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Mit seinem Werk gegen die Onanie gab der Schweizer Arzt Samuel Auguste Tissot der bürgerlichen Sexualmoral ein wissenschaftliches Kleid.
Illustration: Marco Heer

Mit seinem Werk gegen die Onanie gab der Schweizer Arzt Samuel Auguste Tissot der bürgerlichen Sexualmoral ein wissenschaftliches Kleid. Illustration: Marco Heer

Der Fluch der Körpersäfte – was ein Lausanner Arzt von Onanie hielt

Selbstbefriedigung macht unfruchtbar und krank. Diese These eines Lausanner Arztes verbreitet sich im 18. Jahrhundert rasend schnell und hielt sich bis weit ins 20. Jahrhundert.

Andrej Abplanalp / Schweizerisches Nationalmuseum



Samuel Auguste Tissot gehörte im 18. Jahrhundert zu den bekanntesten Ärzten auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Seine Prominenz verdankte der Lausanner Mediziner in erster Linie einer Schrift gegen die männliche Masturbation. Tissot war der Ansicht, dass Selbstbefriedigung den Mann erschöpfe und letztlich zu Sterilität führe. Auch andere Krankheiten brachte er mit der Selbstbefriedigung in Verbindung.

Sein Werk «Von der Onanie» erschien 1758 in lateinischer Sprache und zwei Jahre später auch auf Französisch. Die Arbeit des Arztes verbreitete sich rasch in ganz Europa und wurde bereits zu Lebzeiten des Autors rund 60 Mal überarbeitet und in verschiedene Sprachen übersetzt. Das Thema interessierte nicht nur medizinische Fachkreise.

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Argumente aus der Antike

Tissots Ansichten waren allerdings abenteuerlich und stützten sich hauptsächlich auf die medizinische Theorie der Körpersäfte. Diese stammt aus der Antike und besagt, dass die menschlichen Säfte in einem Gleichgewicht stehen müssen. Wer zu viel Saft abgibt, schwächt seinen Körper und wird letztlich krank. Männliche Selbstbefriedigung war für den Arzt aus Lausanne eine Verschwendung von Körpersaft.

Samuel Auguste Tissot untermauerte seine Theorie mit der alten anatomischen Auffassung, dass die Samenflüssigkeit ursprünglich aus dem Gehirn stamme und durch die Wirbelsäule in den Penis gelange. Wer also masturbiert, so der Arzt, «opfere» einen Teil seiner Hirnflüssigkeit. Die Folgen: unzählige Gebrechen und Krankheiten, eine Schädigung des Nervensystems sowie die Beeinträchtigung des Gedächtnisses und des Denkvermögens.

Porträt von Samuel Auguste Tissot, kurz nachdem er ehrenhalber zum Professor der Medizin an der Akademie Lausanne ernannt worden war.

Porträt von Samuel Auguste Tissot, kurz nachdem er ehrenhalber zum Professor der Medizin an der Akademie Lausanne ernannt worden war. Bild: Université de Lausanne/Claude Bornand

Die Publikation von Samuel Auguste Tissot war der Start einer weltweiten Anti-Masturbations-Bewegung, welche die Gesellschaft bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste. Der Mediziner aus der Romandie hatte den moralischen Vorstellungen zahlreicher Zeitgenossen einen wissenschaftlichen Anstrich verpasst und stützte damit die vorherrschende bürgerliche Sexualmoral. Diese war zwar nicht gegen Sex per se, stellte jedoch die Vernunft an oberste Stelle. Triebbefriedigung und Lustempfinden hatten in dieser Vorstellung keinen Platz.

Szene aus Albert Molls Handbuch der Sexualwissenschaften, 1921.

Szene aus Albert Molls Handbuch der Sexualwissenschaften, 1921. Bild: Wikimedia

Erst in den 1960er-Jahren, als sich die Jugend gegen die vorherrschenden bürgerlichen Werte aufzulehnen begann, wurde Selbstbefriedigung endgültig gesellschaftlich akzeptiert. Ironischerweise gehen Mediziner heute davon aus, dass regelmässiges Masturbieren bei Männern das Risiko herabsetze, an Prostatakrebs zu erkranken.

1830 erschien das «Livre sans titre». Es illustriert drastisch die tödlichen Gefahren des Masturbierens:

Liebe und Sexualität im 18. Jahrhundert

Château de Prangins
bis 11. Oktober 2020

Die Ausstellung ist in sieben Themengebiete unterteilt und mutet zu keinem Zeitpunkt voyeuristisch an. Es gibt eine breite Palette an Alltagsobjekten zu bestaunen: von einem Bett mit erotischen Motiven über eine Backform mit frechen Szenen bis hin zu Hochzeitskleidern und -schmuck, Liebeserklärungen, Geschenken und bekannten Lebensweisheiten sowie gerichtlichen Aufzeichnungen.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen aus dem Blog des Nationalmuseums. Der Beitrag «Selbst sollte der Mann nicht sein» erschien am 10. Juni.
blog.nationalmuseum.ch/2020/06/doktor-anti-onanie

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22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ataraksia Eudaimonia 22.06.2020 23:07
    Highlight Highlight Und die Methoden wie man Kinder/Jugendliche davon abhält...sind scheußlich pervers, unmenschlich, oft sadistisch. Jahrhunderte lang so was abartiges pflegen...Pfui!
  • nafets 22.06.2020 15:20
    Highlight Highlight bei manchen Menschen ist die Versuchung sehr verlockend-gross, aufgrund des vorhandenen IQ und Denkvermögen, Rückschlüsse zur vermehrten Selbstbefriedigung zu schliessen...
    und was heisst Selbstbefriedigung auf Deutsch? Liebe an und für Sich...
  • Name_nicht_relevant 22.06.2020 15:20
    Highlight Highlight Wer hat auch gleich weiter gescrollt zu den Kommentaren? ;-)

    Erinnert mich an die Behauptung; dass außer in der Missionarsstellung Behinderte Kinder enstehen können, wenn man andere Stellungen macht. bla bla blaaa...
  • roger_dodger 22.06.2020 13:29
    Highlight Highlight Was, nach 10'000 Schuss doch nicht endgültig Schluss? Und blind werde ich davon auch nicht? Auf nichts ist mehr Verlass...
    • Swen Goldpreis 23.06.2020 01:36
      Highlight Highlight 10.000 Schuss sind schon ne ziemliche Menge. Bei einer täglichen Dosis sind das 27 Jahre. Ich weiss jetzt nicht, was so der Durchschnitt ist, aber wenn der etwa bei drei bis vier Schüssen liegt, dann kommt die Altersimpotenz vielleicht schon etwa um die 10.000....
  • Raudrhar 22.06.2020 07:59
    Highlight Highlight Erinnert mich an den Erfinder der Corn Flakes...
    • Dani B. 22.06.2020 16:53
      Highlight Highlight ...oder Dr. Bircher.
  • Kong 22.06.2020 07:41
    Highlight Highlight Aber es macht nicht blind! Glück gehabt, wo ich doch Netflix so liebe...
  • Glenn Quagmire 22.06.2020 06:34
    Highlight Highlight nicht blind und dumm?
  • Michele80 21.06.2020 23:19
    Highlight Highlight Ich finds immer spanne d zu sehen, wie stark solche historisch begründeten Weltanschauungen auch Spuren hinterliessen, die auch heute noch sichtbar sind.
    Onanie(verbot) war auch für die Volksschule ein riesen Thema. Die Schulbänke und der Sportunterricht zeugen noch heute davon.
  • maricana 21.06.2020 20:01
    Highlight Highlight "Tissot war der Ansicht, dass Selbstbefriedigung den Mann erschöpfe und letztlich zu Sterilität führe".
    Fazit: Onanie als Verhütungsmittel, da war jemand der Zeit offensichtlich sehr weit voraus.
  • Garp 21.06.2020 19:57
    Highlight Highlight Die 60iger sie leben hoch, auch wenn sie vielen heut wieder ein Dorn im Auge sind. ✌️
  • Hummingbird 21.06.2020 19:39
    Highlight Highlight Anstatt nur Masturbieren als gesundheitsförderlich zu propagieren, sollten sexuelle Aktivitäten, die zu einem Orgasmus führen, sowohl für Männer wie auch für Frauen als gesund gefördert werden, was somit zu einer weiteren Enttabuisierung von Sex sowohl beim Männern wie auch Frauen führen würde.
    Unglaublich, wie moralische Werte der Gesellschaft der letzten Jahrhunderte sowohl durch Kirche wie auch Mediziner/Wissenschaftler die menschliche Sexualität tabuisierte. Bis heute sind deren Auswirkungen zu spüren. Frauen werden schnell als Schlampe heruntergemacht, Männer als Wiederlinge.
    • Swen Goldpreis 23.06.2020 01:38
      Highlight Highlight Genau. Und die Krankenkasse sollte für Singles einmal pro Monat den Gang ins Bordell übernehmen. Vorsorge eben... :)
    • Hummingbird 23.06.2020 08:58
      Highlight Highlight Swen: Einverstanden, wenn es auch Bordells mit männlichen Prostituierten gäbe. Wobei in diesem Fall wohl Bordelle überflüssig würden, was wiederum die Krankenkassenbelastung senken würde. Sexuelle Aktivitäten sollten einfach v.a. für Frauen enttabuisiert werden. Dann kämen alle auf ihre Kosten, ohne abgesehen von Verhütung viel auszugeben. Aber nein, leider müssen Frauen rein sein wie die Mutter Jesu. Sie dürfen ihr Verlangen nicht frei ausleben. Folge: Depressionen etc.. Für Männer gibts wenigstens Bordelle, auch wenn die meisten Frauen dort unfreiwillig arbeiten.
  • nadasagenwirjetzteinfachmal 21.06.2020 19:35
    Highlight Highlight Okay ja also jetzt wollte ich doch
    Äh zu dem Bericht
    Also was steht jetzt da schon wieder
    Also ja denn
    En schöne Obig
  • bokl 21.06.2020 19:22
    Highlight Highlight Na dann melde ich mich mal kurz ab. Krebs-Prophylaxe 😇
    • Maya Eldorado 21.06.2020 19:57
      Highlight Highlight Hilft aber nur bei der Prostata
    • Locutus70 21.06.2020 20:16
      Highlight Highlight Soweit ich weiß wird das Risiko nur bei Männern bis 30 gesenkt ^^
    • Roland Bach 21.06.2020 21:26
      Highlight Highlight Hey, Prostata CA ist ne ernste Sache. Alles was hilft ist willkommen.
  • Vosi 21.06.2020 18:41
    Highlight Highlight :-)
    Benutzer Bild
  • Reto Schnurrenberger-Stämpfler 21.06.2020 18:32
    Highlight Highlight Vermutlich hat er selber zu oft Hand angelegt?

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