DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Hier auf der Bechburg in Oensingen geht Junker Kuonis Seele um. Kupferstich aus dem Jahr 1757. bild: sticheschweiz

Lebendig eingemauert: Der Geist des Raubritters spukt bis heute in der Oensinger Bechburg

Im ersten Teil unserer heimatlichen Gespenster-Serie haben wir den Basler Spiesshof besucht. Heute wollen wir uns auf die Bechburg in Oensingen begeben. Wir befinden uns im tiefen Mittelalter ...



«Niemand war zu seinen Lebzeiten vor ihm sicher. Männern und Frauen stellte er nach, und viel unschuldiges Blut klebte an seinen Fingern. Aber auch ihn erreichte der Arm der Gerechtigkeit.»

Elisabeth Pfluger, Solothurner Schriftstellerin und Sagensammlerin

Die Rede ist von Kuoni. Einem schändlichen Raubritter aus dem Geschlecht der Freiherren von Bechburg. Irgendwann im 14. Jahrhundert muss dieser unersättliche Kerl der Schrecken vieler Jungfrauen und rechtschaffener Bürger gewesen sein. 

Bild

Leider existiert kein Bild von Kuoni. Darum wollen wir diesen Ausschnitt des Kupferstichs «Ritter, Tod und Teufel» (1513) von Albrecht Dürer als Symbolbild verwenden. bild: albrecht-duerer-apokalypse

Er wohnte auf der Bechburg, die seine Vorfahren 1250 erbaut hatten. Oben auf den Felsen thront sie bis heute und schaut auf Oensingen hinunter. Ihren 30 Meter hohen Wehrturm kann man schon von Weitem sehen, wenn man mit dem Zug von Biel Richtung Olten fährt. 

chloss Neu-Bechburg 1857 Oel auf Leinwand, 39x54 cm, sign. „B. Studer“ und datiert. Das Gemälde befindet sich im Kunstmuseum Solothurn. Es ist eine Schenkung des Landammans W. Vigier

Das Schloss Neu-Bechburg von B. Studer, 1857. Das Ölgemälde hängt im Kunstmuseum Solothurn.  bild: wikimedia

Der gefürchtete Kuoni aber wurde für seine Sünden hart bestraft. Zuerst von Gott, der ihn mit der Beulenpest schlug. Der Schwarze Tod schlich sich damals nicht nur in die Bechburg, seine mörderischen Klauen griffen nach ganz Europa und rissen einen Drittel der Bevölkerung mit sich. 

Die Angst, sich bei dem Raubritter anzustecken, war gross, und so mauerte man ihn «bei lebendigem Liib» in das unzugängliche Häuschen ein, das an der Südseite des runden Wehrturms angebaut ist.

Bild

Arnold Böcklins «Die Pest» (1898) hängt im Kunstmuseum Basel. bild: wikimedia

Durch einen schmalen Spalt hindurch reichten ihm die Knechte Essen und Trinken. Niemand sollte je wieder mit ihm in Berührung kommen. Eingemauert starb er den einsamen schwarzen Tod eines Aussätzigen. Vielleicht empfanden das die Oensinger als gerechte Strafe für einen Schuft seines Kalibers. Jedenfalls mauerte man auch den einzigen Spalt, der ihn als Dahinsiechenden noch mit der Welt verband, nach seinem Hingang zu. 

Bild

Die letzte «Ruhestätte» des Raubritters Kuoni. bild: balsthal-collector

«Die Seele des bösen Ritters hat aber bis heute noch keine Ruhe gefunden und geistert während gewissen Nächten in der Bechburg herum.»

Elisabeth Pfluger

Bis 2003 war Patrick Jakob Schlosswart in der Bechburg. Er lebte eigentlich ganz friedlich mit dem Gespenst von Kuoni zusammen. «Er ist ein guter Schlossgeist», sagt er. Er verriegelte zwar manchmal die Tür, wenn sich Jakob mit seinen Besuchern in den Wehrturm begab. Er hat den Raubritter auch schon im Studierzimmer herumgehen hören, als er einmal abends allein in der Küche sass. Als Jakob verschreckt hinaufrannte, war niemand zu sehen. 

Bild

Das Studierzimmer. bild: neu-bechburg

In den 1980er Jahren wollte die Denkmalpflege das Geheimnis um das tür- und fensterlose Kuoni-Häuschen endlich lüften. Würde man darin ein Skelett finden? Oder war es vielleicht sogar leer? 

Mit Pickel, Schaufel und Kompressor bewaffnet, stiegen die Herren aufs Dach. Sie begannen die Ziegel zu entfernen, und als sie das Mauerwerk darunter sahen, zog plötzlich ein tosendes Gewitter von der Schwengimatt her auf. Der Himmel öffnete sich, liess Hagel auf die Erde prasseln und ein krachendes Donnergrollen begleitete den Blitz, der mitten in den Wehrturm einschlug. Kuoni liess nicht zu, dass man an seinem Häuschen herumdokterte. Er will seine Ruhe haben. 

Das Team von «Menschen, Technik, Wissenschaft» des Schweizer Fernsehens besuchte 2002 die Bechburg. Im Wehrgang direkt unter dem Häuschen installierten sie ein Gerät, um den vermuteten Hohlraum, in dem Kuoni seine letzten Atemzüge getan hatte, zu röntgen. Das Gerät gab den Geist auf. Eilig wurde das Ersatzgerät hervorgekramt. Es gab auch den Geist auf. Und so zogen die Videoleute unverrichteter Dinge wieder ab. 

Bild

Der Wehrgang liegt direkt unter dem Kuoni-Häuschen. bild: neu-bechburg

Seither hat niemand mehr versucht, die Ruhe von Kuoni zu stören. Das ist auch gut so. Denn irgendwie scheint ihn das lange Herumwandeln auf der Bechburg sanft gemacht zu haben. Ein paar harmlose Streiche darf er den Besuchern doch spielen, nachdem er so ein grässliches Ende gefunden hat. Und schliesslich hat er nie einer jungfräulichen Besucherin unter den Rock gegriffen. Ob er allerdings mal unter einen geschielt hat, werden wir nie wissen. 

Quellen: Hans Peter Roth, Niklaus Maurer: Orte des Grauens in der Schweiz, Elisabeth Pfluger: Solothurner Geistersagen, Schloss Neu-Bechburg

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel