Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Auf ihrem Rückzug wollte die Wehrmacht das Südportal des Simplontunnels 1945 sprengen.

Auf ihrem Rückzug wollte die Wehrmacht das Südportal des Simplontunnels 1945 sprengen. Bild: Wikimedia / SBB Historic

Showdown am Simplon – wie Partisanen und der Schweizer Geheimdienst den Tunnel retteten

Am 22. April 1945 konnten italienische Partisanen gemeinsam mit dem Schweizer Geheimdienst die Sprengung des Simplontunnels verhindern. Den wollte die deutsche Wehrmacht zerstören.

Raphael Rues / Schweizerisches Nationalmuseum



Adolf Hitler ordnete am 19. März 1945 eine Taktik der verbrannten Erde an. Die vorrückenden Alliierten sollten auf eine möglichst unbrauchbare Infrastruktur treffen. Dazu gehörte auch das Südportal des Simplontunnels beim italienischen Dorf Varzo. Es sollte zusammen mit Elektrizitätswerken und Fabrikanlagen der Region Ossola gesprengt werden. Die Vorbereitungen dazu hatten bereits im November 1944 begonnen.

Eine Spezialeinheit mit rund 30 Wehrmachtssoldaten des Eisenbahn-Pionier-Bau-Bataillons 12 kümmerte sich um dieses Vorhaben. Die Männer hatten bereits nach der Wiederbesetzung des Ossolagebiets (siehe Box) die teilweise zerstörten Brücken und Viadukte wieder aufgebaut. Diese Soldaten stammten zum grössten Teil aus Österreich und verstanden ihr Handwerk. Allerdings waren sie wie die meisten Mitglieder der Wehrmacht demoralisiert und schlecht ausgerüstet.

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Mehrmals wöchentlich spannende Storys zur Geschichte der Schweiz: Die Themenpalette reicht von den alten Römern über Auswandererfamilien bis hin zu den Anfängen des Frauenfussballs.
blog.nationalmuseum.ch

Das wenige Material – Kompressoren, Pumpen und verschiedene Werkzeuge – wurde immer wieder auch von Mitarbeitern der SBB, welche in Domodossola und Varzo stationiert waren, sabotiert. Innerhalb von vier Monaten gelang es ihnen deshalb nur, drei kleine Minenkammern beim Tunneleingang anzulegen. Da die Partisanen im Januar 1945 in das Gebiet rund um den Simplon zurückgekehrt waren, kam es sporadisch zu Scharmützeln, was die Arbeiten zusätzlich erschwerte.

In diesem Bahnhäuschen in Varzo wurde ein Teil des Sprengstoffs gelagert, der im April 1945 vernichtet wurde.
https://insubricahistorica.ch/

In diesem Bahnhäuschen in Varzo wurde ein Teil des Sprengstoffs gelagert, der im April 1945 vernichtet wurde. Bild: insubricahistorica.ch

Schweizer Geheimdienst mitten drin

Das Vorhaben der Deutschen war auch dem Schweizer Nachrichtendienst nicht entgangen. Dieser hatte ein engmaschiges Spionagenetz in der Region aufgebaut. Neben Angestellten der Bundesbahn fungierten Händler, Hoteliers oder Postbeamte als Informanten. Der prominenteste Vertreter des Geheimdienstes war der 30-jährige Peter Bammatter. Der Walliser war offiziell Vizedirektor des Schweizer Zollamts in Domodossola. Das war jedoch nur eine Tarnung. Bammatter war eigentlich Hauptmann des Geheimdienstes und in dieser Funktion die eigentliche Schweizer Informationsdrehscheibe der Region.

Als die Wehrmacht mit den Vorbereitungen für die Tunnelsprengung begann, reagierten Bammatter und der Nachrichtendienst sofort und erkundeten die Lage. Da sich die deutschen Soldaten abends samt Ausrüstung nach Varzo zurückzogen, konnten sich die Schweizer während der Nacht ein genaues Bild machen. Besonders dank Paul Bardet, einem SBB-Ingenieur und Hauptmann der Armee aus Sitten, kannte man die Situation sehr genau. Bardet wagte sich von Brig aus mehrmals in den Tunnel und erstellte nach diesen Erkundungstouren jeweils sehr detaillierte Berichte.

Die Lage war ernst, aber nicht aussichtslos. Insgesamt waren rund 400 Tonnen veraltete Marinegeschosse, die immer noch Sprengstoff enthielten, nach Varzo und zum Tunnel transportiert worden. Da den Wehrmachtssoldaten aber das nötige Werkzeug und Wissen fehlte, um gezielte Bohrungen vorzunehmen, schätzte der Schweizer Nachrichtendienst das Risiko einer völligen Zerstörung als eher klein ein. Trotzdem sollte die Detonation verhindert werden. Im März nahm Peter Bammatter deshalb Kontakt zu den italienischen Widerstandskämpfern auf.

Marinegeschosse beim Bahnhof von Varzo. Einige waren bis zu 150 Kilogramm schwer.
https://insubricahistorica.ch/

Marinegeschosse beim Bahnhof von Varzo. Einige waren bis zu 150 Kilogramm schwer. Bild: insubricahistorica.ch

Karte des Partisanenangriffs vom 22. April 1945 in Varzo.
https://insubricahistorica.ch/

Karte des Partisanenangriffs vom 22. April 1945 in Varzo. Karte: insubricahistorica.ch

Infos für die Partisanen, Wein für die Deutschen

Während die Partisanen mit Informationen über die deutschen Zerstörungspläne versorgt wurden, bearbeitete Bammatter auch die Soldaten der Wehrmacht. Der Krieg war verloren und viele waren demoralisiert. Das ermöglichte inoffizielle Gespräche mit einem Teil dieser Männer. Der Schweizer Geheimdienstler hatte ausserdem interessante «Argumente» im Gepäck, welche die Überzeugungsarbeit erleichterten. Der Nachrichtendienst kaufte auf dem Schwarzmarkt in Domodossola Zigaretten, Wein und Lebensmittel. Diese Geschenke wurden den Deutschen zugespielt. Gleichzeitig versuchte Peter Bammatter die Soldaten von der Sinnlosigkeit der Tunnelsprengung zu überzeugen.

In den frühen Morgenstunden des 22. Aprils 1945 griffen die Partisanen schliesslich an. Ihr Ziel war es, den gesamten Sprengstoff zu vernichten. Weil ein Teil der Widerstandskämpfer den Weg zur Wehrmachts- und SS-Polizistengarnison in Varzo blockiert und der Schweizer Geheimdienst die Wachsoldaten zum Überlaufen überredet hatte, endete die Aktion ohne Verletzte und Tote. Um 4.30 Uhr steckten die Partisanen den Sprengstoff, der bei Varzo noch im Freien verteilt war, in Brand. Das Feuer war riesig und weitherum sichtbar.

Damit war die Gefahr einer Sprengung des Simplontunnels endgültig gebannt. Die Aktion hatte jedoch Schäden an der Bahninfrastruktur angerichtet. Repariert wurden diese von einem deutschen Eisenbahn-Pionier-Bau-Bataillon. Danach flohen die Soldaten in die Schweiz und liessen sich internieren.

SBB-Mitarbeiter Mario Rodoni (links), enger Mitarbeiter von Peter Bammatter, mit einem deutschen Soldaten in Varzo.

SBB-Mitarbeiter Mario Rodoni (links), enger Mitarbeiter von Peter Bammatter, mit einem deutschen Soldaten in Varzo. Bild: Casa della Resistenza, Fondotoce / Verbania

Die Republik Ossola

Im Herbst 1944 befreiten italienische Widerstandskämpfer ein grosses Gebiet in der Region Ossola und gründeten eine Partisanenrepublik. Nach 44 Tagen war das demokratische Experiment zu Ende. Deutsche Kampfverbände eroberten das Terrain zurück. Wer konnte, flüchtete in die Schweiz. Wie der Süden der Schweiz den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, ist in mehreren Blogartikeln nachzulesen:
Die Republik Ossola
Das Tessin im Zweiten Weltkrieg
Schmuggel während den Kriegsjahren

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Showdown am Simplon» erschien am 22. April.
blog.nationalmuseum.ch/2020/04/wehrmacht-will-simplontunnel-sprengen

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Kein schöner Land in Photochrom: So sah die Schweiz vor hundert Jahren aus

Eine unterirdische Ruhestätte für 24'000 Gräber

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

19
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • crik 11.05.2020 18:04
    Highlight Highlight Spannend.

    Ich habe mich einmal im Onsernonetal mit einem alten Mann unterhalten, dessen Vater neben der Bestellung des kleinen Hofes für die damalige PTT gearbeitet hat. Er hat mir erzählt, wie er seinem Vater im 2. Weltkrieg im tiefen Winter geholfen hat, hinter Spruga Telefonleitungen nach Italien zu verlegen. Damit konnten die Partisanen mit ihren Kollegen, die sich in die Schweiz zurückgezogen hatten, kommunizieren.
    • El Vals del Obrero 11.05.2020 19:30
      Highlight Highlight Interessante Information. Von meinem Grossvater (arbeitete immer bei den PTT) hörte ich auch schon solche Dinge. Jetzt kann ich ihn leider nicht mehr fragen.

      An der Grenze zu Italien hatte man wohl den Vorteil, dass informelle Verbindungen und Infrastrukturen dank dem dort damals schon zuvor "traditionellem" Schmuggel bestanden.

      @Watson: Ein Artikel über weiteren allgemeinen "kleinen Widerstand der kleinen Leute" in den Grenzgebieten wäre noch spannend.
  • El Vals del Obrero 10.05.2020 18:15
    Highlight Highlight Da war es wohl Glück, dass sie SBB (auch heute noch) bis Domodossola zuständig sind, so hatte man einen Fuss in der Region.

    Um die Partisanen zu würdigen:
    Play Icon
  • P. Meier 10.05.2020 16:34
    Highlight Highlight Sehr interessanter Artikel und wieder eine der Geschichten die zeigen, wie sich die Schweiz erfolgreich durch den 2. Weltkrieg "mauschelte". Es gab wohl immer ein offizielles und ein inoffizielles Wissen.
  • lichtraumprofil 10.05.2020 16:07
    Highlight Highlight Bin fast neben dem Simplontunnel aufgewachsen und habe bisher nie davon gehört. Danke dem Nationalmuseum und Watson für den spannenden Bericht!
  • Triple 10.05.2020 15:43
    Highlight Highlight Interessanter Bericht über eine spannende Episode zum Krieg. Vielen Dank dafür.
  • LarsBoom 10.05.2020 14:41
    Highlight Highlight Und der Sprengstoff der die Schweiz angebracht hat für eine allfällige Sprengung, wurde erst vor knapp 20 Jahren entfernt.
    • 7immi 10.05.2020 16:36
      Highlight Highlight @lars
      das war aber für eine gezielte Sprengung zu Gunsten der Schweiz bei einem allfälligen Angriff. Nicht ganz vergleichbar. Auch der Gotthard und diverse wichtige Brücken und Tunnels im Inland und an den Grenzen waren entsprechend vorbereitet...
    • LarsBoom 10.05.2020 17:43
      Highlight Highlight Ja das ist mir schon klar. Ich dachte nur, dass dies auch noch interessant ist.
    • Bits_and_More 11.05.2020 14:39
      Highlight Highlight @7immi
      Der Zweck einer gezielten Sprengung besteht sicher in der Verlangsamung der feindlichen Truppen, dient aber auch als Abschreckung.
      Warum die neutrale Schweiz angreifen, welche als Nord / Süd Passage dient und diesen Vorteil nach der Sprengung zu verlieren?
      Quasi eine Drohung mit verbrannter Erde.
  • Murky 10.05.2020 14:00
    Highlight Highlight Spannender Beitrag! Das wäre durchaus Stoff für einen Film!
  • Granini 10.05.2020 12:34
    Highlight Highlight Filmreif
  • Snowy 10.05.2020 12:10
    Highlight Highlight Danke!
    Hatte bis jetzt noch nie davon gehört.
    Ein tolles Bsp, dass zeigt, dass Diplomatie in den allermeisten Fällen der Gewalt vorzuziehen ist.
    • Mimo Staza 11.05.2020 11:06
      Highlight Highlight Bin nicht sicher ob das nun als Diplomatie bezeichnet wird oder eher als Intrige, Manipulation, Sabotage und gegklückter "Schachmatt"-Angriff ohne Verletzte.
      Es war ja auch nicht so, dass die Partisanen und die Schweizer völlig überlegen waren und gross andere Möglichkeiten hatten.
      Aber es zeigt tatsächlich, dass es andere Formen des Kampfes gibt wie offene Konfrontation.
      Auf jeden Fall Hut ab für die Aktion!
  • Andi Weibel 10.05.2020 12:08
    Highlight Highlight Wie üblich sehr spannend!

    Interessant fände ich, noch mehr über die Sabotage-Akte der SBB-Mitarbeiter zu erfahren. Mein Grossonkel hat mir berichtet, dass sie jeweils auch Sand in die Radlager der Wagen der Reichsbahn mischten, wenn sie sie in Basel abfertigten.

    Der antifaschistische Widerstand der kleinen Leute in der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg ist ohnehin ein Kapitel der Geschichte, das man mal genauer aufarbeiten (und würdigen) müsste.
  • Martin Blank 10.05.2020 12:03
    Highlight Highlight Immer wieder sehr interessant. Eine der besten Serien hier auf Watson
  • homo sapiens melior 10.05.2020 11:43
    Highlight Highlight Spannend. Danke.
  • Butzdi 10.05.2020 11:26
    Highlight Highlight Super Beitrag. Wieder was gelernt. Mehr bitte!
  • David Tschan 10.05.2020 11:23
    Highlight Highlight Ein wiederum aufschlussreicher, interessanter und lesenwerter Artikel zum Thema Schweiz im zweiten Weltkrieg...danke 👍🏻

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Jakob Fischbacher*. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus Syrien …

Artikel lesen
Link zum Artikel