Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Lot und seine Töchter , Gemälde von Hendrick Goltzius (1616)

Inzest in der Kunst: «Lot und seine Töchter», Gemälde von Hendrick Goltzius (1616). Bild: Rijksmuseum

Diese Karte zeigt, in welchen Ländern Inzest erlaubt ist



Mein Chef weiss, dass ich Karten liebe. Darum schickt er mir manchmal eine zu. Letzthin war es diese hier:

Legality of consensual sex between siblings

Rechtslage von einvernehmlichem Sex zwischen Geschwistern. Dunkelblau: legal, Rot: legal für Geschwister des gleichen Geschlechts und Minderjährige, Blau: legal für Geschwister des gleichen Geschlechts, Gelb: legal für Minderjährige, Pink: legal, sofern kein öffentliches Ärgernis provoziert wird, Grün: illegal, Hellblau: keine Daten verfügbar. Karte: Reddit

Der dargestellte Sachverhalt erstaunte mich. So sehr, dass ich zuerst annahm, die Karte sei schlicht nicht korrekt. Inzest zwischen Geschwistern legal in Frankreich, im katholischen Spanien, selbst im orthodoxen Russland? Aber illegal in den liberalen skandinavischen Staaten?

Aber die Karte zeigt den Sachverhalt richtig, soweit ich es beurteilen kann. Sie deckt sich weitgehend mit der folgenden Karte auf Wikipedia, auf der die rechtliche Situation für einvernehmlichen Inzest zwischen Erwachsenen weltweit abgebildet ist:

Incest between consenting adults by country
By Borysk5 - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=78134728

Grün: nicht strafrechtlich verfolgt, Gelb: legal, sofern kein öffentliches Ärgernis provoziert wird, Orange: illegal (Gefängnisstrafe), Rot: illegal (Gefängnis bis zu lebenslänglich), Dunkelrot: illegal (Todesstrafe). Karte: Wikimedia/Borysk5

Diese Karte enthüllt eine enorme Bandbreite der strafrechtlichen Verfolgung von Inzest. In einigen muslimisch dominierten Staaten und Regionen steht sogar die Todesstrafe auf einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen nahen Verwandten. Merkwürdigerweise scheint dies ausgerechnet dort der Fall zu sein, wo die Verwandtenheirat stark verbreitet ist, also die Ehe zwischen Cousins und Cousinen ersten bis zweiten Grades:

Anteil von Verwandtenheiraten einschließlich Cousins 2. Grades (US National Center for Biotechnology Information 2012).
Von Derivative work: The RedBurnBlankMap-World6.svg: Canuckguy (talk) and many others (see File history) - Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet:BlankMap-World6.svg:Countries by population density.svg:  (legend)http://www.consang.net/index.php/Global_prevalence_tableshttp://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15881720/ (for Mauritania), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32327063

Anteil von Verwandtenheiraten in Prozent einschliesslich Cousins zweiten Grades. Karte: Wikimedia

Blutsverwandtschaft

Bei Blutsverwandten ersten Grades (Eltern zu Kindern) sind die Hälfte der Gene durch direkte Abstammung identisch. Bei genetisch Verwandten zweiten Grades (Grosseltern zu Enkeln, Geschwister untereinander) stammt im Durchschnitt ein Viertel der Gene von einem gemeinsamen Vorfahren. Onkel/Nichte oder Tante/Neffe sind Blutsverwandte dritten Grades, Cousins ersten Grades (sie haben ein gemeinsames Grosselternpaar) sind Verwandte vierten Grades.

Quelle: Wikipedia

Inzestverbote dürfte es in der Menschheitsgeschichte seit sehr langer Zeit gegeben haben. Schon der babylonische Codex Hammurapi aus dem 18. Jahrhundert v. Chr. stellt Inzest unter Strafe. Zugleich gab es jedoch auch Ausnahmen; bekannt ist die Geschwisterehe bei den ägyptischen Pharaonen. Sie wurde selbst noch in hellenistischer Zeit praktiziert – Kleopatra beispielsweise war mit ihren Brüdern Ptolemaios XIII. und Ptolemaios XIV. verheiratet. Auch im Inkareich kam die Geschwisterehe vor.

Massgeblich für die Verhältnisse in Europa waren lange Zeit die Bestimmungen der katholischen Kirche. Sie verbieten die Ehe – und damit die einzige Form legitimer sexueller Beziehungen – zwischen Blutsverwandten ersten Grades ohne Ausnahme. Anders verhielt es sich mit der Eheschliessung unter Cousins, die an sich nicht erlaubt war, für die aber ein kirchlicher Dispens erteilt werden konnte.

Davon machte der Hochadel ausgiebig Gebrauch – die Ehe unter Cousins zweiten und sogar ersten Grades war in diesen Kreisen aus dynastischen Gründen eher die Regel als die Ausnahme. Das Privileg der Ehe unter Verwandten diente dazu, den Besitz und die Macht möglichst in der Familie zu halten – auch zum Preis von häufiger auftretenden Erbkrankheiten wie Hämophilie (Bluterkrankheit).

Risiko von Erbkrankheiten

Bei inzestuösen Verbindungen besteht für den Nachwuchs ein höheres Risiko, an Erbkrankheiten zu leiden. Die meisten dieser Krankheiten werden nämlich rezessiv vererbt, das heisst, sie treten bei den Nachkommen nicht in Erscheinung, solange diese vom anderen Elternteil eine gesunde Erbanlage erhalten, die dominiert.
Wenn beide Elternteile enger miteinander verwandt sind, das heisst, ähnlichere Erbanlagen aufweisen, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass ein Nachkomme von beiden die rezessive Erbanlage erhält und dadurch erkrankt.

Im Durchschnitt liegt das Risiko für das Auftreten einer vorhandenen Erbkrankheit bei nicht blutsverwandten Partnern bei 2 bis 4 Prozent, bei einer Verbindung von Bruder-Schwester oder Elter-Kind jedoch bei 25 Prozent.

Quelle: Wikipedia

Mit dem Gedankengut der Aufklärung gerieten solche Privilegien zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Zugleich entzog die Aufklärung moralisch indizierten Delikten wie Blasphemie, Ehebruch, Sodomie (im Sinne einer sexuellen Handlung, die nicht der Fortpflanzung dient) oder eben Inzest die rechtstheoretische Basis. Eine Strafnorm setzt eine Rechtfertigung voraus, die in diesen Fällen nur schwierig zu finden ist – so gibt es bei einvernehmlichem Inzest unter selbstbestimmten, erwachsenen Partnern kein Opfer.

Bereits 1810 schaffte Frankreich daher die Strafbarkeit von blossem Inzest im Code pénal français ab. Mehrere europäische Länder folgten dem französischen Vorbild, so Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Spanien und Portugal. Weltweit gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Staaten, die keine Strafparagrafen für Inzest (mehr) kennen. Andere Staaten hingegen behielten entsprechende Paragrafen in ihren Strafgesetzbüchern bei – darunter vornehmlich angelsächsische und skandinavische Länder sowie Deutschland und die Schweiz.

Allerdings geht aus der Tatsache, dass Inzest strafrechtlich nicht verfolgt wird, keineswegs hervor, dass solche sexuellen Beziehungen in der Gesellschaft akzeptiert wären. Inzest unterliegt einem starken Tabu. Dies zeigte sich exemplarisch in der Schweiz, als der Bundesrat 2010 vorschlug, den Strafbestand Inzest abzuschaffen. Er argumentierte, dass in den wenigen Fällen, in denen es zu einer Verurteilung wegen Inzest komme, jeweils zugleich andere Strafbestände vorlägen – zum Beispiel sexuelle Handlungen mit Kindern.

Inzest im Schweizerischen Strafgesetzbuch

Art. 213 Inzest
1 Wer mit einem Blutsverwandten in gerader Linie oder einem voll- oder halbbürtigen Geschwister den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.
2 Minderjährige bleiben straflos, wenn sie verführt worden sind.

admin.ch

Die Vernehmlassung erbrachte jedoch eine klare Mehrheit für die Beibehaltung des Paragrafen, so dass der Bundesrat sein Vorhaben 2018 endgültig aufgab. Dazu passt die Tatsache, dass Frankreich den Begriff «Inzest» 2010 und in einem weiteren Schritt 2016 wieder in den Code pénal aufnahm, allerdings im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen mit Minderjährigen.

Soll einvernehmlicher Inzest zwischen selbstbestimmten, erwachsenen Partnern straflos sein?

Eine Schwester liebt ihren Bruder – das Tabuthema im Film

Video: srf

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Hollywoods geheime Sexualität

Neues Abtreibungsgesetz in Alabama

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

82 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
mountaineer
23.06.2019 16:39registriert November 2016
Italien: "Legal if it does not provoke public scandal" - passt perfekt! 😂😂😂
Viva l'Italia!
43512
Melden
Zum Kommentar
HerveCofino
23.06.2019 16:07registriert July 2017
Das Emmental fehlt auf der Karte!
48366
Melden
Zum Kommentar
actualscientist
23.06.2019 15:50registriert January 2019
Umd alabama
18317
Melden
Zum Kommentar
82

Zürich hatte «vielfältige und relevante» Verbindungen zur Sklaverei

Die Stadt Zürich war an der Sklaverei und dem Sklavenhandel finanziell beteiligt und so mitverantwortlich für die Versklavung tausender Afrikanerinnen und Afrikaner. Die Unterstützung erfolgte durch Staatsanleihen, den Handel und Plantagen.

Die Verbindungen Zürichs zur Sklavenwirtschaft waren «vorhanden, vielfältig und relevant», wie Frank Schubert, Mitautor einer Studie der Universität Zürich, am Dienstag vor den Medien sagte.

Diese Verbindungen waren Ausdruck einer Tradition einer langen …

Artikel lesen
Link zum Artikel