erfahren, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, wenn man den etablierten Forschern auf den Füssen herumsteht und sie mit neuen Methoden provoziert. Auch heute noch wollen die wenigsten Forscher zu den Haien ins Wasser.

Erich Ritter

Erich Ritter (*30. Dezember 1958 in Oftringen, verstorben am 28. August 2020 in Florida) galt als weltweit führender Verhaltensforscher für Haie. Er studierte Zoologie und Paläontologie an der Universität Zürich und an der Rosenstiel School der Universität von Miami. Danach promovierte er auf dem Gebiet der Verhaltensökologie bei Fischen. Erich Ritter arbeitete in der Verhaltensforschung von Haien und beschäftigte sich insbesondere mit der Beziehung zwischen Mensch und Hai. Er analysierte und rekonstruierte Haiunfälle. Die Unfall-Analysen wurden im «Global Shark Attack File» am Shark Research Institute in Princeton USA publiziert. Ritter war unter anderem als Berater im Umgang mit Haien unter anderem für die deutsche Marine, die US Navy und die US Air Force tätig.

Wie sind Sie als Zürcher darauf gekommen, Haiforscher zu werden?
Weil ich etwas angestellt hatte, erhielt ich Stubenarrest. Damals war ich etwa sieben Jahre alt. Aber wir hatten einen Fernseher, und als ich alleine war, schaltete ich das Gerät ein. Es wurde eine Sendung über Haie gezeigt und gesagt, dies seien sehr gefährliche Tiere. Ich war fasziniert, konnte aber nichts Gefährliches erkennen. Die Bilder gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, und ich verschlang fortan alles, was ich über Haie erfahren konnte. Als ich ungefähr zehn war, las ich die Geschichte von «Dr. Dolittle», der mit den Tieren sprechen konnte. Von da weg war ich überzeugt, ebenfalls mit Tieren sprechen zu können. Als ich zwölf war, sagte ich meiner Mutter: «Ich will Haidoktor werden.»

Haidoktor? Wie stellten Sie sich dies vor?
Das konnte ich mir noch nicht recht vorstellen. Ich begann, an der ETH in Zürich Biologie zu studieren, merkte aber bald, dass dies nicht meine Welt ist. Ich ging zur Uni, die zwar auch nicht meine Welt war, hatte jedoch bei meinem Zoologiestudium das Glück, einen Professor zu finden, der es mir ermöglichte, mich auf das Verhalten der Haie zu spezialisieren. Irgendwann hatte ich die Hörsäle verlassen und auf den Bahamas eine Haiforschungsstation aufgebaut. Ich entschied mich, meine akademische Laufbahn zu beenden, um vermehrt im Wasser zu sein. Seither verbringe ich neun Monate im Jahr mit Haien.

Wie lebt es sich als Haiforscher?
Ein normales Leben ist es sicher nicht. Ich lebe vornehmlich aus dem Koffer. Mir war es immer wichtig, Feldforschung machen zu können. Jetzt bin ich zwar wieder an einer Universität, der Universität von West Florida, muss dort aber nicht unterrichten.

Haie waren sexy, und da war dieser Verrückte, der mit den Haien herumschwamm.

Wie war es möglich, Ihren Traum zu verwirklichen?
Ich hatte in den USA von Anfang an das Glück, eine grosse Medienpräsenz zu haben. In den neunziger Jahren kamen die Tier- und Abenteuer-TV-Kanäle auf. Haie waren sexy, und da war dieser Verrückte, der mit den Haien herumschwamm.

Ungefährlich war das nicht. Sie sind einmal gebissen worden?
Dabei bin ich fast gestorben, und ich hinke heute noch. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Medien, und die Schadenfreude bei den Fachkollegen war gross. Schliesslich wurde ausgerechnet derjenige gebissen, der behauptete, mit den Haien kommunizieren zu können. Ich verbrachte fünfeinhalb Wochen auf der Intensivstation, und als ich das Spital verlassen konnte, hatte die Universität meine Kurse gestrichen. Meine Sponsoren waren weg, ich sass auf einer halben Million Dollar Schulden und war zusätzlich noch behindert. Das alles war wirklich hart, trotzdem zögerte ich keine Sekunde, meine Arbeit sofort wieder aufzunehmen, sobald dies möglich war. Letztlich hat sich der Unfall als Glücksfall erwiesen: Meine Rückkehr war die Sensation. Der Verrückte ist wieder da und schwimmt wieder mit den Haien! Die Medienpräsenz war grösser als je zuvor.

Das Video, wie Ritter von einem Hai gebissen wurde:

abspielen

Video: YouTube/Discovery

Warum sind Sie gebissen worden?
Wir konnten den Unfall aufgrund von Filmaufnahmen analysieren. Es war nicht mein Fehler. Wenn ich im hüfttiefen Wasser mit Haien arbeitete, dann passte immer ein Spotter auf, um mich zu warnen, wenn ein Hai hinter mir war. Ich bin nicht gewarnt worden, und so bin ich von hinten von einem Hai ins Bein gebissen worden. Es war also kein Angriff, sondern lediglich der Gaumenbiss eines Haiweibchens. Es wollte mit dem Biss nur herausfinden, ob ich Futter sei, das ihm schmeckt, da ich vor dem Unfall schon längere Zeit in einem Geruchskorridor stand, um eben genügend Haie um mich herum zu haben, weil wir fürs Fernsehen drehten. Doch dann kam sie nicht mehr weg und geriet darob unter Stress und versuchte, mein Bein zu durchbeissen, was nicht gelang. Deshalb wollte sie mich dann ins tiefere Wasser ziehen.

Hätten Sie etwas dagegen tun können?
Ja. Hätte ich gewusst, dass sich ein Hai von hinten nähert, hätte ich mich nur umdrehen und sie zur Seite schieben müssen, und nichts wäre passiert.

Einen Hai kannst du, wenn er auf dich zuschwimmt, sanft zur Seite schieben.

Zur Seite schieben?
Ja. Einen Hai kannst du, wenn er auf dich zuschwimmt, sanft zur Seite schieben. Diese Berührung kennt er im Umgang mit seinen Artgenossen. Das Signal ist ihm also bekannt. Ihm auf die Schnauze zu schlagen, ist hingegen falsch, auch hier wurden die Menschen falsch informiert. Ein solches Verhalten kennen Haie nicht, deshalb löst es bei ihnen Stress aus. Es hilft auch, einem Hai, der auf dich zukommt, entgegenzuschwimmen und in die Augen zu schauen. Dann dreht ermeistens ab und zieht sich zurück, weil er meint, ein potenzielles Raubtier vor sich zuhaben. Er will auch einen Zusammenstoss vermeiden. Wir reagieren falsch, weil wir unsere Ängste in dieses Tier hineinprojizieren und weil wir nicht wissen, was dieses Tier will. Deshalb ist es so wichtig, herauszufinden, wie die Haie denken und wie sie sich in einer Begegnung verhalten.

Wie haben Sie es geschafft, den Zwischenfall zu überleben?
Ich versuchte zuerst, an seine Kiemen heranzukommen. An dieser Stelle sind Haie sehr empfindlich, weil sich ihr Herz gleich dahinter verbirgt. Wenn sie gegeneinander kämpfen, dann gehen sie einander an die Kiemen. Das gelang mir nicht, und er zog mich ins tiefere Wasser. Doch es gelang mir, mit meinem rechten Bein Boden zu fassen und mich gegen die Bewegung des Hais zu stemmen. Dies führte dazu, dass mir die ganze Wade und das Wadenbein weggerissen wurden. Ich hatte riesiges Glück, dass es mir noch gelang, mich an den Strand zu schleppen. Bis ich im Krankenhaus in West Palm Beach lag, hatte ich sechzig Prozent meines Blutes verloren. Auf dem Flug von der Bahamasinsel in die USA musste ich wach bleiben. Wäre ich bewusstlos geworden, hätten sich die Wunden ganz geöffnet und ich wäre verloren gewesen. Auf einmal dämmerte ich trotzdem weg, und ich spürte und akzeptierte, dass ich jetzt sterben würde.

Was fühlten Sie dabei?
Alle Schmerzen waren auf einmal weg, und eine schöne Wärme umgab mich. Ich erspürte keinerlei Angst, einfach nur diese schöne Wärme. Mitten in mein Delirium sagte plötzlich der Pilot: «Hey, ich sehe West Palm Beach, wir schaffen es.» Sofort war ich wieder hellwach, und auch die Schmerzen kehrten zurück. Wäre der Flieger nicht vor Ort gewesen, wo der Unfall geschah, und hätten wir das Bein nicht abgebunden, hätte ich es nicht geschafft.

Trotz allem wagten Sie es, wieder zu den Haien ins Wasser zu steigen.
Es war sehr schwierig. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum es zu diesem Unfall gekommen war. Etwas stimmte nicht. Erst auf einem Film haben wir dann gesehen, dass ich nicht gewarnt worden bin, als sich der Hai von hinten näherte. Dieser Film über meinen Unfall ist inzwischen die am häufigsten gesehene Hai-Dokumentation der Welt neben dem Kinofilm «Der Weisse Hai».

Shark expert Erich Ritter is shown in a February, 2001, underwater photo taken by a friend as a 7-foot-plus bull shark approaches him off Walker's Cay, Bahamas. Ritter began his investigation of the shallows off Langdon Beach Friday, July 13, 2001, near Pensacola, where 8-year-old Jessie Arbogast was attacked by a shark a week ago. Young Arbogast's condition is critical but improving after his right arm was reattached when bitten off by a 7-foot bull shark while wading at the beach.(KEYSTONE/AP Photo/Erich Ritter)

Eine Unterwasseraufnahme zeigt Ritter mit einem Bullenhai. Bild: ERICH RITTER VIA AP

Wenn man Sie so reden hört, käme man nie auf den Gedanken, dass Haie gefährlich oder gar böse sein könnten. Sind Haie eher vorsichtige Tiere?
Ja. Deshalb spreche ich von Unfällen und nie von Hai-Angriffen oder -Attacken. Eine Attacke ist ein bewusster Versuch, Schaden anzurichten und zu töten. Das macht ein Hai nicht. Er ist zwar ein Raubtier, aber wäre er draufgängerisch und angriffslustig, würde er sich unnötig in Gefahr bringen, da er nicht weiss, was ein Mensch ist, und er uns entsprechend als potenziell gefährlich ansieht. Er ist neugierig, aber vorsichtig und zurückhaltend. Er befindet sich ständig in einem Dilemma: nachschauen, was da schwimmt – oder lieber auf Distanz bleiben? Wir haben inzwischen über 4000 Haiunfälle dokumentiert, und drei Viertel aller Bisse sind Gaumenbisse. Also nicht die Folge von Angriffen. Sondern von Neugier. Der Hai will damit einfach herausfinden, ob etwas als Nahrung taugt. Diese Gaumenbisse können wir durch richtiges Verhalten vermeiden.

Sieht man denn einem Hai an, ob er freundlich ist oder vielleicht doch gestresst?
Ja. Ich kann aufgrund des Schwimmmusters erkennen, ob der Hai ruhig ist, ein wenig kundschaftet oder ob er sich gestresst fühlt. Wenn er die Flossen nicht nach unten drückt, sondern sie flach hält, ist er entspannt, er kann in dieser Haltung nicht schnell reagieren. Ein offenes Maul signalisiert ebenfalls ein Wesen, das nicht im Stress ist.

Sind diese Zeichen verlässlich?
Ja, wir haben noch nie erlebt, dass ein Hai bei flachgehaltenen Flossen sich gleichzeitig gestresst verhalten hat. Er ist ja dann auch nur eingeschränkt manövrierfähig.

Wer sich mit Haien nicht auskennt, kann unmöglich erkennen, ob er jetzt gut drauf ist oder nicht.

Ein Hai hat ja eigentlich allen Grund, entspannt zu sein – er hat keine Feinde.
Ganz so ist es nicht. Ein ausgewachsener Weisser Hai hat zwar ausser dem Menschen keinen Feind zu fürchten. Aber wenn er jung ist, muss er sich schon vor seinen Artgenossen in Acht nehmen oder vor Grosshaien anderer Art. Es kommt vor, dass sich Haie gegenseitig auffressen.

Auch unter Haien der gleichen Art?
Ja, auch. Aber Haie sind auch soziale Wesen. Wir haben herausgefunden, dass beispielsweise drei oder vier Tiere in Sozialverbänden monatelang zusammenbleiben, ohne dass sexuelle Komponenten im Spiel sind oder eine Überlebensnotwendigkeit besteht. Es scheint, dass sie einfach miteinander mehr Spass haben und das Jagen so einfacher und das Leben angenehmer ist.

Was auf hohe Intelligenz schliessen lässt.
Ja, wir vergessen oft, dass der Hai ein hochentwickeltes Tier ist. Er verhält sich durchaus ähnlich wie ein Hund. Aber eben, sowie es den Hund nicht gibt, so gibt es auch nicht den Hai. Jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit.

Aber er ist kein Kuscheltier wie der Hund.
Nein, nicht im herkömmlichen Sinn. Aber erlässt menschliche Nähe durchaus zu und lässt sich berühren und kraulen.

Hat der Hai wegen seines Aussehens ein Imageproblem? Wenn man ihn mit offenem Maul von vorne sieht, ist da nicht viel Freundlichkeit zu erkennen.
Ja, das ist so. Wer sich mit Haien nicht auskennt, kann unmöglich erkennen, ob er jetzt gut drauf ist oder nicht. Ein Hai schaut nun mal einfach nicht freundlich drein. Wenn ein Hai mit geschlossenem Maul auf dich zukommt, dann zeigt dir dies, dass er nicht entspannt ist. Obwohl er gerade dann sogar ein bisschen freundlicher aussieht. Mit geschlossenem Maul kann er keinen Sauerstoff aufnehmen, da der Wasserfluss durchs Maul und über die Kiemen unterbrochen ist. Das kann nicht positiv sein, und ist ein Zeichen von Stress. Doch auch dies weist nicht auf einen Angriff, sondern eher auf eine bevorstehende Flucht hin.

Welche Rolle spielt der Hai im Ökosystem des Meeres?
Wenn der Hai stirbt, dann stirbt das Meer.

Das müssen Sie uns erklären.
Der Hai ist das häufigste Raubtier der Erde mit einem Gewicht von über 50 Kilogramm. 70 bis 100 Millionen Haie werden pro Jahr gejagt.

Können Grönlandhaie wirklich 400 Jahre alt werden?

Kein anderes Tier wird so alt wie der Grönlandhai, auch Eishai genannt. Er lebt im Nordatlantik und im Nordpolarmeer und erreicht eine Grösse von über fünf Metern. Da er sehr langsam wächst – vermutlich nur etwa einen Zentimeter pro Jahr –, glaubten Forscher schon lange, dass er sehr alt werden kann. Ein Tier, das mindestens 400 Jahre alt und erst mit 150 Jahren geschlechtsreif wird – ist das möglich? Ein Tier etwa, das in den Zeiten des Dreissigjährigen Krieges geboren und während der Regierungszeit von Kaiser Napoleon geschlechtsreif wurde? «Ja, das gibt es», sagt Erich Ritter, «wir wissen erst seit kurzer Zeit, dass Grönlandhaie so alt werden.» Die Gründe für diese Langlebigkeit sind noch nicht erforscht. Biologe Ritter vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Leben im eiskalten Wasser gibt. Aber Grönlandhaie sind nicht die Einzigen, die in so kalten Gewässern leben. «Ihre erstaunliche Langlebigkeit muss also noch weitere andere Ursachen haben.» Eine konventionelle Altersbestimmung dieser Knorpelfische sei wegen ihres Mangels an verkalktem Gewebe nicht möglich. Das Alter wird anhand von Proteinen in der Augenlinse erfasst. Bei den jüngsten Forschungen, die dieses biblische Alter erstmals nachweisen, sind insgesamt 28 weibliche Tiere untersucht worden, die bei mehreren Expeditionen gefangen worden waren. Die Tiere massen zwischen achtzig Zentimetern und gut fünf Metern. Ihr durchschnittliches Alter betrug der Messung gemäss 272 Jahre. Das grösste untersuchte Exemplar war etwa 392 Jahre alt.

70 bis 100 Millionen? Haben wir das richtig verstanden? Das ist eine enorme Zahl.
Ja, so ist es, und das mag zeigen, wie viele Haie es insgesamt in den Weltmeeren geben muss. 125 Länder fischen intensiv nach Haien. Ein Pfund Haiflosse bringt 300 Dollar, eine Flosse eines Walhais mehrere tausend Dollar. Die Haiflosse ist nicht nur eine Delikatesse, sie gilt auch als Potenzmittel. Kriminelle Organisationen kontrollieren ganze Haifangflotten und unterlaufen das Verbot des Handels mit Haiflossen auch in der EU. Weil der Hai fälschlicherweise als gefährliches Tier gilt, ist es viel schwieriger, eine Schutzlobby für ihn zu organisieren als für Pandabären. Der Haifang wird öffentlich kaum thematisiert und ist ein so gutes Geschäft, dass ich wegen meines Engagements für den Schutz dieser Tiere auch schon Morddrohungen bekommen habe. Der Weisse Hai beispielsweise ist wahrscheinlich bereits biologisch ausgestorben, und es gibt kaum mehr eine Chance, ihn zu retten. Die Durchsetzung eines weltweiten Fangverbotes für Weisse Haie wäre dringend notwendig. Weitere sechzig Arten sind gefährdet.

Aber warum stirbt das Meer, wenn der Hai stirbt?
Die Haie stehen an oberster Stelle einer mehrstufigen Nahrungskette und sorgen dafür, dass diese Nahrungskette stabil bleibt. Wenn der Hai weg ist, wird sich die nachfolgende Nahrungsstufe explosionsartig vermehren, was bedeutet, dass sie ihre Nahrungsbasis wiederum eliminiert und dann selber draufgeht, weil sie keine Nahrung mehr findet. Die unterste Stufe des Lebens im Meer ist das Plankton, das auch für einen Grossteil der Sauerstoffproduktion auf unserem Planeten zuständig ist. Wird diese eliminiert, haben wir grosse Probleme.

Welche genau?
Alles gerät aus dem Gleichgewicht, und es kommt zu einem Artensterben. Die Überfischung der Haie ist die grösste ökologische Zeitbombe unserer Zeit. Je nach Quelle stammen 60 bis 70 Prozent der weltweiten Sauerstoffproduktion aus dem Meer, und auch die CO2-Umwandlung in Sauerstoff wird in vergleichbarem Ausmass im Meer vorgenommen. Jetzt können Sie sich ungefähr vorstellen, was dies für uns alle bedeutet, wenn das Plankton weggefressen wird. Aber die Rettung der Haie ist schwierig. Ein Hai wird teilweise erst mit 20 bis 25 Jahren geschlechtsreif, und die Tragzeit kann mehr als zwanzig Monate dauern. Schutzmassnahmen zeigen also nicht gleich Resultate, es braucht langfristige Massnahmen. Der Grönlandhai wird 400-jährig und ist erst mit 150 Jahren geschlechtsreif [siehe Kasten].

Können die Haie nicht in Aquarien gerettet werden?
Nein. Es gibt bis heute etwa keine Fortpflanzung von Weissen Haien in Aquarien. Aber wir können in Aquarien wenigstens das Verständnis für Haie fördern.

Eine ganz andere Frage: Schlafen Haie?
Niemand weiss es. Wir können heute noch viele Fragen nicht beantworten: Wie jagen Haie? Wie gebären sie? Wie läuft ihre Fortpflanzung, also ihr Sexualleben, ab, und wie ist ihr Schlafverhalten? Es ist denkbar, dass gewisse Arten ein Leben lang zum Schwimmen verurteilt sind, sie können sich dabei wahrscheinlich aber in einen Ruhezustand versetzen, trotz der Fortbewegung. Der Gehirnstamm, der bei uns die unbewussten Tätigkeiten wie die Verdauung steuert, übernimmt dabei beim Hai ebenfalls die Bewegung. Aber wie wollen wir das Schlafverhalten von Haien erforschen? Wir wissen ja nicht mal genau, warum der Mensch schläft.

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10 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Konsortin Sha'ira
01.09.2020 17:16registriert July 2020
"Bei dieser Gelegenheit hatten wir ihn zum Interview getroffen." - eine Zeitangabe, von wann ungefähr das Interview ist, wenigstens das Jahr, wäre nett. Danke.
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Raembe
01.09.2020 17:23registriert April 2014
RIP. Habe vor Jahren mal eine Doku über ihn gesehen und war fasziniert von seiner Arbeit.
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Denverclan
01.09.2020 19:27registriert September 2016
Wir wissen so wenig und sind immer sehr schnell mit Vorurteilen. Wir verdienen eigentlich unseren wunderbaren blauen Planeten gar nicht. Der Mensch ist das gefährlichste Tier auf Erden. RIP
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